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Individualismus und Vergesellschaftung bei Georg Simmel

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Zusammenfassung

Die Spannung, die zwischen der Ethik Kants und der individualistischen Moralvorstellung von Nietzsche liegt, hat Georg Simmel mit der Unterscheidung zwischen dem quantitativen und dem qualitativen Individualismus bemerkenswert herausgearbeitet (siehe Simmel 1995b; 1984: 68ff.; 1983a; 1921: 142ff.). Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Vorstellung von Individualität als Dualismus, bestehend aus einem nicht weiter ableitbaren Urtrieb und dessen Beziehung zu seiner sozialen Umwelt: „immer bedeutet die undefinierbare Lebensbestimmtheit, die wir Individualität nennen, daß ein Wesen beide in Eins zusammenlebt: die innere Zentriertheit, Eigenwelt-lichkeit, das sich genügende Selbst-Sein — und das positive oder negative, sich angleichende oder abhebende Verhältnis zu einem Ganzen, dem das Wesen zugehört.“ (Simmel 1983a: 268. Vgl. Lipman 1959; Simmel 1924: 6)24 Die historische Entwicklung hat nach Simmel nun zu analytisch unterscheidbaren Formen dieses Dualismus geführt, die das Verhältnis von Individuum und sozialer Umwelt in unterschiedliche Verknüpfungen stellen.

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Literatur

  1. 24.
    Die Individualität des Menschen steht eben „unter der fundamentalen, gestalteten, nicht weiter reduzierbaren Kategorie einer Einheit, die wir nicht anders ausdrücken können als durch die Synthese oder die Gleichzeitigkeit der beiden logisch einander entgegengestellten Bestimmungen der Gliedstellung und des Fürsichseins, des Produziert- und Befaßtseins durch die Gesellschaft und des Lebens aus dem eigenen Zentrum heraus und um des eigenen Zentrums willen.“ (Simmel 1992a: 56, Herv. T.K.) Obwohl Simmel kurz davor steht, kann oder will er sich offensichtlich noch nicht ganz von einem Ganzes-Teil-Denken lösen. Dieser Schritt wird erst von Luhmann vollzogen, der psychische Systeme nicht mehr als Teile in sozialen Systemen begreift, sondern in ihrer autopoietischen Eigenständigkeit Ernst nehmen möchte.Google Scholar
  2. 25.
    Eine Schwierigkeit für das Verständnis Simmeis besteht in dem scheinbar willkürlichen Wechsel von Form und Inhalt an einem Objekt je nach Beobachterperspektive: Das Sollen ist Form aus der Sicht des Lebens und Leben aus der Sicht der aus dem Sollen entstehenden Gesetze.Google Scholar
  3. 26.
    Simmel selbst sah zwischen der Idee Nietzsches der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“ und seiner eigenen ethischen Forderung einen Gegensatz, der meiner Meinung nach nur durch eine Fehlinterpretation Simmeis entstanden ist. Simmel (1990: 318ff.) interpretiert Nietzsche an dieser Stelle nämlich wörtlich, so als bedeute die „Ewige Wiederkehr des Gleichen“ die identische Wiederholung von Allem und Jedem. Nicht, dass es so ist, sondern die individuelle Annahme, ah ob es so sei, bestimmt aber — wie oben gezeigt — Nietzsches Vorstellung. So gesehen, ist die ethische Forderung Simmeis mit Nietzsches „Ewiger Wiederkehr des Gleichen“ im Ergebnis identisch: Die fiktive Annahme einer für die eigene Biographie unendlichen Wirkung der einzelnen Handlung.Google Scholar
  4. 27.
    Der Trennung von Moral- und Sozialtheorie ist wohl ursächlich die geringe Beachtung der „Lebensanschauung“ innerhalb der Soziologie, bzw. der Untersuchungen zu den Formen der Vergesellschaftungen innerhalb der Philosophie geschuldet. So ist auch nur zu erklären, dass Simmel in der Postmoderne-Diskussion kaum, und wenn dann vor allem mit seiner Kultur-Kritik, nicht aber mit der naheliegenderen Lebens- und Moralphilosophie, Erwähnung findet (vgl. Weinstein/Weinstein 1993).Google Scholar
  5. 28.
    Soviel sei vorweggenommen: Auch der postmoderne Individualismus Baumans betont aus Sicht der Simmel’schen Sozialtheorie nur die Inhalte der Vergesellschaft bei Vernachlässigung der sich daraus ergebenen Formen. Baumans Ethik beruht auf einem Modell menschlicher Freiheit, das die Vorstellung einer experimentellen Selbstfindung des Menschen unabhängig von gesellschaftlichen Einflüssen vorsieht (vgl. Honneth 1994: 16f.).Google Scholar
  6. 29.
    Als Beispiel führt Simmel (1994: 220f.) einen Antimilitaristen an, „der davon durchdrungen ist, daß Krieg und Kriegsdienst das schlechthin verderbliche und Böse ist, und der sich der vaterländischen Waffenpflicht entzieht, nicht nur mit ruhigem Gewissen, sondern mit der heiligen Überzeugung, damit das sittlich Rechte, unbedingt Geforderte zu tun.“ Simmel führt weiter aus, dass selbst wenn die Ansicht des Antimilitaristen der herrschenden Sittlichkeitsvorstellung widerspräche (und dieser daher etwa zum Zivildienst mit staatlicher Macht gezwungen werden könnte), es nicht möglich wäre, ihm irgendeine andere Anschauung als sittliche Forderung abzuringen, weil Letztere per Definition nur dann gilt, wenn sie als Anspruch aus dem Individuum selbst erwachsen ist. Im Zitat folgt dann die erstaunliche (und auch kritisch diskutierte) Bewertung der Situation von Simmel (1994: 221), die meines Erachtens die theoretische Inkonsequenz verrät: „Auf dieser Basis, die keinerlei Kompromiß oder Konzession verträgt, meine ich allerdings, daß jener Antimilitarist wirklich zum Waffendienst moralisch verpflichtet ist, obwohl sein subjektiv-sittliches Bewußtsein ihn verwirft.“Google Scholar
  7. 30.
    Nach Luhmann (1993c) reagieren Individuen heute eher mit Empathie und Borniertheit.Google Scholar
  8. 31.
    Siehe auch Sander (1998), für den der Überbau moderner Gesellschaften gerade in Unverbind-lichkeit besteht. Ich werde noch zeigen, dass die Garantie dieser Unverbindlichkeit nicht einfach vorausgesetzt werden kann.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2001

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