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Jugendliche heute: Der Mythos von Opfern und Tätern

  • Dieter Hoffmeister
  • Oliver Sill
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Zusammenfassung

Jugend besser verstehen zu wollen, als sie sich selbst versteht, mag ein Anspruch vieler Jugendstudien sein. Wir geben weder vor zu wissen — oder herausfmden zu können — welches die ’objektiven Interessen’ heutiger Jugendlicher sind, noch, wie sich diese ’eigentlich’ zu verhalten hätten, um bestimmten Standards, von wem auch immer formuliert, zu entsprechen. Zu groß sind die Lücken, die geblieben sind bei der ’lückenlosen’ Aufklärung des ’Problems Jugend’ durch die daran beteiligten gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen und wissenschaftlichen Disziplinen. Aber beginnen wir mit dem Begriff selbst, mit seiner Einordnung im für unsere Belange relevanten Wortsinn.

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Literatur

  1. 1.
    Auch eine z.B. 60jährige kann umgangssprachlich durchaus als ‘jugendlich’ bezeichnet werden, wobei diese Bezeichnung gerade deshalb ihre besondere Aussagekraft gewinnt, weil sie sich konträr zum realen Lebensalter verhält.Google Scholar
  2. 2.
    Dies gilt u.a. bei der Verhängung von Jugendstrafen, die für ‘Heranwachsende’ (bis zum 21. bzw. 24. Lebensjahr, vgl. § 93 [2] Jugendgerichtsgesetz) verhängt oder aber ausgesetzt werden können. Demgemäß dominieren in den entsprechenden Strafvollzugsgesetzen für diese Altersgruppe ’erzieherische’ Überlegungen: mit Blick auf die Wirkungen und Aufgaben des Jugendstrafvollzugs. Sie ermöglichen erst die Aussetzung von Strafe (vgl. § 91 11–41, wo die Bedingungen für eine solche Aussetzung formuliert sind).Google Scholar
  3. 3.
    und 21 Jahren der ‘Abbau der Arbeitslosigkeit (Platz 1) zähle. Nach ’Umweltschutz’ (Platz 2) und ’Sicherung des Friedens’ (Platz 3) rangierte in dieser Untersuchung das Problem ’Jugendarbeitslosigkeit’ aber erst auf Platz 4 der Nen-nungen. (vgl. EMNID, Werthaltungen, Zukunftserwartungen und bildugspolitische Vorstellungen der Jugend 1985, in: Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Schriftenreihe Studien zu Bildung und Wissenschaft, Bd. 20, Bonn 1985 ).Google Scholar
  4. 4.
    Welche Rolle zum Beispiel der kurzfristige Wandel regionaler Arbeitsmärkte (Stichwort: Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit) für das politische Bewußtsein und Verhalten der betroffenen Jugendlichen/jungen Erwachsenen (wie es sich beispielsweise im Wahlverhalten äußert) spielt, ist sicher nicht leicht herauszufinden. Ist politisches Bewußtsein bloße Funktion (im Sinne eines einfachen ‘Reiz-Reaktionsschemas’) der Veränderungen im politischen und ökonomischen ’Überbau’, oder spielen hier systematisch inkorpo-rierte familiäre und/oder schulische Erfahrungsfonds (etwa im Sinne einer klassen-oder schichtenspezifischen Aneignung und Verfügung über Praxis-und Bewußtseinsformen, die ’Aufstieg oder Fall’ einer Person bereits früh annoncieren) die entscheidende Rolle? Und erlangt damit nicht auch das ’Un-oder Vorbewußte’ einen wichtigen handlungsstrukturierenden Stellenwert?Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. D. F. Aberle/K. D. Naegele, Middle Class Father’s Occupational Role and Attitudes Toward Children, in: Th. Olson (Hrsg.), America as a Mass Society, Glencoe 1953.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. D. McKinley, Social Class and Family Life, New York 1964.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Basil Bernstein, Studien zur sprachlichen Sozialisation, Düsseldorf 1972.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1982.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Frithjof Hager/Hartmut Haberland/Rainer Paris, Soziologie und Linguistik. Die schlechte Aufhebung sozialer Ungleichheit durch Sprache, Stuttgart 1975.Google Scholar
  10. 10.
    Eine gewisse Ähnlichkeit der auf den Untersuchungen Bernsteins basierenden kompensatorischen Sprachtrainings-Programme besteht interessanterweise mit den heutigen ‘Maß nahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit’. Dies betrifft sowohl die personelle Zusammensetzung der Mitarbeiter in diesen Programmen (Sozialarbeiter, Pädagogen, Psychologen, Lehrer) als auch ihre inhaltliche Zielsetzung nämlich ’Chancengleichheit’ herzustellen. Allein die Zielgruppen (vor allem Vorschulkinder damals, schwer vermittelbare Jugendliche heute) und die angewendeten didaktisch-methodischen Verfahren unterscheiden sich voneinander.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Gerhard Brandt/Luitgard Haas/Evelies Mayer/Wilhelm Schumm (Autorenkollektiv), Berufliche Sozialisation und gesellschaftliches Bewußtsein jugendlicher Erwerbstätiger, Regensburg 1973, S. 120.Google Scholar
  12. 12.
    Brandt u.a., a.a.O., S. 120.Google Scholar
  13. 13.
    Daß pädagogiche Programme, die sich ausschließlich an den Erkenntnissen der schichtspezifischen Sozialisationsforschung orientieren, “subjektive Klimata” außen vor lassen und von daher notwendig zu kurz greifen, bemerkte in einem jüngeren Beitrag auch Dieter Baacke: “Die Auffassungen beispielsweise von Familienmitgliedern über sich selbst und die Konkretheit familiärer Einlagerung in Umwelten sind ebenso handlungsrelevant wie sozialstrukturelle Merkmale, die die Verarbeitungskapazität und Erfahrungsdimensionen der Subjekte außen vor lassen.” (Dieter Baacke, Sozialökologische Ansätze in der Jugendforschung, in: Heinz-Hermann Krüger (Hrsg.), Handbuch der Jugendforschung, Opladen 1988, S. 71 ff., hier: S. 71).Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Klaus Horn, Was heißt hier oraler Flipper? Narzißmus und gesellschaftliche Verhaltensanforderungen, in: Helga Häsing/Herbert Stubenrauch/ThomasZiehe(Hrsg.), Narziß. Ein neuer Sozialisationstypus? Frankfurt 1981, S. 78 ff..Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Thomas Ziehe, Ich werde jetzt gleich unheimlich aggressiv. Probleme mit dem Narzißmus, in: Häsing/Stubenrauch/Ziehe, a.a.O., S. 36 ff..Google Scholar
  16. 16.
    Horn, Was heißt hier oraler Flipper?, a.a.O., S. 84.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. hierzu die auch gegenwärtig noch aktuellen Überlegungen Wolf-Dieter Narrs, der die im übrigen auch anderswo in verschiedensten Facetten anzutreffende These vertritt, daß die wachsende Abstraktheit der gesellschaftlichen Verhältnisse dirigistisch auf den einzelnen einwirke und ihn auch ohnmächtig zurücklasse. Ökonomisch-politische Konzentrations-und Zentralisationsprozesse “fällen zugleich immer neue Bereich der Gesellschaft, die ökonomisch-politisch nicht mehr benötigt werden, als aktuell oder potentiell irrelevant aus. (…) Als Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Gruppen und ganze Gesellschaftsbereiche ‘ausgefällt’ werden, können sowohl die Jugend-und die AItenprobleme dienen als auch die Art und Weise, wie Stadtteile und Regionen an den Rand gedrängt und dort belassen werden.” (Wolf-Dieter Narr, Hin zu einer Gesellschaft bedingter Reflexe, in: Jürgen Habermas (Hrsg.), Stichworte zur ’Geistigen Situation der Zeit’, 2. Band: Politik und Kultur, Frankfurt a.M. 1979, S. 489 ff., hier. S. 493).Google Scholar
  18. 18.
    Horn, Was heißt hier oraler Flipper?, a.a.O., S. 84 f..Google Scholar
  19. 19.
    An dieser Stelle wäre etwa darüber nachzudenken, ob der Frage nach ‘Planungsunfähigkeit’ bzw. ‘Planungsunmöglichkeit’ nicht auch die Frage nach ‘Planungslust’ bzw. ‘Planungsunlust’ (denn warum sollte jemand denn überhaupt planen ’müssen’?) hinzuaddiert werden sollte.Google Scholar
  20. 20.
    Als solcher stellt er die logische Verlängerung einer Diskussion dar, die mit den Thesen der Frankfurter Schule über den Zerfall der bürgerlichen Familie ausgelöst wurde. Die Überlegung, die hier angestellt wurde, geht etwa davon aus, daß mit dem Zerfall von Autoritätsstrukturen in der bürgerlichen Familie auch ein Bedeutungsverlust des ödipalen Konflikts einhergehe. Wenn dies der Fall sei, so sei auch die Entwicklung des ’Über-Ichs’ in einem Maße behindert, welches es den gesellschaftlichen Kräften erlaube, direkten Einfluß zu nehmen auf innenpsychische Dispositionen, auf ‘subjektive Klimata’. “Ziehe trieb diese Fragestellung weiter voran. Seine These lautete, die spätkapitalistische Gesellschaft könne sich individuell nur über narzißtische Strukturen reproduzieren.” (Mario Erdheim, Psychoanalytische Ansätze in der Jugendforschung, in: Krüger, a.a.O., S. 29 ff., hier. S. 42.).Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. Horst W. Opaschowski, Neue Erziehungsziele als Folge des Wertewandels von Arbeit und Freizeit, in: ZfP, Beiträge zum B. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, 18. Beiheft, Weinheim und Basel 1983, S. 237 ff..Google Scholar
  22. 22.
    Opaschowski, Neue Erziehungsziele, a.a.O., S. 242.Google Scholar
  23. 23.
    Horst W. Opaschowski, Die neue Freizeitarbeitsethik, Entwicklungstendenzen im Freizeitbereich und soziale Folgen, in: Elmar Altvater/Martin Baethge u.a. (Hrsg.), Arbeit 2000, Hamburg 1985, S. 143 ff., hier. S. 143.Google Scholar
  24. 24.
  25. 25.
    Opaschowski, Die neue Freizeitarbeitsethik, a.a.O., S. 145.Google Scholar
  26. 26.
    Ähnliches bemerkt Harry Friebel: ‘Freie Zeit’ konzentriere sich zunehmend auf den häuslichen Bereich, in immer stärkerem Maße dominiere die ’sozialräumliche Perspektive des zu Hause’, der Wohnbereich der Familie also. (Vgl. H. Friebel/J. Geehrt/M. Piontek, Freizeitverhalten und Jugendkultur. Fürs Wochenende leben, in: Harry Friebel (Hrsg.), Von der Schule in den Beruf. Alltagserfahrungen Jugendlicher und sozialwissenschaftliche Deutung, Opladen 1983, S. 87 ff.).Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.), Jugendliche und Erwachsene ‘85. Generationen im Vergleich. Biographien/Orientierungsmuster/Perspektiven, Bd. 1, Hamburg 1985.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell, Jugendliche und Erwachsene ‘85, a.a.O., S. 141 ff..Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell, Jugendliche und Erwachsene ‘85, a.a.O., S. 147. Mit welcher Definitionsmacht ausgestattet die Autoren allerdings die aufgeführten kulturellen Fertigkeiten als die ’höhergeschätzten Praktiken’ bewerten, bleibt weitgehend im Dunkel ihrer Beurteilungskriterien.Google Scholar
  30. 30.
    Jugendwerk der Deutschen Shell, Jugendliche und Erwachsene ‘85, a.a.O., S. 148.Google Scholar
  31. 31.
    Klaus Allerbeck/Wendy Hoag, Jugend ohne Zukunft? Einstellungen, Umwelt, Lebensperspektiven, München 1985, S. 71.Google Scholar
  32. 32.
    Anders das Interesse an Jugendforschung. Allein die Tatsache, daß es vor allem Landes-und Bundesministerien sowie Institutionen der Wirtschaft waren, die immer wieder Forschungsgelder für diesen Bereich bereitstellten, deutet darauf hin, daß offenbar ein sowohl politisches als auch ökonomisches Interesse daran bestand (und noch besteht), diese Jugendlichen nicht zu ‘verlieren’.Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. Martin Baethge u.a., Jugend und Krise, Düsseldorf 1987.Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. Peter Alheit/Christian Glas, Das beschädigte Leben, Bremen 1986.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. hierzu die für die Arbeitslosenforschung ‘klassische’ Studie von Marie Jahoda/Paul F. Lazarsfeld/Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Frankfurt a.M. 1933.Google Scholar
  36. 36.
    Baethge u.a., a.a.O., S. 258.Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. Martin Baethge, Jugend und Gesellschaft - Jugend und Arbeit, in: Frank Benseler/Wilhelm Heitmeyer/Dietrich Hoffmann/Dietmar K. Pfeiffer/Dieter Sengling (Hrsg.), Risiko Jugend. Leben, Arbeit und politische Kultur, Münster 1988, S. 28 ff..Google Scholar
  38. 38.
    Baethge, a.a.O., S. 35 f..Google Scholar
  39. 39.
    Baethge, a.a.O., S. 35.Google Scholar
  40. 40.
    Die Überlegungen der Autoren erinnern stark an die Theorie von Alice Miller (Am Anfang war Erziehung, Frankfurt a.M. 1983 ). Ähnlich wie diese unterstellen P. Alheit/Chr. Glas so etwas wie einen ‘Wiederholungszwang’ als Folge einer mehr oder weniger versteckten ’schwarzen Pädagogik’.Google Scholar
  41. 41.
    Vgl. hierzu Kapitel 2.2.1 ff. dieser Studie.Google Scholar
  42. 42.
    Beratungsgruppe ‘Projekt R’ Weder verharmlosen noch dämonisieren. Sozialwissenschaftliche Befunde über die Wählerschaft rechtsextremer Gruppierungen und die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen des parlamentarischen Aufkommens der Partei “Die Republikaner”. Ein Bericht. Leitung: Dr. Karl-Heinz Klär, Bonn, September 1989, S. 9.Google Scholar
  43. 43.
    Vgl. Ulrich Baumann/Ulrich Becker/Jochen Gerstenmaier/Ottmar Schickle/ Rudolf Tippelt, Handlungsperspektiven undpolitische EinstellungenarbeitsloserJugendlicher,Frankfurt a.M. 1979.Google Scholar
  44. 44.
    Sinus-Institut, Die verunsicherte Generation. Jugend und Wertewandel, Opladen 1983, S. 147.Google Scholar
  45. 45.
    Vgl. Arbeitskammer des Saarlandes (Hrsg.), Ursachen und Folgen der Jugendarbeitslosigkeit. Schriftenreihe der Arbeitskammer des Saarlandes, Saarbrocken 1980.Google Scholar
  46. 46.
    Wilhelm Heitmeyer, Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen, Weinheim und München 1988, S. 95.Google Scholar
  47. 47.
    Heitmeyer, a.a.O., S. 104. Zum besseren Verständnis einer solchen Abhängigkeit bietet sich hier das Beispiel eines 20jährigen Arbeitslosen an, der - noch immer von den Eltern und/oder dem Sozial-bzw. Arbeitsamt abhängig - auf unabsehbare Zeit ein quasi verlängertes Jugend-Dasein zu fristen gezwungen ist.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 1992

Authors and Affiliations

  • Dieter Hoffmeister
  • Oliver Sill

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