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Ungleichheiten pp 190-226 | Cite as

Grundtypen positional strukturiertier Ungleichheit. Klassenlagen und Elitepositionen

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

Zusammenfassung

Wir haben in Kapitel I angedeutet, warum genau unterschieden werden sollte zwischen positionaler und allokativer Ungleichheit. Positionale Ungleichheit ist das Ergebnis strukturell ungleicher Verteilung der Verfügungsgewalt über Objekte. In Kapitel III und IV haben wir eine differenzierte Bestimmung dieser Objekte als Ressourcen und Belohnungen in funktional oder empirisch differenzierten gesellschaftlichen Verhältnissen entwickelt. Damit haben wir zugleich einen pro-theoretischen Zugang für neue Beschreibungen, Definitionen und Analysen der positionalen Strukturierung sozialer Ungleichheit eröffnet. Von ‚Strukturformen positionaler Ungleichheit‘ oder von ‚positionalen Strukturformen‘ wollen wir sprechen, wenn (und insoweit) Ungleichheiten der objektiven Lebenslage bestimmt sind durch die ungleiche Verteilung der Verfügungsgewalt über spezifische Objekte.

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Literatur

  1. 1.
    Wir klammern hier positives oder negatives Prestige auf der Grundlage askriptiver Kriterien aus, weil wir von Allokationsprozessen in diesem Kapitel abstrahieren (vgl. Kap. IV, Schema 6, Spalte 5; vgl. auch Kap VII, Anm. 31). Es geht hier also um ‚positionale‘, nicht um ‚allokative‘ Prestigegruppen. Man könnte schließlich in gesellschaftlichen Konsumtionsverhältnissen unterschiedliche Konsumtionspositionen ausmachen, welche unterschiedliche Konsumgruppen konstituierten, die durch ungleiche Konsumchancen charakterisiert werden. Derartige ‚distributive groupings‘ (GIDDENS 1973:109) wären zum Beispiel die von quantifizierenden Ökonomen und Soziologen so geliebten ‚Einkommens-‘ und ‚Vermögens‘-Dezile, - Quintile usw. Diese sind nicht-relational und ‚distributiv-asymmetrisch‘. Es sind Kunstprodukte der Statistiker. Sie werden erst dann für die Konstitution von Handlungskollektiven relevant, wenn sie als gegensätzliche Beziehungen (zwischen ‚Reichen‘ und ‚Armen‘) erfahren werden: die einen sind reich, ‚weil‘ die anderen arm sind et vice versa. Aber eine derart dichotomisierende Logik ist ihnen nicht - wie den vier Grundtypen - inhärent: die eine Klasse kann sich Mehrarbeit der anderen nur aneignen, ‚weil‘ diese ausgebeutet wird; Elitepositionen setzen (demokratisch illegitime) Unterordnung/Unterdrückung voraus und positive Prestigepositionen werden durch negative konstituiert. Zudem sind die sich in Konsumtionsverhältnissen bietenden Chancen asymmetrischer Macht beschränkt (und als Interaktions-und Prestigechancen dort integriert). Für unsere Zwecke also sind ‚distributive groupings‘ kein sinnvoller Grundtypus positionaler Ungleichheit.Google Scholar
  2. 2.
    Und gerade diese Durchschneidungen und Überlagerungen sind Gegenstand weiterführender Theorien und empirischer Forschung. Der Charakter dieser rein analytischen Unterscheidungen kann einfach illustriert werden, wenn wir explizieren, warum wir Elitepositionen auf Unterdrückung‘ eingrenzen, „soweit dies nicht zur Aneignung von Mehrarbeit führt“. Die Verfügungsgewalt über Elitepositionen in Arbeitsorganisationen generell, speziell die Verfügungsgewalt über solche in ‚politischen Verbänden‘ (z.B. Staaten) kann natürlich zur Aneignung von Mehrarbeit führen, und dies ist historisch in vielfältigster Weise dokumentiert. Dann aber konstituieren diese Elitepositionen selber ‚Klassenpositionen‘. Wir haben ja in unserer Definition von Klassenpositionen die Art der Ressourcen bewußt offen gelassen, deren Verfügung die Aneignung von Mehrarbeit ermöglicht. Wir wehren uns gegen die verschiedenen Versuche, diese vier Grundtypen positionaler asymmetrischer Macht auf einen einzigen zurückzuführen, sei dies nun ‚exploitation‘ (wie im aufgeblasenen Ausbeutungsbegriff bei PARKIN 1979:46; GIDDENS 1973:130 f.) oder „forms of domination“ (wie bei MURPHY 1985:225,234) oder gar „exclusion“. Ausschließung werden wir als allokativen Typus asymmetrischer Macht behandeln, weil es sich bei Ausschließungsprozessen nicht um positionale Ungleichheit, sondern um ‚Rekrutierung‘ oder ‚Allokation‘ auf strukturelle Positionen handelt. Selbstverständlich wehren wir uns auch gegen die in der marxistischen Tradition übliche Reduktion aller Typen asymmetrischer Macht auf ‚Ausbeutung‘.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. etwa die Definitionen von LENIN LW 9:410; WRIGHT 1985 und 1979:17 und die Definition der ‚Besitzklassen‘ in Max Webers 2. Fragment: WG:177f; vgl. Interpretation bei BENSCHOP 1987:51 ff. Wir behandeln daher auch ‚Kasten‘ und ‚Stände‘ unter best. Bedingungen als Klassen. Die für ‚Marktklassen‘, speziell für Klassen in der bürgerlichen Gesellschaft charakteristische relative ‚Offenheit‘ (fehlende direkte konventionale oder rechtliche Schließung, Möglichkeit vertikaler sozialer Mobilität) kann für einen allgemeineren Klassenbegriff nicht konstitutiv sein.Google Scholar
  4. 4.
    Wir werden sehen, daß umgekehrt Positionen, welche von der Bedeutung von ‚Macht und Herrschaft‘ in Arbeitsorganisationen abstrahieren (vgl. Roemer 1982, vgl. alle Marginalisten und im Prinzip alle ‚Neo-Weberianer‘) die Ausbeutungsverhältnisse in kapitalistischen Arbeitsverhältnissen nur reduziert thematisieren. Dies ist einer der Gründe, warum wir unsere Definition von Klassenpositionen nicht eindeutig auf die gesellschaftliche Ebene begrenzen: wenn und sofern ‚Herrschaftspositionen‘ zu struktureller Ausbeutung führen oder beitragen, behandeln wir sie auch ‚analytisch‘ als Klassenpositionen. Dies ist zwar sehr unelegant, folgt jedoch der Logik unserer um strukturelle Ausbeutung zentrierten Definition von Klassenlagen. Umgekehrt liegt natürlich der Schwerpunkt unserer Definition nicht auf ‚Organisationspositionen‘ (wie z.B. bei DAHRENDORF 1959), sondern — modern gesprochen — auf ‚Marktpositionen‘. Auch Max Webers ‚Erwerbsklassen‘ sind eindeutig auf dieser gesellschaftlichen Ebene definiert, aber in seinen Begriff der ‚sozialen Klassen‘ spielen auch Interaktionsaspekte hinein (vgl. BENSCHOP ). Diese werden dann bei Schumpeter und vielen anderen zum Nukleus ihrer Klassendefinitionen.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. für ‚Klassen in Organisationen‘: LOW-BEER 1978; SCOTT 1979; CLEGG/DUNKERLEY 1980; SALAMAN 1981:228 „The first and most striking point about recent theories of organizations is their lack of any consideration of class within organization“.Google Scholar
  6. 11.
    In der marxistischen Tradition lassen sich vier Reaktionstypen unterscheiden: (a) einfach so tun als ob nichts gewesen wäre, (b) Wert-und Mehrwerttheorie als spezielle Fälle unter bestimmten Bedingungen beibehalten (vgl. ELSTER 1985:204), was solange auf jeden Fall sinnvoll ist, als es keine alternativen theoretischen Lösungen gibt, welche das Problem nicht einfach ignorieren (c) Kernbestandteile der Wert-und Mehrwerttheorie preisgeben (nicht nur: Preisgabe des Anspruchs effektive Preisen und quantitative Mehrwertraten erklären zu können (vgl. schon DOBB), sondern des Grundgedankens selber, daß Arbeit Wert wie Mehrwert schafft‘ (vgl. COHEN 1982). Zurück bleibt dann nur der vage und gänzlich unabgesicherte Gedanke, daß (nur?) Arbeit die ‚products‘ oder ‚fruits of labor‘ oder einen vagen ‚surplus‘ schaffen könne, und nicht Nicht-Arbeit (vgl. COHEN, WRIGHT u.a.). Wenn man diese Strategie dadurch weiter eingrenzt, daß man auch Zirkulationstätigkeiten, Organisationstätigkeiten, die Arbeit des ‚Entscheidens‘ wie des ‚Krieges‘ usw., Arbeit nennt und anerkennt, daß natürlich nur von Arbeitsprodukten gesagt werden kann, daß sie ‚products of labor‘ sein können, zeigt sich sofort, daß dem Marxschen Ansatz damit fast alle Zähne gezogen sind. (d) Preisgabe der Arbeitswerttheorie insgesamt zugunsten einer Spieltheorie, welche an Arbeit und Arbeitsprozessen nicht mehr interessiert ist (wohl an Arbeitskraft). Position (b) scheint uns solange am sinnvollsten, wie sich keine besseren theoretischen Strategien abzeichnen, welche die zu behandelnden Probleme nicht einfach ignorieren, wie dies für ‚marginalistische‘ Theorien, Machtpreistheorien, Theorien ungleichen Tauschs und ‚neo-weberian exclusionists‘ gilt, welche Probleme der Wertschöpfung, der Erzeugung von Wert und Mehrwert, einfach links liegen lassen. Die gegenwärtige ‚Krise‘ ist ja nicht nur eine der marxistischen Kritik der Politischen Ökonomie, sondern eben auch eine chronische der ‚economics‘!Google Scholar
  7. 12.
    Dieser Begriff von Mehrarbeit ‚in absoluter Form‘ (THERBORN 1976:370) wird sehr häufig — auch von nichtmarxistischen Anthropologen (CHILDE), Historikern und Soziologen (LENSKI u.v.a.) — verwendet. Wenn er nicht klar auf historisch definierte Bedürfnisse bezogen ist und wenn er nicht explizit nur als Möglichkeit von Mehrarbeit (vgl. ELSTER 1985:169) formuliert wird, eignet er sich ausgezeichnet für unkritische ‚technologische‘ Geschichtsmythen.Google Scholar
  8. 13.
    Die ‚Mehrarbeit‘ im spezifischen Sinne würde also verschwinden und alle Arbeit würde ‚notwendige Arbeit‘: „Jedoch würde die letztre … ihren Raum ausdehnen. Einerseits weil die Lebensbedingungen des Arbeiters reicher und seine Lebensansprüche größer. Andrerseits würde ein Teil der jetzigen Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit zählen, nämlich die zur Erzielung eines gesellschaftlichen Reserve-und Akkumulationsfonds nötige Arbeit.“ (MEW 23:552 versus MEW 25:827 f u. ö.) Es gibt also inhaltlich oder sachliche keine ‚allgemeine‘ Abgrenzung von notwendiger und Mehrarbeit in dem Sinne, daß generell feststünde, was jeweils als notwendige und als Mehrarbeit gilt, sondern nur eine formale. Insofern gibt es also auch keinen inhaltlich fixierten, gesellschaftsformationsübergreifenden Begriff von Mehrarbeit.Google Scholar
  9. 14.
    Aber auch für Klassengesellschaften ergeben sich normative Probleme der Abgrenzung von notwendiger Arbeit und Mehrarbeit, wenn man nicht einfach darauf abstellt, daß die Verfügungsgewalt und Disposition über jene ‚Mehrarbeit‘ oder jenes ‚Mehrprodukt‘ in Händen anderer (Klassen, des Staats) liegt und einfach deshalb schon von ‚Mehrarbeit‘ gesprochen werden muß (vgl. etwa zur Problematik der Steuerausbeutung diesbezüglich: KRATKE 1984:150 ff). Einerseits: unter Gesichtspunkten der Ausbeutung (nicht: unter denen der Herrschaft oder ‚alienation‘ (vgl. PRZEWORSKI 1982)) bleibt es unbefriedigend, um z.B. Sozialversicherungsfonds einfach deshalb zur ‚Mehrarbeit‘ zu rechnen, weil nicht die Arbeiter, sondern die Kapitalisten oder der Staat über sie verfügen (solange dieser Sachverhalt ihren Umfang nicht tangiert), ebenso wie es unbefriedigend bleibt, feudale Verhältnisse einfach deshalb schon Ausbeutungsverhältnisse zu nennen, weil und insofern die Bauern (fiktiv gesprochen) die ‚Arbeit des Krieges‘ an die Feudalherren ‚delegiert‘ haben, solange dadurch der Umfang dieser Arbeit für Schutz und Sicherheit nicht tangiert würde). In beiden Beispielen wird mit kontrafaktischen Modellen argumentiert, ohne welche so etwas wie spezifischen Klassenverhältnissen geschuldete ‚Mehrarbeit‘ nur schwerlich diagnostiziert werden kann (vgl. klassisch schon BARAN). Andrerseits: zwischen ‚notwendiger Arbeit‘ in jenem klassenspezifischen Sinne und ‚gesellschaftlich notwendiger Arbeit‘ im eher ‚technischen‘ Sinne muß sehr genau unterschieden werden. Die Aneignung von Mehrarbeit seitens reiner Couponschneider bliebe Mehrarbeit auch dann, wenn sich zeigen ließe, daß eine derartige Version kapitalistischer Wirtschaftsordnung ‚effizienter‘ wäre als alle denkbaren anderen (Kapitalismus ohne Couponschneider und Rentiers, Sozialismus verschiedenster Varianten). Vgl. etwa die ‚Insel‘, auf der die fungierenden Kapitalisten allen Mehrwert akkumulieren (vgl. ELSTER 1985).Google Scholar
  10. 15.
    Mehrarbeit ist also nicht einfach ‚Arbeit für andere‘ und auch nicht einfach ‘mehr Arbeit‘ für andere, als man von ihnen zurückerhält, sondern in diesem einfachsten und allgemeinsten Grundbegriff Arbeit für Nichtarbeitende Arbeitsfähige. Natürlich muß dies näher eingegrenzt werden: ‘fruges consumere nati‘ versus ‘nichtarbeitende arbeitsfähige‘ Arbeitslose einerseits (vgl. unten: Ausschließung von Arbeitschancen); andrerseits muß, weitaus schwieriger (weil ohne die ‘Gewißheiten‘ quantitativer ‘arbeits-und mehrwerttheorettscher‘ Erklärungen) erklärt werden, in welchem Sinne auch ‘arbeitende‘ herrschende Klassen Mehrarbeit aneignen und in diesem Sinne ausbeuten.Google Scholar
  11. 20.
    Vgl. den sachlich gleich gelagerten, aber terminologisch unglücklichen Versuch der Unterscheidung zwischen ‚exploitation‘ und ‚economic oppression‘ bei WRIGHT 1985: 74f: Arbeitsunfähige und Arbeitslose werden nicht ausgebeutet: „the fruits of their labour are not appropriated by any class (since they are not producing anything)“. Ausbeutungsbeziehungen hingegen seien antagonistische: „the welfare of exploiting class depends upon the work of the exploited class“, „exploiting class needs exploited class“, „binds the exploiter and the exploited together in a way that economic oppression need not“ usw. Im Gegensatz zu Wright analysieren wir auch die anderen Typen asymmetrischer Macht als ‘antagonistische‘ und halten daher seine Begründung für die eminente handlungsstrukturierende Kraft von Ausbeutungsbeziehungen („peculiar combination of antagonism of material interests and interdependency“) für unzureichend. Wenn man Ausbeutung definiert als „an economically oppressive appropriation of the fruits of the labour of one dass by another“ (77) ist zudem nicht einzusehen, warum auf der Seite der Ausbeuter nur die Verfügungsgewalt über direkte Ressourcen, nicht aber die über indirekte Ressourcen Klassenlagen bestimmen soll (vgl. unten zum zwieschlächtigen Versuch von Wright „to restore the central thrust of the traditional Marxist concept of exploitation“ (74) „without the formal apparatus of the labour theory of value“. MURPHY (1985:233 f) hat natürlich recht wenn er festhält, daß gegenwärtig sowohl in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften wie vor allem in der sog. Dritten Welt „exploitation in the Marxian sense is eminently preferable to unemployment and exclusion“. Aber wir haben schon oben angedeutet, daß dies gerade in der Perspektive der Differenzierung von Typen asymmetrischer Macht und der Diskussion ihrer relativen bewußtseins-und handlungsstrukturierenden Kraft kein Argument dafür ist, um ‘Ausbeutung‘ einfach in ‘Ausschließung‘ aufgehen zu lassen. Die von Arbeitschancen (nicht nur: von kapitalistischer Lohnarbeit) Ausgeschlossenen unterscheiden sich von den Ausgebeuteten hinsichtlich der mobilisierbaren Machtchancen u.a. negativ gerade dadurch, daß die Ausbeutenden Reichen nicht direkt von ihnen abhängig sind.Google Scholar
  12. 22.
    Definitionsfragen sind Fragen der Zweckmäßigkeit. Für uns ist weniger entscheidend, daß die begrenzte Definition der Marktausbeutung gegen marxistische Konventionen und Intentionen verstößt, als daß sie in der Tradition der Neo-Klassik zu irreführenden Dichotomisierungen von ‚economic processes‘ und ‚extra-economic coercion‘ führt und damit die Rolle und Bedeutung von sog. ‘intra-economic coercion‘ „at the point of production“ gerade auch in Systemen kapitalistischer Marktausbeutung aus dem Auge zu verlieren droht (exemplarisch hierfür ist ROEMER (1982 a, b), aber auch ELSTER 1982, 1983 ).Google Scholar
  13. 24.
    Im Unterschied zu WRIGHT 1985 und eigenen vorläufigen Formulierungen (BADER 1987) wollen wir die für die Bestimmung von Ausbeutungs-und Klassenlagen relevanten Ressourcen nicht auf ‚direkte Ressourcen‘ oder ‘productive assets‘ beschränken. Wir wollen aber andrerseits diese Differenzierung nicht einfach fallenlassen, sondern zeigen, wie sie für Erklärungen der Ursachen und Mechanismen von Ausbeutung fruchtbar gemacht werden kann.Google Scholar
  14. 26.
    Hier zeigt sich also, daß Verfügungsgewalt über indirekte Ressourcen (wie Geld und Gewalt) ebenso Grundlage der Ausbeutung sein kann wie die komplizierten Prozesse der Verleihung, Verpachtung direkter materieller Ressourcen selber. Es zeigt sich auch, daß den Arbeitenden, wenn diese über die materiellen Ressourcen verfügen, nicht „nur“ (MEW 25:798, vgl. oben) durch ‚außerökonomischen Zwang‘ Mehrarbeit abgepreßt werden kann, sondern auch durch Kontraktverhältnisse und durch ungleichen Tausch.Google Scholar
  15. 30.
    Wenn man — wie unserer Ansicht nach zum Verständnis des okzidentalen Feudalismus unerläßlich — auch die Arbeit der Sicherung und des Schutzes vor endemischen Raubund Plünderungszügen, also die ‚Arbeit des Krieges‘ als Arbeit analysiert, sind feudale Arbeits-, Natural-oder Geldrenten nicht einfach an sich schon Ausbeutung. Auch kommen feudale Abhängigkeitsverhältnisse nicht nur durch gewaltsame Unterwerfung, sondern durch formal und faktisch freiwillig eingegangene Verträge der Abhängigen zustande (vgl. Beispiele bei BLOCH, NORTH). Das dominante ‘produktivistische‘ Vorurteil in der marxistischen Tradition hat eine fruchtbare Diskussion des Problems, ab wann und in welchem Umfang Feudalrenten Ausbeutung bedeuten, verhindert. Auch wenn man die Arbeit des Krieges nicht leicht quantitativ mit der von Ackerbau und Viehzucht usw. vergleichen kann, sind sie doch nicht einfach inkommensurabel. Über ihr Verhältnis lassen sich für die Entwicklungsgeschichte der verschiedenen Feudalsysteme durchaus sinnvolle historische Aussagen machen.Google Scholar
  16. 32.
    Kapitalistische Mehrarbeit wird also in kapitalistischen Arbeitsprozessen ‚ausgepumpt‘ und auch die durch Marx ‘indirekt produktiv‘ genannten Arbeiten, welche auf kapitalistischer Basis durchs Handels-und Bankkapital organisiert werden, können als mehrwerterzeugend analysiert werden. Wenn man dies — wie Marx — nicht tut, wären nur die ‘industriellen Kapitalisten‘ ‘ersté oder ‘primäre‘ Aneigner von Mehrarbeit und Mehrwert, kommerzielle und Bankkapitalisten wären ‘sekundäre‘ Aneigner. Tut man dies (wie im Ansatz z.B. KRATKE 1984:80), sind auch kommerzielle und Bankkapitalisten ‘erste Aneigner‘. Es ist zwar richtig, daß sich ‘Zirkulationsarbeiten‘ nicht umfassend arbeitsteilig delegieren lassen, aber dies schließt ihre Delegation und arbeitsteilige Organisation durchs kommerzielle Kapital ebensowenig aus wie die der Tätigkeiten des Leihens und Verleihens durchs Bankkapital (diesbezüglich ist Krätke nicht konsequent genug). Damit ist natürlich nicht jede Zirkulationsarbeit oder Tätigkeit des Leihens und Verleihens vom kapitalistischen Standpunkt aus ‘produktiv‘, sondern nur jene, welche die Zirkulationskosten senkt. Die Aussage, daß auch kapitalistische Lohnarbeiter keine relevanten Austritts-Optionen haben, ist zu allgemein und müßte näher differenziert werden: ungelernte Arbeiter haben Emigration-und Remigrationsoptionen; Facharbeiter und Profis haben kontextabhängig recht erhebliche Chancen usw. Vgl. auch KRATKE 1985 zur sozialen und politischen Schließung der ‘Alternativen zur Lohnarbeit‘.Google Scholar
  17. 34.
    Die Bedeutung dieses Sachverhalts für die Entwicklung von Klassenbewußtsein und kollektivem Handeln auf Seiten der Ausgebeuteten ist für den modernen Kapitalismus seit WEBER (WG 179, 533 u.ö.) zurecht und immer wieder hervorgehoben worden.Google Scholar
  18. 35.
    Komplizierter wird die Analyse von Ausbeutungsbeziehungen bei kollektiver Steuerausbeutung im Falle der sog. ‚asiatischen Produktionsweise‘, wo nicht nur staatliche Sicherheitsfunktionen, sondern darüberhinaus staatliche Funktionen bei der Erhaltung und Entwicklung komplexer Bewässerungssysteme zu ‘verrechnen‘ sind. Auch hier gilt, daß nicht einfach jede Steuerleistung per def. Steuerausbeutung impliziert. Umgekehrt sollten die bekannten Schwierigkeiten der exakten Vergleichbarkeit historisch informierte Urteile über die Entwicklung von Ausbeutung in diesen Formen nicht verhindern. Vgl. TOKEI 1965, SOFRI 1969, HABIB 1963, MADDISON 1972, WITTVOGEL u.a.Google Scholar
  19. 36.
    Für den Gebrauchswert Seelenheil wäre ähnlich zu argumentieren wie oben für den der Sicherheit. Nur bei eng produktivistischem Arbeitsbegriff sind Abgaben an Kirchen oder Sekten per def. ‚Ausbeutung‘. „Control over the means of salvation“ (WRIGHT 1985:96) bietet zwar die „ability to exploit“, aber diese wäre anders zu behandeln: 1. als Chance der Ausbeutung einfacher Mönche, Priester usw. selber in hierarchisch-bürokratisch organisierten kirchlichen Arbeitsverhältnissen; 2. als Chance der Ausbeutung ‘Gläubiger‘. Dann aber muß ihr Gebrauchswert des ‘Seelenheils‘ mit dem anderer Arbeitsprodukte oder -Leistungen verglichen werden. 3. Historisch dominante Formen ‘religiöser‘ oder kirchlicher Exploitation beruhen eher auf religiöser Legitimation der Verfügung über ganz und gar ‘weltliche‘ direkte Ressourcen (Land, Arbeitsmittel und vor allem eben auch Gewalt und Kriegsbetriebsmittel; entweder direkt wie bei Hierokratien oder vermittelt über staatliche Legalität wie beim spannungsvollen Nebeneinander von staatlicher und kirchlicher Souveränität).Google Scholar
  20. 42.
    Strukturell Arbeitslose wie generell von Arbeitschancen Ausgeschlossene — die sog. ‚Unterklassen‘, die ‘Armen‘, das ‘Proletariat‘ im vorkapitalistischen Sinne — werden im Sinne unserer Definition nicht ausgebeutet, besetzen daher keine Ausbeutungs-und Klassenpositionen und sind daher nicht im strengen Sinne als Klassen zu bezeichnen (im Gegensatz zu LEPSIUS 1979, KRATKE 1985 u.a.). Diese Abgrenzung stimmt überein mit der Intention von Marx (vgl. DRAPER 1977/78) und von Max Weber (dort sind sie Teile der ‘negativ privilegierten Besitzklassen‘, nicht der Erwerbsklassen). Ausbeutungsverhältnisse implizieren für uns auf der Seite der Ausgebeuteten immer faktische Arbeit und Mehrarbeit. Es gibt also im Sinne unserer Terminologie keine nicht-ausgebeuteten oder nichtausbeutenden Klassen. Dies ist in zweifacher Hinsicht wichtig: 1. die Konstruktion ‘nicht-antagonistischer‘ Klassen im ‘Sozialismus‘ als erster Phase ist nicht nur faktisch eine Legitimationslegende des Marxismus-Leninismus, sondern für einen kritischen Begriff von Mehrarbeit und Klassenlagen ein Unding. 2. Die Klassenpositionen selbstwirtschaftender Bauern, kleiner Warenproduzenten und kleiner Händler werden erst dann zu Klassenpositionen im strengen Sinn, wenn diese ‘selbstarbeitenden Eigentümer ihrer Produktionsbedingungen‘ ausgebeutet werden (durch den Staat, das Wucherkapital, durch systematisch ungleichen Tausch usw.).Google Scholar
  21. 45.
    Staatsschulden können Staaten in finanzielle Abhängigkeit bringen (bis zum Staatsbankrott) und darüberhinaus in politische Abhängigkeit von ‚inländischen‘ wie ‘ausländischen‘ privaten Gläubigern (vgl. klassisch die strukturelle Abhängigkeit ‘absoluter‘ Monarchen von den ‘Fuggern und Weisem‘), von anderen Staaten wie von (durch bestimmte Staaten und Bankkonglomerate dominierten) internationalen Finanzinstitutionen (wie gegenwärtig der meisten Staaten der sog. ‘Dritten‘ Welt vom IMF und der Weltbank). Aber auch in diesen Fällen kann nicht einfach gesagt werden, daß damit die Bevölkerung dieser verschuldeten Staaten insgesamt ‘ausgebeutet‘ wird (ihre eigenen Staatsbürger können ja zugleich Großgläubiger sein, was allerdings strukturell für diese Nachteile hat, wie die Erben der Fugger erfahren mußten!). Wir wollen hier offen lassen, unter welchen Bedingungen von unserem Ausbeutungsbegriff aus sinnvoll von Ausbeutung in der Form von Staatsschulden gesprochen werden kann (vgl. etwa: KRATKE 1980 ).Google Scholar
  22. 50.
    Vgl. WRIGHT 1979, SZYMANSKI 1983 u.a. Es geht bei diesem Fall askriptiver Ausbeutung nicht um die ungleiche Verteilung der direkten Ressourcen auf Basis askriptiver Diskriminierung (z.B. über ungleiche Bildungs-und Qualifikationschancen) und auch nicht um die Möglichkeiten askriptiver Diskriminierung in subsistenzwirtschaftlichen oder ‚Haushaltsarbeitsprozessen‘ (‘gender exploitation within the family‘, vgl. oben), sondern um den besonderen Fall askriptiver Ausbeutung über ungleiche Austauschbeziehungen. Irn Gegensatz zu WRIGHT 1985 behandeln wir diese Typen der Ausbeutung nicht als „non-asset“ exploitation (96 ff), sondern als indirekte Ausbeutung auf der Basis spezifischer indirekter Ressourcen. „Male domination within the family may enable men to appropriate surplus labour in the form of domestic services from their wives“(96), aber dies wäre ja gerade ein spezifischer Typus direkter Ausbeutung in Arbeitsprozessen selber. Er wäre deshalb auch von Wrights eigenem engeren Begriffe aus eigentlich als Grundlage von ‘class-positions‘ zu behandeln, was Wright eigentümlich offen läßt. Weil Wright nur jene strukturellen Ausbeutungsbeziehungen Klassenbeziehungen nennen will, die auf ungleicher Verfügungsgewalt über ‘direkte Ressourcen‘ (‘assets‘) beruhen und in unmittelbaren Produktionsprozessen sich abspielen, kann er sagen: „Racial domination may enable whites as such, regardless of ‘economic class‘, to exploit blacks“. Rassistische Unterdrückung kann also für ihn zwar zu rassistischer Ausbeutung führen (aber auch dies bleibt eigenartig unentschieden!), aber nicht zu ‘economic class-positions‘. Dies ist wenig überzeugend, vor allem wenn man bedenkt, daß genau derselbe ‘Mechanismus‘ indirekter Ausbeutung über ungleichen Austausch im Falle der ‘credential exploitation‘ sehr wohl Klassenpositionen konstituieren soll. Askriptiv negativ diskriminierte Gruppen können auf verschiedene Weisen ausgebeutet werden: in direkten Arbeitsprozessen und über ungleichen Austausch. Davon klar zu unterscheiden ist das Problem der Rekrutierung in anders konstituierte Ausbeutungspositionen (dabei geht es um die ‘Füllung‘ der leeren, durch Ausbeutungsbeziehungen charakterisierten, Positionen). Unsere breitere Definition von Ausbeutungspositionen als Kombination ungleicher Verfügung über direkte und indirekte Ressourcen einerseits und bestimmter Mechanismen der Ausbeutung andrerseits, macht also derartig nur oberflächlich scheinbar ‘einfache‘ Abgrenzungen von ‘economic classes‘ und ‘asciptive groupings‘ unmöglich. Unter bestimmten Bedingungen konstituieren ‘male domination‘ und ‘racist domination‘ nicht nur Unterdrükkungs-, sondern auch strukturelle Ausbeutungspositionen und damit potentiell Klassenlagen selber und nicht nur ‘Rekrutierungs-oder Schließungs-‘phänomene. Sowohl terminologisch wie sachlich ist damit z.B. zwischen sexistischer Diskriminierung, Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen zu unterscheiden. Sexistische Diskriminierung bezieht sich auf strukturell ungleiche Behandlung in persönlichen Interaktionen wie in institutionalisierten Prestigehierarchien. Sexistische Unterdrückung bezieht sich auf strukturell ungleiche Positionen in formalen Organisationen, Verbänden und Institutionen (z.B. ungleiche Rechte als Staatsbürger, in patriarchaler Familie usw.). Sexistische Ausbeutung bezieht sich auf direkte Aneignung der Mehrarbeit von Frauen (in patriarchalen Haushalten) wie indirekte Ausbeutung von Frauen über ‘ungleichen Lohn‘.Google Scholar
  23. 54.
    Vgl. WEBER (WG, WGesch) zur differentia spec. des modernen okzidentalen Kapitalismus, vgl. MARX zum Zusammenhang von G-G‘, Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts und Konkurrenz. ‚Besitzklassen‘ sind bei Weber ‘statisch‘ ebenso wie marktvermittelte ‘Rentiers‘. Reine Pacht-, Zins-, Renten-und Steuer-Ausbeutung erklärt nicht die Möglichkeit und Dynamik des ‘kapitalrechnungsmäßigen‘ Wirtschaftens und wir haben schon gesagt, daß die ‘sekundären‘ und ‘tertiären‘ Aneignungen des Mehrwerts nur indirekte Produktivitätseffekte haben.Google Scholar
  24. 55.
    Dies haben wir bisher immer unbegründet unterstellt, obwohl es keineswegs selbstverständlich ist. Von hier aus wäre zum Beispiel das einfache Modell von WRIGHT (table 3.2, 1985:83) zu modifizieren: für die griechische Antike nicht nur Sklavenausbeutung, sondern Zins-, (koloniale) Tribut-und Steuerausbeutung; für ‚feudale Gesellschaften‘ nicht nur die verschiedenen Formen feudaler Ausbeutung, sondern auch Pacht-und Zinsausbeutung usw. Bei genaueren Analysen der ‘Kombination‘ verschiedener Ausbeutungsmechanismen sollten drei Probleme behandelt werden: 1. das jeweilige relative Gewicht bestimmter Ausbeutungstypen in bestimmten Gesellschaftsformationen und ‘societies‘; 2. Die Art, wie verschiedene Ausbeutungstypen intern oder extern miteinander verkoppelt sind; 3. das Ausmaß, in welchem die verschiedenen Ausbeutungstypen einander durchschneiden oder relativ selbständig nebeneinander bestehen (vgl. WRIGHT 1985:109 ff;).Google Scholar
  25. 63.
    Dies ist der Hintergrund der Basisintuition bei WRIGHT 1985. Ähnliches gilt für viele ‚Zwischenlagen‘, für die bekannten Fälle der ‘Selbstausbeutung‘ usw.Google Scholar
  26. 64.
    Vgl. POULANTZAS 1976:20; DAHRENDORF 1959:108f, 145; PARKIN 1974; WESTERGAARD/RESLER 1975:280; PRZEWORSKI 1977;3; SCOTT 1979:108; WRIGHT 1979:21, 24; WRIGHT 1985:34; CARCHEDI 1977. Bei Poulantzas und anderen strukturalistischen Marxisten jedoch ist die zu einfache, aber an sich sinnvolle Unterscheidung ‚positionaler‘ und ‚personaler‘ Dimensionen des Klassenbegriffs verschmolzen mit einer Reduktion der Probleme der ‘Klassenreproduktion‘ auf die der Reproduktion von Klassenlagen selber. Damit kann die gesamte Diskussion sozialer Mobilität als gänzlich unwichtige „problématique bourgeoise“ (1974:37) disqualifiziert werden.Google Scholar
  27. 66.
    Das Problem der Stabilität der strukturellen Klassenlagen muß analytisch wie in empirischen Studien sehr genau unterschieden werden von dem der sozialen Mobilität selber: der Zirkulation von Individuen zwischen verschiedenen, strukturell stabilisierten Klassenlagen (vgl. BERTAUX 1977). Allerdings ist für unseren Begriff von Klasse im Unterschied zu dem der Klassenlage „the degree of social mobility“ im Gegensatz zu DAHRENDORF und dem obigen ‚klassischen‘ Schumpeter-Zitat gerade nicht „as such irrelevant to the problem of the existence of classes“ (1959: 109).Google Scholar
  28. 67.
    Vgl. GIDDENS 1973:107 u.v.a. Wir unterscheiden traditionell zwischen vertikaler Mobilität zwischen Klassenlagen und horizontaler Mobilität innerhalb bestimmter Klassenlagen. Letztere sollte nicht einfach mit ‚beruflicher Mobilität‘ verwechselt werden. In der sich in der letzten Zeit expansiv entwickelnden Mobilitätsforschung wird darüberhinaus zwischen absoluten und relativen Mobilitätsgraden unterschieden. Absolute Mobilität mißt den Zustrom und Abfluß bestimmter Klassen (oder Berufs-, oder ‘sozialer)-Lagen. Absolute Mobilität wird darum sehr stark beeinflußt durch strukturelle Veränderungen der Größenverhältnisse der verschiedenen Kategorien. Relative Mobilität mißt die Mobilitätschancen von Individuen im Vergleich zu denen anderer Klassen (Berufe, sozialen Lagen) in Beziehung auf eine bestimmte ‘Zielklasse‘. Absolute Mobilitätschancen sagen also als solche wenig über die ‘Offenheit‘ einer Gesellschaft (vgl. etwa: BERTAUX 1969, GOLDTHORPE 1980, 1985; HERZ 1983, KAELBLE 1978. Vgl. Studien zur beruflichen Mobilität: FEATHERMAN/HAUSER 1979; HAUSER e.a. 1975, HAUSER 1978, 1980, 1981; ERIKSON/GOLDTHORPE/PORTOCACERO 1979, 1982, 1983; SINGELMAN 1978, 1985. Für die BRD: HERZ 1983, Übersicht bei BERGER 1986. Vgl. für NL: GANZEBOOM/DE GRAAF 1984.Google Scholar
  29. 68.
    Vgl. extrem bei MOSCA 1939: 53, etwas relativiert p. 63. Wir haben diese elitistische Ideologie ‚natürlicher‘ Ungleichheit oben kritisiert ohne auf die konträre Ideologie der ‚natürlichen Gleichheit‘ der Individuen zurückzufallen. Die ‘pathetische Nüchternheit‘ aller modernen elitistischen Autoren sollte nicht mit ‘Wissenschaftlichkeit‘ oder Ideologiefreiheit verwechselt werden. Vgl. die diesbezüglichen Kritiken bei DAHRENDORF 1959:195; BOTTOMORE 1964:18ff; APTHEKER 1969: 133; EBBIGHAUSEN 1969, pass.; THERBORN 1976:191; BOLTE/HRADIL 1984:177. Elitistische anthropologische und psychologische Annahmen verhindern nüchterne historische und soziologische Studien der Entstehung wie des Untergangs von Eliten. Sie verführen zu den bekannten simplistischen Auffassungen historischer Entwicklung, in welchen Entstehung und Untergang von Kulturen als Folge der treibenden Kraft ‚natürlicher‘ Eliten gesehen wird: Gesellschaftsgeschichte als permanente Zirkulation der Eliten, als ewiger Kampf zwischen dem starken Löwen und dem schlauen Fuchs.Google Scholar
  30. 69.
    Wir behandeln den Elitebegriff also nicht wie Pareto, Mosca u.a. als exklusive Alternative zum Klassenbegriff. Vgl. kritisch auch MEISEL 1958, BOTTOMORE 1964:13, GIDDENS 1973:106; STUURMAN 1978: 49 ff; FENNEMA 1976; vgl. recht ambivalent bei MILLS 1956, DOMHOFF 1971 u.a.Google Scholar
  31. 71.
    Unterdrückung wäre von ‚freiwilliger Unterordnung‘ genauso zu unterscheiden wie von freiwilliger Nichtbeteiligung (vgl. etwa SCHARPF 1975 ). Wir ‘unterdrücken‘ hier der Einfachkeit halber alle bekannten Probleme (faktische Unfreiheit ‚formal freier Entscheidungen‘, Grenzen der ‚freiwilligen Unterordnung‘ (z.B. Nichtigkeit der Selbstversklavung), faktische ‘Unmündigkeit‘ und dennoch ‘letztinstanzliche Autonomie‘ der Individuen (prinzipielle Grenze gegenüber allen Versionen ‘heteronomer Demokratie‘) usw.; vgl. Teil II, Kap. V ). Wir wollen nur darauf hinweisen, daß die auf Entscheidungsprozesse überhaupt bezogenen Prinzipien der Freiheit, Gleichheit, Autonomie und Partizipation nicht — wie dominant in der liberalen Tradition und Kritik — auf politische Entscheidungen im engeren Sinne reduziert werden dürfen, sondern ebensosehr — wie dominant in der sozialistischen Tradition und Kritik — Geltung beanspruchen in Entscheidungen über Produktions-, Bildungs-, Wissenschaftsprozesse usw. (‘industrielle‘ oder ‘soziale‘ Demokratie). Es geht nicht nur um ‘ungleiche staatsbürgerliche Rechte‘, sondern auch um ‘Wirtschaftsbürgerrechte‘ usw.Google Scholar
  32. 74.
    Vgl. zur staatsrechtlichen Bedeutung: SCHMITT 1962; zur Bedeutung für Unternehmensstruktur. FOX 1974, für Elitepositionen: BOTTOMORE 1964: 89.Google Scholar
  33. 77.
    Wir haben schon darauf verwiesen, daß in der neo-marxistischen Diskussion zwischen ‚exploitation‘ einerseits, ‘domination‘ und ‘alienation‘ andrerseits unterschieden wird (vgl. ROEMER, WRIGHT, PRZEWORSKI u.v.a.). ‘Domination‘ ist — wie ‘authority‘ — ein zu unspezifischer Begriff und ‘Entfremdung‘ hat zu viele andere Konnotationen (vgl. MESZAROS 1970 ). Der späte und begrenzte Entfremdungsbegriff, den Marx im Kapital verwendet, bezeichnet relativ präzise Unterdrückungsbeziehungen in kapitalistischen Arbeitsorganisationen. Vgl. zur kritischen Reformulierung der ‘Autonomie‘-Norm diesbezüglich: OHM/GOTTSCHALCH 1978; BADER 1986:98 im Gegensatz zu eher ‘handwerklich‘ orientierten Autonomiebegriffen bei KERN/SCHUHMANN 1970 u.v.a.Google Scholar
  34. 78.
    Nur oberflächlich gesehen lassen sich Unterdrückungsbeziehungen einfacher operationalisieren als Ausbeutungsbeziehungen. 1. Wenn man das Problem der demokratischen Legitimität ausklammert und sich auf die Operationalisierung von ‚Herrschaftspositionen‘ beschränkt, trifft man in den wenigsten Fällen das einfache und dichotome Bild von ‘Befehl‘ und ‘Gehorsam‘ an: Entscheidungskompetenzen in komplexen Organisationen sind vielschichtig differenziert, delegiert und limitiert und die Grenzen zwischen unterdrückenden und unterdrückten Positionen schwer zu ziehen. Vgl. BIERSTEDT, KRECKEL, BERGER, WRIGHT 1979, 1985:151, 303 — 313; Vgl. auch HRADIL 1980 und BOLTE/HRADIL 1985 zur‘ Positionsmethode. Nur sie gibt zunächst wie immer indirekt Auskunft über Herrschafts-und Elitepositionen im von uns definierten Sinne. Daß weder sie alleine, noch ihre Kombination mit ‘Reputationsmethode‘, ‘Entscheidungsmethode‘, ‘Netzwerkanalysen‘ und dem ‘Ressourcenverfahren‘ Aufschluß über die gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnisse insgesamt gibt, ist offensichtlich. In unserem Verständnis behandeln Elite-Studien wie Klassenstudien usw. jeweils nur spezifische, aber sehr prominente Teilaspekte der ges. ‘Machtdifferenzierung‘. 2. Berücksichtigt man — wie wir vorschlagen —, das Problem demokratischer Legitimität und bezeichnet nicht einfach alle Herrschaftspositionen als Unterdrükkungspositionen, scheint man sich im ‘Flugsand der Legitimitätsauffassungen‘ zu verlieren. Für unseren Begriff von Elitepositionen ist diese Kombination der beiden Kriterien ausschlaggebend: strukturelle Unterdrückung führt zu Elitepositionen erst dann, wenn die hierarchische Über-und Unterordnung als solche institutionalisiert und formell geregelt ist. Elitepositionen setzen also Verbands-oder Organisationsordnungen voraus. In ihnen werden sie definiert durch die formalisierten Herrschaftsverhältnisse, nicht umfassend durch die Machtbeziehungen. Nicht ‘Macht‘ sans phrase, sondern ‘positionale Macht‘ also ist ausschlaggebend. Im Unterschied zu den meisten Definitionen identifizieren wir Elitepositionen nicht einfach mit Herrschaftspositionen als solchen.Google Scholar
  35. 80.
    Vgl. etwa ETZIONI 1961: 94 ff zu sachlichen und formalen, normativen, sozialen und politischen Grenzen der Entscheidungskompetenzen. Auf den Grad der Spezifizierung der Entscheidungskompetenzen beziehen sich die Unterscheidungen zwischen ‚prescriptive‘ vs. ‘contextuating control‘, welche ETZIONI 1968:114f, 442 zur Unterscheidung verschiedener Typen von Eliten verwendet, ebenso wie die ‘dialectic of high-discretion and low trust‘ et vice versa bei FOX 1974. Vgl. etwa CROZIER:1964 zu Blockade-Strategien auf der Basis von formalisierten Organisationspositionen.Google Scholar
  36. 81.
    Die ‚professionellen‘ (im Unterschied zu den sog. ‘bureakratischen‘) Eliten sind nach unserer Begriffsfestlegung nur dann Eliten, wenn sie formalisierte Herrschaftspositionen in Organisationen bekleiden. Dies mag recht willkürlich erscheinen, ist aber die unausweichliche Konsequenz unserer Begrenzung des Begriffs von Elitepositionen auf Phänomene formalisierter Herrschaft im Unterschied zu möglichen breiten Fassungen von Elitepositionen (alle Positionen in oder außerhalb von Organisationen, welche strukturell die Ausübung demokratisch nicht-legitimierter ‘Macht‘ gestatten). Für uns sind also ‘medizinisch-therapeutische‘, sportliche, artistische, religiöse, edukative, wissenschaftliche, intellektuelle, journalistische, politische ‚professionals‘ erst dann und in dem Maße ‘Eliten‘, in welchem sie formalisierte Herrschaftspositionen in Organisationen einnehmen. Das ‘gespannte‘ Verhältnis dieser Profis zu den ‘Managern‘ und ‘Bureaukraten‘ in Organisationen ist bekannt (vgl. WILENSKY, KORNHAUSER u.v.a.). Vgl. auch Teil I I.Google Scholar
  37. 82.
    Auch in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften ist — im Gegensatz zur interessierten Ideologie der ‚offenen‘ Eliten — die Rekrutierung auf Elitepositionen noch in sehr hohem, länderspezifisch variablen, Maße bestimmt durch soziale Herkunft. Vgl. allgemein: MILIBAND 1976:43, 61 ff; BOTTOMORE 1965:57; GIDDENS 1973: 263. Vgl. für BRD: KRUCK 1972, STAHL 1973, RÖGLIN 1974, CLAESSENS u.a.; für die Niederlande: BRAAM 1957, MOSS KANTER 1977, WILTERDINK 1984, BODE, FENNEMA e.a.; für Frankreich: BOURDIEU/PASSERON 1970, 1978; für Großbritannien: WHITLEY 1973/74, THOMAS 1978, SALAMAN/THOMPSEN 1978, STANWORTH/GIDDENS 1974; vgl. für USA: DOMHOFF, MILLS.Google Scholar
  38. 83.
    Die Art der relevanten Rekrutierungskriterien ist bekanntlich ein wesentlicher Faktor der Erklärung innerer Differenzierung und sozialer Homogenität in Prozessen der Elite- bildung. Relativ ‚offene‘ Rekrutierung auf der Basis strikt individueller Leitungsqualifikationen ist seit langem analysiert als wesentlicher Faktor der Verjüngung von Eliten (vgl. MARX MEW 23:614; MOSCA 1939:65 ff, 413; ETZIONI 1968:232, GOLDTHORPE 1980:5 u.v.a.).Google Scholar
  39. 84.
    Wie bei Klassen, so gilt natürlich auch bei Eliten, daß Fragen der zeitlichen Stabilität der Elitepositionen klar unterschieden werden müssen von der ‚Zirkulation der Personen‘, von Prozessen sozialer Mobilität zwischen Elite-und Nichtelitepositionen wie zwischen verschiedenen Elitepositionen (vgl. DAHRENDORF 1959:772 u.v.a.).Google Scholar
  40. 86.
    Vgl. ETZIONI 1968:114 „Elites may be characterized by the kind of activities they control as either specific or general“ wobei er generalisierte Kontrolle bezieht aufs „encompassing organizational or political control center of a societal unit“. Die anderen Kriterien der Unterscheidung von Eliten, welche Etzioni verwendet (extern vs. intern und ‚system‘ vs ‘unit-elites‘) beziehen sich nicht auf Elitepositionen selber, sondern auf Differenzen der Rekrutierung und der Verantwortlichkeit.Google Scholar
  41. 87.
    Vgl. die beinahe identischen Definitionen bei MILLS.1956:12 („those who occupy the formal position of authority“), ETZIONI 1961:5 („Those in power positions who are higher in rank“, vgl. 1968:113 zur systemtheoretischen Reformulierung); GIDDENS 1973:120 („those individuals who occupy positions of formal authority at the head of a social organization or institution“); vgl. CLEGG/DUNKERLEY 1980:424. Auch Eliten sind also positional definiert und zunächst gänzlich unabhängig von faktischen ‚Leitungs-und Führungsqualifikationen‘ der Individuen, welche Elitepositionen besetzen (vgl. ETZIONI 1968:264; 1961:89 ff). Sie verfügen über die ‘indirekte Ressource‘ Herrschaftspositionen und diese ist nicht mit faktischem Organisations‘talent‘ usw. zu verwechseln.Google Scholar
  42. 89.
    Die sog. politischen Eliten sind in zunehmenden Maße zugleich ‚Akademiker‘, die ‘bureaukratischen‘ Eliten sind spezifische ‘professionals‘. Darüberhinaus ist ihre Abgrenzung von sog. ökonomisch herrschenden Klassen sehr vage und vor allem auch empirisch doch sehr unterschiedlich in den verschiedenen Ländern. Auch hier dürfte es sehr schwierig sein, haltbare generelle Aussagen zu machen. Vgl. für NL: HELMERS u.a. 1975.Google Scholar
  43. 92.
    Auch in der marxistischen Tradition wurde schon oft genug konstatiert, daß die Kapitalistenklasse nicht identisch ist mit der politischen Bourgeoisie oder gar der ‚ruling elite‘. Die Kapitalistenklasse ‚regiert‘ nicht (vgl. etwa: KAUTSKY 1918: 15 ).Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

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