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Migrationslagerung: Jugendliche aus Einwanderungsfamilien

  • Arnd-Michael Nohl
Part of the Forschung Erziehungswissenschaft book series (FO ERZWISS, volume 112)

Zusammenfassung

Im Gegensatz zu ihren einheimischen Altersgenossen erfahren die Jugendlichen aus Einwanderungsfamilien eine fundamentale Diskrepanz zwischen Familie und Gesellschaft, d. h. zwischen innerer und äußerer Sphäre. Diese Sphärendiskrepanz wird in allen untersuchten Gleichaltrigengruppen junger Migranten virulent; doch gehen sie mit dieser Problematik ihrer Migrations-lagerung auf unterschiedlichen Wegen um. Die Bewältigungsformen der Migrationslagerung habe ich in drei Typen geordnet: Sphärenfusion, Primordialität der inneren Sphäre und Konstitution einer dritten Sphäre. Diese Typen der Migrationslagerung sind das zentrale Thema des vorliegenden Kapitels und werden ebenso wie die die Milieugrenzen überschreitenden Differenzerfahrungen in den Abschnitten 3.1 bis 3.3 behandelt.

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Literatur

  1. 1.
    Diesen Bericht habe ich überarbeitet und gekürzt. Dies gilt auch für alle anderen nicht von mir erstellten Berichte.Google Scholar
  2. 2.
    Zwei der damals 17 bis 18jährigen (Cengiz und Deniz), die 1994 zu den Wildcats gehörten, waren auch an der Gruppendiskussion mit Katze beteiligt, die 1997 mit den damals im Durchschnitt neunzehn bis zwanzig Jahre alten Jugendlichen geführt wurde. Auch Biniz und Aziz gehörten damals schon zum Umfeld der Gruppe.Google Scholar
  3. 3.
    Bilgin ist Muslim, hat den erweiterten Hauptschulabschluss und ist z. Z. der Gruppendiskussion in einer Ausbildung als Telekommunikationstechniker. Zur Berufssituation der Eltern, mit denen er in Weststadt lebt, macht er keine Angaben. Wichtigstes Freizeitinteresse ist Kampfsport, in der Clique das Rumhängen. Seit 4 Jahren trifft er sich mit ihr jeden Tag, und zwar im Jugendzentrum am Ahrplatz. Die anderen beiden Mitglieder der Wildcats, Achim und Evelyn, deren berufsbezogene Erfahrungen sich von denen ihrer Freunde unterscheiden, sind kaum an der Gruppendiskussion beteiligt.Google Scholar
  4. 4.
    Dies hat sich auch bei einheimischen Jugendlichen in der Großstadt gezeigt (vgl. Bohnsack et al. 1995), während sich in Dorf und Kleinstadt feststellen lässt, dass die Negationsphase „mit starkem bis exzessiven Alkohol- und teilweise auch Drogenkonsum“ einhergeht (Bohnsack 1989, S. 206).Google Scholar
  5. 5.
    Eine ähnliche Funktion hat die Wochenendrandale der von Bohnsack et al. (1995, siehe insbesondere S. 73) untersuchten Hooligans.Google Scholar
  6. 6.
    Folgt man Wolbert (1989, S. 39), so verweist diese Metapher, die sich innerhalb der Gruppe Geist nicht weiter ausdeuten lässt, auch auf eine familienbiographische Entwicklungsaufgabe, die mit der Ausbildung bewältigt werden soll: „‚Meslek bir altin bilesiktir‘. So eine türkische Redeart, die eine Ausbildung einem goldenen Armreif gleichsetzt“, welcher „das obligatorische Geschenk an die Braut“ ist.Google Scholar
  7. 7.
    Die Metapher der „Mentalität“ ist an das Selbst der Gruppe Geist geknüpft, dessen Unklarheit in Abschnitt 3.1 deutlich wird.Google Scholar
  8. 8.
    Nicht eingehen kann ich darauf, wie die Jugendlichen die Migrationsgeschichte ihrer Eltern erzählen. Auch hier werden die Sphärendiskrepanz und ihre unter-schiedlichen Bewältigungsformen deutlich (siehe dazu Nohl 2000a).Google Scholar
  9. 9.
    dt.: was soll ich über Sex quatschen tun,Google Scholar
  10. 10.
  11. 11.
    dt.: Es gibt Achtung mein Junge, mit LiebeGoogle Scholar
  12. 12.
    dt.: Verdammt noch mal (wörtlich: ich ficke deine Fotze)Google Scholar
  13. 13.
    dt.: bei GottGoogle Scholar
  14. 14.
    Mannheim definiert Konkurrenz als „Wettbewerb verschiedener Parteien“, die „mit der gleichen Zielsetzung“ (1964d, S. 572) antreten. Es kann in diesem Zusammenhang zu einer „Polarisation“ (ebd., S. 586) kommen, in der erfahrungsbezogene Gemeinsamkeiten der Konkurrenten — hier diejenigen der Migrationsgeneration — in den Hintergrund treten.Google Scholar
  15. 15.
    dt.: ist es nicht richtig?Google Scholar
  16. 16.
    Die Ausdifferenzierung der beiden Sphären bringt für die Jugendlichen in der Adoleszenz ein „Trennungsproblem“ mit sich, das nach Goffman (1977, S. 46) dann entsteht, „wenn auf eine Sache [hier: die Wohnung mit der Freundin; AMN] zwei verschiedene Perspektiven anwendbar sind, aber nur eine zum Zuge kommen soll“ (ebd., S. 91), genauer gesagt: kann.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. zur Rekonstruktion dieses Falles und insbesondere zur Entwicklungstypik: Bohnsack/Nohl 1998, S. 269–275.Google Scholar
  18. 18.
    dt.: Neunzig Prozent der Männlichkeit ist FlüchtenGoogle Scholar
  19. 19.
    dt.: Warum hast du (uns) bloß gestelltGoogle Scholar
  20. 20.
    Mannheim bezeichnet diesen Vorgang als „Kausalerklärung– bzw. „sinnfremde Kausalbestimmung–: „Es handelt sich hier stets um die Herausarbeitung all jener an und für sich sinnfremden (also nicht verstehbaren), sondern nur in ihrer Regelmäßigkeit beobachtbaren Abläufe, die zwar Vorbedingungen, aber nicht Voraussetzungen des zu interpretierenden Sinnzusammenhanges sind.– (1964c, S. 4040Google Scholar
  21. 21.
    dt.: erzähl mein SohnGoogle Scholar
  22. 22.
    dt.: und so haltGoogle Scholar
  23. 23.
    Zu den Geschlechterverhältnissen in der Gruppe Katze siehe Bohnsack/Nohl 2000c.Google Scholar
  24. 24.
    Zur Metapher der „Hänge– i. S. e. biographischen Auszeit s. Nohl 1996a, S. 94f.Google Scholar
  25. 25.
    Die Hiphopszene und ihre Bedeutung für die Jugendphase wird u. a. in den Dissertationen von Weller (2001) und Liell (2001) untersucht.Google Scholar
  26. 26.
    Darauf hat schon Thrasher (1963, S. 32) hingewiesen.Google Scholar
  27. 27.
    dt: Er vermengt es sehr schnell schau was sein Fuß machtGoogle Scholar
  28. 28.
    dt.: redetGoogle Scholar
  29. 29.
    dt.: wäre ich dort gewesen hätte ich seine Sippschaft geticktGoogle Scholar
  30. 30.
    Gerade darin, dass der 16jährige Gediz nicht auf eine solche basale Moral rekuriert (Z. 199), sondern direkt von körperlicher Gewalt spricht, deutet sich an, wie eng die Entwicklung einer solchen Moral an die Reorientierungsphase gebunden ist, in die Gediz noch nicht gekommen ist.Google Scholar
  31. 31.
    „In der Provokation dokumentiert sich ein nachhaltiger Vertrauensverlust in die Selbstdarstellung und Perspektive des anderen zugleich mit einem spezifischen Weg der Suche nach glaubwürdiger, authentischer Identität“, schreiben Bohnsack et al. (1995, S. 34), die mit den folgenden Worten Goffmans den „character contest“ beschreiben: Er „vollzieht sich auf dem Wege, ‚daß ein Spieler gegen eine moralische Regel verstößt, deren besondere Einhaltung zu sichern der andere Spieler moralisch verpflichtet ist‘ (Goffman 1971, S. 263)“ (ebd.).Google Scholar
  32. 32.
    Der Begriff des ‚Fremderkennens‘ erscheint angebracht, da ein Verstehen im Sinne der Wissenssoziologie Karl Mannheims auf bereits vorhandenen Homologien der Handlungspraxis und Erfahrung basieren würde (vgl. Kapitel 1.3.1).Google Scholar
  33. 33.
    Ich stütze mich hier u. a. auf Interpretationsvorschläge von Ursula Bredel.Google Scholar
  34. 34.
    Kokemohr (1989, S. 311f) definiert das uneingelöste Referenzversprechen als ein „so‘, das auf „etwas verweist, was weder im Text repräsentiert ist noch im Wissen der Gesprächspartner einfach abgerufen werden kann“.Google Scholar
  35. 35.
    dt.: Was heißt denn Respekt auf Deutsch Mann,Google Scholar
  36. 36.
    Jim ist zur Zeit der Erhebung 22 Jahre alt und macht sein Fachabitur nach, Tim macht keine Angaben zu seinem Alter, er besucht die 12. Klasse des Gymnasiums. Auch wenn die Gruppen Katze und Tiger hinsichtlich ihrer Mitglieder nicht identisch sind, so verfügen sie doch über eine gemeinsame Handlungspraxis am Ahrplatz. Während in der Gruppe Tiger jedoch ausschließlich aktive Tänzer an der Gruppendiskussion beteiligt sind, gibt es in der Gruppe Katze auch (integrierte) Zuschauer.Google Scholar
  37. 37.
    Um der Unbestimmtheit und Offenheit eines Begriffs, genauer gesagt seiner Bedeutung Ausdruck zu verleihen, kann im Türkischen sein erster Buchstabe durch ein „M“ ersetzt werden. Adäquat wäre dies mit dem Zusatz „und so“ zu übersetzen.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2001

Authors and Affiliations

  • Arnd-Michael Nohl

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