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Untersuchung: Fallrekonstruktion von Drei Süditalienischen Immigrantenfamilien

  • Andrea Lanfranchi
Chapter
Part of the Biographie und Gesellschaft book series (BUG, volume 18)

Zusammenfassung

Zugang zur Familie SARTI fand ich durch die Vermittlung einer befreundeten Lehrerin für Deutsch-Zusatzunterricht. Sie unterrichtet in einer Industriegemeinde in der Agglomeration von Zürich, in Dietikon. Ich fragte sie nach einer süditalienischen Familie mit mindestens zwei schulpflichtigen Kindern mit durchschnittlichen schulischen Leistungen. Sie verwies mich auf Familie SARTI und gab mir folgende Vorinformationen: die SARTI haben zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, welche die 2. resp. die 4. Regelklasse besuchen. Die Mutter stamme aus Süditalien, aus Irpinien (Provinz Avellino), der Vater aus Sardinien. Ich bat die Lehrerin, Familie SARTI telefonisch über mein Forschungsvorhaben zu orientieren und sie zu fragen, ob sie mit einer Kontaktaufnahme einverstanden wären.

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References

  1. 1.
    Als exemplarische Illustration der Verschriftung und der Beobachtungsprotokollierung findet sich im Anhang (9.1 und 9.2) die erste Transkript- sowie die erste Beobachtungsseite des Erstinterviews mit Familie SARTI.Google Scholar
  2. 2.
    Solche Schlussfolgerungen zur <i>Geschwisterposition und Familienkonstellation</i> basieren einerseits auf alltäglichen Beobachtungen und Überlegungen zur familialen Sozialisation. In intrafamiliären Interaktionen ist es zum Beispiel trivial, dass ein Einzelkind — im Unterschied zu einem Zweit- oder Drittgeborenen — sich nicht mit der “Entthronisierung” des Jüngsten auseinandersetzen muss, wenn nach ihm kein weiteres Kind geboren wird. Andererseits versuchten sich verschiedene Autoren an einer Theoriebildung, z.B. ADLER (1978), KÖNIG (1983), LANGENMAYR (1978), TOMAN (1965) und viele andere. Nach meiner Beurteilung sind jedoch viele dieser Theorien entweder rein deterministisch oder rein biologistisch angelegt, so dass oft genug angenommen wird, aus der Geschwisterposition könnten so etwas wie eindeutige “Charakterzüge” erwachsen, die quasi unveränderlich seien und die man auch entsprechend zuordnen könne. ADLER (1978) meint beispielsweise, wir könnten — “wenn wir über genügend Erfahrung verfügen, imstande [sein] zu erkennen, ob jemand ein Erstgeborener, der Einzige, der Jüngste usw. ist” (S.138). TOMAN (1965) vergleicht das Leben in der Familie mit einem Kartenspiel, weil Kartenspiele “Auseinandersetzungen und Konflikte des Lebens in Miniaturform imitieren” (S.1). Er behauptet: “Der Zufall würfelt die Kartenblätter, und jeder Mitspieler versucht, das Beste aus dem zu machen, was er jeweils in die Hand bekommen hat. Er bekämpft dabei andere, verbündet sich mit wieder anderen, preist an, teilt mit, kombiniert, tauscht und gewinnt oder verliert letzten Endes viel oder wenig” (S.1). Das Spiel betreffe vor allem die Personenwahlen eines Menschen: Freunde und Freundinnen, Angestellte, Ehepartner und -partnerinnen. Wie bereits in Kap. 4.3.2 (betr. Dialektik von Allgemeinem und Besonderem) — anhand der SARTRE’schen Kernfrage “Was macht der Mensch aus dem, was die Verhältnisse aus ihm gemacht haben?” — expliziert wurde, hat jeder Mensch in einer speziellen Situation Handlungsoptionen, die an Bedingungen geknüpft sind und die er in der einen oder anderen Richtung realisieren kann. Was in Anlehnung an obige Theorien stimmt, ist, dass nach sozialisatorischen Gesichtspunkten ein Kind, je nach Familienkonstellation, über grössere oder kleinere Individuierungsspielräume verfüge. (BROSE & HILDENBRAND 1988). Was es dann daraus macht, ist eine andere Frage und hängt von verschiedenen Randbedingungen ab. Eine solche Frage darf nicht mit apodiktischen Aussagen folgenden Typs beantwortet werden: “Der älteste Bruder von Brüdern ist hart im Umgang mit Frauen. Er echauffiert sich für keine, ist aber sozusagen mit steinernem Gesicht entzückt, wenn sie sich für ihn begeistern. (...)” (TOMAN 1965, S.24). Für <i>eine</i> kritische Übersicht zum Themenkreis der Geschwisterkonstellation — unter anderem anhand der Biographie- und Genogrammanalyse prominenter Staatsmänner, Schauspielerinnen und Wissenschaftler, vgl. McGOLDRICK & GERSON (1990, S.49–69).Google Scholar
  3. 3.
    “Una terra qua una lä (,) dovevi andare coi buoi e cavallo”. <i>(Dieses und die folgenden Originalzitate stammen aus den vier transkribierten Interviews mit Familie SARTI, in LANFRANCHI 1991b).</i>Google Scholar
  4. 4.
    “Ha visto the la gente correva tuna lä”.Google Scholar
  5. 5.
    Für Sarden und Sardinnen sind Italien und die restlichen europäischen Länder “der Kontinent”. Das entspricht der Sichtweise anderer Inselbewohner und -bewohnerinnen wie zum Beispiel der Engländer und Englanderinnen.Google Scholar
  6. 6.
    “Undici (lacht) e siamo sette viventi (,) no (,)” Frau SARTI: “Due volte ha fatto gemelli (‘)”Google Scholar
  7. 7.
    “Quelli erano su un monte e 1’avevano cambiato ii latte no da quello di pecora no a quello di capra no dicevano (,) e l’ha avvelenati il sangue (,) no (,) il cambiamento del latte (...) perché la capra la potevano portare e come dire (,) Iui aveva il carro (,) no (,) col cavallo e andava e la capra la legavi II e portavi lei e una buona (k) e alla mattina la mungevi e ci dava il latte.” 139Google Scholar
  8. 8.
    “E gli altri due credo che siano morti di polmonite o roba del genere (.) due maschietti (,) dicevano che i maschietti prima non tenevano erano poco resistenti (,) la prima malattia morivano (,) in quei periodi.”Google Scholar
  9. 9.
    “No infatti a lui non 6 che a Iui piaceva tanto perch6 c’aveva la famiglia lä e lui qua e andava e veniva e andava e veniva finche”/ Frau SARTI unterbricht ihn: “Quello piü guadagnava e piü se lo mangiava (lacht)”Google Scholar
  10. 10.
    Frau SARTI: “Emmo bisticciato (,) ognuno per se e se ne è andato (,) quattro anni e mezzo è stato giù (lacht).” Herr SARTI: “Da1 ‘76 all’81 (,) nel ‘79 è nata Sandra (..) sì ma io ogni tanto venivo (,) no (,) ero là però venivo in ferie.” Frau SARTI: “Lui stava lì però il cuore suo era qui e stava qui e (..) era impazzito (.) non lo so neanche io come.”Google Scholar
  11. 11.
    Irpinien ist das arme und gebirgige Hinterland von Neapel (Provinzstadt ist dort Avellino, eine andere grössere Ortschaft ist Eboli, vgl. LEVI 1982). Ihre Bewohner gelten für die Leute der neapolitanischen oder sardischen Küste als einfache “Hinterwäldler”.Google Scholar
  12. 12.
    Zur demographischen Entwicklung der Familie in Sardinien und somit zu den sardischen Wirklichkeitskonstrukten bezüglich Familiengründung, Familienleben etc., vgl. BARGAGLI (1988, S.555 f.).Google Scholar
  13. 13.
    “Stava gib e pensava [a] qui the [perche] non le piace gib (,) veniva qui e non me piace qui perche penso a gib.”Google Scholar
  14. 14.
    Die vorgängigen Interaktionen (Erstbegegnung) sowie die Rahmenbedingungen dieses Gesprächs werden ausführlich im Beobachtungsprotokoll beschrieben. Die erste Seite befindet sich, als Illustrationsbeispiel, im Anhang (9.2); das vollständige Protokoll kann in LANFRANCHI (1991b) konsultiert werden. Zu den Transkriptionszeichen vgl. die methodischen Anleitungen im Kap. 4.4.2, S.131.Google Scholar
  15. 15.
    Es handelt sich um eine wortwörtliche Übersetzung aus dem Italienisch. Für die Interpretation beziehe ich mich auf die italienische Originalversion (vgl. Anhang 9.1) Hier noch einige Hilfen zum besseren Verständnis des Übersetzungsmodus: (1.) In der modernen italienischen Umgangssprache wird anstelle der Höflichkeitsform “Loro”, die zweite Person Plural eingesetzt (“Non vorrei farvi troppe domande” — anstelle von “Non vorrei far Loro troppe domande”). (2.) Im populären Italienischen wird häufig das Fiillwort “no” im Sinne von “nicht wahr?” verwendet. Das habe ich mit “oder” übersetzt. (3.) Auch die syntaktischen und/oder semantischen Dysgrammatismen sowie die dialektalen Wendungen der Interviewten (und des Interviewers) werden — so gut es geht — wörtlich übersetzt. In der Regel gehen sie jedoch durch die Übersetzung verloren, wie folgendes Beispiel zeigt, wo ich im italienischen Original einige Verständnishilfen markiert habe: “Stava giù (,) e pensava [a] qui (,) che [perché] non le [gli] piace giù (,) veniva qui e non me [Änderung der Person, von der dritten zur ersten] piace qui perche penso a giü.” Übersetzt: “War er unten (,) dachte er an hier (,) da es ihm unten nicht gefällt (,) kam er hier (,) gefällt es mir nicht weil ich an unten denke.”Google Scholar
  16. 16.
    Der Pfeil bedeutet, dass eine Fortsetzung dieser Zeile oder dieses Gesprächsabschnittes nach einem Analyseabschnitt folgen wird.Google Scholar
  17. 17.
    Zum eher unglücklich gewählten Eingangsstimulus “die Geschichte der Familie” vgl. meine Ausführungen in Kap. 4.4.2, S.127.Google Scholar
  18. 18.
    Das ist im vorliegenden Fall nicht möglich, weil die Kinder (9- und 11jährig) angesichts des Interviewzeitpunktes (20.30) schon ins Bett geschickt worden waren.Google Scholar
  19. 19.
    Es handelt sich um die Übersetzung aus dem auf Italienisch verfassten “Rito del matrimonio” der Conferenza Episcopale Italiana (1969): “11 sacerdote interroga lo sposo: N., vuoi prendere N. come tua sposa, e prometti di esserle fedele in ogni circostanza, felice o avversa, nella buona o nella cattiva salute, e di amarla e rispettarla per tutta la vita?” (S.15)Google Scholar
  20. 20.
    In diesem Sinne ist Frau SARTI’s Sprache nicht defizitär, wie etwa nach der veralteten Hypothesen des Soziolinguisten BERNSTEIN (1970) angenommen werden könnte. Ihr Stil kann durchaus positiv bewertet werden, denn er ist für die Situation stimmig. Es ist genau wie im Falle eines Vorarbeiters auf dem Bau, der schnell ein Werkzeug braucht und “Hammer her” schreit, anstatt zu flüstern: “Kollege Müller, hätten Sie vielleicht die Güte, mir jenen Hammer, welcher dort drüben in der Ecke im rosaroten Werkzeugkasten liegt, hinüberzureichen, weil ich hier gerade die Schale entfernen muss?”Google Scholar
  21. 21.
    Im italienischen sind die zwei Wörter sowohl in ihrer auditiven als auch in ihren visuellen Gestalt <i>(interessante — interessato)</i> noch ähnlicher als im Deutschen.Google Scholar
  22. 22.
    Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Prof. <b>B.</b> Hildebrand, in dessen Seminargruppe ich diesen Text analysieren konnte.Google Scholar
  23. 23.
    Es wäre möglich, dass Herr SARTI zunächst auf die offenen Disqualifizierungen seiner Frau vor einem Fremden, der erst seit wenigen Minuten in der Familie ist, nicht reagieren möchte und dass er später (zum Beispiel beim nächsten Gespräch) Gegenreaktionen zeigt. Wie aus den ausführlichen Originaltranskripten sowie aus den Beobachtungsprotokollen in LANFRANCHI (1991b) entnommen werden kann, ist das aber nicht geschehen.Google Scholar
  24. 24.
    Siehe Kap. 5.1.2: Bei Familie SARTI weiss man, im Unterschied zu Familie SICILIANO, eigentlich nur etwas über die Frauen, währenddem bei den Männern auf dieser zweiten und auf der vorherigen Generationslinie lauter Fragezeichen offen sind.Google Scholar
  25. 25.
    Wie sich das Konzept der Individualisierung sozialhistorisch gebildet hat, kann bei BROSE & HILDENBRAND (1988) nachgelesen werden. Individualisierung beruht auf dem spezifisch westlichen Rationalisierungsprozess, der in seiner Wahlverwandtschaft mit der protestantischen Ethik, insbesondere von Max WEBER (1988) analysiert worden ist. Das Luthertum ist jedoch kaum auf die süditalienische Gesellschaft übertragbar. Umso aussagekräftiger ist unsere Vermutung, wonach diese Ein-Kind-Familie aus eberzeugung ein Unikat darstellt und eine erste Hypothese über die Fallspezifik der Familie SICILIANO ausmacht.Google Scholar
  26. 26.
    Schaut man sich die Reproduktionsmuster von bäuerlichen Familien und von Gastwirtsfamilien an, wie dies HILDENBRAND (1988a; 1988b) geran hat, dann stellt man fest, dass sie immer ein bis zwei mögliche Geschäftsnachfolger “auf Lager” haben, im Falle, dass der erste nichts wird... Häufige Konstellationen sind zum Beispiel ein Sohn, dann zwei Töchter, dann sechs Jahre Pause, dann wieder ein Sohn.Google Scholar
  27. 27.
    Zur Bedeutung der Position in der Geschwisterreihe vgl. die familiensozialisatorischen Überlegungen in Fussnote 2. S.136.Google Scholar
  28. 28Wie oben beim Grossvater von Herrn SARTI bereits gesagt, fallen beim Einzelkind zwei Sachen zusammen: zuerst einmal die Erwartungen seiner Eltern, die sich nicht auf eine Fülle von Kindern aufteilen, sondern sich auf das einzelne konzentrieren und sich in einem realisieren müssen (was oft zu einer gesteigerten Leistungsorientierung führt); dann gibt es aber auch, wie im vorliegenden Falle einer emotional warmen Familie, einen Emotionalitätsgewinn. Emotionalität und Zuwendung müssen nicht mit Konkurrenten geteilt werden, wie z.B. bei den Ältesten in der Beziehung zu den Jüngsten.Google Scholar
  29. 29.
    “I nonni della parte di mia mamma erano proprio contadini (,) non siamo mai andati d’accordo (,) non avevano un affetto come si dovrebbe (.) sempre ci sono i nonni più buoni e quell più cattivi (,) la famiglia pia povera 6 la preferita perché quello che c’ha (,) lo dà (,) e chi pia c’ha pia vuole (J”Google Scholar
  30. 30.
    Das ist die führende Schicht einer bestimmten Ortschaft, das heisst die Honoratioren wie Advokaten, Ärzte, Pfarrer und andere Ortsgrössen.Google Scholar
  31. 31.
    Sowohl die Gatten- als auch die Berufswahl von Herrn SICILIANO senior sind wie ein Spiegelbild von “Familie Frei”, beschrieben in HILDENBRAND (1991): Die Grosseltern des untersuchten Schizophrenen versuchten ebenfalls, zwei verschiedene Sinnfiguren in einem zu vereinen. Es ist interessant, festzustellen, wie man solche Phänomene transkulturell verfolgen kann.Google Scholar
  32. 32.
    “Per uno che sta nel commercio bisogna anche girare (.) e era andato a Milano (.) sà quando fanno queste mostre (..) di televisori o (..) come le fiere no () certo uno va a com-prare la roba (.) e nel ritorno ha avuto un incidente (.) e abbiamo finito là (.) / ci ha lasciato la pelle (.)”Google Scholar
  33. 33.
    Diesen Hinweis verdanke ich Bruno Hildenbrand, der mich auf ein eindrückliches Gedicht von Baudelaire aufmerksam machte: <b>L’Albatros</b> <i>Souvent, pour s’amuser, les hommes d’ équipage Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers, Qui suivent, indolents compagnons de voyage, Le navire glissant sur les gouffres amers. A peine les ont-ils déposés sur les planches, Que ces rois de l’azur, maladroits et honteux, Laissent piteusement leurs grandes alles blanches Commes des avirons trainer à côté d’eux. Ce voyageur allé, comme il est gauche et veule! Lui, naguère si beau, qu’il est comique et laid! L’un agate son bec avec un briile-gueule, Lautre mime, en boitant, l’infirme qui volait! Le Poete est semblable au prince des nuees Qui hante la tempete et se rit de !’archer; Exile sur le sol au milieu des huées, Ses alles de geant l’empêchent de marcher.</i> (Aus: Les Fleurs du Mal, 1857)Google Scholar
  34. 34.
    Hen SICILIANO wörtlich: “Che poi noi di la da Regensdorf siamo andati via non per (,) siccome facevamo i portinai (,) e non bello che uno fa una cosa e poi viene un altro e spegne o accende (,) che modi sono questi (,) se qua dirigo io digo io se no (,) niente (,) che c’era il tempo diciamo verso il20 di giugno così io arrivavo e spegnevo i riscaldamenti chiuso non c’è più i] riscaldamento (,) io lo spegnevo (,) veniva quell’altro e lo accendeva (.) non si poteva stare neanche a casa dal caldo che c’era (,) andavo gib e spegnevo (.) l’indomani mattina to trovavo acceso di nuovo (,) fin che una sera 1’ho trovato e ho detto adesso tu o lasci la chiave qua e qua non ci c’entri pib o se no ti do la chiave io e ci entri tu solo qua (.y (Aus der Schlussphase des zweiten Gesprächs, in LANFRANCHI 1991b).Google Scholar
  35. 35.
    “ Siamo stati tre anni (.) poi è nato Mario e quand’e nato noi abitavamo ancora là poi lui andava crescendo <i>e sai</i> i bambini con le persone anziane danno <i>un</i> po’ di disturbo (,) o che si muove o che grida o che fa cosi e allora ho detto (,) sai che facciamo (,) adesso cerchiamo un appartamento (.)” (Aus der Schlussphase des dritten Gesprächs, in LANFRANCHI 1991b).Google Scholar
  36. 36.
    “Mi trovo meglio ed è più tranquillo (.)”Google Scholar
  37. 37.
    Das erste, was mir die SICILIANO bei meinem ersten Besuch zeigen, sind übrigens die Fotos einer Ferrari-Ausstellung, die der Sohn Mario kürzlich gemacht hat, sowie das ferngesteuerte Rennauto, das Mario mit Hilfe seines Vaters gebastelt hat.Google Scholar
  38. 38.
    Der Spinnereimaschinenarbeiter war in Europa am Ende des vorigen Jahrhunderts der erste moderne Arbeiter. In Uster z.B. gab es am Anfang des 19. Jahrhunderts einen grossen Kampf der Weber gegen das Aufstellen von Spinnereimaschinen wegen des bevorstehenden Verlustes von Arbeit und Macht. (JAEGER, LEMMENMEIER, ROHR & WIHER 1985).Google Scholar
  39. 39.
    Ich möchte nochmals betonen, dass die Diagnose “Lernbehinderung”, die bei diesen zwei Kindern zur Versetzung in die Sonderklasse B geführt hat, kontrolliert und aufgrund von breit anerkannten Parametern als richtig befunden wurde. Es wird also (1.) ausgeschlossen, dass Mario und Loretta aufgrund einer organischen Störung (etwa einer Hirnfunktionsstörung im Sinne des “minimal brain damage”) oder etwa aufgrund hereditärer organischer Komponenten (wie einer genetisch bedingten Begabungsschwäche oder sogar Debilität) als “sonderklassenbedürftig” diagnostiziert wurden; (2.) vorausgesetzt, dass die zwei Kinder aufgrund eines seriösen und professionell angelegten schulpsychologischen Verfahrens als “sonderklassenbedürftig” eingestuft wurden.Google Scholar
  40. 40.
    Gekürzte und frei übersetzte Wiedergabe aus dem dritten Gespräch mit Familie SICILIANO. Die italienisch transkribierte Originalversion (S.15, Zeile 20 bis 47) findet sich in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  41. 41.
    “Stavano bene (,) chi ingegnere (,) chi professore (,) per la parte di mio padre quelli c’avevano una bottega (,) quelli stavano più meglio della pane di mio papa (.)”Google Scholar
  42. 42.
    “Mio padre c’aveva una fabbrica giù (,) lavorava in una fabbrica dove fanni i carciofini (.)’’Google Scholar
  43. 43.
    Diese Aussage wurde frei übersetzt und etwas gekürzt. Die transkribierte italienische Originalversion (in LANFRANCHI 1991c) lautet wie folgt: “Però lui non sapeva che ogni tre quattro mesi lo sganciavano e poi to attaccavano di nuovo (.) lui lavorava sempre (.) questi qua i tranelli delle ditte italiane (,) no (,) non che ci sono i versamenti per 1’AVS come facciamo not che là si paga anche la pensione la disoccupazione tutte queste cose qua (.) siccome c’era un avvocato che era uno di quelli veramente tagliato che voleva sempre fregare le persone (,) lui era che lavorava sempre .. tutto l’anno (,) e lui lo teneva tre quattro mesi to agganciava riot) gli pagava i (k) la pensione tune quelle cose (,) e gli altri mesi lo sganciava (,) così gli dava solo il mensile e basta (.)”Google Scholar
  44. 44.
    Frau SICILIANO kann oder will diese Fakten nicht genau rekonstruieren, was ich wegen den zermürbenden gesetzlichen Vorschriften der schweizerischen Ausländerpolitik (Fussnote 2, S.75) und den belastenden ersten Jahren der sogenannten “Emigrantenkarriere” gut verstehen kann.Google Scholar
  45. 45.
    Genau so — also vorsichtig-stotternd — tönte die Eingangsfrage bei Familie SARTI (Kap. 5.1.3). Die Tatsache, dass der Interviewer hier weniger zögen, lässt sich wahrscheinlich folgendermassen erklären: Er weiss, dass es sich hier um eine Familie mit Kindern m der Sonderklasse handelt. Im Unterschied zu den SARTI, die eine “ganz normale Familie” repräsentieren, liegt hier von vornherein ein Problem vor. Dieses Problem lässt den Interviewer in den Alltag seiner Profession als Schulpsychologe kippen. Das bedeutet, dass er dieser Familie, wie anderen Familien “mit Problemen”, in einer superioren Position begegnet, und zwar in der Expertenrolle.Google Scholar
  46. 46.
    Als weiteres Element für diese Resistenzerklärung gilt die Tatsache, dass es die Familie geschafft hat, mich mit dem Interview anderthalb Stunden warten zu lassen — indem die Mutter mit den Kindern ca. eine halbe Stunde später als zum abgemachten Termin nach Hause kam und mit anderen Verwandten eintraf. Anschliessend unterhielten sich die Leute mit mir etwa eine Stunde lang über die neue Ferrari-Ausstellung und über die italienische Fussballmeisterschaft, in völliger Ignorierung meiner “Interviewambitionen” (vgl. Beobachtungsprotokoll zum Erstgespräch in LANFRANCHI 1991 b).Google Scholar
  47. 47.
    Das äussert sich unter anderem auch in der Tatsache, dass weder Herr noch Frau SICILIANO der deutschen resp. der schweizerdeutschen Sprache, auch nur ansatzweise, mächtig sind.Google Scholar
  48. 48.
    So würden manche Dörfler sprechen, die aus einer gemeinschaftsförmigen Gegend kommen und dem anderen unterstellen — weil sie über kein geläufiiges Konzept des “Fremden” verfügen -, dass auch er der gleichen Gemeinschaft zugehöre. Das ist genau wie das, was ich in Poschiavo/Graubünden nach der katastrophalen Überschwemmung meines Heimatdorfes (Sommer 1987) bei verschiedenen Radio- und Fernsehinterviews mit Einheimischen beobachtet habe. Die einen konnten sich in die Position des “Nichtwissenden von aussen” versetzen und stellten die Ereignisse und insbesondere die geographisch-topologischen Daten aus der Warte des Fremden dar. Andere sprachen dagegen in das Mikrophon oder in die Kamera, wie wenn die Zuhörer und Zuschauer Nachbarn wären.Google Scholar
  49. 49.
    “Ich habe <i>sie</i> gar nicht gekannt” bezieht sich auf Frau SICILIANO, nicht auf die Eltern; im italienischen Original ist diese Zuordnung eindeutig, aufgrund der PronomenGeschlecht-Konkordanz [la conoscevo]).Google Scholar
  50. 50.
    Im Italienischen gibt es (ein etwas frauenfeindliches) Sprichwort, das dies sehr gut verdeutlicht: “Donne e buoi dai paesi tuoi” (Frauen und Ochsen sollen aus deinem Dorfe kommen”.)Google Scholar
  51. 51.
    CAVALLARO (1981) beschreibt in ihren Fallgeschichten isomorphe Prozeduren der Paarvermittlung durch Verwandte: “II fidanzamento nel paese di origin necessita di una indispensabile intermediazione, attraverso procedure di contatto avviate possibilmente dai parenti dell’aspirante ‘promesso sposo”‘ (S.74).Google Scholar
  52. 52.
    Zur Bedeutung der Ziffer 1 nach 51: Das ist die erste Zeile der zweiten Seite des Erstgesprächs mit Familie SICILIANO, vgl. Originaltranskript in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  53. 53Frau PUGLIESI: “Ich weinte immer, ich hatte zu Hause nichts zu tun. Am 18.Juli ist sie geboren, am 1. Oktober hat mich mein Mann nach Italien begleitet. Ich bin dann zu einem Doktor gegangen, dort wo die Verrückten sind. Er verschrieb mir diverse Medikamente.”Google Scholar
  54. 54.
    Die Vergeudung des Familienvermögens stand bei dieser Familie im Zusammenhang mit der Migration der Söhne in verschiedene, meist norditalienische Städte. Das stimmt mit der interessanten These von PISELLI (1981, S.74) überein, wonach die erhöhte Mobilität durch Migrationsbewegungen am Anfang dieses Jahrhunderts bei Notabeln mit Landbesitz nur in Ausnahmefällen zur Erhaltung und Vermehrung der Güter geführt hat. In den meisten Fällen hat sie — so paradox es klingen mag — das Verschwinden der Notabelnklasse verursacht oder zumindest mitbedingt. Über die graduelle und unaufhaltbare Dekadenz von titeltragenden und/oder einst begüterten Familien in der süditalienischen Gesellschaft Ende des 19. Jahrunderts gibt es hervorragende literarische Dokumente, wie etwa die Werke des Sizilianers Giovanni VERGA. Stellvertretend weise ich auf seinen Roman “Mastro Don Gesualdo” (VERGA 1940) hin. In diesem Buch werden die dorfinternen Intrigen rund um einige traditionsreiche, aber völlig verarmte Adelsfamilien und einen Emporkömmling aus der Bauernklasse meisterhaft beschrieben.Google Scholar
  55. 55.
    Beim Transkript handelt es sich um die wörtliche Übersetzung von S.1 und 2 der italienischen Originalversion des Erstgesprächs, vgl. die Datensammlung in LANFRANCHI (1991b).Google Scholar
  56. 56.
    Vgl. die wichtigsten Bestimmungen über Aufenthalt und Niederlassung von Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz in Fussnote 2, S.75.Google Scholar
  57. 57Als methodische Nebenbemerkung möchte ich anfügen, dass für eine präzisere Analyse in einer solchen Situation eine gute Videoaufnahme erforderlich gewesen ware. Dadurch hätte man die paraverbalen Informationen (Tonfall, Pausen etc.) durch den Kontext der averbalen Informationen (Gestik, Mimik) genauer interpretieren können. (Vgl. auch Fussnote 37, S.129).Google Scholar
  58. 58Artikel 16, 1. Abschnitt der in Fussnote 2 (S.75) angegebenen BVO: “Saisonbewilligungen dürfen für längstens neun Monate erteilt werden. (...) Der Saisonnier muss sich im Kalenderjahr insgesamt mindestens drei Monate im Ausland aufhalten.”Google Scholar
  59. 59Nostalgie (auf Italienisch “nostalgia”) ist der stehende Begriff für Heimweh. Nostalgie wird häufig — im Gespräch mit süditalienischen Immigrantinnen und Immigranten — mit Migration in Verbindung gebracht, und Migration ist in Süditalien ein allgemeiner Topos. Der Begriff der Nostalgie ist ein abstrakter, eher vager und subjektiver Begriff. Dennoch stellt er eine plastische Einheit dar. Auch wenn er sich nicht in die engen Grenzen einer eindeutigen Definition hineinzwängen lasst, ist dieser Begriff eigentlich viel klarer und sicherlich aussagekräfiger als viele nosologische Kategorisierungen aus der psychologisch-psychiatrischen Migrantenforschung. Vgl. dazu das zentrale Essay von FRIGESSI CASTELNUOVO & RISSO (1986).Google Scholar
  60. 60.
    ° Sie hat sich sogar in eine medizinisch definierte Depression “entzogen”. Somit können auch in der Krankheit autonome Handlungsstrukturen erkannt werden.Google Scholar
  61. 61.
    Die Kinder erleben den Rückzug ihrer Mutter aus der Lebenspraxis übrigens bereits im Hier und Jetzt, beispielsweise, wenn sie sich über ihre Migräne beklagt und in diesem Zusammenhang zum vierten Mal vergisst (!), ihre Tochter zum (kostengünstigen) Schulzahnarzt zu begleiten — was zur Folge hat, dass die Familie später eine teure Rechnung beim notfallmässig konsultierten Privatzahnarzt bezahlen muss.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Andrea Lanfranchi

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