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Individualisierung

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Zusammenfassung

Der Aspekt der normativ-moralischen Absicherung von Individualität wird innerhalb der Individualisierungsdebatte erstaunlicherweise weitgehend ausgespart (vgl. allerdings Bertram 1995a; 1995b). Dabei wird schon bei Emile Durkheim der mit der sozialisationstheoretischen Erklärung einhergehende Prozess moralischer Universalisierung argumentativ in die Richtung eines moralischen Individualismus strukturtheoretisch ausgebaut. Die Ursache für die Entstehung einer individualistischen Moral sieht Durkheim in einer zunehmenden Arbeitsteilung der Gesellschaft. Einfache archaische Gesellschaften sind zunächst segmentär etwa in Clans, Horden, Stämmen usw. differenziert. Diese Segmente sind über ein weites Territorium verstreut und unterhalten (wenn überhaupt) nur wenige Beziehungen untereinander. Jedes Segment verfügt normalerweise über die Autarkie zur Selbstreproduktion des eigenen Fortbestands. Dieser Gesellschaftsform ordnet Durkheim den Solidaritätstypus der „mechanischen Solidarität“ zu, die im Kern in der Subordination unter ein Ganzes besteht, so dass die Mitglieder der Segmente bezüglich ihrer normativen, kognitiven und evaluativen Einstellungen und Orientierungen sehr gleichförmig agieren. Das Kollektivbewusstsein, die „Gesamtheit der gemeinsam religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft“ (Durkheim 1977: 128), bestimmt das gemeinsam geteilte Leben.

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Literatur

  1. 5.
    In der Untersuchung der Lebensführung unter modernen Bedingungen sieht Müller (1992a) an diesem Punkt eine sachliche Konvergenz von Durkheim und Weber, obwohl beide im soziologischen Kanon eher als extreme Gegensätze anhand der Unterscheidung Moralist/Relativist charakterisiert werden (vgl. Münch 1998c).Google Scholar
  2. 6.
    Bereits Simmel (1989: 397) hat auf diesen Aspekt hingewiesen: „Wenn die Entwicklung der Individualität, die Überzeugung, mit allem einzelnen Wollen und Fühlen den Kern unseres Ich zu entfalten, als Freiheit gelten soll, so tritt sie unter diese Kategorie nicht als bloße Beziehungslosig-keit, sondern gerade als eine ganz bestimmte Beziehung zu Anderen. Diese Anderen müssen zunächst doch dasein und empfunden werden, damit sie einem gleichgültig sein können. Die individuelle Freiheit ist keine rein innere Beschaffenheit eines isolierten Subjekts, sondern eine Korrelationserscheinung, die ihren Sinn verliert, wenn kein Gegenpart da ist.“Google Scholar
  3. 7.
    Luhmann dagegen hatte nur die Offenheit der Grundgesetze betont und kritisiert: „Die Grundrechtsargumentation erhält von daher jene wohlbekannte ‘Zwar-aber’-Struktur, die sich zum Beispiel in Art. 2 Abs. 1 GG formuliert findet, die der Auslegung aber auch sonst durchweg als Vorstellungsmodell dient: Der Mensch ist zwar (von sich aus) frei bzw. zur Freiheit berechtigt; aber er hat die Rechte anderer zu respektieren; er hat zwar Eigentum, muß aber im Gebrauch seines Eigentums soziale Bindungen akzeptieren. Selbst kräftige Schübe, die den Pflichtgehalt der Rechte und ihre sozialen Bindungen bis in das Rampenlicht der Verfassungsartikel gebracht haben […], haben sich darauf beschränkt, das ‘aber’ zu betonen […]. Im Ergebnis wird dadurch die Entscheidung über den Sinn der Grundrechte vertagt und delegiert, denn wenn ein Widerspruch in die Prämissen eingebaut wird, ist jede Deduktion möglich.“ (Luhmann 1965: 59)Google Scholar
  4. 8.
    Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Konzeption Luhmanns zu Moral, Ethik und funktionalen Äquivalenten von Moral (siehe etwa Luhmann 1990; 1978) wäre wohl eine eigenständige Abhandlung und kann hier nicht geleistet werden. Luhmanns Konzeption taucht in dieser Arbeit nur partiell im Zusammenhang mit bestimmten Inhalten auf.Google Scholar
  5. 9.
    Hier zeigt sich, wie ich noch näher ausführen werde (Kapitel 8), die im Gegensatz zu Durk-heim größere theoretische Gleichgewichtigkeit der Persönlichkeitstheorie von Georg Herbert Mead, wenn er dem „Generalisierten Anderen“ — jene von Durkheim überbetonten sozialen Guss formen, die die Rollenübernahme auslösen und das „ME“ erzeugen — das zur Rollengestaltung autonom handlungsfähige „I“ zur Seite stellt (vgl. Schimank 2000: 46).Google Scholar
  6. 10.
    Oder wie es bei der RTL-Show „Big-Brother“ in der zweiten Staffel heißt: „Leb, so wie du dich fühlst!“Google Scholar
  7. 11.
    Dieses Empfinden ist gerne Ziel kritischer Anmerkungen, etwa bei Ortega y Gasset (1983: 68), der dem modernen Menschen eine „grundsätzliche Undankbarkeit gegen alles, was sein reibungsloses Dasein ermöglicht hat“ unterstellt. Vergessen wird dabei, dass diese „Undankbarkeit“ ein Resultat von Erfolgen istGoogle Scholar
  8. 12.
    Man könnte allerdings für die heutige Zeit einen gegenläufigen Trend in der Zunahme von „Bezahlung auf Kredit“ ausmachen, denn die „einzelne Zinszahlung läßt zwar, wie hervorgehoben, dem Pflichtigen völlige Freiheit in Bezug auf das eigene Tun, wenn er nur das erforderliche Geld erwirbt; allein die Regelmäßigkeit der Abgaben zwingt dieses Tun in ein bestimmtes, ihm von einer fremden Macht aufgedrungenes Schema, und so wird denn erst mit der Kapitalisierung [der einmaligen Kapitalzahlung, T.K.] der Abgaben diejenige Form jeglicher Verpflichtungen erreicht, die zugleich der größten persönlichen Freiheit entspricht.“ (Simmel 1989: 380)Google Scholar
  9. 13.
    Alle Zitate von Nietzsche erfolgen in dieser Arbeit nach der Kritischen Studienausgabe (abgekürzt: KSA) von Colli und Montinari (1988).Google Scholar
  10. 14.
    Einem Konsumobjekt wird heraldische Funktionalität zugesprochen, sofern es „nicht nur bestimmte praktisch-nützliche Funktionen materialisiert, sondern […] dem Individuum dazu dient, sich in anschaulich-gegenständlicher Weise als das zu entwerfen, zu imaginieren und zu artikulieren, was es zu sein beansprucht, — indem also ein Ding dem Subjekt dazu verhilft, sich mit sich über sein wie auch immer imaginäres, fiktives Selbst zu verständigen und sich darüber hinaus in dieser imaginären Identität auch seinen Mitmenschen gegenüber kenntlich zu machen“ (Heubach 1992: 178). Selbstverständlich bedienen Konsumobjekte auch andere Wert-Ansprüche, wie sich bereits an der Dynamik der Marktsegmentierung von Spülmittel ablesen läßt (siehe Karmasin 1992).Google Scholar
  11. 15.
    Die nicht selten getroffene Annahme, eine Abschwächung der Gültigkeit des gesellschaftlich verankerten Wertesystems sei die Voraussetzung für Individualisierungsprozesse, ist häufig dem Missverständnis geschuldet, dass zur Individualisierung auch zwangsläufig Reflexivität, ein Bewusstsein der Notwendigkeit zur Selbstbestimmung gehöre (so etwa Pollack 1999: 59f.).Google Scholar
  12. 16.
    Bereits Nietzsche hat festgestellt, worauf ich in Kapitel 4.3 noch zurückkommen werde, dass ein Nicht-Spüren von Zwängen die Vorstellung der Freiheit des Willens stützt.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2001

Authors and Affiliations

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