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‘Sicherheit’ und soziale Kontrolle im städtischen Raum — eine Einführung

  • Hubert Beste
Chapter
Part of the Reihe: Studien zur Inneren Sicherheit book series (SZIS, volume 3)

Zusammenfassung

Als wir Ende der 80er Jahre Überlegungen hinsichtlich einer Entwicklung anstellten, die damals als “Privatisierung sozialer Kontrolle” begrifflich eingeordnet wurde, ahnten wir noch nicht, daß sich damit eine Menge weiterer Probleme einstellen würden. Einigermaßen neugierig und naiv an die Sache herangegangen, dachten wir zunächst, daß dieser “neue” Prozeß auf eine weitere Ausdifferenzierung der Sozialkontrolle im öffentlichen Raum hinausläuft, die sich auf die verstärkte Risikoproduktion in Staat und Gesellschaft sowie auf den Zusammenhang von Sicherheit als Ware und Dienstleistung gründet. Schnell wurden wir dahingehend belehrt, daß etwa eine Privatpolizei bereits im 19. Jahrhundert zur Niederschlagung von Bergarbeiterstreiks eingesetzt wurde und daß die Annahme, nach der “Sicherheit” zunehmend Warencharakter annimmt, im fortgeschrittenen realexistierenden Kapitalismus keine allzu revolutionäre Einsicht darstellt. Schließlich war es immer schon so, daß jene gesellschaftlichen Gruppen und Schichten, die nicht unbedingt auf jeden Pfennig zu achten hatten, eigene und bisweilen sehr “handfeste” Vorkehrungen zum Schutz ihrer Person und ihres Eigentums trafen. In früheren Zeiten wahrscheinlich noch deutlich “vigilantistischer” als in einer Epoche, in der die gewaltmonopolistische Eingrenzung von staatlicher Seite deutliche Spuren hinterläßt (vgl. nur Johnston 1992; Shearing 1992; Jones/Newburn 1998, S. 19 ff).

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. Lash, S./Urry, J.: Economies of Signs and Place, London 1994 (Sage). Sie beginnen ihre Studie mit der Frage: “Who now reads Marx?” und nehmen in dem Abschnitt über “ungovernable spaces” ausdrücklich Bezug auf die pointierte Analyse von Mike Davis 1990 (vgl. ebda., S. 165 ff.).Google Scholar
  2. 2.
    Andererseits zeigt sich aber auch deutlich, daß — von den U.S.A. einmal ganz abgesehen — praktisch alle westeuropäischen Staaten in den 90er Jahren eine zunehmend repressiver werdende Auschließungspolitik betreiben (gemessen anhand der Inhaftierungszahlen; vgl. Taylor 1998, S. 31; zur extensiven Inhaftierungspolitik in den U.S.A. sehr aufschlußreich: Stern 1998; Chambliss 1999; Parenti 1999).Google Scholar
  3. 3.
    Der Spiegel v. 19.9.1966, S. 79 ff.; zit. n. Runze 1977, S. 275.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. dazu das an die Vernunft nationaler Politik appellierende Manifest der Oberbürgermeister “Rettet unsere Städte — jetzt!”, herausgegeben von G. Kronawitter, Düsseldorf u.a. 1994.Google Scholar
  5. 5.
    In 17 von den 25 größten US-Metropolen ist die Kriminalität zum Teil sehr deutlich rückläufig (FBI index crimes; 1993–96), während sie nur in 8 Städten anwuchs (vgl. Young 1999, S. 126).Google Scholar
  6. 6.
    Siehe dazu etwa die im Auftrag der Bundesregierung erstellte vierbändige Studie der sog. “Gewaltkommission” (Schwind u.a. 1990), in der das Thema in unterschiedlichster Variation abgehandelt und disziplinär ausgebreitet wird. Als neuere Arbeiten zum Straßenprotest sind Balistier 1996 und Roth 1997 zu nennen, die auch zahlreiche weiterführende Hinweise enthalten.Google Scholar
  7. 7.
    Im Zusammenhang mit der damaligen Randale ist auf die hervorragende Studie von Bill Buford, “Geil auf Gewalt — unter Hooligans” (1992), hinzuweisen, die einen anderen Gewaltaspekt beschreibt: “Es war nun endlich elf Uhr, jemand rief zur letzten Bestellung auf (…), und ich rechnete aus, daß ich außer einer Portion Fish’n’ chips und einem völlig unverdaulichen Cheeseburger zwei Büchsen Lager und acht Halbe Bitter intus hatte. Allerhand, fand ich, ich hatte mich wacker gehalten. Und dazu sagte Mick, ich würde nicht gerade viel trinken! Von ihm konnte man das jedenfalls nicht behaupten. Er merkte sich nicht genau, was er alles schluckte, aber mir machte es soviel Eindruck, daß ich mitzählte. Außer einer Zeitungstüte voll Fish’n’ chips, zwei Cheeseburgern, zwei Fleischpasteten, vier Beuteln Kartoffelchips mit Schinkengeschmack und dem indischen Mitnehm-Gericht, das er sich auf dem Weg zum Bahnhof noch besorgen wollte, waren es: vier Büchsen Harp-Lager, ein großer Teil von einer Flasche Tescos Wodka und achtzehn Halbe Bitter. Als die Kneipe zumachte, nahm Mick noch vier Büchsen Lager für die Heimfahrt mit” (S. 31; Hervorh. i. Orig.). In Turin kam es anläßlich des Europacup-Spiels gegen Manchester United zu einer Straßenschlacht mit Polizei und italienischen Anhängern: “Ich holte mir ein Bier und setzte mich in eine Ecke. Die Fans lagerten auf dem Boden oder lehnten an den Wänden; sie pflegten ihre Wunden — meistens an den Händen -, die noch bluteten und mit T-Shirts umwickelt waren. Trotz der Erschöpfung — eine Groß-Stadt zu verwüsten kostet schließlich einige Mühe — war es eine lebhafte Versammlung mit lautem Geschimpf und Gestöhn. In der Grobheit dieser Leute lag ihre Vitalität, und sie waren sehr grob; sie waren auf Grobheit eingeschworen wie auf eine moralische Devise. Die rund vierhundert Fans wurden von nur zwei Kellnerinnen bedient, und einen schlimmeren Arbeitstag hätten die beiden Frauen nicht haben können. Als die eine ein Tablett Flaschen mit Lagerbier brachte — in Ausfuhrung des Befehls: ‘He, du Flittchen, bring uns mal ein paar Bier!’ -, holte ein Fan seinen Penis heraus und wedelte ihr damit vor dem Gesicht herum. Ein anderer warf ihr beim Zahlen das Geld vor die Füße” (S. 106 f.).Google Scholar
  8. 8.
    In dieser Weise äußerte sich Richard Sennett in einem Gespräch (zus. m. Saskia Sassen) mit Martin Meggle: “Denationalisierung der Armen, Postnationalisierung der Eliten”, in: Frankfurter Rundschau v. 10.7.1999.Google Scholar
  9. 9.
    Ein deutlicher Anstieg der Kriminalitätsfurcht wurde allerdings zu Beginn der neunziger Jahre für die neuen Bundesländer diagnostiziert (in erster Linie aufgrund der sozialen Umbruchsituation), wobei sich dieses Anwachsen inzwischen jedoch wieder relativiert hat (vgl. Reuband 1999; auch Bilsky 1997; Boers 1997).Google Scholar
  10. 10.
    Abgedruckt in: The British Journal of Criminology, Vol. 36, No. 4 (Autumn 1996), S. 445–471. Die weiteren Ausführungen dieses Abschnitts beziehen sich in erster Linie auf diesen Beitrag.Google Scholar
  11. 11.
    “The culture of high crime societies”; vgl. dazu auch: David Garland, Crime Control and Culture. New York University, School of Law and Department of Sociology, 1999, 34 S. (unv. Ms.).Google Scholar
  12. 12.
    Erfreulich kritisch zu den “Politischen Funktionen Kommunaler Kriminalprävention”: Frehsee 1998.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Garland 1999, S. 30; er spricht in diesem Zusammenhang auch von einer “society of strangers”, die neue Grenzen und verbotene Zonen entstehen läßt. Diese Art von Kulturpessimismus trifft m.E. die reale Situation allerdings nur unzureichend. Denn man sollte die konkreten gesellschaftlichen Kräfte sowie supranationalen Interessenkonstellationen ins Blickfeld rücken, die für den Aufbau der neuen Demarkationslinien verantwortlich sind.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Young, J.: The Exclusive Society. Social Exclusion, Crime and Difference in Late Modernity, London/Thousand Oaks/New Delhi 1999 (Sage); vgl. auch Young 1998.Google Scholar
  15. 15.
    In einer hochinteressanten komparativen Studie über urbane Exklusion in Chicago und Paris kommt Wacquant (1995, S. 560) zu dem Ergebnis, daß gerade eine staatliche Aufgabenentledigung (“state abandonment”), wie sie in den U.S.A. verbreitet ist, die Hauptursache für die Entstehung homogener rassischer Enklaven darstellt, die es in dieser Form in ganz Europa nicht gibt.Google Scholar
  16. 16.
    Interview, abgedruckt im Magazin für Popkultur “spex”, Nr. 7/1998, S. 40 f.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. dazu Bürgerrechte und Polizei, Heft 1/1999 (Cilip 62); insbesondere: Pau/Schubert, Bundesgrenzschutz. Eine omnipräsente und omnipotente Bundespolizei?, S. 18 ff.; übergreifend: Lange 1999; Frehsee 1997; 1999.Google Scholar
  18. 18.
    Zur Widersprüchlichkeit der “Gewalt” bzw. des “Gewaltmonopols” im bürgerlichen Staat vgl. zuletzt sehr instruktiv: Steinert 1998a; Brüchert/Steinert 1998.Google Scholar
  19. 19.
    In den U.S.A. wird bereits seit einigen Jahren vom sog. “warehousing” der Inhaftierten geredet.Google Scholar
  20. 20.
    Hierfür steht etwa der in den U.S.A. wieder eingeführte Pranger.Google Scholar
  21. 21.
    Auf diese Weise wird Kriminalität zu einem politischen Dauerbrenner. Frehsee (1998, S. 752) bezeichnet sie auch als “politisches Superthema”: “So bietet kommunale Kriminalprävention dem Bürger die Verheißung, Herrschaft über den eigenen Lebensraum zurückzugewinnen”.Google Scholar
  22. 22.
    Ein von der EU gefördertes Verbundprojekt unter der Leitung von Heinz Steinert befaßt sich seit dem 1.1.1999 mit Strategien des sozialen Ausschlusses (“social exclusion as a multidimensional process”) in sieben europäischen Staaten (Österreich, Deutschland, Spanien, Großbritannien, Italien, Niederlande, Schweden). Eine komprimierte Projektbeschreibung und Ausgangsanalyse findet sich in: Steinert, H. (Hg.), Politics against Social Exclusion. CASE-Project Opening Conference, Vienna, December 3/4, 1998, Project Papers No. 1 (zu beziehen über: http://vvww.rz.uni-frankrurt.de/fb03/devi/case/). Vgl. auch die beiden Folgebände: Steinert, H. (ed.): State of Social Policy. Report on the scientific literature in Austria, England, Germany, Italy, Netherlands, Spain, and Sweden. CASE-Project Papers No. 2 (Volume 1 and 2), Vienna 1999 (Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie).
  23. 23.
    Nach Christie (1993) ist die Kriminalitätsbranche mit den Erscheinungsformen der australischen Kaninchen oder der norwegischen wilden Minze zu vergleichen. Sie hat nur wenige natürliche Feinde, ihr mangelt es nicht an entsprechendem (menschlichem) Reservoir. Im Rahmen ihrer hohen gesellschaftlichen Anerkennung ist sie gerade nicht mit unangenehmen Begleit- und Folgeproblemen wie etwa Umweltzerstörung belastet: Sie ist eine Sauberkeitsindustrie, die sozialschädliche Elemente aus dem System entfernt. Sie reinigt den Gesellschaftskörper.Google Scholar
  24. 24.
    Siehe das Interview mit dem ehemaligen Hamburger Justizsenator Wolfgang Hoffmann-Riem: “Das Gefängnis ist wie ein Pranger”, in: Süddeutsche Zeitung v. 11.6.1997; vgl. auch Hoffmann-Riem 2000, S. 115 ff.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. hierzu sowie zu den weiteren Ausführungen in diesem Abschnitt die Darstellung unter “12. Neue Ordnung in der Stadt: Die Profitorientierung sozialer Kontrolle”. Die an dieser Stelle präsentierten Befunde basieren insbesondere auf Experteninterviews, die in den Jahren 1995–97 mit Ladeninhabern, Sicherheitsbeauftragten von Kaufhäusern und Bediensteten kommerzieller Sicherheitsfirmen geführt wurden.Google Scholar
  26. 26.
    Zum politischen Umgang mit dem Elend in Amerika siehe die hervorragende Analyse von L.J.D. Waquant (1997), der eine Entwicklung des Übergangs vom wohltätigen zum strafenden Staat diagnostiziert. Vgl. zur nordamerikanischen Sicherheits- und Kriminalpolitik auch den Beitrag von Weitekamp/Herberger 1995.Google Scholar
  27. 27.
    Im Gegenteil: Wir haben es mit neuen moralischen Aufladungen im Strafrecht und um das Strafrecht herum zu tun; gleichsam “Moral als Standortvorteil” (vgl. Günther 1999).Google Scholar
  28. 28.
    In eine ähnliche Richtung argumentiert Kronauer (1999, S. 66), der von einer Innen-Außen-Spaltung der Gesellschaft spricht und das Exklusionsphänomen als soziales Spannungsverhältnis begreift, “in dem sich die Gleichzeitigkeit von ‘DrinGoogle Scholar
  29. nen’ und ‘Draußen’ in verschiedenen gesellschaftlichen Dimensionen manifestiert” (vgl. auch Kronauer 1997).Google Scholar
  30. 29.
    Im übrigen hat Wacquant (1995) in seiner Chicago-Paris-Vergleichsstudie über städtische Exklusionspolitiken im Bereich “Rasse”, Klasse und Raum sehr unterschiedliche Strategien indentifiziert, die vor allen Dingen mit den abweichenden historischen Entwicklungsprozessen sowie ihren politisch-institutionellen Umsetzungen zusammenhängen.Google Scholar
  31. 30.
    Nicht selten habe ich in meinen Universitäts-Seminaren zur Kontrollpolitik in Frankfurt am Main erlebt, daß sich Studierende den Kopf der Oberbürgermeisterin oder des Polizeipräsidenten zerbrachen. Das mag aus Herrschaftsperspektive zwar ehrenhaft sein, hat aber mit der Perspektive reflexiver Sozialforschung wenig zu tun.Google Scholar
  32. 31.
    Das bezieht sich etwa auf Sinti und Roma, denen apriori unterstellt wird, daß sie ihre Kinder (in organisierter Form) zum Betteln vorschickten oder auf Migranten aus dem ehemaligen Ostblock, die als sog. “Kniebettler” die Passanten in aggressiver Weise zum Spenden aufforderten.Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 2000

Authors and Affiliations

  • Hubert Beste

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