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Politische Sozialisationsprozesse in der Familie

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Part of the Forschung Erziehungswissenschaft book series (FO ERZWISS, volume 103)

Zusammenfassung

Folgt man den theoretischen Ansätzen und empirischen Ergebnissen zum Einfluß der Familie auf den Prozeß der politischen Sozialisation, so stellt sich auf den ersten Blick eine verwirrende Widersprüchlichkeit ein. Auf der einen Seite finden sich Befunde, in denen der familiale Einfluß auf den politischen Sozialisationsprozeß als sehr stark eingeschätzt wird, auf der anderen Seite wird die Familie als relativ unwirksame politische Sozialisationsinstanz gegenüber anderen Einflußgrößen wie die Schule, die Gleichaltrigen etc. eingestuft. Ein Grund für diese paradoxen Aussagen zum Einfluß der Familie auf den politischen Sozialisationsprozeß ist darin zu suchen, daß mit verschiedenen Theorieansätzen wie der Psychoanalyse, den struktur-funktionalistischen Ansätzen, interaktionistischen und handlungstheoretischen Ansätzen als auch Lern- und Bildungstheorien versucht wurde zu erklären, wann und wie sich der politische Sozialisationsprozeß vollzieht. Ein weiteres Problem ergibt sich aus den Fragestellungen, die bei der Erforschung der politischen Sozialisation von Bedeutung waren und sind. So wird häufig nach dem Grad von Systemkonformität, dem Wahlverhalten, politischen Einstellungen und Orientierungen gefragt. Zudem stehen Fragen nach politischen Aktivitäten von Männern und Frauen im Mittelpunkt verschiedener Untersuchungen.

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Literatur

  1. 2.
    Zur definitorischen Grenzziehung: Individuen, die den Sozialisationsprozeß durchlaufen, werden als Sozialisationssubjekte bzw. Sozialisanden bezeichnet; Institutionen oder Organisationen (Familie, Schule etc.), die den Sozialisanden die Sozialisationsinhalte (Normen, Werte, Fahigkeiten, Kenntnisse etc.) vermitteln, werden als Sozialisationsagenturen bzw. Sozialisationsinstanzen verstanden und die Personen, die die Sozialisationsinhalte vermitteln, sind die Sozialisationsagenten oder Sozialisatoren (vgl. Greiffenhagen 1981).Google Scholar
  2. 3.
    Vgl. zum Forschungsstand Görlitz 1977, ängle 1978, Greiffenhagen et al. 1981, Claußen und Wasmund 1982, Lemke 1991, Heitmeyer und Jacobi 1991, Claußen und Geißler 1996, Hopf/Hopf 1997.Google Scholar
  3. 4.
    Die Überlegungen zur Autoritat in der Familie von Horkheimer erschienen 1936. 1943 begannen Stanford und Levinson mit der Entwicklung einer Skala zur Messung antisemitischer Orientierungen; Else Frenkel-Brunswick interessierte sich in dieser Zeit für biographische Forschung vor dem Hintergrund der Psychoanalyse; 1944 begann dann die Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsgruppe um Stanford und dem Institut für Sozialforschung (Horkheimer, Adorno und Fromm), vgl. Hopf/Hopf 1997.Google Scholar
  4. 5.
    Vgl. hierzu und im folgenden Nyssen 1973, Görlitz 1977, Lemke 1991, Hopf/Hopf 1997.Google Scholar
  5. 6.
    Unterstützung wird als Zutrauen, Vertrauen und Zuneigung definiert; positive Unterstützung ist dann Zuneigung, negative Unterstützung ist Abwendung (vgl. Görlitz 1977).Google Scholar
  6. 7.
    Pawelka (1977) diskutiert das Konzept von Easton und Dennis ausführlich.Google Scholar
  7. 8.
    Die theoretischen Ansätze und empirischen Forschungen der 60er und 70er Jahre sind in zahlreichen Arbeiten zur politischen Sozialisation theoriegeschichtlich eingeordnet und diskutiert worden (vgl. Nyssen 1973, Pawelka 1977, Görlitz 1977, Zängle 1978, Kulke 1980, Greiffenhagen 1981, Claußen/Wasmund 1982, Lemke 1991, Kelle 1993, Claußen/ Geißler 1996, Hopf/Hopf 1997).Google Scholar
  8. 9.
    Hess und Torney entwickelten verschiedene Lernmodelle, um den politischen Sozialisationsprozeß nachzuzeichnen. Dabei unterscheiden sie vier Formen des Lernens, das Akkumulationsmodell, das interpersonale Transfermodell, das Identifikations- und das kognitive Entwicklungsmodell. Mit Hilfe dieser Lernmodelle gehen Hess und Torney davon aus, den Erwerb, die Stabilisierung und den Wechsel politischer Einstellungen unter verschiedenen Untersuchungsbedingungen (verschiedene Regionen oder unterschiedliche Zeiten) analysieren zu können (vgl. Wasmund 1982b).Google Scholar
  9. 10.
    Zängle hat in einer differenzierten Analyse nachgewiesen, daß die traditionellen Studien zur politischen Sozialisation, wie sie von Hess und Torney oder Jennings und Niemi durchgeführt wurden, so nicht haltbar sind. Damit verwirft er die Kristallisationsthese und stellt erneut die Frage, welches die entscheidenden Einflüsse auf die Herausbildung politischer Einstellungen sind und wann sich politische Orientierungen manifestieren (vgl. Zangle 1978).Google Scholar
  10. 11.
    Die Altersgruppenvergleiche von Hess und Torney regten andere Untersuchungen an, in denen familiale und schulische Einflüsse auf den politischen Sozialisationsprozeß untersucht wurden, z.B. Renshons Persönlichkeitsuntersuchungen (1975) oder Jennings und Niemis Kohortenvergleich (1974).Google Scholar
  11. 12.
    Ähnliche Kritik an den amerikanischen Ansätzen äußert auch Görlitz, der aufzeigt, daß die Studien der 60er Jahre in der politischen Sozialisationsforschung lediglich systemunterstützend angelegt seien und eine affektive Identifikation von Kindern mit politischen Positionsinhabern und gesellschaftlichen Institutionen unterstellen, nicht aber hinterfragen (vgl. Görlitz 1977).Google Scholar
  12. 13.
    Diese Kritik ist in der Biographieforschung bspw. von Manfred Wannöffel (1985) aufgegriffen worden. Wannöffel bezieht sich auf die Kritik von Preuß-Lausitz (1983) und versteht politische Sozialisation als weitgefaßten Begriff, mit dem man nur im „Analyserahmen des mehrdimensionalen Sozialisationsprozesses zu aussagekräftigen Ergebnissen über politisch relevante Motive, Einstellungen und Verhaltensweisen“ (ebd., 21) gelangen kann. Damit sei jede Art von Sozialisation grundsätzlich zunächst auch politisch relevant.Google Scholar
  13. 14.
    Ausnahmen sind die Studien aus der Psychologie, wie sie etwa in der Attachmentforschung von Mary Main et al. oder in den psychologischen Entwicklungsstudien zur moralischen Entwicklung von Gertrud Nunner-Winkler und Rainer Döbert vorgelegt wurden (vgl. Hopf/Hopf 1997).Google Scholar
  14. 15.
    Hier sind vor allem die Arbeiten von Gertrud Nunner-Winkler und Rainer Döbert zu nennen, die in Hopf/Hopf (1997, 120 ff.) aufgeführt und diskutiert werden.Google Scholar
  15. 16.
    Ich gehe an dieser Stelle ausführlicher auf den Aufsatz von Wasmund ein, weil im ‚Neuen Handbuch‘ der politischen Sozialisation (Claußen/Geißler 1996) mehrfach auf die Gedanken von Wasmund (1982) im Zusammenhang mit der politischen Sozialisation in der Familie verwiesen wird (vgl. vor allem Claußen 1996; Geißler 1996).Google Scholar
  16. 17.
    Dabei entwickelt sich Kompetenz bei den Subjekten, mit der sie (im Idealfall) sowohl prinzipiengeleitet als auch situationsadäquat handeln können.Google Scholar
  17. 18.
    Unklar bleibt bei Wasmund, warum die Familie im Erwachsenenalter kaum noch Bedeutung für politische Einstellungen haben soll. Denn mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter reißt ja die Bindung zur Herkunftsfamilie nicht ab, sondern sie bleibt weiterhin bestehen, wenn auch oft auf einer qualitativ neuen Stufe der Beziehungen.Google Scholar
  18. 19.
    Hier wäre m.E. grundsätzlich nach der methodischen Vorgehensweise zu fragen, da politische Sozialisationsprozesse nicht qua Geschlecht „vererbt“ werden, sondern für Prozesse politischer Sozialisation ist die Kommunikation in der familialen Konstellation zentral.Google Scholar
  19. 20.
    Auch Geißler weist auf die politischen Gespräche im Familienkreis hin und vertritt die Ansicht, daß sich politische Kommunikation in der Familie schichtspezifisch vollzieht (Geißler 1996, 55). Politische Diskussionen in den Familien sind nach Geißler spontan und ungeplant: „man unterhält sich über spektakuläre oder wichtige politische Ereignisse und Probleme, über Persönlichkeiten der politischen Szene“ (Geißler 1996, 55).Google Scholar
  20. 21.
    In den Studien zu rechtsextremen Orientierungen bei Jugendlichen wurde der Familie eine entscheidende Rolle zugesprochen (z.B. Oesterreich 1974, 1993; Heitmeyer 1987, 1992, 1995; C. Hopf 1990, 1992, 1993; C. Hopfet al. 1995; W. Hopf 1991). Gegenstand der Untersuchungen waren hier vor allem autoritäre Familienbindungen und Elternidealisierung.Google Scholar
  21. 22.
    Erschwerend kommt noch hinzu, daß die individuelle Auseinandersetzung mit und das Interesse an Politik immer noch in weiten Teilen als ‚privates Vergnügen‘ angesehen wird, denn wie Schulze bereits 1977 resümierte, ist die politische Teilnahme nach wie vor keine Dimension des gesellschaftlichen Bezugssystems, das als normativ verbindlich erklärt werden kann: „Politik ist eine Erlebnisquelle, die mit anderen Erlebnisquellen austauschbar ist“ (Schulze 1977, 163).Google Scholar
  22. 23.
    Selbst in dem von Claußen und Geißler (1996) veröffentlichten neuen Handbuch, in dem Claußen den Politisierungsbegriff fordert, findet sich in keinem der Artikel der Politisierungsbegriff statt des Begriffs der politischen Sozialisation.Google Scholar
  23. 24.
    Vgl. ausführlich zum theoretischen Hintergrund dieser Studie C. Hopf et al. 1995, 11–21, auch Hopf/Hopf 1997.Google Scholar
  24. 25.
    In ihrer quantitativen Studie zeigt sich, daß unter den Ostberlinern mehr als doppelt so viele ein hohes Autoritarismus- und Entfremdungsniveau aufweisen als unter den Westberlinem (vgl. Schöbel 1997, 179).Google Scholar
  25. 26.
    Fuchs (1998) greift z.T. ebenfalls auf diejenigen Studien zurück, die sich mit dem Konzept der politischer Kultur im Zusammenhang mit dem Strukturkonzept gesellschaftlicher Systeme beschäftigten und die ich in der Rezeption der amerikanischen politischen Sozialisationsforschung in 1.2 kurz angerissen habe. Dabei ist für ihn das Konzept von Almound und Verba als auch das Konzept von Easton zentral, die er mit neueren Ansätzen zur Struktur politischer Systeme verbindet, wie sie in der politischen Soziologie zu finden sind (vgl. Fuchs 1998, insb. 2–7). Allerdings hat das Konzept von Fuchs eine andere Stoßrichtung, denn er fragt danach, wie stabil die Akzeptanz des demokratischen Systems bei der westdeutschen im Vergleich zur ostdeutschen Bevölkerung ist (ebd.).Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 2000

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