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Sozialverträgliches Individuum?

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Zusammenfassung

Mit der Entstehung von „Urvertrauen“wird zu Beginn des Sozialisations-prozesses das Fundament für den Wert „Individualismus“gelegt. Internali-sierung ist im weiteren Verlauf derjenige Aspekt, der aus der Perspektive des Individuums durch allmähliche Loslösung von partikularen Gruppen die Einnahme eines universalen Standpunktes bei der Ausbildung der eigenen Individualität im Sinne von Authentizität erlaubt.101 Der Wert „Individualismus“, hier als funktionale Notwendigkeit im Sinne einer „Grenze des Bösen“herausgestellt, nimmt direkten Bezug auf die zum Überleben notwendigen Vorgänge zu Beginn menschlicher Entwicklung. Sozialstrukturell verwirklicht sich der Wert „Individualismus“dann im weiteren Verlauf des So-zialisationsprozesses über die von den Individuen initiierten Institutionen, die im Gegenzug die Legitimationskraft des Individualismus stärken.

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Literatur

  1. 101.
    Dieser Prozess verläuft selbstverständlich nicht automatisch, sondern kann kulturell bis ins Gegenteil variieren. Behauptet wird lediglich die Chance einer Fortsetzung der im Urvertrauen bereits ursprünglich angelegten „Achtung des Individuums“. Die menschliche Natur trifft sozusagen eine anschlussfähige Unterscheidung, die eine Unterscheidung ausmachen kann.Google Scholar
  2. 102.
    Für Institutionen gilt also die merkwürdige Konstellation, dass sie einerseits für die gesellschaftliche Umsetzung der „Achtung des Individuums“ zuständig, andererseits in ihrer Entstehung ebenfalls auf diese angewiesen sind, weil sonst das „Böse“ auch die für Institutionen notwendige Historizität (siehe Berger/Luckmann 1969: 58) nicht zulassen würde.Google Scholar
  3. 103.
    Goffman selbst hat freilich auch bezogen auf wertorientiertes Handeln ein utilitaristisches Menschenbild zu Grunde gelegt: Seine Akteure handeln moralisch, wenn dies den Handlungsvorgang optimiert. So beschreibt er etwa das Prinzip der Gleichbehandlung in Dienstleistungsunternehmungen nicht als Konsequenz einer allgemeinen Achtung jedes Individuums, sondern interpretiert dieses Prinzip als „ein sehr erfolgreiches Rezept für die Routinisierung und Abwicklung von Diensdeistungen“ (Goffman 1994: 95). Dieser Argumentation unterläuft offensichtlich der allgemein bekannte und doch immer wieder gemachte Fehler der Inflationierung des Nutzenbegriffs. Wenn alles tatsächliche Weltgeschehen als nützlich erklärt wird (weshalb sollte es sonst existent sein?), vermag der Nutzenbegriff nichts mehr zu erklären. In dem von Goffman gewählten Beispiel zeigt sich zudem, dass diese Argumentation zwar möglicherweise richtig, aber auch falsch sein könnte: Als nützlich im Sinne der Optimierung des Dienstleistungsablaufs wäre auch die selektive Dienstleistung denkbar — dem Prinzip der Ungleichbehandlung folgend —, also etwa: nur für Frauen, oder Dunkelhäutige oder Professoren. Entsprechend meiner Grundannahmen der Notwendigkeit überindividueller Orientierungen (siehe Teil zwei dieser Arbeit) folge ich Hetdages (1991: 122, Herv. T.K.) Einschätzung, Goffmans Rahmen-Analyse vor dem Hintergrund eines gegebenen Wertehorizonts zu lesen: „Eine wie auch immer geartete Ordnung wäre kaum denkbar, wenn Menschen auf ihre Worte nichts mehr geben könnten. In unserer Sprech-, Begegnungs- und Verhandlungskultur wirken vielmehr immer schon Verhaltensgrundsätze, eingebaute Minimal-Anstandsregeln, Begriffe der persönliche Ehre und Wahrhaftigkeit, des guten Rufes und der Vertrauenswürdigkeit, des guten Geschmacks und der gegenseitigen Achtung. […] So ist die reine Spielsituation im Normalfall immer schon normativ beschränkt“.Google Scholar
  4. 104.
    Grundannahme ist für Bußhoff (1990: 313), ähnlich wie in Kapitel 7 dargelegt, die Notwendigkeit des Überlebens: „So wie es nur einen Zweck des Menschen — jedes einzelnen und daher aller Menschen — gibt, nämlich, daß er lebt, so gibt es auch nur eine individuelle bzw. subjektive Zweckrationalität, nämlich als Operationsbedingung des ‘Lebens und Überlebens1.“Google Scholar
  5. 105.
    Allerdings hat dies ent- und belastende Folgen: Entlastend im hier aufgeführten Sinn; belastend, weil die Ausgestaltung der eigenen Individualität dem Einzelnen selbst übertragen, zugemutet wird. So wird etwa psychische Labilität oder nicht-ausbalancierte Ich-Identität bei einigen Individuen obligat auf Grund überwiegend plural hergestellter und gelebter statt monolithischer Identität (siehe Barker 1997; Mitterauer 1998: 82; Welsch 1990: 170ff.): Zunehmende Bindungslosigkeit und der Verlust traditionaler Stabilitäten; das Sich-Einlassen-Müssen auf fremdartige Lebensmuster; die Integration verschiedener Erwartungen und Ansprüche, verbunden mit höchsten Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit usw.; dies kann neben allen Chancen, die durch Individualisierungen möglich werden, schnell als individuelle Überforderung und Statusunsicherheiten empfunden werden (siehe Beck 1996: 218; Beck-Gemsheim 1994a; 1994b; 1990b; 1990c; Berger 1996: 286; Geiss-ler/Oechsle 1994; Hollstein 1993; vgl. Matussek 1998; Schwarzer 1998).Google Scholar
  6. 106.
    Schulze (1999a: 177ff.; 1997: 93ff.) macht zumindest anhand „kulturgeschichtlicher Spekulation“auf Möglichkeiten aufmerksam, wie derartig langfristige Trends umgekehrt werden könnten (vgl. auch Löffler 1996): Distanzierung vom Motiv der Erlebnisrationalität (gegenüber Kindern und auch der Idee der Partnerschaft), indem man nicht das Glück sucht, sondern sich erst einmal darauf besinnt, Unglück zu vermeiden; Entdecken des intrinsischen Wertes von Solidarität, eventuell verbunden mit der Glückserfahrung des Gebens und letztendlich Selbstvergessenheit. Gross (1997: 149) spricht hier von einer Differenzakzeptanz in uns. Alle diese Ratschläge haben allerdings das esoterisch angehauchte „Eins-mit-sich-selbst-sein“, eine neue Art Luther’ischer Innerlichkeit zur Bedingung, die durchaus auch problematische Erscheinungsformen hervorrufen kann (vgl. Münch 1991a: 77ff.).Google Scholar
  7. 107.
    Nunner-Winkler identifiziert etwa unter Berufung auf Untersuchungen vom Aliensbacher Institut: „Nur etwa 6 Prozent der Bevölkerung können sich eine Situation vorstellen, in der Gewalt gegen Personen legitimierbar wäre. Dieser Konsens über Gewaltfreiheit — über den Verzicht individuellen Gewalteinsatzes — spiegelt sich auch in der vergleichsweise niedrigen Mordrate Deutschlands wider: Im Schnitt gibt es in Deutschland etwa 1,5 Mord- bzw. Totschlagfälle pro 100.000 Einwohner jährlich.“Diese empirische Beobachtung kann auch gegenüber dem Stellenwert moralischer Kommunikation in der Theorie autopoietischer Systeme von Luhmann Zweifel auslösen, wie Krohn (1999: 317f.) bemerkt „Die Schwachstelle ist, dass die vorfindliche moralische Kommunikation der Gesellschaft der vorgeschlagenen Einschränkung [von Luhmann, T.K.] nicht einmal der Tendenz nach folgt.“Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 2001

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