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Kontrastierung: Familiäre Wirklichkeitskonstrukte am Beispiel der Bereiche Lebensplan und Schule

  • Andrea Lanfranchi
Part of the Biographie und Gesellschaft book series (BUG, volume 18)

Zusammenfassung

Nach der detaillierten Erarbeitung der Fallstrukturen werden nun die untersuchten Familien miteinander verglichen, und zwar in theoriebildender Absicht. (Vgl. Methodenkap. 4.3.1 und 4.4.2). Das geschieht als Kontrastierung von “ganzen Fällen” und nicht durch die punktuelle Analyse von Querauswertungen, in denen die Aussagen zerlegt und zusammengefügt werden, die zur Hypothesenvalidierung dienen. t Zu diesem Zweck sind einige wenige, zusammenfassend dargestellte weitere Interviewinterpretationen notwendig. Aus Platzgründen werde ich mich auf eine relativ ausführliche Wiedergabe der Kontrastierungsergebnisse der Familie SARTI (Kinder in Regelklassen mit gutem Schulerfolg) und der Familie SICILIANO (Kinder in Lernbehindenenklassen) beschränken. Die Ergebnisse der Familie PUGLIESI (Kinder in Regelklassen, jedoch mit massiven Lern- und Leistungsstörungen) werde ich in der verdichteten Darstellung in Kap. 6.4 (Überblick) und 7.1. (Retrospektive) einfliessen lassen. Darüber hinaus möchte ich mich — angesichts des abgesteckten Themeninhalts “Migration und Schule” — auf den Wirklichkeitsbereich “Schule” konzentrieren. Vorerst soll jedoch nicht unterlassen werden, die im Laufe von Kap. 5 erarbeiteten Fallstrukturhypothesen anhand der zwei ausgewählten Bereiche “Lebensplan der Kinder” und “Lebensentwürfe der Familie” kurz zu testen.

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References

  1. 1.
    Es hat z.B. keinen Sinn, dass man “qualitativ” quer durch den Satz von 50 Familien überprüft, wer dem Kind bei den Hausaufgaben hilft (z.B. bei Familie A die Mutter, bei Familie B der Vater, bei Familie C die älteren Geschwister). Ob z.B. die Mutter hilft, hat in der einen Familie eine bestimmte Bedeutung, während es in der anderen Familie eine ganz andere Bedeutung haben kann, und zwar eine Bedeutung innerhalb der Gesamtstruktur der Familie. Das hat mit dem Wesen der Familienstruktur seine Bewandtnis, die Gestaltcharakter hat und mehr ist, als die blosse Summe einzelner Elemente dieser Struktur.Google Scholar
  2. 2.
    Seite 1 des 4. transkribierten Gesprächs; die italienische Originalversion und die dazugehörigen Beobachtungen finden sich in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  3. 3.
    Das “ma” kann nicht übersetzt werden, denn dieses Wort — mit all seinen Bedeutungen — existiert nur im Italienischen. WAT’ZLAWICK, BEAVIN & JACKSON (1969) haben dem “ma” eine interessante Note gewidmet: “International sind hier (das heisst in der Beraubung einer klaren Bedeutung, Anm. von A.L.) die Italiener führend, mit ihrem unübertrefflichen “m ..” das, genau genommen, “aber” bedeutet, jedoch als Ausruf, Zweifel, Einverständnis, Unstimmigkeit, Erstaunen, Gleichgültigkeit, Kritik, Verachtung, Zorn, Resignation, Sarkasmus, Verneinung und vieles andere (und daher letzten Endes nichts) ausdrückt” (S.75).Google Scholar
  4. 4.
    Es gibt mehrere Theorien zur Interviewführung, die hier nicht im einzelnen diskutiert werden können und die verschiedene Grade der Beeinflussung durch Interviewverhalten unterscheiden wollen. Aufgrund meines im Methodenkapitel begründeten Untersuchungsansatzes ist jedoch die “Kraft” der Familie, wie sie sich in gesellschaftliche Strukturen “hineinentwirft” und wie sie in einem längeren Interview unter möglichst natürlichen Bedingungen das Gespräch entwickelt, starker als allfällige unerwünschte Steuerungseffekte von seiten des Interviewers. Das einzige, was man angesichts des gewählten Untersuchungsansatzes vermeiden soll, sind Leitfadeninterviews mit halbstandardisierten Fragebogen, weil sie die familiäre Argumentation filtrieren und ein freies Entfalten der Gesprächssequenzen blockieren. (Vgl. Kap. 4.3 und 4.4, sowie Fussnote 31, S.57).Google Scholar
  5. 5.
    So etwas haben die SICILIANO realisiert und in ihrem luxuriösen Hochzeitsalbum verewigt (siehe nächstes Unterkapitel). Herr SICILIANO hat im Hinblick auf die Heirat sogar einen neuen Alfa Romeo gekauft, welcher ihm just einen Tag vor der Hochzeit geliefert wurde und der einen Ehrenplatz beim Fototermin mit allen Eingeladenen einnahm.Google Scholar
  6. 6.
    Aufgrund der engen Verbindung zwischen Kirche und Staat konnte man in Italien bis vor wenigen Jahren beide Legitimierungsschritte — die Ehe als religiöser und als ziviler Vertrag — nach der kirchlichen Eheschliessung in der Kirche absolvieren. Nach der neueren Gesetzgebung unter Einbezug der Trennung von Kirche und Staat ist dies heute nicht mehr möglich.Google Scholar
  7. 7.
    “Tà tà tà tà” ist hier eine onomatopoetische, d.h. lautnachahmende humoristische Einlage und betont, wie unwichtig für Frau SARTI die Bedeutung dessen ist, was die Leute über sie sagen. Solche Redewendungen werden häufig von Süditalienerinnen und Süditalienern verwendet, insbesondere wenn sie in Kommunikationsnot gelangen: vgl. CAVALLARO (1981, S.47).Google Scholar
  8. 8.
    Seite 2 des gleichen Transkripts (4. Gespräch mit Familie SARTI).Google Scholar
  9. 9.
    Aus dem ersten Interview mit Familie SARTI, vgl. italienisches Originaltranskript: Seite 1 im Anhang (9.1), S.2 f. in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. Beobachtungsprotokoll des vierten Interviews (Videoaufnahme), in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  11. 11.
    Diesen Ausdruck habe ich bei HILDENBRAND entlehnt, der in seinem Buch “Landwirtschaftliche Familien im Modernisierungsprozess” (in Vorbereitung beim Campus Verlag, Frankfurt; vgl. auch BOHLER & HILDENBRAND 1990) auf diese wichtigen Zusammenhänge hinweist. Menschen können in Lebensbereichen, die schnellen und radikalen Wandlungen unterstellt sind (wie zum Beispiel in der Landwirtschaft) nur überleben, wenn sie in der Lage sind, durch die Bildung moderner Identitätsmuster sich zu verändern. Durch den Bruch von Stabilität können sie als Landwirte weiter existieren und ermöglichen somit ihre Lebenskonstanz.Google Scholar
  12. 12.
    Bei der Konversion von Betrieben (z.B. Rüstungsfirmen) können nur diejenigen Arbeiter oder Arbeiterinnen die Krise schadlos überstehen, die sich vorstellen können, mit ihrem hochspezialisierten beruflichen Können irgendwohin zu ziehen und eine andere Arbeit zu übernehmen. Die anderen verbleiben in der Abhängigkeit von der Firma und müssen in der Regel mit einem lohn- oder hierarchiemässigen Abstieg rechnen.Google Scholar
  13. 13.
    Es handelt sich um S.5 des Transkriptes aus dem zweiten Gespräch mit Familie SICILIANO: italienische Originalversion in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  14. 14.
    Diese Aussage wird anhand zahlreicher Beobachtungsergebnisse über die Erziehungssituation der Kinder oder ihre Verhaltensweisen belegt. Hier ein Beispiel aus dem Protokoll zum ersten Interview (in LANFRANCHI 1991b): “Mario ist altersgemäss gross, hat feine, langgliedrige Hände, wirkt jedoch in seinem ganzen Wesen wie ein ca. 10jähriges Kind: bubenhaftes Gesicht mit Sommersprossen; vom Stimmbruch ist noch nichts zu merken; langsames Abklingen der Spielerlebnisse, die er kurz vor seinem Eintritt in die Wohnung haue, und offensichtliche Mühe in der Gestaltung des Übergangs “Spielplatz — Stube mit fremdem Gast”; kleinkindliche Zwischenbemerkungen während des Gesprächs.”Google Scholar
  15. 15.
    Eine Zwischenlösung wäre das kleinbürgerliche “Anbauen”. Das ist in der Tradition der reichen Bauernfamilien der sogenannte Altenteil (regionale Bezeichnungen sind, zum Beispiel im schweizerischen Bernbiet, das “Stöckli”, im Schwarzwald das “Auftragshaus” oder das “Leibgeding”). Vgl. SIEDER (1987, S.65 ff.).Google Scholar
  16. 16.
    Dieses Gespräch wurde auf Video aufgezeichnet. (Vgl. Fussnote 37, S.129). Für das Transkript in der italienischen Originalversion und für das Beobachtungsprotokoll siehe LANFRANCHI (1991 b).Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. etwa das Gespräch mit der Lehrerin von Aurelio anlässlich der Videoaufnahme in der Schulklasse: Beobachtungsprotokoll des 3.Besuchs (in LANFRANCHI 199113).Google Scholar
  18. 18.
    Das ist auch eine der wichtigsten, clusteranalytisch überprüften und validierten Aussagen von MÜLLER (1991, S.211 f. und S.221 f.) in seiner Studie “Kommunikation und Schulversagen”.Google Scholar
  19. 19.
    Es handelt sich um S.13 des Transkripts aus dem 3.Gespräch mit Familie SICILIANO: italienische Originalversion in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  20. 20.
    Im Anhang (9.3) wird exkursmässig geschildert, wer in der Schweiz Sonderklassenversetzungen beantragt und wie sie fachlich indiziert und administrativ verfügt werden. Aufgrund der dortigen Ausführungen hätte Familie SICILIANO die Möglichkeit gehabt, sich bei einer fachlich anerkannten italienischen Institution beraten zu lassen. Dort hätte sie die notwendigen rechtlichen Hilfen holen können, um sich gegen die Einweisung ihrer Tochter in eine Sonderklasse zu wehren.Google Scholar
  21. 21.
    Die Erfahrungen, die Loretta’s Kindergärtnerin (früher Kindergärnerin ihres Bruders) und der Schulpsychologe (der früher bereits ihren Bruder abgeklärt hatte) mit Mario gemacht haben, haben ebenso den Weg von Loretta in die Sonderklasse mitbestimmt. Es ist eine Tatsache, dass im Sinne des Rückschluss-Ziehens und der Entwicklung von Vorurteilen im familiären und ausserschulischen Umfeld von einem Kind auf seine Geschwister geschlossen wird. Waren diese Erfahrungen gut, so kann dies ein Erwartungsvorteil seitens der Erwachsenen für die nächsten Geschwister bedeuten. Bei Familie SICILIANO und im Falle von Mario waren die Erfahrungen jedoch nicht unbedingt erfolgreich, so dass davon ausgegangen werden muss, dass sowohl die Kindergärtnerin, wie der Schulpsychologe Loretta mit eher gedämpften Erwartungen begegneten. Die Erwartungshaltung bestimmt wiederum, im zirkulären Sinne, die Leistungen mit.Google Scholar
  22. 22.
    In der Schweiz reicht das Notenspektrum von 1 (schlechteste Note) bis 6 (beste Note).Google Scholar
  23. 23.
    Zweites Interview, Seite 13 des italienischen Originaltranskripts (in LANFRANCHI 1991b).Google Scholar
  24. 24.
    Dabei möchte ich aufgrund der gesamten Fallrekonstruktion betonen, dass es zumindest im vorliegenden Fall keine objektiven Anhaltspunkte gibt, dass die SICILIANO im Schulbereich ihrer Kinder Erfahrungen diskriminierender Handlungen gemacht haben, sondern sie ziehen den Schluss, dass die Lehrerin Ausländerinnen oder Ausländer diskriminieren könnte.Google Scholar
  25. 25.
    Es handelte sich um Deutsch-Zusatzunterricht, Legasthenietherapie, Logopädie und heilpädagogischen Förderunterricht. Auch die Einschulungsklasse SonderA bei Loretta SICILIANO kann in gewissem Sinne als Fördermassnahme zur Vorbeugung einer späteren “Sonderklassenkarriere” angesehen werden, dient sie doch der sorgfältigen und graduell zu erarbeitenden Verankerung von schulischen sprachlich-kognitiven Grundlagen. Es würde den Rahmen dieser Studie sprengen, wenn ich auf Charakteristika, Indikationsstellung und Verlauf dieser Massnahmen bei jedem einzelnen Kind eingehen würde. Eine exemplarische Darstellung der Schullaufbahnen von Mario SICILIANO und Laura PUGLIESI — mit den eingetragenen Massnahmentypen und deren Dauer — kann im Anhang (9.4 und 9.5) eingesehen werden.Google Scholar
  26. 26.
    Zitat aus dem letzten Bericht der Stützlehrerin von Laura PUGLIESI nach 2 Jahren Nachhilfeunterricht: “Ihr Problem ist immer noch die Unordnung in allen Bereichen ihres Lebens. Die Raum-Lage-Unsicherheit und die Seriationsschwäche machen ihr nach wie vor sehr Mühe im Lesen, in der Rechtschreibung und im Schreibablauf. Sie fällt oft in der Klasse durch ihr auffälliges Verhalten negativ auf: sie vergisst Dinge, ist abgelenkt und kann sich schlecht konzentrieren. Durch ihre Zerfahrenheit und ihre geringe Ausdauer ist es ihr selten möglich, sich längerfristig in Ruhe auf etwas einzulassen, was scheinbar auch eine Thematik der Eltern ist, welche sich nie wirklich darauf eingelassen haben, in der Schweiz Fuss zu fassen. Von dem her könnte ich mir vorstellen, dass L. ein Gefühl des nirgends richtig zu Hause sein, eine Art Vermissen der Wurzeln in sich trägt.”Google Scholar
  27. 27.
    Zitat aus einem Gespräch mit dem Stützlehrer von Mario SICILIANO, nach 3 Monaten heilpädagogischen Förderunterrichts (der unmittelbar danach sistiert wurde): “Die Eltern scheinen mir nicht sehr an diesem Zusatzunterricht interessiert. Ich glaube, sie haben Sinn und Zweck der ganzen Übung gar nicht begriffen. Das Kind zeigte schon am Anfang wenig Engagement, hat drei mal hintereinander unentschuldigt gefehlt, und nun soll der Schulpsychologe selber schauen, was er machen will. Ich gehe nicht zu den Eltern Hilfe suchen, wo sie nicht erwünscht ist.”Google Scholar
  28. 28.
    Zitat aus dem 3.Interview mit Familie SICILIANO (S.7, Zeile 12 f.) “Sie wurde in: die Logopädie geschickt und musste in ein anderes Schulhaus gehen, dort wo die Behinderten sind [Heilpädagogische Hilfsschule). Aber sie hatte diese Stunden während der normalen Unterrichtszeit, und wenn jemand den Unterricht verpasst, kann er dann nie wissen, was in der Schule gemacht wurde. Sie [die Lehrerinnen] haben diesen Fehler gemacht.”Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Andrea Lanfranchi

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