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Forschung zur Einwanderungsgesellschaft: Objektivismus — Konstruktivismus — Rekonstruktion

  • Arnd-Michael Nohl
Part of the Forschung Erziehungswissenschaft book series (FO ERZWISS, volume 112)

Zusammenfassung

In der rekonstruktiven Sozialforschung dient die Beschäftigung mit der gegenstandsbezogenen Literatur zunächst der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansätzen und Methodologien zur Erforschung eines Gegenstandsbereichs. In diesem Kapitel untersuche ich daher empirische und theoretische Arbeiten zu Lebensformen und sozialem Geschehen in der Einwanderungsgesellschaft unter besonderer Berücksichtigung ihres jeweiligen Forschungsansatzes. Damit möchte ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit der von mir angewandten Methodologie und Grundlagentheorie aufzeigen.

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Literatur

  1. 1.
    Dieses Interesse hat bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die Chicagoer Schule zu einer Reihe migrationssoziologisch sehr wichtiger Forschungsarbeiten veranlasst (vgl. hierzu Apitzsch 1999a u. Nohl 2001b).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. zur Kritik des Objektivismus (in der Forschung zum ‚abweichenden Verhalten‘) auch Bohnsack 2000.Google Scholar
  3. 3.
    Weitere konstruktivistische Analysen zum öffentlichen Diskurs haben Imhof (1996), Räthzel (1997), Yildiz (1997) und Nikodem et al. (1999) vorgelegt.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. für Dekonstruktionen der Ethnizität in der Wissenschaft die Beiträge in Dittrich/Radtke (1990a) und die Arbeiten von Steiner-Khamsi (1992), Llaryora (1994) und Radtke (1996a).Google Scholar
  5. 5.
    Da, wie Oevermann et al. (1983, S. 96) in dem von Bommes/Radtke angeführten Aufsatz schreiben, „die kleinste analytische Einheit der Handlungstheorien die Interaktion ist“, muss zu allererst deren „latente Sinnstruktur“ (ebd.) rekonstruiert werden.Google Scholar
  6. 6.
    Siehe ähnlich: Radtke (1985, S. 28) und Nikodem et al. (1999, S. 289).Google Scholar
  7. 7.
    Es finden sich hier sowohl grundlagentheoretische als auch gesellschaftstheoretisehe Argumentationen, die ich unter den Begriff der empirisch weder generierten noch überprüften Gegenstandstheorie fasse.Google Scholar
  8. 8.
    Solche Tendenzen zeigen sich auch und gerade dort, wo die Forscher keine publizierten Texte analysieren, sondern mit den Methoden der qualitativen Sozialforschung Erhebungen durchführen. Im Forschungsprojekt zur institutionellen Diskriminierung in Schulen etwa wurden Experteninterviews mit Schulleiter(inne)n durchgeführt. In deren „Entscheidungsmustern“ (Gomolla/Radtke 2000, S. 327) werden alleine die Organisationsprozesse der Schulen rekonstruiert, obwohl die Verfasser/in darauf hinweisen, dass auch „die individuellen Handlungsprämissen, mit denen die Akteure schulische Entscheidungssituationen bewältigen, ein wichtiger Erklärungsfaktor“ (ebd., S. 337) sind. In der Studie von Bukow zu allochthonen Kleinunternehmern wurden jene zwar innerhalb einer „biographisch zentrierten und self-orientierten Feldforschung“ (1994, S. 126, FN 40) interviewt, doch spart Bukow expressis verbis die persönlichen Umstände des Einwanderers aus und fokussiert „das, was sich dem Einwanderer als gesellschaftliche Normalität und Realität darbietet.“ (ebd., S. 128)Google Scholar
  9. 9.
    So lautet z. B. der Titel von Bukows Studie zu allochthonen Unternehmern (1994).Google Scholar
  10. 10.
    Diese Kritik an der „Partikularität des Konstruktivismus“ (Loos 1999, S. 15) steht der sehr berechtigten Kritik Radtkes an einem „pädagogisch halbierten Anti-Rassis-mus gegenüber, der erziehend auf den Menschen einwirken will und darüber ... die institutionelle Seite des Problems außer Reichweite verlegt“ (Radtke 1995, S. 856). Sie kann daher unter umgekehrten Vorzeichen zurückgegeben werden. Denn ein konstruktivistischer Ansatz, wie er von Radtke u. a. propagiert wird, läuft Gefahr, ein institutionell halbierter Anti-Rassismus zu werden, insofern er die interaktive, handlungspraktische Herstellung von Ethnisierung und ethnischer Diskriminierung unterbelichtet (vgl. hierzu auch Nohl 1996b).Google Scholar
  11. 11.
    Alle Eigennamen der empirischen Studie sind anonymisiert. Die Mitglieder der Gruppe Katze sind — wie fast alle von mir untersuchten Personen — männlich und im Durchschnitt neunzehn Jahre alt.Google Scholar
  12. 12.
    Diese Ebene des Kommunikativen mit ihren Stereotypisierungen arbeitet Räthzel (1998) in der detaillierten Analyse eines Interviews heraus, ohne sie gleichwohl so zu benennen. Auf die Ebene des Konjunktiven verweisen auch die Ausführungen von Nieke (1995, S. 43). Auf ähnliche Konvergenzen mit der interkulturellen Erziehungswissenschaft werde ich in weiteren Fußnoten hinweisen.Google Scholar
  13. 13.
    Im Anschluss an Mannheim erläutert Bohnsack den Zusammenhang von konjunktivem Wissen und unmittelbarem Verstehen am Beispiel eines Knotens: „Um den Knoten zu ‚verstehen‘, müssen wir seinen Herstellungsprozeß, den Prozeß der Fingerfertigkeit nachvollziehen können.“ (1999, S. 670 Sofern der Knoten nicht auf der Basis geteilter Handlungspraxis intuitiv erfassbar ist, muss er — ebenso wie andere kulturelle Gebilde — in wissenssoziologischer Analyse interpretiert werden.Google Scholar
  14. 14.
    Wittpoth (1994) und Gogolin (1994) haben den Begriff des Habitus in Bezug zu Fragen der interkulturellen Erziehungswissenschaft gebracht.Google Scholar
  15. 15.
    Für einen historisch-systematischen Überblick zu den Facetten des Milieubegriffs in den Sozial- und Raumwissenschaften siehe Matthiesen 1998.Google Scholar
  16. 16.
    Auf eine derartige Ebene zwischen der Makrostruktur öffentlicher Diskurse und der Mikrostruktur individueller Lebensweisen verweist auch die empirische Studie von Back et al. (1999) zu Gefahrenwahrnehmung und ethnischer Diskriminierung bei Jugendlichen. In dieser Mesostruktur der Milieus liegt der Unterschied zum, in den Sinus-Studien sowie bei Heitmeyer u. a. (1995) verwendeten, lebensstilorientierten Milieubegriff von Hradil (1992, S. 19), in dem „objektive Lebensbedingungen“ von „‚manifest subjektiven‘ Dimensionen“ entkoppelt werden (vgl. auch Abschnitt 1.1).Google Scholar
  17. 17.
    Zur Milieuneubildung in der Adoleszenz siehe auch Böhnisch (1994, S. 222), Bohnsack 1998, Bohnsack/Nohl 2000a und Nohl 2000b.Google Scholar
  18. 18.
    Zu den methodischen und methodologischen Aspekten der komparativen Analyse siehe Abschnitt 1.3.2. An anderem Ort habe ich die hier vorgelegte vergleichende Vorgehensweise rekonstruiert und systematisiert (s. Nohl 2001a).Google Scholar
  19. 19.
    Mit deren Rekonstruktion knüpfe ich — auf differenzierte Weise — an das Modell der Adoleszenzentwicklung an, das Bohnsack (1989) in der empirischen Rekon-struktion von Lehrlingsgruppen entwickelt hat. Danach zeichnet die Lehrlings-gruppen gegenüber den Gymnasiasten aus, dass in ihnen berufsbiographische Uberlegungen erst dann reflexiv angestellt werden, „wenn die Jugendlichen bereits im Berufsalltag stehen“ (ebd., S. 199). Im Übergang von der Schule zum Beruf befinden sie sich in einer „Phase der Suspendierung“ berufsbiographischer Pläne und geraten dann — nach einer kurzen „Entscheidungsphase“ — in eine Phase der „Enttäuschung“, insofern sich (unrealistische) Erwartungen an den Beruf nicht erfüllen lassen. Darauf folgt die „Negationsphase“, in der berufsbiographische Entwicklungspläne und -möglichkeiten gänzlich suspendiert werden. Nach diesem Höhepunkt der Adoleszenzkrise kommen die Jugendlichen in eine „Phase der Reorientierung“, in der vor allem berufsbiographische Pläne neu gefasst und in Angriff genommen werden (vgl. ebd., S. 199–216).Google Scholar
  20. 20.
    Obwohl es eine breite Forschung zu adoleszenten Migrant(inn)en gibt, konstatierte Herwartz-Emden noch, dass „eine Theorie der Adoleszenz unter der Bedingung von Einwanderung und Migration nicht zur Verfügung steht“ (1997, S. 903).Google Scholar
  21. 21.
    Der Begriff der Sphäre ist in der Interpretation der Gruppendiskussionen entwickelt worden (vgl. zuerst: Bohnsack/Nohl 1998) und hier als empirisch fundierte, formale Kategorie im Sinne von Glaser/Strauss (1967) zu verstehen.Google Scholar
  22. 22.
    Hinsichtlich der Migrant(inn)en stimme ich an diesem Punkt nicht mit Mannheims Argumentation überein, da dieser stets von einer individuellen Migration ausging und ihr daher nicht die Qualität einer kollektiven sozialen Lagerung zugestanden hat. Vgl. zu dieser Kritik Nohl 1996a, S. 26f.Google Scholar
  23. 23.
    Mannheim (1964b, S. 541ff) unterscheidet hier zwischen Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit. Eine Verbundenheit zwischen Menschen gleicher Lagerung, d. h. ein „Zusammenhang“, entsteht erst, wenn eine konkrete „Partizipation an den gemeinsamen Schicksalen“ (ebd., i. 0. k.) dieser Lagerung vorliegt. Sofern diese Schicksale auf die gleiche Art und Weise — möglicherweise in einer Gruppe — bearbeitet werden, lässt sich von einer „Generations-einheit“ sprechen. Innerhalb eines Generationszusammenhangs können also durchaus einander entgegengesetzte Generationseinheiten existieren.Google Scholar
  24. 24.
    Zwar hat Bröskamp (1993) als erster die Möglichkeiten einer praxeologischen Migrationsforschung austariert, er greift jedoch das Konzept eines mehrdimensionalen Habitus, wie es der von ihm zitierte Bentley entworfen hat, nicht auf, sondern ordnet die Migrant(inn)en als eine Gruppe mit „homogenen Existenzbedingungen“ (ebd., S. 183) einer spezifischen Klasse zu.Google Scholar
  25. 25.
    Mit einer Erweiterung der komparativen Analyse ließen sich noch weitere soziale Lagerungen, insbesondere die „Geschlechtslage“ (Meuser 1999, S. 16, vgl. auch Loos 1999) rekonstruieren. Eine Analyse der Geschlechterverhältnisse in der Migrationslagerung männlicher Jugendlicher haben Bohnsack et al. (2000) vorgelegt, bei Bohnsack/Nohl (2000c) werden diese Geschlechterverhältnisse auf die in meiner Arbeit gebildeten Typen der Migrationslagerung bezogen. Eine valide Analyse der Geschlechtslagerung würde allerdings einen Vergleich mit jungen Frauen nötig machen, der im Rahmen der Milieurekonstruktionen zu weiblichen Jugendlichen aus Einwanderungsfamilien noch zu leisten ist. Zu einheimischen jungen Frauen siehe die Arbeiten von Bohnsack (1989) und Breitenbach/Kausträter (1998) sowie Breitenbach (2000).Google Scholar
  26. 26.
    Dort, wo der Kulturbegriff der interkulturellen Erziehungswissenschaft neben unterschiedlichen „Ethnien“ auch „Religionen..., Geschlechter, Klassen oder soziale Schichten“ und Generationen (Hoff, o. J., S. 86) als „ineinandergreifende Kategorien“ (Herwartz-Emden 1997, S. 907) umfasst, trägt er dieser Mehrdimensionalität der Lebensformen Rechnung.Google Scholar
  27. 27.
    Der Begriff der einheimischen Lagerung erscheint mir in aller Vorläufigkeit und Offenheit am geeignetsten für die empirische Analyse. Demgegenüber ist der Begriff der „Autochthonie“ mit dem ‚Ursprünglichen‘ und Authentischen konnotiert, das dem Modernen gegenübergestellt wird (vgl. Reimann 1986).Google Scholar
  28. 28.
    Für einen vierten, in dieser Arbeit aufgrund seiner Sonderstellung im Sample nicht dargestellten Typus, jenen der „Exklusivität der inneren Sphäre’, s. Bohnsack/Nohl 1998 u. 2000c sowie Bohnsack et al. 2000.Google Scholar
  29. 29.
    Nebenbei bemerkt ist eine solche Diskrepanz der Erfahrungen auch für andere, etwa religiöse oder weltanschauliche Minderheiten vorstellbar. An diesem Punkt finden sich u. U. Konvergenzen von Migrations- und Minderheitenlagerung, was genauer zu erforschen wäre.Google Scholar
  30. 30.
    Nicht nur die Diskriminierten, auch die Diskriminierenden lassen sich in dieser methodologischen Position untersuchen, wie Bohnsack et al. (1995) und Weiß (1998) zeigen. Dadurch wird nicht der Rassismus relativiert, sondern in Relation zu dem Milieu gestellt, in dem er entsteht. Vgl. zu dieser Bedeutung des Relationierens Mannheim 1985, S. 77ff.Google Scholar
  31. 31.
    Auch Dannenbeck/Ldsch untersuchen die Ethnizität bei Jugendlichen hinsichtlich der diversen „Mechanismen ihrer Handhabung“ (1997, S. 25).Google Scholar
  32. 32.
    Auch sei darauf hingewiesen, dass der heuristische Begriff der Differenzerfahrung mit den eher theoretisch hergeleiteten Begriffen in der interkulturellen Erziehungs-wissenschaft (vgl. Kiesel 1996, Auernheimer 1995, im Überblick: Krüger-Potratz 1999) nicht unbedingt übereinstimmt.Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. hierzu die treffende Kritik von Bommes an einer qualitativen Migrationsfor-schung, die durch ihre rein immanente Interpretation einen Beitrag zur Ethnisierung der Migrant(inn)en leistet, indem sie deren „soziale Handlungsformen ... als kulturell spezifisch und im Anschluß an Teilnehmerkategorien als ethnisch“ (1996, S. 206) begreift. Demgegenüber ist laut Hamburger „die zentrale Forschungsfrage für erziehungswissenschaftliche Untersuchungen“, „wer in welcher Situation welche [u. a. ethnische; AMN] Kategorie verwendet“ (1999, S. 171).Google Scholar
  34. 34.
    Als Beispiel für eine solche zweistufige Interpretation, welche auch den in diesem Buch präsentierten Analysen zugrunde liegt, siehe Nohl 1996a, S. 163ff.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. zu diesen „mimetischen Formen empirischer Sozialforschung“ auch Amann/ Hirschauer 1997, S. 20.Google Scholar
  36. 36.
    Das Gruppendiskussionsverfahren wurde in der Fassung, wie es hier gebraucht wird, von Ralf Bohnsack (1989 u. 1999) entwickelt, wobei die Arbeit von Mangold (1972) als ein wichtiger Vorläufer zu betrachten ist. S. auch Loos/Schäffer 2000.Google Scholar
  37. 37.
    Auch die Soziolinguistik sucht nach einer Verknüpfung der Interaktionsanalyse mit der Rekonstruktion kultur- und milieuspezifischer „kommunikativer Stile“ (Gumperz). Vgl. hierzu programmatisch Knapp/Knapp-Potthoff 1990.Google Scholar
  38. 38.
    Insofern wird der performative Aspekt auch im biographischen Interview berück-sichtigt. Zum biographischen Interview „als Aktion“ siehe Wolbert (1995, S. 44), die diese Methode in der Forschung zu Remigrantinnen in sehr produktiver Weise mit der teilnehmenden Beobachtung verknüpft.Google Scholar
  39. 39.
    Matthes (1985b) etwa weist darauf hin, dass nicht in allen Kulturen die individuelle Gestaltung des Lebens und die individuelle Biographie im Vordergrund stehe. Doch finden sich in den von mir untersuchten Milieus auch Personen, die sehr ausführliche biographische Interviews geben (vgl. etwa das biographische Interview mit Bahrt von der Gruppe Idee, in Nohl 1999 u. 2001c).Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2001

Authors and Affiliations

  • Arnd-Michael Nohl

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