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Wahrheit, Referenz und Präsupposition

  • Armin Günther
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Zusammenfassung

Collingwood hat Präsuppositionen charakterisiert als notwendige Voraussetzungen dafür, daß sich eine Frage »logisch« überhaupt stellt.167 Etwas zu fragen, ohne die Präsupposition dieser Frage »zu unterstellen«, ist demnach Unsinn. Wie wir im letzten Kapitel gesehen haben, ist bei Collingwood aber unklar, was es heißen soll, eine Präsupposition zu unterstellen oder nicht zu unterstellen. Wie soll das gehen: Eine Frage stellen, ohne zugleich auch deren Präsupposition zu unterstellen oder zu präsupponieren? Diese Schwierigkeit wird durch den mentalistischen Kontext, in dem Collingwood seine Überlegungen formuliert, noch ver schärft. Demnach sind Präsuppositionen Gedanken und die Präsuppositionsrelation ist eine besondere Relation zwischen Gedanken. Die präsupponierten Gedanken bleiben nach Collingwood häufig »unbewußt« und werden erst in dem Maße expliziert, in dem das Denken wissenschaftlich diszipliniert wird. Präsupponieren (also Unterstellen) gerät bei Collingwood somit zu einem mentalen Akt, der unbewußt vollzogen werden kann. Trotzdem wird die Analyse von Präsuppositionen von Collingwood keineswegs als Analyse psychischer Akte konzipiert, sondern als »logische Analyse«. All dies zusammengenommen ergibt, zumindest aus einer post-mentalistischen, sprachorientierten Auffassung von Erkenntnis, keinen befriedigenden Begriff von Präsuppositionen bzw. dem, was wir tun, wenn wir etwas präsupponieren.

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Literatur

  1. 168.
    Vgl. z. B. den von Petöfi und Franck 1973 herausgegebenen Sammelband, wo auf den Seiten 193–220 auch Strawsons On Referring nachzulesen ist. Für die Behandlung von Präsuppositionen in der Linguistik s. z. B. Cooper 1974; Harder Kock 1976; Oh Dinneen (Eds.) 1979.Google Scholar
  2. 171.
    Eine solche Begriffsexplikation zielt in der Regel auch darauf ab, den primären Sprach-gebrauch zu vereinheitlichen und in sinnvoller Weise zu begrenzen. Dieses Bemühen, den Gebrauch des Präsuppositionsbegriffs, ausgehend von seinem faktischen Gebrauch, zu normieren, ist bei Cooper (ders. 1974) exemplarisch zu studieren.Google Scholar
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    Vgl. Berlich 1982, 256. Selbst Gott begegnet uns heute nicht mehr als brennender Dorn-busch, sondern — als Präsupposition: Gott ist hier nicht ein Jenseitiges, sondern vielmehr das Innerste, das Zentrum des Denkens, das jedem Seienden Zugrundeliegende und in jedem Denkakt [dann ja wohl auch Sprechakt?; A.G.] Präsupponierte. ( Haste 1987, 262 )Google Scholar
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    Auf eine Erläuterung des Gegenbegriffs zu semantischen Präsuppositionen, die pragmatischen Präsuppositionen, muß ich hier verzichten; vgl. hierzu Stalnaker 1973.Google Scholar
  5. 184.
    Die unterschiedlichen Auffassungen von Russell und Strawson sind teilweise dadurch zu erklären, daß Russell in der Tradition Freges eher das Projekt einer idealsprachlichen Rekonstruktion der Alltagssprache verfolgte, während Strawson an einem Verständnis der Alltagssprache, so wie sie ist, interessiert war. So kritisiert Strawson Russells Theory of Descriptions ausdrücklich als mißlungenen account of the uses of such expression in ordinary language. ( Strawson 1973, 194 )Google Scholar
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    Diese Konsequenz zieht z. B. Blau mit seiner dreiwertigen Logik der Sprache (ders. 1978 ). Bei dieser dreiwertigen Logik handelt es sich allerdings nicht, wie man vielleicht meinen könnte, um eine völlig neue, mit der traditionellen zweiwertigen unvereinbare Logik, sondern um deren konservative (d. h. die zweiwertige Logik enthaltende) Erweiterung. Gültige Schlüsse der zweiwertigen Logik bleiben auch in Blaus dreiwertiger Logik gültig.Google Scholar
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    Da der Fall, daß ein Satz trotz nicht erfüllter referierender Bezeichnungen als falsch bezeichnet wird, vor allem dann auftritt, wenn die nicht-referentielle Bezeichnung nicht das primäre Subjekt eines Satzes darstellt, überlegt Keller, bis zur besseren empirischen Erforschung der nicht-primären Existenzpräsuppositionen, diese nicht zum Gegenstandsbereich der [Präsuppositions-; A.G.] Theorie zu zählen (Keller 1974, 125). Angesichts der TatsacheGoogle Scholar
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    Das meistdiskutierte Beispiel einer Präsupposition überhaupt dürfte die seit Russell (1905) immer wieder verwendete Existenzpräsupposition Der König von Frankreich existiert sein.Google Scholar
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    Cooper 1974, 119. Ich werde im folgenden die Überlegungen Coopers relativ frei rekon-struieren. Eine genauere und getreuere Darstellung erscheint mit hier nicht zweckmäßig. Insbesondere klammere ich die bei Cooper (im Anschluß an Grice) wichtige intentionale Ebene des Sprechakts weitgehend aus, auf der ein Sprecher z. B. nur dann einen Satz gebraucht, um P zu behaupten, wenn er intendiert, daß der Hörer glaubt, daß der Sprecher glaubt, daß P. Ob sich diese intentionale Ebene theoretisch vermeiden läßt oder ob sie von mir im Text nur rhetorisch umgangen wird, vermag ich hier nicht zu entscheiden.Google Scholar
  10. 203.
    Diese Möglichkeit wird von Kellers Präsuppositionsbegriff, der sonst dem von Cooper recht nahe kommt, m. E. nicht hinreichend berücksichtigt; vgl. Keller 1974, 139.Google Scholar
  11. 204.
    Da Existenz nicht von etwas prädiziert wird wie ein Merkmal von etwas prädiziert wird, ist dieser Ausdruck hier mit Vorsicht zu betrachten.Google Scholar
  12. 207.
    Nach Kelle (1974, 120f) hat in ähnlicher Weise Harré zwischen primären, sekundären etc. Präsuppositionen unterschieden. Allerdings zerlegt Harré nicht den Subjektausdruck, sondern den Prädikatausdruck; vgl. auch Belnap Steel 1985, 105.Google Scholar

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© Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1996

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  • Armin Günther

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