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Wie entsteht Wertbindung?

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Zusammenfassung

Für Durkheim ist, wie wit gesehen haben, die erste und wichtigste Pflicht das Verbot der Tötung bzw. Ermordung von Menschen. Die Begründung leitet Durkheim schlicht aus der Tatsache der Geltung des Individuums air moralisches Gut ab. Das ist die zentrale grundlegende Prämisse zur Errichtung einer „Grenze des Bösen“, die ein Tötungsverbot moralisch gebietet: Ohne diese prinzipielle formale Achtung — wie sie auch etwa im Grundgesetz Artikel 1, Absatz 1 mit dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ausgedrückt wird — fehlt der Rahmen zur inhaltlichen Ausgestaltung. Man kann sich zwar immer noch streiten, wet denn nun als „menschlich“gelten soll (Sklaven? Frauen? Kinder? Schimpansen?) und wann die Würde nun tatsächlich verletzt ist, aber man muss jetzt bei Übertretung der „Grenze des Bösen“mit Konsequenzen durch die den Wert legitimierende Gemeinschaft rechnen. In jedem Fall beeinflussen formale Prinzipien die Situation der Handlungsentscheidungen — allein dutch Konzentration auf einen bestimmten Aspekt.85

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Literatur

  1. 84.
    Spätestens an dieser Stelle wird die mangelnde Differenzierung modemer Gesellschaftsformen bei Bauman offenkundig, der ja verschiedene soziale und politische Bewegungen mit der Ideologie der Nazis schlicht gleichsetzt (siehe Rommelspacher 1997: 261).Google Scholar
  2. 85.
    Man kann diese zentrierende Wirkung von Normen sehr schön bei kleinen Kindern beobachten. Alleine die Erinnerung an die Existenz einer Norm lenkt die Konzentration darauf- mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen: Die Erinnerung an die Norm, die Tasse nicht vom Tisch zu schmeißen, führt oftmals zur Konzentration auf die Tasse, die dann eher vom Tisch fällt als bei Nicht-Beachtung. Diese Konzentration auf den Gegenstand der Norm ist bei Erinnerung unausweichlich, denn man kann an eine Norm nicht bewusst nicht denken, sondern ihre Existenz höchstens schnell wieder vergessen.Google Scholar
  3. 86.
    „Zu leben, um zu leben, hat nichts mit Moral zu tun.“(Durkheim 1973: 108). Daraus muss man nicht folgern, dass jene Werte, die Existenzvernichtung verhindern, ebenfalls moralisch neutral sind. Eine „Grenze des Bösen“ist letztlich nur sinnvoll, wenn prinzipiell das Leben des Menschen als „Gut“empfunden wird. Zweifelsohne ist dies eine moralische Zuschreibung. Über Vorteile menschlicher Vernichtung könnte man mindestens noch Diskussionsbedarf einklagen.Google Scholar
  4. 87.
    Auch für Norbert Elias (1988: 47) ist die Familie ein wichtiger Ansatzpunkt: „Das Kind kann, um psychisch erwachsen, um ein menschliches Individuum zu werden, die Beziehung zu älteren und mächtigeren Wesen nicht entbehren. Ohne die Einverleibung von gesellschaftlich vorgeformten Modellen, von Teilen und Produkten dieser mächtigeren Wesen, ohne die Ausprägung seiner psychischen Fähigkeiten durch sie, bleibt das kleine Kind, um es noch einmal zu sagen, nicht viel mehr als ein Tier. Und eben weil das hilflose Kind, um ein stärker individualisiertes und differenziertes Wesen zu werden, der gesellschaftlichen Modellierung bedarf, kann man die Individualität des Erwachsenen nur aus seinem Beziehungsschicksal, nur im Zusammenhang mit dem Aufbau der Gesellschaft, in der es heranwuchs, verstehen.“Google Scholar
  5. 88.
    Zieht man den zeitgenössischen Entscheidungsdruck für ein Kind hinzu (vgl. Vetter 1999), der meist in der Abwägung eigener (Un)Freiheiten besteht, kann man auch sagen: Das Kind wird geachtet, obwohl es ist.Google Scholar
  6. 89.
    Durkheim war der Meinung, dass das Bedürfnis des Neugeborenen nach Regelmäßigkeit eine Anschlussmöglichkeit für Wertbildung bietet, allerdings nicht wie von mir hier behauptet als unin-tendierter Effekt einer quasi-natürlichen Entwicklung, sondern eher intentional als „Öffnung […], durch die wir die wahre Moralaktion in die Seele des Kindes einfließen lassen können“(Durkheim 1973: 181).Google Scholar
  7. 90.
    Die Notwendigkeit, an dieser Stelle so ausführlich auf das Sozialisationskonzept von Parsons einzugehen, liegt für mich darin begründet, dass viele soziologische und philosophische Varianten des normativen Individualismus keine solche Grundlage der Persönlichkeitsbildung in Bezug auf Werte vorstellen. Zur Kritik an der Konzeption von Parsons siehe Geissler (1979), der sich auf eine Vielzahl von Kritikern bezieht.Google Scholar
  8. 91.
    Anders ausgedrückt: „Durch die Identifikation […] wird die Basis für die Internalisierung der durch das Objekt der Identifikation repräsentierten normativen Kultur geschaffen.“(Münch 1982: 53)Google Scholar
  9. 92.
    Münch betont die Relevanz der Nachgiebigkeit von Seiten des Sozialisationsagenten gegenüber dem Sozialisanden als Basis für affektive Bindungen und Identifikation. Identifikation ist notwendig, wenn der Einsatz sozialer Kontrolle nicht nur zu einer reinen Umweltanpassung führen soll.Google Scholar
  10. 93.
    Dies ist selbstverständlich der Idealtypus der Persönlichkeitsentwicklung, von der realiter mehr oder weniger abgewichen wird. D.h., das Persönlichkeitssystem kann auch desintegriert sein, wodurch dem Individuum Deprivationen entstehen können, auf die es in verschiedenen Formen reagieren kann (etwa durch: Rationalisierung, Isolierung, Verschiebung, Fixierung, Verdrängung, Reaktionsbildung, Projektion).Google Scholar
  11. 94.
    Das Über-Ich vermittelt bzw. koordiniert als Subsystem zwischen Kultur- und Persönlichkeitssystem (siehe Parsons 1977c: 80f.).Google Scholar
  12. 95.
    Mead ist theoretisch konsistenter als Durkheim, weil sich bei ihm der Hinweis auf moralische Innovationen durch Konflikterfahrung leichter aus seiner Persönlichkeitstheorie ableiten lässt. Gleichwohl hat Durkheim (1986a: 35), wenn auch nebensächlich, festgestellt: „Einzig die Zeiten, die moralisch gespalten sind, sind auf dem Gebiet der Moral kreativ.“Google Scholar
  13. 96.
    Aus diesen grundsätzlichen Überlegungen kann auch die wichtige analytische Differenzierung von System- und Sozialintegration (vgl. Münch 1997; Schimank 1999b; Schmid 1982) abgeleitet werden, entsprechend der von Lockwood vorgeschlagenen Unterscheidung: „Während beim Problem der sozialen Integration die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems zur Debatte stehen, dreht es sich beim Problem der Systemintegration um die geordneten oder konliktgeladenen Beziehungen zwischen den Teilen eines sozialen Systems.“(Lockwood 1970: 125, Herv.i.O.)Google Scholar
  14. 97.
    Etwas allgemeiner am gleichen Beispiel ausgerichtet meint auch Durkheim (1973: 119): „Die Sprache ist in erster Linie eine soziale Angelegenheit; die Gesellschaft hat sie ausgearbeitet, und durch sie wird sie von Generation zu Generation weitergeleitet. Nun ist die Sprache aber nicht nur ein System von Wörtern; jede Sprache enthält eine eigene Mentalität, die die Mentalität der Gesellschaft ist, die sie spricht, in der sich ihr eigenes Temperament ausdrückt. Diese Mentalität ist es, die die Grundlage der individuellen Mentalität bildet.“Würden die Anweisungen postmodemer Ethik tatsächlich umgesetzt werden, dürfte streng genommen Sprache im heutige Sinne nicht mehr existieren, denn die Vorgaben zur sprachlichen Verständigung etwa durch eine von Intellektuellen festgelegte Grammatik reguliert bereits einen wesentlichen Teil zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Verweis auf Durkheim bedeutet selbstverständlich nicht, dass im Hinblick auf Sprache ein Bezug auf Individuen nicht mehr nötig sei (vgl. nur Dux 1997: 153f.)Google Scholar
  15. 98.
    Der „frühe“Luhmann (1965: 55) sah dementsprechend für entwickelte differenzierte Gesellschaften die Notwendigkeit der Stützung auf „Persönlichkeiten als Knotenpunkt sozialer Anforderungen“.Google Scholar
  16. 99.
    Die systemtheoretische Konstruktion der „Exklusionsindividualität“(vgl. Fuchs/Göbel 1994; Hillebrandt 1999; Nassehi 1997) kann auch als wissenschaftliches Erbe dieser Trennung verstanden werden.Google Scholar
  17. 100.
    Zur Bedeutung weiterer biologischer Aspekte bei der Institutionenanalyse siehe etwa Flohr (1990) und Saretzki (1990).Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 2001

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