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Gelber Regen, Schutzanzüge und Sirenen

Die Störfallserie bei Hoechst im Frühjahr 1993
  • Sven Kesselring

Zusammenfassung

Die Liste ist lang und liest sich wie das Drehbuch eines Horrorfilmes: fliehende, napalmverbrannte Kinder im Vietnamkrieg, verätzte Gesichter im indischen Bophal, verrottete Tonnen, dioxinverseuchte Erde im italienischen Seveso und tote Fische im Rhein bei Schweizerhalle. Und man kann dem beliebig viele Sequenzen hinzufügen; etwa mit den Quecksilberverseuchungen im japanischen Minamata, den Bleivergiftungen von Stolberg, Nordenham und Krautscheid oder den Folgen von Agent Orange. Dazu gehören Schlagworte wie Dioxin, Chlorchemie, Asbest und — natürlich — Zyklon B. Auch das „Umweltgift des Monats“ aus den 80er Jahren ist ein Teil davon und die Rede von der „Chemisierung des Lebens“. Aber worum es geht? Es geht um die Wahrnehmung der Chemie in der Öffentlichkeit. Der Chemie als Wissenschaft und der Chemie als Industriezweig. Einst waren sie die Hoffnungsträgerinnen der Moderne, Garantinnen einer sauberen und besseren Welt. Heute, belastet mit einem schlechten Image wie höchstens noch die (Atom-)Physik, wird die Chemie von vielen Menschen als die Umweltverschmutzerin Nummer 1 gesehen, nicht als eine Hüterin des Lebens, sondern als Gefahr für das (ökologische) Überleben der Menschheit. Dazu kam gerade in den umweltbewegten 80er Jahren, daß man die Chemie als eherne Bastion gegen Kritik von außen erlebte. Auseinandersetzungen um die Chlorchemie und demonstrative Verweigerungshaltung des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) bei den sogenannten Chemie-Dialoggesprächen Ende der 80er Jahre bestätigten diesen Eindruck nachhaltig. Das Bild von der Chemie, das nach dem zweiten Weltkrieg in der Öffentlichkeit vorherrschte, war das einer Industrie, die sich fast arrogant als Wahrerin technisch-instrumenteller Vernunft gerierte und die keinerlei Handlungsbedarf für eine ökologische Modernisierung erkennen ließ.

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  • Sven Kesselring

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