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Breakdance und Medrese: Bildungsspezifische Facetten der dritten Sphäre

  • Arnd-Michael Nohl
Part of the Forschung Erziehungswissenschaft book series (FO ERZWISS, volume 112)

Zusammenfassung

In der Konstitution einer dritten Sphäre, wie sie den dritten Typus der Migrationslagerung kennzeichnet, eröffnet sich ein „neuer Zugang“ zu dem Kulturgut von Herkunftsfamilie und Aufnahmegesellschaft. Solche neuen Spielräume verweisen auf die kreativen Potentiale von Migranten der zweiten Generation, die sich in dieser Form bei ihren einheimischen Altersgenossen nicht finden lassen. Dieser innovative Aspekt verdient daher genauerer Untersuchung, die ich in zweierlei Richtung unternehmen möchte.

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References

  1. 1.
    Dieser Fehlschlag einer Grenzüberschreitung erscheint geradezu von Deniz inszeniert. Auch wies Jim eines Tages in einem Gespräch mit dem Feldforscher explizit auf eine Grenze hin: Er sagte, wir Forscher würden den Breakdance zwar theoretisch sehr gut kennen, praktisch jedoch nicht beherrschen (TB vom 13.1.98).Google Scholar
  2. 2.
    Nach Gebauer/Wulf (1998, S. 159) fördern „weltliche Rituale ... das wechselseitige Aufeinander-bezogen-Sein der an ihnen Beteiligten“, sie „schaffen nach innen Identität und Solidarität und bieten nach außen Wiedererkennbarkeit“. Es handelt sich bei dem „High Five“ um ein „Übergangsritual“ (van Gennep) im weiteren — nicht lebenszyklischen — Sinn (vgl. Turner 1989, S. 34ff).Google Scholar
  3. 3.
    Aus Gründen der Anonymisierung kann ich die Quelle nicht nennen.Google Scholar
  4. 4.
    Diesen Begriff entwickelt Wacquant in der Analyse des Boxens, das einige Parallelen zum Breakdance aufweist, wird in beiden doch „auf dem Wege der direkten Verkörperlichung die praktische Beherrschung der grundlegenden körperlichen, visuellen und mentalen Schemata“ (1992, S. 2370 des jeweiligen Sports gelernt. In diesem Zusammenhang spricht Wacquant von einer „Bildung des Körpers“ (ebd., S. 237; er gebraucht den deutschen Begriff).Google Scholar
  5. 5.
    Mit Gebauer/Wulf (1998, S. 65) lassen sich die einzelnen Übungen im Breakdance als „primäre Praxis“ bezeichnen, die von „anderen Arten nachgeordneter Praxis“ überlagert und noch verstärkt werden. Die Choreographie verleiht den Körper-techniken „formale Eigenschaften“.Google Scholar
  6. 6.
    Die hohe Bedeutung des persönlichen Stils, des „style“, ist auch Thema der Gruppendiskussion mit Tiger. Vgl. hierzu Bohnsack/Nohl 2000b.Google Scholar
  7. 7.
    Es zeigen sich hier Parallelen zu den „stilistischen Einfindungsprozessen“, die Schäffer (1996) in jugendlichen Musikgruppen rekonstruiert hat. Zum Vergleich zwischen Musik- und Breakdance-Gruppen s. Bohnsack/Nohl 2000a.Google Scholar
  8. 8.
    Die kollektive Steigerung bzw. die „Efferveszenz“ (Durkheim) ist ein typisches Merkmal von adoleszenzspezifischen Aktionismen und deren kommerziell-organisatorischen Überformung in sogenannten Events. Ein Vergleich von Events bei Hooligans, Musik- und Breakdance-Gruppen findet sich in Bohnsack/Nohl 2000a.Google Scholar
  9. 9.
    Zum Bezug von Theatralisierung und Sport s. Gebauer/Wulf 1998, S. 70ff.Google Scholar
  10. 10.
    „Eine Analyse der Bildungskarrieren dieser Generation steht aus“, heißt es lapidar bei Herwartz-Emden (1997, S. 903). Stellvertretend für die wenigen empirischen Untersuchungen zu den „bildungserfolgreichen“ Nachkommen der Migrant(inn)en siehe Leenen et al. 1990, Gutiérrez Rodrigiez 1999 u. Karakaşoğlu-Aydm 2000.Google Scholar
  11. 11.
    Positiv gewendeet bedeutet dies, dass bei den bildungserfolgreichen Jugendlichen aus Einwanderungsfamilien die Bildungslagerung präziser herausgearbeitet werden könnte, weil sie in geringerem Maße mit der Schicht bzw. Klassenlage einhergeht als bei einheimischen Gleichaltrigen.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. für das Interview: Nohl 1999, S. 106f u. 2001c.Google Scholar
  13. 13.
    Wörtlich bedeutet dieser Name „Gemeinschaft der Epistel des Lichtsğ. Vgl. hierzu: Gokalp (1998, S. 41f); Spuler-Stegemann (1998, S.141ff). Meine Rekonstruktion der Gruppe Idee zielt — ebenso wie beim Breakdance — nicht auf eine Organisation oder ein Phänomen im allgemeinen, sondern auf das Milieu, das durch den jeweiligen Fall repräsentiert wird, und in dem solche Phänomene und Organisationen wie die „Risale-i Nur-Gemeinschaft“ eine milieuspezifische Funktion erhalten.Google Scholar
  14. 14.
    Diese Form der privatpartnerschaftlichen Prozessierung ist auch ein Thema in der in der Türkei beheimateten Gruppe Hisar, deren Mitglieder sie allerdings nicht begrifflich explizieren, sondern praktizieren (vgl. Kap. 2.1.1).Google Scholar
  15. 15.
    Das Fehlen einer amoralischen Haltung bei den Studenten deutet darauf hin, dass diese Haltung nicht nur für die Migrationslagerung, sondern für deren Synkretismus mit einer spezifischen Bildungslagerung typisch ist.Google Scholar
  16. 16.
    Unter ‚Ezan‘ versteht man den (Auf-)ruf zum Gebet.Google Scholar
  17. 17.
    Rappaport hat auf die „kanonischen Botschaften“ hingewiesen, die sich in manchen Ritualen finden und sich „immer auf Prozesse oder Wesen, ..., die sich ausserhalb des Rituals befinden“ (1998, S. 193f), beziehen. Demgegenüber möchte ich den kanonischen Aspekt des Rituals mit dessen mimetisch-habituellen Aspekt kontrastieren. Demnach machen den kanonischen Charakter eines Rituals seine Theoretisierung und normative Bestimmung aus.Google Scholar
  18. 18.
    Ein gutes Beispiel für den gedankenexperimentellen Umgang mit der Sphärendiskrepanz stellt die Gruppe Zeugnis, dar, in der Gymnasiast(inn)en aus Einwanderungsfamilien angesichts der Schwierigkeiten mit ihren Eltern und der ethnischen Etikettierung in der äußeren Sphäre eine Art dritter Sphäre in Form eines „Deutschländerreichs“ gründen wollen. Diesen Ausflug in die Gedankenwelt beenden sie jedoch mit den Worten „Spaß beiseite“ jäh (vgl. genauer dazu: Nohl 2001c). Bohnsack (1989) hat diese für das „Bildungsmoratorium“ (Zinnecker 1991) der Gymnasiast(inn)en typische Haltung im Kontrast zu den Lehrlingen herausgearbeitet und schreibt zu ihren sozialisationsgeschichtlichen Hintergründen: „Diese gedankenexperimentelle bis gedankenspielerische Haltung ist wohl in doppelter Hinsicht an ... die gymnasiale Ausbildung und somit an das Bildungsmilieu gebunden, indem nämlich eine intellektuelle Sozialisation, in der man sich mit Gegenständen, Problemen und Entscheidungen befaßt, die nicht alltagsrelevant sind, deren Bewältigung in diesem unmittelbaren Sinne existentiell folgenlos bleibt, noch dadurch potenziert wird, daß diese Sozialisation innerhalb eines institutionalisierten Moratoriums ... sich vollzieht.“ (1989, S. 221, i. 0. k.)Google Scholar
  19. 19.
    Mit dem hier vorgelegten empirischen Material lassen sich die effektheischenden Warnungen vor der Entwicklung einer „Parallelgesellschaft“ der islamischen Minderheiten in Deutschland (vgl. Heitmeyer et al. 1997, S. 192) also kaum empirisch untermauern.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2001

Authors and Affiliations

  • Arnd-Michael Nohl

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