Advertisement

Die Außenpolitik als machtpolitischer Staatenverkehr

  • Eugen Fischer-Baling
Chapter
  • 10 Downloads
Part of the Die Wissenschaft von der Politik book series (WIPO, volume 6)

Zusammenfassung

Außenpolitik, auch in der primitivsten Form, ist nur möglich zwischen wenn auch noch so locker und unbestimmt organisierten Gruppen: Sippen, Stämmen, Horden, Zusammengehörigkeiten irgendwelcher Art. Die wissenschaftlichen Vermutungen über deren Bildung brauchen hier nicht wiedergegeben zu werden. Wesentlich unter dem Gesichtspunkt der Außenpolitik ist nur die Feststellung, daß zu jeder Organisation begriffsnotwendig Führung oder Herrschaft gehört. Die naturgegebene Aufgabe der Gruppe ist Sicherung der Existenz in der Benutzung von oder im Kampf gegen Naturgewalten, Tiere, Menschen. Darüber, wie in der ältesten Zeit eine Gruppe zu einer anderen in Beziehung trat, kann es nur Hypothesen geben. Es fehlt bisher an einer systematischen Auswertung sämtlicher Ansatzpunkte der Prähistorie, die auf das Miteinander oder Gegeneinander der durch Verwandtschaft oder andere Bindungen entstandenen politischen Gruppen hinweisen. Während die antike Vorstellung vom goldenen Zeitalter offenbar Frieden und Zusammenwirken als Norm ursprünglichen Verhaltens der Menschen untereinander ansieht, weiß der moderne Gedanke vom Naturzustand als dem Kampf aller gegen alle nur von ursprünglicher Feindseligkeit. Weder der eine noch der andere dieser beiden hypothetischen Zustände kann als geschichtliche Wirklichkeit gedacht werden. Vom goldenen Zeitalter hat das wohl niemand je angenommen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Auch Schwarzenberger betont diesen Punkt. Er geht davon aus, daß die internationale Moral christlichen Ursprungs sei, konfrontiert sie mit der Machtpolitik und findet, daß die Moral in der internationalen Politik wesentlich dazu diene, die Machtpolitik zu bemänteln. Er bezeichnet die Moral als „in erster Linie an die öffentliche Meinung zu Hause und im Ausland gerichtet” (Schwarz. D. A. S. 143 f. E. A. S. 225 f.). Man ringt, meint er, um ethische Werte, „bis das Stadium der Friedensverhandlungen beginnt” — wo dann die Machtpolitik das Wort führt und die Moral verleugnet. Ich bin mit Schwarzenberger der Meinung, daß das Christentum der Politik eine brauchbare Moral nicht hat liefern können, daß aber Ansätze zu einer aus der Politik selbst geborenen Moral bereits anzutreffen sind und daß deren Weiterbildung die gemeinsame Aufgabe der Politik aller Völker ist. Siehe darüber unten S. 38 ff. und S. 51 ff. Wenn die christliche Moral des sich selbst verleugnenden Jenseitspilgers zum Inbegriff der Moral überhaupt erklärt wird, dann muß alle Politik, die innere ebenso wie die äußere, aber auch alle diesseitige Selbstbehauptung im Privatleben, woraus dieses unvermeidlich hauptsächlich besteht, als Heuchelei und Unmoral verdammt werden. Hat man aber den Mut, im Privatleben aus der Liebe zum Irdischen eine als „weltlich” oder wie immer zu beichnende Moral aufzubauen, so verliert auch die Politik das Stigma des Unmoralischen. Der Gegensatz einer christlichen Moral im Privatleben und einer unchristlichen Gruppenmoral sollte endlich aufgegeben werden. Man kann auch als Privatmann mit Selbstverleugnung keine Geschäftsgewinne machen, und die Bereitschaft zu Stiftungen und Schenkungen nach gemachtem Geschäft ändert nichts an den „unmoralischen” Erfordernissen des Geschäftes, bis es gemacht ist.Google Scholar
  2. 2.
    Ich vermeide den Begriff „Machtpolitik”, der durch die Formel von den Interessen der souveränen Staaten und ihrer Geltendmachung für umschrieben gelten kann. Das in dieser Arbeit entwickelte System der Interessen ist demnach eine Analyse des Machtbegriffes, der dabei in seiner konkreten Fülle erscheinen wird, statt daß man ihn wie eine bekannte Größe verwendet, die in der Zusammensetzung Machtpolitik den Beiklang des Unmoralischen und Sündhaften, das man eigentlich vermeiden sollte, immer mitenthält. Mit dem Grundbegriff des Interesses unterscheidet sich die politologische von einer soziologischen Betrachtung, wie sie etwa von Blühdorn vertreten wird. Er will dem Menschen und damit auch den Staaten zwei polar entgegengesetzte Kräfte zubilligen: Instinkt und Geist, die er noch aufschlüsselt in reine Instinkte, aus Instinkt gebildete Gewohnheiten, und Erwägungen verstandesmäßiger Natur, deren Wirksamwerden von Gemütsbewegungen und Stimmungen abhängt (vgl. Blühd. S. 7). Die dieser Einteilung zugrunde liegende Polarität ist fiktiv, auch wenn eine so hohe Autorität wie C. G. Jung für sie in Anspruch genommen wird. Es gibt keine menschliche Instinkthandlung, bei der der Verstand nicht mitarbeiten würde, und zwar um so schärfer, je gefühlsbeladener sie ist - was alle Dichter der Welt bis zu den Exhibitionisten der Gegenwart beweise -, wie, von der anderen Seite gesehen, kein Verstand je tätig wurde, es sei denn aus erregtem Lebenstrieb. Die Mangelhaftigkeit der Beobachtung, die das Einheitliche trennen und in zwei gegensätzliche Akte zerlegt wissen will, wie die Selbstverständlichkeit, mit der diese verfehlte Grundansicht über den Menschen nachgesprochen wird, erklärt sich aus der seit Platon eingewurzelten Vorstellung, daß Geist und Sinne verschiedenen Wesens seien. In dem Begriff des Interesses ist die Einheit hergestellt, denn jedes Interesse ist bewußter Gefühlswert, ist also ebensosehr triebbestimmt wie verstandgewollt, und es bedarf nicht einerseits der Erfindung von Trieben (Kampftrieb, Aggressionstrieb, Gehorsamstrieb, Gemeinschaftstrieb, Besitztrieb und dgl.), die nichts sind als hypostasierte, sich widersprechende, Beobachtungsbündel ohne innere Einheit, und andererseits des ethisch disziplinierten, wenn auch ziemlich machtlosen Geistes oder auch des Wunderwesens „Natur”, die z. B. „das Entstehen von Verhaltensregeln begünstigt, die die sinnlose Vernichtung von Artgleichen hintanhält” (Blühd. S. 20). Das alles sind Aussagen, die der Erfahrung nachzukommen suchen, aber nie den lebendigen Menschen im Willenszentrum ergreifen und als Ganzes anschaulich machen. Ihr Mangel ist, daß sie um das Wesentliche im Menschen, den Denkakt, herumgehen, in welchem die Macht der Triebe wie die Macht des Geistes erst wirklich werden, der aber durch Hegel aus dem Blickfeld gerückt und später durch Marx wie durch Freud gleich sehr suspekt geworden ist. Es ist das Charakteristikum der Politologie, den Denkakt in die dominierende Stellung, die ihm gebührt, einzusetzen, und das geschieht grundlegend durch die Analyse des Willensaktes, bei der der Begriff des Interesses im Mittelpunkt steht.Google Scholar
  3. 3.
    So auch Thompson: Die Völker erbauen sich ihre eigene Moral und sind geneigt, das eigene Tun für gut, das des Gegners für schlecht zu erklären.Google Scholar
  4. 4.
    Vergleiche dazu bei Schwarzenberger die Methode des „Empirical Ap-proach to International Affairs” (Schwarz. E. A. S. 5). Er setzt diese seine Methode den deduktiven Methoden entgegen. Deren Vertreter bringen an die Wirklichkeit bestimmte Vorstellungen von dem, was die internationale Gesellschaft ist oder sein sollte, heran und setzen die Wirklichkeit zu ihren Vorstellungen ins Verhältnis. Zu dieser Denkweise, mit der Unterscheidung von Idealismus und Realismus bekennen sich zahlreiche Amerikaner, zuletzt John H. Herz. Die einen fordern aus religiösen oder ethischen Überzeugungen ein Idealbild der internationalen Gesellschaft, an dem sie die Wirklichkeit kritisierend und wegweisend messen. Die andere Richtung meint, als einzige Realität im internationalen Verhältnis das Machtstreben erkannt zu haben. „Die Politik der Staaten und sicherlich diejenige der Großmächte ist. . . nicht auf Gerechtigkeit, sondern auf Macht gerichtet. Dem Staat liegt ebensowenig an der Gerechtigkeit wie an der Wahrheit, wenn sie ihm nicht nützlich ist” (Ba-randon, S. 3). Schwarzenberger glaubt, mit seiner empirischen Annäherung diesen Gegensatz „in eine neue Synthese aufzulösen” (Schwarz, D. A. S. 3, E. A. S. 5). Es wäre die Synthese zwischen dem Glauben an die Möglichkeit religiöser und ethischer Politik und einem vermeintlichen Wissen um deren Begriffswidrigkeit aus dem Wesen der nationalstaatlichen Machtpolitik. Doch hat seine Methode in die Empirie der Politik selbst nicht weit hineingeführt.Google Scholar
  5. 5.
    S. u. S. 38.Google Scholar
  6. 6.
    Über den Status-quo-Grundsatz der UN und das Gesetz des historischen Werdens und Vergehens s. u. S. 142 ff.Google Scholar
  7. 7.
    So etwa Hans Freyer, Der Staat, S. 145: „Von außen gesehen ... ist der Staat nichts als eine geschlossene Kette von gesicherten oder verteidigungsfähigen Grenzen, von günstigen Glacis, von Marschstraßen und Flottenstützpunkten, von festen Plätzen und strategischen Bahnen, von Rohstoffquellen, Häfen, Märkten und Industrieplätzen, von Bevölkerungsausgleichen und arbeitsteilig zusammenwirkenden Provinzen”. So richtig diese Beschreibung ist, so fehlt ihr der Nerv, die Tatsache der Führung, wodurch der Staat auch „von außen gesehen”, zu einem lebendigen Wesen wird, das sich regt und bewegt, und zu dessen Beschreibung dieses Regen und Bewegen das Wichtigste wäre. Auf den Tafeln der Konversationslexika mit der Überschrift „Der Mensch” sieht man zwar mit Interesse, was alles am Menschen dran und im Menschen drin ist, aber die Hauptsache, das Leben, muß man sich hinzudenken. Das tut man bei den anatomischen Tafeln ohne weiteres, dagegen gar nicht ohne weiteres und mit Selbstverständlichkeit beim Staat.Google Scholar
  8. 8.
    In Übereinstimmung mit E. Renan (Qu’est-ce qu’une Nation? 1882): „Eine Nation ist eine tägliche Volksabstimmung”.Google Scholar
  9. 9.
    Wie der Zusammenhang ergibt, gebrauche ich das Wort in einem allgemeinen Sinn, nicht in der Begrenzung, in der es bei der Darstellung des mittelalterlichen Feudalsystems gegenüber dem Begriff der Gutsherrschaft verwendet wird. Jeder Staat ist seinem Wesen nach Grundherrschaft, welcher Begriff meiner Meinung nach gegenüber dem der Gebietshoheit den Vorzug verdient. In „Gebietshoheit” fehlt der Nerv des Herrseinwollens. Hoheit ist etwas Zugewiesenes, Herrschaft ist etwas Autonomes, Gewolltes, Ursprüngliches, d. h. eben das, worin der Staat in jedem Moment wirklich wird. In der Definition des Staates durch den Begriff „Herrschaftsverband” fehlt das unentbehrliche Moment des bewohnten Gebietes.Google Scholar
  10. 10.
    Das ist die einfachste Definition von Souveränität. „Unabhängig” wird dabei in dem Sinn verstanden, daß ein Staat von einem anderen keine Befehle entgegennimmt, was er in der Regel dadurch kundtut, daß er gegen das Eindringen fremder Gewalthaber eine Armee hält. Etwas komplizierter definiert Herbert Kraus: „Ein Staat ist so lange souverän, als er in dem Sinne Herr im eigenen Hause und über seine Entschließungen bleibt, daß in seinem inneren wie auswärtigen Bereich keine ausheimische subjektive Rechtsmacht, also in erster Linie kein fremder Staat, an seiner Stelle Staatswillen entfaltet” (Kraus S. 17). Vollkommen souverän wäre ein Staat, der in nichts auf den helfenden guten Willen anderer Staaten angewiesen wäre. Ein solcher Staat existiert heute nicht. Alle sind in ihrer tatsächlichen Unabhängigkeit dadurch beschränkt, daß sie zur Verteidigung gegen fremde Gewalt, zum Gedeihen ihrer Wirtschaft, zur Geltung als Kulturmächte auf das Zusammengehen mit anderen angewiesen sind. Aber sie bleiben so lange souverän, als sie die Freiheit haben, in selbstgewählte Abhängigkeiten einzutreten und die eingegangenen wieder aufzulösen. Beim Eintritt in die übernationalen Organisationen, die sich nach 1918 und zahlreicher nach 1945 gebildet haben, steigt die freigewählte Abhängigkeit auf einen besonders hohen Grad. Darüber unten S. 155 ff. und bei den einzelnen Organisationen.Google Scholar
  11. 11.
    So auch Blühdorn: „Was immer der Staat unternimmt, um sein Dasein zu erhalten, muß, falls dieses Dasein durch Feinde gefährdet ist, als Recht empfunden werden” (Blühd. S. 136).Google Scholar
  12. 12.
    In etwas anderer Fassung bei Blühdorn: „Jeder Staat geht von der Auffassung aus, daß sein Dasein einen absoluten und nicht nur einen relativen Wert darstellt” (Blühd. S. 288).Google Scholar
  13. 13.
    Ich gebrauche den Unterschied von primären und sekundären Interessen etwas abweichend von Herbert Kraus. Er nennt die auf die Existenz des Staates gerichteten Interessen, wie ich, primäre, sekundäre aber die auf die Wohlfahrt der Staatsbürger gerichteten (vgl. Kraus S. 20). Bei mir erscheinen die aus den von mir genannten internationalen Gemeinschaftsformen sich ergebenden Interessen als sekundäre. Siehe darüber unten S. 50. In der Sache ist der Unterschied gering.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. oben S. 12.Google Scholar
  15. 15.
    Das gilt natürlich in verschiedenem Grad je nach der inneren Festigkeit eines Staates. Man darf bei den alten Großreichen nicht annehmen, daß die Bedrohung einer Provinz oder eines vielleicht eben erst eroberten Landesteiles von allen anderen Landesteilen als Angriff und möglicher Verlustempfunden, ja auch nur bemerkt wurde, am wenigsten von denen, die die Herrschaft nur ungern ertrugen. Aber selbst in solchen Reichen wird jeder Verlust innerhalb der die Herrschaft konstituierenden Kreise, hauptsächlich also bei den Kriegern, als Verringerung der eigenen Macht empfunden worden sein und der Souverän sich von ihnen gedrängt gefühlt haben, seinen Herrschaftsbereich ungeschmälert zu behaupten. Für die Erregung der Völker im Sinne des Textes sind die modernen Nachrichtenmittel selbstverständliche Voraussetzung, während andererseits die modernen Waffen in den modernen Großreichen einen schärferen Zwang durch die Regierenden erlauben, als man es für die Großreiche der Vergangenheit annehmen kann. Bemerkenswert in unseren Tagen ist die einmütige Empörung des indischen Volkes über das Vorgehen Chinas an der indischen Grenze.Google Scholar
  16. 16.
    Einen Beweis dafür darf man in dem bewährten Rezept unsicherer Regierungen sehen, innere Spaltungen durch Aktionen nach außen zu überwinden. Diese werden inszeniert, indem den Völkern die Gefahr eines Angriffs auf ihre Grenzen, der zugleich ein Angriff auf ihre Ehre und ihre Geltung ist, glaubhaft gemacht wird. Das rafft sie zum gemeinsamen Kampf in wirklicher oder vermeintlicher Abwehr wie durch Zauber, den Zauber des Habens und Haltenwollens, zusammen.Google Scholar
  17. 17.
    Sachlich übereinstimmend Schwarzenberger: „Die entscheidenden Gestaltungskräfte in der internationalen Gesellschaft haben vorwiegend dynamischen Charakter... Staaten nehmen insoweit eine Sonderstellung ein, als sie für ihren Gebietsbereich das Monopol legitimer Gewalt besitzen. Sie können daher in ihren Beziehungen zueinander alle Machtmittel einsetzen” (Schwarz. D. A. S. 32 f., E. A. S. 50).Google Scholar
  18. 18.
    Carl Schmitt nennt die Landnahme einen rechtsbegründenden völkerrechtlichen Akt (vgl. Schmitt S. 48 f.).Google Scholar
  19. 19.
    Als Beispiel für die freiwillige Anerkennung des Widerstandes der Welt wäre auch die Theorie des sogenannten „europäischen Gleichgewichtes” anzuführen, mit der die Großmächte seit dem Utrechter Frieden sich in ihrem Machtbereich gegenseitig bestätigten. Die Theorie bedeutete praktisch nicht viel mehr, als daß bei Konflikten die Nichtbeteiligten unter Berufung auf das Gleichgewicht intervenieren oder ausschweifende Eroberungen des Siegers verhindern konnten. Die britische Politik verstand sich als Hüterin des Gleichgewichtes, wenn sie die Bildung einer Hegemonialmacht auf dem Kontinent verhinderte. Ein Beispiel dafür, daß sich eine Großmacht durch die Gleichgewichtslehre von der Geltendmachung eigener, auch expansiver, Interessen abhalten ließ, ist mir nicht bekannt.Google Scholar
  20. 20.
    Schwarzenberger setzt die Schaffung von Interessensphären mit Imperialismus gleich. „Für diese Politik der Herrschaft durch indirekte Mittel mag der Begriff des Imperialismus angezeigt sein” (Schwarz. D. A. S. 117, E. A., S. 185). Vgl. dazu oben S. 25 f.Google Scholar
  21. 21.
    Man darf vielleicht sagen, daß sich in den Demokratien das Machtbewußtsein und Herrentum in die Parteien verlagert, und zwar um so deutlicher, je geringer die Macht der Staatsoberhäupter ist.Google Scholar
  22. 22.
    Das regierende Volk muß die Interessen regierter Völker zu seinen eigenen machen. Echte Expansion ist Einbeziehung des Menschentums anderer in das eigene. Den seelischen Vorgang habe ich in „Besinnung auf uns Deutsche” S. 222 ff. näher beschrieben. Reinhold Niebuhr hält Menschengruppen für unfähig, die Interessen anderer zu den eigenen zu machen (Niebuhr, Introduction und sonst.). Er nimmt offenbar an, daß diese nur durch einen Akt der Selbstverleugnung möglich wäre, den man von der Politik nicht erwarten kann. Dabei läßt er außer Acht, daß ein Volk, indem es die Interessen anderer zu seinen eigenen macht, mindestens eine Erweiterung und Bereicherung der eigenen Persönlichkeit, den nie ausbleibenden Lohn der Selbstlosigkeit, erlebt, in der Regel aber auch Sympathien gewinnt, die eine Macht Vermehrung mit sich bringen. Anders die Auffassung vom biologischen Kampf der Staaten ums Überleben. So z. B. Blühdorn S. 8: „Die Staaten müssen daher als organismenähnliche massenbiopsychologische Erscheinungen betrachtet werden”. Der vielgebrauchte Vergleich ist irreführend. Er hebt die eine Seite des Verhältnisses der Staaten, den Kampf, als weit überwiegend hervor und läßt es so erscheinen, als ende der Kampf in der Regel mit Vernichtung. Vernichten der Organismen im Lebenskampf und „Vernichten” der Staaten im Kampf um die Macht ist aber nicht dasselbe. Staaten sind, trotz Menenius, sehr weit davon entfernt, Organismen zu sein. Sie können vergrößert oder verkleinert werden, ohne im allgemeinen daran zugrunde zu gehen. Schlesien konnte von Österreich abgetrennt werden, ohne daß dieses sich verblutete; Preußen konnte um Schlesien vergrößert werden, ohne durch die Operation Schaden zu nehmen. Der neue Körperteil wuchs einfach an. Für beides wird man bei höheren Organismen, von ärztlichen Eingriffen an Menschen abgesehen, keinen Vergleich finden. Gewiß ist der Prozeß, daß eindringende Eroberer nicht nur die politische Form zerschlagen, sondern auch die ethnische Eigenheit und selbst den Namen von Völkern fortgenommen haben, wobei wir an die Etrusker oder Kelten denken mögen, durch die Jahrtausende gegangen. Aber die Menschen der untergehenden Völker wurden selten unmittelbar oder durch dauernde Unterdrückung ganz aufgerieben, sondern in der Regel durch Vermischung aufgesogen, wobei sie in der Rasse der Eroberer weiterwirkten. Der biologische Vergleich wurde häufig zu der These verwendet, daß Feindschaft und Krieg als Kampf ums Dasein unabänderliche Naturnotwendigkeiten seien. Aber Tiere essen einander auf, Staatsleiter setzen Truppen ein zum Kampf um Eigentum und Rechte, wobei selbst von den Truppen die größere Zahl übrig bleibt, der weitaus größere Teil der Staatsvölker jedenfalls weiterlebt und nach der Schlachtentscheidung zusammen mit den zurückkehrenden Truppen ihr Leben fortsetzt. Nicht einmal die radikale Niederlage der deutschen Soldaten im zweiten Weltkrieg und die Verluste, die die Zivilbevölkerung durch die Bomben erlitt, haben das deutsche Volk als solches am Leben treffen können. So abwegig ist der biologische Vergleich. Blüh dorn selbst stellt nachher fest, daß „die Natur das Entstehen von Verhaltensregeln begünstigt, die die sinnlose Vernichtung von Artgleichen hintanhält” (Blühd. S. 20). Nun handelt es sich aber beim biologischen Überlebenwollen der Staatsorganismen doch immer um Artgleiche. Und wenn zum Entstehen von Staatsorganismen in sich ein „Gemeinschaftstrieb” erforderlich ist, so bleibt unklar, warum dieser Gemeinschaftstrieb nicht auch von Staatsorganismus zu Staatsorganismus wirksam werden sollte. Nimmt man das aber an, so verliert der Vergleich des Verhältnisses der Staaten zueinander mit dem Überlebenwollen der Organismen vollends jeden durchgreifenden Sinn.Google Scholar
  23. 23.
    Hier wird ein Begriff der politischen Moral aufgestellt, der mit dem gemeinhin verwendeten und auch in der politischen Literatur, hauptsächlich der Amerikaner, als selbstverständlich vorausgesetzt wird, nichts zu tun hat. Der Gegensatz von Machtpolitik und Moralpolitik, der das politische Denken von heute wie ein Axiom durchzieht, und dessen Leerheit und Unauf-richtigkeit oben S. 28 und öfter nachgewiesen ist, verschwindet in den Begriffen von Moral und Humanität, wie ich sie hier und in dem Kapitel über Humanität formuliere. Hier erscheinen Moral und Humanität im Machtstreben nicht verleugnet, sondern mit der Aufrichtigkeit des wirklichen politischen wie privaten Lebens in Einklang gebracht und für die Praxis erobert, statt daß sich Praxis und Predigt unvereinbar gegenüberstehen.Google Scholar
  24. 24.
    Einen Ansatz zu einer Theorie der Aggression bietet Kant in der Schrift: „Zum ewigen Frieden” mit der Erklärung, daß die potentia tre-menda zu Gegenwirkungen das Recht gebe (Reclamausgabe S. 53).Google Scholar
  25. 25.
    Humanität ist hier weder als sittliches Gebot verstanden, das ohne Rücksicht auf seine Erfüllung Gültigkeit hätte, noch als menschlicher Zustand höherer Art, in dem die gemeine Natur veredelt erscheint, noch gar als „notwendiges Beiwerk” (Michels S. 17, bei Blühd. S. 285), sondern als die elementare Tatsache des Bezogenseins von Menschen auf Menschen überhaupt. Sie meint das Ansprechen des Menschen auf Menschen in allen Formen. Aus der Tatsache aber, daß der Mensch naturhaft auf den Menschen anspricht, ergibt sich die Forderung, daß ihm dieser Genuß gewährt werde, und der nie endende Kampf gegen Störungen.Google Scholar
  26. 26.
    Die Soziologen formulieren denselben Vorgang als „Gesellungstrieb” (so Willy Hellpach) oder ähnlich. Gemeint ist sowohl „Gesellschaft” wie „Gemeinschaft”. Mit dem Wort Gesellschaft beweist die Sprache, daß auch das nicht mehr als persönlich empfundene Zusammenleben von Menschen sie immer noch zu einem beziehungsreichen Ganzen macht.Google Scholar
  27. 27.
    Willy Hellpach spricht von einem „geistbeherrschten Gesellungstrieb des Menschenwesens” und erklärt: „Die großen geschichtlichen Schicksale sind dadurch geschaffen worden, daß Unverwandte sich zusammentaten, eine jGemeinde’ bildeten und sozialorganisatorisch aus ihr einen immer größeren Machtapparat ausformten; so sind Nationen, Reiche, Kulturen, entstanden” (S. 66 u. 73). Das Wort sozialorganisatorisch reicht freilich nicht hin, um von den Tendenzen und Gegentendenzen in den Machtapparaten eine Vorstellung zu geben.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1960

Authors and Affiliations

  • Eugen Fischer-Baling

There are no affiliations available

Personalised recommendations