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Kollektive Generationsschicksale und historische Generationslagerungen. Sozialgeschichtliche Dimensionen im intergenerativen Vergleich

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Part of the Forschung Erziehungswissenschaft book series (FO ERZWISS, volume 103)

Zusammenfassung

Welche sozialgeschichtlichen Ereignisse sind für die drei Generationen bedeutsam, deren Lebensgeschichten in dieser Studie im Mittelpunkt stehen? Welches Generationsschicksal ist für die Generation der Großeltern, Eltern und Kinder bezeichnend? Diesen Fragen möchte ich im letzten Teil meiner theoretischen Überlegungen nachgehen. Es soll und kann hier natürlich nicht darum gehen, 90 Jahre Sozialgeschichte nachzuzeichnen. Vielmehr werden schlaglichtartig die wichtigsten historischen Ereignisse genannt und die Generationenverhältnisse kurz beschrieben, so daß ein sozialgeschichtlicher Einblick in die Generationslagerung und deren historische Generationsgestalten gegeben ist.

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Literatur

  1. 100.
    Habermas (1998) beschreibt das „kurze 20. Jahrhundert“ — von 1914 bis 1989 — als Zeitraum, in dem ein Krieg den anderen ablöst (1. Weltkrieg und Nachkriegszeit, 2. Weltkrieg und der sich anschließende kalte Krieg). Und dennoch lassen sich die beiden Weltkriege und die Zeit des Kalten Krieges nicht einfach summieren. Nach Habermas (1986, 1998) sind es gerade die Schrecken des 2. Weltkrieges, die nicht als “Vergangenheit, die nicht vergehen will” (Nolte 1986, zit. nach Habermas 1987, 115.) in die Geschichte eingereiht werden können. Im Historikerstreit der 80er Jahre hat Habermas zum Umgang mit dem Nationalsozialismus eindeutig dafür votiert, daß sich die NS-Zeit nicht ohne moralisches Verantwortungsgefühl aufarbeiten lasse (vgl. Habermas 1987, insb. 115–157).Google Scholar
  2. 101.
    Rosenthal (1989, 29) bezeichnet die zwischen 1906 und 1919 Geborenen als Jugendgeneration der Weimarer Republik.Google Scholar
  3. 102.
    Für die im folgenden genannten historischen Ereignisse vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 1992, insb. 357–401 (1. Weltkrieg); 402444 (2.Weltkrieg).Google Scholar
  4. 103.
    Heinemann (1988) zeigt die politische Bedeutung der Kriegsschuld- und Dolchstoßdiskussion differenziert auf.Google Scholar
  5. 104.
    Dennoch ist diese Phase der Stabilisierung trügerisch. Nach einem kurzzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung traf 1926 die kleine Weltwirtschaftskrise auch Deutschland, die Industrieproduktion sank auf 80% des Standes von 1913 (vgl. Peukert 1987, 124 ff).Google Scholar
  6. 105.
    Die Reformpädagogik hatte sich im wilhelminischen Deutschland ausgehend von der Kritik am Herbartialismus entwickelt. Verschiedene Strömungen kritisierten den Dogmatismus der Herbartianer und entwarfen andere reformpädagogische Ansätze, die das Kind als Subjekt (und nicht mehr als Objekt) in den Mittelpunkt stellten: z.B. die VertreterInnen der Individualpädagogik (Key, Gurlitt, Gansberg, Scharrelmann, Bonus), die eine ‚Pädagogik vom Kinde aus‘ propagierten, die Kunsterziehungsbewegung (Lichtwerk, Avenarius, Lamszus, Jensen, Wolgast), die sich auf die Aktivität des Lernenden bezogen und die Ästhetik als Zentrum der Selbstverwirklichung sahen und ausschließlich eine künstlerische Erziehung forderten. der Gegenentwurf zur Individualpädagogik waren die sozialpädagogischen Ansätze (Natorp, Rissmann, Petersen), die die Gemeinschaftserziehung favorisierten und davon ausgingen, daß die Gestaltung der Gemeinschaft durch die Bildung des Einzelnen ermöglicht werden könnte. Die ReformerInnen organisierten sich in Lehrervereinigungen und kritisierten die Schulbürokratie. Es wurden Debatten zur Gründung einer „Arbeitsschule“ geführt und Konzepte für die geistige und produktive Arbeit entwickelt usw. 1912 begann dann die Phase der Stagnation reformpädagogischer Entwicklungen, da sich die VertreterInnen kaum der erstarkenden ‚Kriegspädagogik‘ in den öffentlichen Schulen widersetzen konnten (vgl. Pehnke 1991).Google Scholar
  7. 106.
    Der Vorsitzende des Bundes war Paul Oestreich (1875–1959), ferner gehörten Anna Siemsen, Fritz Karsen, Wilhelm Paulsen, Elisabeth Rotten u.a. dazu. Der Bund existierte bis zum März 1933 (vgl. Wilhelm 1987, Pehnke 1991).Google Scholar
  8. 107.
    Auch im Hinblick auf das politische Lernen sollten sich Veränderungen ergeben, denn in der Weimarer Verfassung war die Einführung des Fachs Staatsbürgerkunde vorgesehen, daß jedoch nie allgemein verwirklicht wurde (vgl. Fend 1991).Google Scholar
  9. 108.
    Von der Jugendbewegung wurden sowohl Herman Nohl als auch Siegfried Bernfeld (vgl. Kapitel 5) stark beeinflußt.Google Scholar
  10. 110.
    Leider kann ich an dieser Stelle sowohl die bürgerliche Jugendbewegung als auch die vielen verschiedenen Verbände der Arbeiterjugend nur streifen. Es existieren einfühlsame und historisch überaus anschaulich aufgearbeitete Beschreibungen über die organisierte Jugend der Weimarer Republik (z.B. Breyvogel/Krüger 1987, Herrmann 1987) und über ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus (z.B. Breyvogel 1991).Google Scholar
  11. 110.
    Diese Argumentation wurde z.B. im Geschichtsunterricht bis in die 80er Jahre in der DDR als zentraler Ausgangspunkt genommen, um die “Schuld”-Frage am NS-Staat zu diskutieren (aufbauend auf der antifaschistischen Aktion im Herbst 1932 und des EinheitsfrontKomitees).Google Scholar
  12. 111.
    Der Widerstand gegen die Nationalsozialisten ging quer durch alle Klassen und Schichten: vom organisierten Widerstand bei den Bündischen (z.B. Edelweißpiraten und Gladbecker Kittelbachpiraten), in der Arbeiterbewegung und in den kirchlichen Organisationen, bis hin zum vereinzelten Kampf gegen die NS-Diktatur bei Künstlern und Schriftstellern, der Jugend- und Studentenopposition (z.B. Weiße Rose, Herbert-Baum-Gruppe), den traditionellen Eliten im Widerstand (z.B. Kreisauer Kreis, Strassmann-Gruppe) und dem militärischen Widerstand (Stauffenberg u.a.). Auch im Alltag wurde der Widerstand gegen die Nazis sichtbar (Flugblattaktionen, Kriegsdienstverweigerung, Hilfe und Schutz für Verfolgte), auch auf die Gefahr des eigenen Lebens hin (vgl. z.B. Benz 1994).Google Scholar
  13. 112.
    Diese Überlegungen sind in der Studie zum „autoritären Charakter“ (Adorno et al. 1973) ausgeführt (vgl. Kapitel 2).Google Scholar
  14. 113.
    Greiffenhagen ist der Ansicht, daß am Beispiel der Meißner-(“heiße-Luft”-)Formel “Die freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten” klar wird, daß diese Generation dezisionistisch entschlossen ist, also “die aus nihilistischer Ratlosigkeit geborene Philosophie des Daß unter Verzicht auf Angabe eines Was” zum inhaltlichen Kriterium werden (Greiffenhagen 1990, 61).Google Scholar
  15. 114.
    Rosenthal (1989) faßt diese Jahrgänge (1922–1930) unter dem Begriff der Hitlerjugendgeneration, ähnlich wie Wierling (1993) und Niethammer/von Plato (1985). Der Begriff der skeptischen Generation geht auf Schelsky (1959) zurück.Google Scholar
  16. 115.
    Ich nehme die wilhelminische Jugendgeneration hier auf, da sie teilweise die Elterngeneration unserer Großelterngeneration ist — also in familialer Folge die Urgroßeltern.Google Scholar
  17. 116.
    Diese Generation nimmt in der Geschichte der beiden deutschen Staaten eine zentrale Position ein. Innerhalb meiner Generationenlinie ist sie die Zwischengeneration inmitten der älteren und der jüngeren Generation. Diese Generation hat im Osten Deutschlands 40 Jahrelang alle führenden politischen Positionen besetzt und die DDR bis zu ihrem Untergang regiert. Sie haben an der Erziehung der nachfolgenden Generationen als LehrerInnen und AusbilderInnen entscheidend mitgewirkt. Im Westen Deutschlands hat diese Generation die politischen Diskurse beeinflußt und zeitweise die Regierung aus ihren Reihen gestellt.Google Scholar
  18. 117.
    Nach dem Beschluß auf der Jalta-Konferenz im Februar 1945 sollte Deutschland geteilt werden, so daß „‘Deutschland nie mehr imstande sein wird, den Frieden der ganzen Welt zu stören‘“ (Steininger 1998, 3). Diese Teilungspläne wurden jedoch schon in der Siegesrede von Joseph Stalin am 9. Mai 1945 verworfen, der noch im Februar den Plänen zugestimmt hatte. Deutschland wurde von nun an von den Vier Mächten regiert.Google Scholar
  19. 118.
    In der Region Sachsen-Anhalt waren die Sowjets die zweite Besatzungsmacht nach den Amerikanern.Google Scholar
  20. 119.
    Niethammer/von Plato/Wierling (1991) beschreiben die Jugendgeneration der Weimarer Republik und die Angehörigen der HJ-Generation, also die Jahrgänge 1906–1929, als Aufbaugeneration der DDR. Diese Differenzen sind daher zu erklären, daß — je nach Sicht auf die Ereignisse und das empirische Material — sich generationsbildende Einheiten unterschiedlich abzeichnen. Fischer-Rosenthal (1995) versucht es mit der Bezeichnung „Gruppe 50-Plus“, also allen, die 50 Jahre und älter sind. Die Obergrenze dieser Generationengruppe ergibt sich biologisch. Aus meiner Sicht sind solche ‚Generationengruppen‘Konstellationen wenig klärend, zumal aus der Sicht biographisch-rekonstuierter Prozesse der politischen Sozialisation sich hier wieder fragen läßt, ob man nun Kohorten oder Generationen betrachtet (vgl. hierzu Kapitel 5).Google Scholar
  21. 120.
    Rosenthal (1994) spannt in diesem Zusammenhang eine familienzyklische Generationenfolge zwischen der Weimarer Jugendgeneration (Großeltern), der Kriegskinder-Generation (Eltern) und der Enkelgeneration ‚zwischen Konsum und Krise‘ (geb. 1962–1970) auf.Google Scholar
  22. 121.
    Lebensmittel und Kleidung wurden bis 1958 durch Karten rationiert (vgl. Staritz 1985).Google Scholar
  23. 122.
    Es lassen sich zwei Etappen der Schulreform in der DDR unterscheiden: die erste Etappe beginnt 1946 und wurde als antifaschistisch-demokratische Schulreform bezeichnet; die zweite Etappe in der Phase „Aufbau des Sozialismus“, beschlossen auf der 2. Parteikonferenz 1952, sollte die „deutsche demokratische Schule“ in die „sozialistische Schule“ umbenannt werden.Google Scholar
  24. 123.
    Problematisch war für die Regierung vor allem die Einsicht, daß Walther Ulbricht im Zeichen des „Neuen Kurses“ von den Sowjets möglicherweise abgelöst werden sollte. In der UdSSR galten Berija und Malenkow als Drahtzieher des Ulbrichtsturzes, in der DDR sammelte sich die SED-Opposition um Wilhelm Zaisser (Minister für Staatssicherheit) und den Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ Rudolph Herrnstadt. Nach Berijas Sturz am 25. Juni 1953 konnte Ulbricht seine Macht festigen und seine Widersacher aller Ämter entheben (vgl. Kleßmann 1991).Google Scholar
  25. 124.
    Charaktereigenschaften der (allseitig entwickelten) sozialistischen Persönlichkeit waren: fester Klassenstandpunkt, Kollektivgeist, sozialistischer Internationalismus, hohes berufliches Können und hohe Allgemeinbildung.Google Scholar
  26. 125.
    Am 7. Oktober 1974, dem 25. Jahrestag der DDR, wird die Verfassung der DDR geändert: Das Bekenntnis zur „deutschen Nation“ wird künftig in die Staatsangehörigkeit „sozialistische Nation“ und in die Volkszugehörigkeit „deutsche Nation“ unterschieden, um die Staaten völkerrechtlich voneinander zu differenzieren. Honecker drückte das in den Worten aus: „Zwei Nationen — zwei Staatsbürgerschaften — eine Nationalität“ (Lehmann 1996, 237).Google Scholar
  27. 126.
    Das waren z.B. Bernd Jentzsch, Manfred Krug, Thomas Brasch, Sarah Kirsch, Erich Loest, Jurek Becker, Reiner Kunze, Ralph Winkler (A.R. Penck). Robert Havemann wurde unter Hausarrest gestellt.Google Scholar
  28. 127.
    Etwa Erika Berthold, die in die SED eintrat und im Herbst 1989 für eine Veränderung der DDR-Strukturen eintrat. Ein typisches Beispiel ist auch Rudolf Bahro, der für sein Buch „Die Altemative“ zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde (vgl. Simon 1997).Google Scholar
  29. 128.
    Die These vom Mentalitäts- und Wertwandel geht auf die Untersuchungen von Inglehart (1977) zurück. Inglehart hat — ausgehend von der Bedürfnispyramide nach Maslow — in seinen Untersuchungen festgestellt, daß nachfolgende Generationen bestimmte Erfahrungen nicht machen und deshalb andere Bedürfnis- und Relevanzstrukturen entwickeln als die älteren Generationen. Blicken wir auf das vorliegende Fallmaterial, so können wir die These von Inglehart in vollem Umfang anwenden: Die mittlere Generation, die Elterngeneration im Sample, erlebte in ihrer Kindheit Hunger und Not und entwickelt deshalb in der Folge eine materialistische Orientierung. Die jüngere Generation wird in eine Zeit hineingeboren, in der materielle Grundlagen geschaffen worden sind. Deshalb können sie sich eher an postmaterialistischen Werten orientieren (vgl. Inglehart 1989, Eckert 1989).Google Scholar
  30. 129.
    Die Zeitschrift wurde verboten, weil in einem Artikel Stalin als Gehilfe Hitlers bezeichnet wurde.Google Scholar
  31. 130.
    Im folgenden stütze ich mich auf die Ausführungen von Joas/Kohli (1993, 12 ff), die eine Typologie der Erklärungen vorgelegt haben und an die Ausführungen von Mayer (1995, 352 ff). Mayer entwirft eine Typologie der verschiedenen Erklärungsansätze, die sich am Herkunftort der ForscherInnen (Ost/West) und den verschiedenen Theorien zur DDR und des Transformationsprozesses orientieren, während Joas/Kohli soziologische Wissenschaftskategorien in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellen.Google Scholar
  32. 131.
    Huinink (1995) nähert sich der Frage nach der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft in der DDR, in dem er zwischen drei Betrachtungsperspektiven unterscheidet, da er nicht das autoritäre System des SED-Staates mit einem ohnmächtigen Verhalten der DDR-BürgerInnen gleichsetzt. Er unterscheidet drei Perspektiven: (a) einer Darstellung der Beziehung von Individuum und Gesellschaft im ideologischen Anspruch der politischen Machtelite; (b) diese Beziehung (möglicherweise kontrastierend) vor dem Hintergrund faktischer staatlicher Strategien und Handlungsweisen den Bürgern gegenüber zu untersuchen und (c) das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern aus der Sicht der Bürgerinnen selbst zu thematisieren (Huinink 1995, 25).Google Scholar
  33. 132.
    Oder wie Niethammer es einmal mit Rückgriff auf ein Luxemburg-Zitat formuliert hat: „Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst“ (Niethammer 1985).Google Scholar
  34. 133.
    Zugrunde liegt die KSPW-Repräsentativumfrage von Januar-März 1993, in der 2.125 Personen ab 18 Jahren in Berlin (Ost) und den fünf neuen Ländern mittels standardisierter Interviews befragt wurden (vgl. Bertram 1995, 309).Google Scholar
  35. 134.
    Die Bezeichnung Hedomat ist vom Hedonismus [grch. hedone, „Lust“] abgeleitet. Hedonistisch orientierte Menschen sind danach vom Lustprinzip geleitet, das für sie den Endzweck des Handelns darstellt. Dabei bedeutet Lust oft mehr als nur sinnliche Lust, etwa materieller Wohlstand und Konsumorientierung.Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 2000

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