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Bedürfnisse — Tätigkeiten — Verhältnisse

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

Zusammenfassung

Wir haben angedeutet, daß in der Tradition der Ungleichheitsforschung schon oft — mehr oder weniger bewußt, explizit und abgegrenzt — der Versuch gemacht wurde, Felder, Bereiche, Sphären, Subsysteme oder ausdifferenzierte gesellschaftliche Tätigkeitsverhältnisse zu unterscheiden. Das dreidimensionale class-status-power Modell konnte so aufgefaßt werden: Ungleichheiten in ‚ökonomischen‘, ‚sozial-kulturellen‘ und ‚politischen‘ Subsystemen; die Unterscheidung ‚ökonomischer‘, ‚politischer‘ und ‚ideologischer‘ Ungleichheit in der marxistischen Tradition wurde oft als jeweils feld- oder sphärenspezifische Differenzierung verstanden. In der funktionalistischen Statussoziologie wurden unter Bezug auf ‚major societal functions‘ zunächst sehr heterogene ungleichheitsrelevante Subsysteme unterschieden (vgl. oben Davis/Moore 1945, Davis 1950, Aberle 1950, Levy 1952:150), ehe sich die Systematik des Parsonsschen AGIL-Schema (Parsons 1953, 1960) durchgesetzt hat. Schließlich war auch die Webersche Unterscheidung von Chancen in verwandtschaftlichen, religiösen, ökonomischen, politischen, künstlerischen, sexuellen, erotischen, wissenschaftlichen usw. ‚Lebensordnungen‘ so angelegt.

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Literatur

  1. 2.
    Vgl. zu diesbezüglichen Kritiken am älteren soziologischen Funktionalismus: MAR-WEDEL 1976, TJADEN 1969, LUKES 1974 u.a. Derartige Einwände treffen nicht mehr zu auf neuere autopoetische Versionen soziologischer Systemtheorie.Google Scholar
  2. 3.
    Vgl. methodisch durchaus vergleichbar: Webers Überlegungen in der Abgrenzung seines Staatsbegriffs (WG:30 u.ö.) und LUHMANN, etwa 1972:135 ff.Google Scholar
  3. 4.
    Normative Diskussionen über Entwicklungslogiken und -niveaus werden damit natürlich nicht ausgeschlossen, sondern hier bewußt eingeklammert. Sie müssen offen und als solche diskutiert werden (wie etwa bei HABERMAS 1981 u.ö im Anschluß an KOLBERG) und können nicht einfach aus empirischer Differenzierung extrapoliert werden.Google Scholar
  4. 5.
    Diese Grundbegriffe müssen also notwendigerweise ‚abstrakt‘ und historisch offen sein, aber es erwies sich auch in der marxistischen Tradition als folgenschwerer Fehler, Marx‘ Aversion gegen diese „Gemeinplätze“ (MEW 26.1:256) zu einem Denk-und Begriffsverbot auszuweiten.Google Scholar
  5. 6.
    Vgl. die theoriehistorischen Überblicke bei KIM-WAWRZINEK 1982, MÜLLER 1982. Differenzierte, konsistente und empirisch überprüfbare Bedürfnistheorien im strengen Sinne stehen nicht zur Verfügung. Vgl. die neueren Studien von HELLER 1976, FITZGERALD 1977, LEDERER 1980, SOPER 1981, DOYAL/GOUGH 1986.Google Scholar
  6. 7.
    Die dynamische, zur Aktivität treibende Eigenart der Bedürfnisse ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen pathetisch erlebter Not und dem Erlebnis der Notwendigkeit, der Antizipation von den zu erreichenden Lebenssituationen, in denen die Not gewendet sein wird„ (HOLZKAMP 1973:139). Der Aspekt der gefühlten Not, des Mangels usw. findet sich in fast allen Umschreibungen von Bedürfnissen: vgl. die klassische — bei KIM-WAWRZINEK 1982:455 zitierte — Definition von v. Hermann: “Gefühl eines Mangels, verbunden mit dem Streben, ihn zu beseitigen„. Vgl OPPENHEIMER 1922:326 “Gefühl einer Störung im Gleichgewicht der Substanz oder Energie des Organismus und der damit verbundene, auf Beseitigung der Störung gerichtete Trieb„, und die dortige Diskussion von Bedürfnisbegriffen und -gliederungen. Der hypothetische Charakter von Bedürfnissen als motivierender Kraft wurde von Henry Murray betont. Er verwendete Homeostase-Konzeptionen aus physiologischen Triebtheorien, betonte aber zugleich, daß Bedürfnisse sich nicht allein aus physiologischen Gleichgewichtsstörungen speisen, sondern eher durch bestimmte Umwelteinflüsse erzeugt werden, welche Bedrohungen oder Versprechen implizieren. Sein Motivations-Modell enthält die folgenden Elemente: (1) ein Umweltreiz wirkt, erwünscht oder unerwünscht, auf den Organismus; (2) dadurch wird ein Trieb‘ oder ‚Bedürfnis‘ erzeugt; (3) der Organismus wird zu bestimmten (motorischen, verbalen, ideellen usw.) Tätigkeiten aktiviert; (4) deren Effekt wirkt in der Richtung der Wiederherstellung des Gleichgewichts; (5) oft kann dieser Zustand nur mittels bestimmter Objekte erreicht werden. Diese erhalten dadurch einen kathektischen Wert; (6) das wiederhergestellte Gleichgewicht, das den Trieb oder das Bedürfnis vertreibt, ruft ein angenehmes Gefühl der Befriedigung hervor. (MURRAY 1938; vgl. BOLLES 1967:80 ff). Ähnlich einfache homeostatische Modelle finden sich in den Gleichgewichtskonzepten bei Freud, bei Kurt LEWIN (1926) u.a.. Agnes Heller unterscheidet zwischen biologischer und anthropologisch-sozialer Homeostase und betont, daß bei Menschen auch die Erregung des Trieb-Gefühls sozial bestimmt ist (HELLER 1980:53 ff).Google Scholar
  7. 14.
    In der Regel sind die aus den verschiedenen gesellschaftskritischen Theorietraditionen der ‚kritischen Theorie‘, ‘humanistischen‘ Psychologie usw. bekannten Konstruktionen theoretisch und empirisch recht unausgewiesen und vor allem sehr oft nicht libertär, sondern totalitär formuliert. Nur wenn sich die ‘Bedürfniskritik‘ von diesem Odium prinzipiell befreien kann, ist sie mit den Zielsetzungen des libertären und demokratischen Sozialismus vereinbar. Von ihnen ausgehend stellt sich auch das Problem der ‘moralischen Beurteilung‘ und ‘Legitimation‘ von Bedürfnissen eigentlich als eines der Interessen (sowieso sind Bedürfnisse nicht einfach nur ‘legitime Bedürfnisse‘, wie bei GOUGH 1986). Ojekte der moralischen Beurteilung und Legitimation sind für sie also Interessen und nicht Bedürfnisse. Das Problem der Legitimation von Bedürfnissen ergibt sich für libertär-demokratische Ethik erst, wenn es um gegensätzliche und nicht gemeinschaftlich zu befriedigende Bedürfnisse geht. Solange sauberes Wasser nicht als knapp erfahren wird, macht es keinen Sinn, vom ‘legitimen Bedürfnis‘ des Trinkens oder Duschens zu reden. Wird Wasser knapp, geraten die hygienischen Bedürfnisse in Gegensatz zu denen anderer und schließlich auch zu den Trinkbedürfnissen anderer. Man könnte ihre Nichtbeschränkung dann ‘illegitim‘ nennen, aber wir ziehen es vor, von illegitimen Interessen zu sprechen: nicht die Bedürfnisse werden ‘illegitim‘, sondern ihre Befriedigung zum Nachteile anderer. Die einzigen in diesem libertär-demokratischen Sinne ‘illegitimen Bedürfnisse‘ wären jene, welche prinzipiell nur auf Kosten andrer befriedigt werden können: Bedürfnisse der ‘Macht‘, des ‘Prestiges‘, der ‘Ehre‘ usw. Diese wollen wir daher unten genauer behandeln.Google Scholar
  8. 17.
    Diese biologisch-physiologischen Bedürfnisse lassen eine existenzielle Minimalgrenze der Bedürfnisbefriedigung formulieren (vgl. HELLER 1973:34, HOLZKAMP 1983:213). Aber auch sie ist nur schwerlich eine „universell verwendbare Definition“ (DOYAL/ GOUGH 1986). Sowieso wäre sehr genau zu unterscheiden zwischen immer gesellschaftlich definierter ‚Armut‘ und diesem absoluten physiologischen Existenzminimum (vgl. die oben angeführten Studien von TOWNSEND 1970, 1974, 1979 ).Google Scholar
  9. 18.
    Vgl. die Studien zum ‚Marasmus‘ von René SPITZ 1960:17 ff, vgl. BOWLBY 1969/80.Google Scholar
  10. 19.
    Vgl. etwa MASLOW 1970. Vgl. zur historisch-gesellschaftlichen Prägung ‚körperlicher‘ Bedürfnisse: ELIAS, Zur LIPPE, FOUCAULT.Google Scholar
  11. 20.
    Vgl. klassisch: ROUSSEAU 1985 über den „natürlichen Widerwillen.. irgendein empfindendes Wesen, vornehmlich unseresgleichen umkommen oder leiden zu sehen‘ (116). “Die Menschen sind böse. Eine traurige und ständige Erfahrung erspart uns die Mühe, diesen Satz zu beweisen. Nun ist aber der Mensch von Natur aus gut, wie ich bewiesen zu haben glaube„ (211), u.ö. Vgl. MASLOW 1962, FROMM 1947.Google Scholar
  12. 21.
    Vgl. von HOBBES über NIETZSCHE, DURKHEIM, RUSSEL bis zu PARSONS. Während es in Hobbes‘ Leviathan jedoch ausreichte, daß Einige von diesem ‚restless desire‘ besessen sind, wird es durch moderne Ethologen und Soziobiologen generalisiert und im modern ‘naturwissenschaftlichen‘ Sinne naturalisiert. Vgl. etwa LORENZ 1965 II: 135, 151 f. u.ö. Vgl. Goldbergs These, daß der männliche „drive to dominance“ zu erklären sei durch die Produktion von mehr Testosteron, welches Aggression verursache (1974, vgl. kritisch: GREEN 1981: 127–147 ).Google Scholar
  13. 23.
    HELLER macht den Versuch zu zeigen, daß Aggression im Allgemeinen überhaupt nicht als Bedürfnis formuliert werden kann, weil es Aggression im Allgemeinen gar nicht gebe (1977:18).Google Scholar
  14. 24.
    Vgl. auch UNGER 1987 II:560ff. zur Kritik utopischer ‚Harmonie-Modelle. Für praktische demokratisch-sozialistische Politik hingegen bietet die tausendfache historische Erfahrung des ‘homo homini lupus‘ einen sichereren Kompaß als das hoffnungsfrohe Vertrauen in eine neue, noch nicht realisierte harmonische Gesellschaftlichkeit der ‘neuen Menschen‘. Sie zwingt die Institutionen dieser Gesellschaft so zu entwerfen, daß die objektiven Möglichkeiten für Ausbeutung, Unterdrückung, Diskriminierung und Ausschließung so klein wie möglich gemacht werden. Man braucht — wie schon gesagt — die historischen Erfahrungen von ‘Aggression‘ ja nicht zu anthropologisieren, um sie als geschichtsmächtig erkennen zu können.Google Scholar
  15. 28.
    Die ‚Herrschsucht‘ oder der ‘bloße Wille zur Macht als solcher‘ ohne alle Leidenschaft, sich auszuzeichnen, galt gerade im Republikanismus als gefährliches politisches Laster (vgl. ARENDT 1974:152 f u.ö.)Google Scholar
  16. 29.
    Dies wird auch durch Rousseau, der die destruktiven Wirkungen des ‚amour propre‘ so nachdrücklich kritisierte, anerkannt: „O fureur de se distinguer, que ne pouvez-vous point!“. Ohne ihn gäbe es gar keine Kunst, Wissenschaft oder Menschlichkeit (‘perfectabilité‘), welche ruiniert werden könnte. Leider wird von den meisten Autoren, welche die produktive oder kreative Rolle der ‘power, glory, vanity‘ betonen (vgl. NIETZSCHE, FOUCAULT, RUSSEL, BOURDIEU) nicht zwischen der ersten und der zweiten Variante unterschieden. Dadurch ist die ‘produktive‘ und die ‘extraktive‘ Rolle der Macht nicht nur faktisch (seit Gilgamesch‘s: „An everlasting name I will establish for myself.“), sondern auch analytisch und normativ miteinander verzahnt.Google Scholar
  17. 31.
    Vgl. undifferenziert ‚primär‘: MASLOW 1968: 21, 34; SOPER 1981:160. Vgl. LOVEJOY 1961:161. Vgl. OPPENHEIMER 1922:272 ff zum „Trieb der gesellschaftlichen Hochgeltung“, aus welchem dann die „Triebe der Rivalität“ (‘intrasozial‘: Konkurrenz, Wetteifer, Nebenbuhlerschaft; ‘intersozial‘: Rivalität der Gesellschaften) ‘abgeleitet‘ werden, womit sie ‘anthropologisch‘ in ‘der‘ Natur ‘des‘ Menschen verankert werden. Vgl. undifferenziert ‘sekundär‘: FROMM 1947:19, MILLER 1979.Google Scholar
  18. 32.
    Dies wäre gerade für eine ‚humanistische‘ oder ‘kritische Psychologie‘ entscheidend, soll darin nicht ‘Anerkennung‘ reduziert bleiben auf emotionale Anerkennung im ‘kleinen Kreis‘ (vg. kritisch auch: UNGER 1987 pass.). Allerdings bietet die psychoanalytische Narzismusforschung gute Ansatzpunkte für die Entwicklung von Modellen freier Kreativität im Unterschied zum zwanghaft narzistischen Größenwahn des ehrgeizigen Willens zur Macht und zum gegen ‘fremde Kollektive‘ gerichteten Selbsthaß. Auch in normativ-politischer Perspektive könnte die Unterscheidung nützlich sein: demokratische Ethik erfordert nicht, das individuelle Unterscheidungsbedürfnis zu bekämpfen oder einzudämmen, wie so oft (vgl RUSSEL, MACPHERSON) angenommen wird. Auch in einer vorstellbaren ‘klassenlosen Gesellschaft‘ wird es Ungleichheiten der ‘Achtung‘ (esteem) geben (und erst dort werden sie auf individuellen Leistungen beruhen, wie dies vom liberalen Meritokratismus schon für bürgerliche Klassengesellschaften unterstellt wird). Im Unterschied dazu ist die Hoffnung, daß die Menschheit unter günstigen gesellschaftlichen Bedingungen von den ‘kindischen und rohen Bedürfnissen des Habens‘, der ‘Habsucht‘ (mania for possession and money), wie vom rohen Machtstreben und kollektivistischen Prestigebedürfnissen ‘erlöst‘ werden könnte, zwar sehr radikal, aber nicht gänzlich illusorisch.Google Scholar
  19. 35.
    Vgl. die klaren Kritiken bei MACPHERSON 1%2, 1973, 1977; LUKES 1973. Der egoistisch-utilitaristischen Praxis in bürgerlichen Gesellschaften korrespondiert oft eine altruistische Moral (von Calvin über Kant bis in die Gegenwart). Vgl. zur Kritik des nur auf dieser Grundlage möglichen irreführenden Gegensatzes von ‚Egoismus‘ und ‘Altruismus‘: FROMM 1947; Bert Brecht u.v.a.Google Scholar
  20. 36.
    Ihre Inkommensurabilität ist inzwischen auch in der Tradition der Grenznutzenlehre und der Wohlfahrtsökonomie anerkannt (vgl. SEN 1970).Google Scholar
  21. 39.
    Nicht nur Prometheus und Herakles als mythische ‚Helden der Arbeit‘, sondern auch die verschiedenen Varianten des ‘homo ludens‘ sind Modelle der Vita Activa. Beide stehen im Gegensatz zu passiv konsumentistischen Menschbildern und gesellschaftlichen Praxen. Wir haben schon oben (vgl. II,3) auf die Schwierigkeiten hingewiesen ‘Arbeit‘ ganz im Allgemeinen von ‘Spiel‘ und ‘Freizeit-Aktivitäten‘ zu unterscheiden. Diese Ambivalenz findet sich z.B. bei Marx sowohl in seinen Analysen der bürgerlichen Gesellschaft wie in den wenigen normativen Programmformeln einer sozialistisch/ kommunistischen Gesellschaft. Einerseits scheint es so, als sei ‘Arbeit‘ in der bürgerlichen Gesellschaft ausschließlich ‘Fluch‘, ‘Opfer‘, durch und durch ‘entfremdete‘ Lohnarbeit und als würde jener altgriechische wie ‘urbürgerliche‘ Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit, Spiel usw. in sozialistisch/kommunistischen Gesellschaften überwunden, als sei dort Arbeit „erstes Lebensbedürfnis“ und „Selbstverwirklichung“. Andrerseits sieht Marx selbst, daß auch kapitalistische Lohnarbeit nicht in ‘repressiver Entäußerung‘ usw. aufgeht (vgl. Interpretationen bei NEGT 1974, PROJEKT ‘AUTOMATION UND QUALIFIKATION‘, KERN/ SCHUHMANN 1984 u.a.). Und auch die ‘wirklich freie Arbeit‘ unter den Bedingungen vergesellschafteter und verwissenschaftlicher Produktion spielt sich doch wiederum ab im ‘Reich der Notwendigkeit‘, ist nicht ‘Zweck in sich‘, Vergnügen, Spiel (wie etwa bei Fourier), womit nicht ‘materielle Produktion‘ und ‘Berufsarbeit‘, sondern —gutbürgerlich —‘Kunst und Spiel‘, also die aesthetische Sphäre der ‘Zwecklosigkeit‘ Modell stehen für ‘freie Tätigkeit‘ und das berühmte ‘Reich der Freiheit‘. Vgl. KUTZNER, BENSCHOP 1983, BADER 1979, 1986.Google Scholar
  22. 40.
    Vgl. statt vieler: PARSONS 1958:143 „functional needs of the social system as a whole“.Google Scholar
  23. 42.
    Vgl. schon Malthus, Marx. Vgl. Foucaults Analysen der ‚Biopolitik‘. Die Palette reicht bekanntlich von ‘Dezimierung‘ im klassischen Sinne bis zum ‘der Kaiser braucht Soldaten‘. Vgl. als Beispiel nicht-staatlicher kollektiver Bevölkerungspolitik die der katholischen Kirche in NL: STUURMAN 1983.Google Scholar
  24. 45.
    In der Menschheitsgeschichte bis zur kapitalistischen industriellen Revolution herrschte ein labiles ökologisches Gleichgewicht, welches bestimmt wurde durch von Menschen unbeeinflußbare Naturkatastrophen (wie Dürre und Epidemien) und Naturkatastrophen gleichenden Eroberungen und Zerstörungen (vgl. MCNEILL 1983:23). Inzwischen werden sie ergänzt und überlagert durch drohende nukleare ‚Eiszeiten‘, industriell vergiftete Umwelt, obwohl die fatale ‘Naturabhängigkeit‘ im Prinzip durchbrochen ist und sich auch Wege der Regulierung und Beherrschung der ‘natürlichen‘, vor allem aber der gesellschaftlich produzierten Milieubedingungen zeigen.Google Scholar
  25. 47.
    Aus der Unzahl der Formulierungen von funktionalen Erfordernissen wollen wir einige zum Vergleich heranziehen: Wilbert E.MOORE (1978:344 ff) unterscheidet im Anschluß an LEVY (1952) zwischen: I. Bioeconomic requisites: adequately motivated heterosexual copulation leading to reproduction;.. provision for care and nurturance; 2. food supplies and in some physical settings clothing and shelter; 3. sustenance of consumers who are not producers; 4. protection aganist threats of nonhuman environment: earthquakes, tidal waves, volcanic eruptions, winds, wild animals; 5. protection against threat from other societies. II. Emergent social properties: 1. minimum task differentiation by age and sex and variability in physical capacities and possibly in learning ability; 2. coordination in some form, with authority patterns..; 3. unequal rewards to induce crucially important and skilled or responsible performance; 4. communication by the way of symbolic language: instruction of infants, shared cognitive orientations, rules governing interpersonal transactions. III. Maintenance of motivation. Vgl. de JAGER/MOK 1978:153 f.: 1. technieken, 2. taakverdeling en -vervulling, 3. communicatie, 4. een zekere consensus, 5. saamhorigheidsgevoel, 6. voortplanting gereguleerd, 7. socialisatie, 8. handhaving stabiliteit door institutionalisering en sociale kontrole, 9. verandering Vgl. Barrington MOORE 1978: 9f: three ‚problems of social coordination„: authority, division of labor, allocation of resources. Vgl. LUHMANN ( 1975 II: 154): religiöse Weltdeutung, kollektive politische Entscheidung, rechtliche Konfliktlösung, wirtschaftliche Produktion, Versorgung und Erziehung des Nachwuchses “usw.„. Vgl. HAFERKAMP 1987: 157f.Google Scholar
  26. 48.
    Dennoch ist die sozialwissenschaftliche Formulierung dieser ‚universals‘ nicht einfach eine Verlängerung der politischen Gegensätze und unvereinbaren normativen commitments: Auch die radikalsten Pazifisten müssen anerkennen, daß ‘societies‘ als souveräne Einheiten ohne Verteidigung in einer Umwelt aggressiver Konkurrenten zumindest dann nicht überlebensfähig sind, wenn es ihnen nicht gelingt, diese selber ‘pazifistisch zu unterwandern‘. Auch radikale Gegner strukturierter Ungleichheit müssen anerkennen, daß ‘law and order‘ ein Funktionserfordemis von ‘Klassengesellschaften‘ ist (und wenn ihnen das zu leicht fallen mag: daß es auch in Nicht-Klassengesellschaften gesellschaftliche Bedürfnisse des Schutzes und der Sicherheit gibt, welche ‘Recht‘ und ‘öffentliche Ordnung‘ erfordern, wie immer deren Charakter von dem in Klassengesellschaften differieren mag (vgl. BLANKENBURG 1982, vgl. zur Veränderung von Funktion wie Ausführung in der marxistischen Tradition (‘Absterben‘ von Staat und Recht): BADER u.a. 1976:413 ff). Schließlich: auch radikale Kritiker des normativistischen Integrationismus der ‘shared values‘ müssen anerkennen, daß ‘societies‘ ohne ein gewisses Minimum ‘kultureller Integration‘ nicht nur extrem instabil, sondern nicht auf Dauer überlebensfähig sind. Vgl. auch UNGER 1987 11:269 74 u.ö. Mit Unger gehen wir davon aus, daß es keine fixe, ein für allemal feststehende Liste der Organisationsformen und Problemlösungen gibt. Sehr viel nachdrücklicher als Unger halten wir daran fest, daß es eine ‘endliche‘, rationaler Erkenntnis zugängliche Liste der Grundprobleme selber gibt. Unser ‘Katalog‘ der Bedürfnisse kann auch als relativ stabiler Bezugrahmen zur Oberwindung weitgehendenden kulturellen oder anthropologischen Relativismus verwendet werden (vg. z.B. LUKES 1982:264f.)Google Scholar
  27. 50.
    Vor allem in psychologischen Texten über Bedürfnisse und ‚Instinkte‘ findet man weitgehende und gänzlich abstruse Unterscheidungen. H.A. MURRAY (1938) unterscheidet stattliche 30 verschiedene ‘psychogenetic drives or needs‘ und L.L. BERNARD berichtet bereits 1924 von einer Studie, in welcher 5759 (1) verschiedene ‚Instinkte‘ aufgezählt werden. Damit wird nur demonstriert, daß Bedürfnisse hier nicht mehr sind als „respons-inferred constructs“: für jedes Verhalten und jedes Handeln kann man ein spezifisches Bedürfnis ( Motiv, Instinkt usw.) konstruieren, um es daraus zu ‘erklären‘. Der Grenznutzen dieser Erklärungen geht gegen Null.Google Scholar
  28. 53.
    Dieser erste Versuch ist für unsere pro-theoretischen Zwecke der Strukturierung der Objekte der Aneignung vielleicht ausreichend. Er bedürfte jedoch viel weitergehender Begründungen. Sie wären nicht zu suchen bei klassisch ‚philosophischer Anthropologie‘, sowieso nicht in naturwissenschaftlicher Biologie, Physiologie und Genetik (schon gleich gar nicht in pseudo-natur‘wissenschaftlicher‘ Sozio-Genetik und Psychologie), aber auch nicht bei abstrakter funktionalistischer Soziologie. Demgegenüber hätte z.B. Hradils Vorschlag, von „Zielvorstellungen“ auszugehen, welche sich in demokratischen öffentlichen Willensbildungsprozessen durchgesetzt haben (HRADIL 1987:128) wirklich viele Vorteile. Der Zwischenweg einer ‘geschichtlichen Anthropologie‘ und einer historisch informierten Sozialwissenschaft bleibt noch stets weitgehendes Desiderat, das sich natürlich nicht auf zwanzig Seiten ‘nebenher‘ einlösen läßt. Unsere Überlegungen sollen nur den Weg zu ihr zeigen und eine von vielen möglichen Ausführungen skizzieren.Google Scholar
  29. 55.
    Wir verhindern damit die vor allem aus der marxistischen Tradition bekannte und gar nicht unschuldige Vermischung von materieller Produktion (identisch mit dem allgemeinen Arbeitsbegriff, wie ihn Marx MEW 23: 193 ff. u.ö. definiert) mit der ‚Produktion von Kindern‘, von Gesundheit, Heil, Weltbildern, Wissen etc. bis hin zur ‚Produktion von Entscheidungen‘. Wenn man all diese Tätigkeiten ‚Produktion‘ nennt und unter ‚Produktion‘ dann wieder ‘materielle Produktion‘ versteht, wenn es einem gerade in den Kram paßt, ist natürlich der für die ‘Basis-Überbau‘ These wesentliche Primat der materiellen Produktionsverhältnisse schon durch einen terminologischen Taschenspielertrick gesichert. Vgl. kritisch: KOLAKOWSKI 1:351, PELS 1987:88 ff.Google Scholar
  30. 56.
    Vgl. Marx selber zur ‚Arbeit des Krieges‘: „Der Krieg ist daher die große Gesamtaufgabe, die große gemeinschaftliche Arbeit, die erheischt ist, sei es um die objektiven Bedingungen des lebendigen Daseins zu okkupieren, sei es um die Okkupation derselben zu beschützen und zu verewigen“ (GR 378, vgl. 380, 386).Google Scholar
  31. 57.
    Zur Abwehr von Mißverständnissen: es geht um die empirische Unterscheidung, nicht um den interessierten Mythos, als habe erst die industriell-kapitalistische Revolution zu einer Vermehrung faktisch ‚freier‘ Zeit geführt (vgl. etwa die Schätzungen bei SAHLINS 1972:14, 35 ff und SOMBART 1921:37, u.ö.).Google Scholar
  32. 58.
    Vgl. etwa die Versuche von SCHLUCHTER 1979 und HABERMAS 1981, um die verschiedenen Dimensionen von Deutungsmustern und Weltbildern analytisch zu unterscheiden und auf dieser Grundlage grobe Einteilungen der Weltreligionen und Ethiken zu entwerfen. Wir haben globale kognitive Deutungsmuster und Weltbilder von empirisch überprüfbarem und kritisierbarem ‚wissenschaftlichem Wissen‘ unterschieden, um darauf aufmerksam zu machen, daß sich z.B. das ‘mechanistische‘ Weltbild, das die Naturwissenschaften im 19. Jh. beherrschte, von seinem logischen Status her nicht prinzipiell unterscheidet vom Status ‘magisch-animistischer Weltbilder‘.Google Scholar
  33. 59.
    Von einfachen bis zu extrem komplexen Berufsgliederungen. Vgl. COXON/DAVIES/ JONES 1986, MOK 1973, JOHNSTON 1972. Berufsgliederungen sind nicht einfacher Indikator ‚technischer‘ Arbeitsteilung‘, sondern ebensosehr von erfolgreichen Strategien der ‘Verberuflichung‘ und Professionalisierung‘ von Arbeiten.Google Scholar
  34. 63.
    Theatergeschichtlich ist der enge Zusammenhang von Ritualen der Macht, Triumphzügen usw. und Entstehung von Tragödie, Oper, Theater usw. oft demonstriert (vgl. exemplarisch: KINDERMANN 1957–1961).Google Scholar
  35. 64.
    Vgl. klar zur Multifunktionalität von Organisationen: LUHMANN 1964. Allerdings kann Luhmanns Verwendung des Begriffs der ‚funktionalen Differenzierung‘ als Gegenbegriff zu ‘segmentärer Differenzierung‘ sehr leicht dazu führen, daß der Unterschied zwischen analytischer oder funktionaler und empirischer Differenzierung verwischt wird. Ohne ihre klare Unterscheidung ist es schon rein terminologisch schwer, die fürs Begreifen von empirisch differenzierten einfachen Sozialsystemen, Organisationen wie umfassenden Sozialssystemen wichtigen Fragen zu stellen, welche ‘Funktionen‘ sie jeweils faktisch erfüllen, welche dieser Funktionen warum und in welchem Grade dominant sind usw.Google Scholar
  36. 65.
    Genauer: Der ‚Funktionsverlust‘ wie vor allem auch der ‚Funktionswandel‘ der modernen Kleinfamilie läßt sich vor dem Hintergrund unseres Bezugsrahmens exakt analysieren (Zurückdrängung der Produktionsfunktion, sehr variable und nicht gänzlich irreversible Zurückdrängung von Gesundheits-und Versorgungs-und Unterstützungsfunktionen, primäre Sozialisierungsfunktion und variable Auffang-und Ersatzfunktionen in sekundärer Sozialisation; Spezialisierung auf und zugleich drastische Untergrabung und Beschränkung emotionaler und erotischer Bedürfnisbefriedigung usw. Vgl. MITCHELL 1971, ZAREISKY 1976, GOODE, BARRET/MCINTOSH 1980, SHORTER 1977.Google Scholar
  37. 67.
    Vgl. zum Begriff des ‚Politischen‘: SCHMITT 1963, WEBER GPS, EASTON 1964, DAHL 1963 u.a., vgl. R. v.d. WOUDE 1982. Vgl. UNGER 1987, I:10. Wir wollen aber zugleich betonen, daß damit die asymmetrischen Macht-und Herrschaftsverhältnisse in sog. ‘privaten‘ Organisationen und Institutionen gerade nicht dem kritischen Blick entzogen werden. Ihre ‚Privatisierung ist selber ein politischer Prozeß, genauso wie die ‘(Re-) Politisierung des Privaten‘ in kapitalistischer Fabrik wie patriarchaler Familie.Google Scholar
  38. 68.
    Der Tendenz nach, jedoch keineswegs klar oder gar konsistent, bei BUCHARIN, ALTHUSSER, POULANTZAS, TERRAY 1974: 145 ff; u.v.a. Die Terminologie: Instanzen, Aspekte, Funktionen, Institutionen usw. ist in der marxistischen Tradition gänzlich labil und inkonsistent. Gravierender aber ist, daß in der Regel unklar bleibt, ob ‘Ökonomie, Politik, Ideologié gemeint sind als jeweils wesentliche oder gar exklusive ‚Grundfunktionen‘, als ‘analytische Aspekte aller Arbeitsverhältnisse, als funktional differenzierte Verhältnisse oder als empirisch ausdifferenzierte Teilsysteme, ‘Felder‘, ‘Bereiche‘, ‘Sphären‘.Google Scholar
  39. 69.
    GODELIER 1972:291. Sie wird durch die Physiokraten, die klassischen politischen Ökonomen wie durch Sraffa vertreten; in ökonomischer Anthropologie durch DALTON, POLANYI. Vgl. die kurze und informative Zusammenfassung und Kritik bei GODELIER 1972:23 ff und 1973:27 ff. Vgl. DOBB 1973 u.a.Google Scholar
  40. 70.
    GODELIER 1972: 292. Sie wird durch marginalistische Autoren vertreten (vgl. MISES, ROBBINS, SAMUELSON u.a.); in ökonomischer Anthropologie durch HERSKOVITS, LECLAIR, SALISBURY, SCHNEIDER. Da sie in einer Theorie strategischer Wahlhandlungen mündet (vgl. kritisch: ARNASZUS, GANSZMANN 1974) kann prinzipiell alles strategische Handeln ‘ökonomisch‘ genannt werden. Diese Art von ‚economics‘ erobert daher ebensosehr die ‘Politik‘-Analysen wie die ‘theories of strategic games‘. Der ‘homo oeconomicus‘ in diesem Sinne ist der strategische Nutzenmaximierer oder - Optimierer.Google Scholar
  41. 71.
    GODELIER 1972: 304, vgl. 35 u.ö. Sie wird durch marxistische Kritiker der Politischen Ökonomie vertreten, in der Anthropologie durch SAHLINS, FRIEDMAN, TERRAY, GODELIER.Google Scholar
  42. 72.
    Da wir hier nicht weiter an der Klärung des Ökonomie-Begriffs interessiert sind, begnügen wir uns mit der folgenden Anmerkung: entwickelte Tausch-und Geldwirtschaft ist Voraussetzung des generalisierten formalistischen Ökonomiebegriffs. Mit der ‚Great Transformation‘ werden auch ‘wirtschaftliche Verhältnisse‘ empirisch als solche ausdifferenziert (grob: kapitalistische Arbeitsverhältnisse). Hierauf zielt auch der Vorschlag von LACLAU 1977:78 ab, den Begriff ‘ökonomische Verhältnisse‘ auf empirisch ausdifferenzierte Wirtschaftssysteme zu beschränken. Dann aber werden auch Bildungsverhältnisse, Gesundheitsverhältnisse usw. als (kapitalistische) ‘ökonomische‘ Verhältnisse organisiert, womit die terminologische Verwirrung komplett wäre.Google Scholar
  43. 76.
    Obwohl wir hier vornehmlich an pro-theoretischen Fragestellungen interessiert sind, möchten wir doch einige Bemerkungen zur ‚Basis-Überbau-Theorie‘ machen. 1. When critics of historical materialism claim that dimensions other than the mode of production are fundamental, it is no reply to insert those dimensions into the mode of production„ (COHEN 1978:248). Cohen hat auch zurecht auf den erstaunlichen ‘Empirismus‘ dieser ‘anti-historizistischen‘ Marxisten aufmerksam gemacht (235 f.) und die nicht-intendierte Konsequenz dieser ‘Rettung‘ der Basis-Überbau-These: ihre Preisgabe, aufgezeigt. Allerdings hat er sich selber der differenzierungstheoretischen Problematik nicht wirklich gestellt und damit auch nicht ihre mögliche theorie-und forschungsstrategische Bedeutung entfaltet. Mit ihm gehen wir davon aus, daß ihr Sinn gar nicht expliziert werden kann, wenn man nicht daran festhält, daß die Grundbegriffe ‘materielle Produktion‘, ‘Produktionsverhältnisse‘, ‘Produktionsweise‘, ‚Basis‘ als funktionale oder analytische Begriffe aufgefaßt werden müssen. Die ‚Basis‘ ist also ‘immer‘ Basis, der Überbau kann nicht ‘Teil der ökonomischen Basis selbst“ (TERRAY: 1974:152 f) sein usw. 2. Bevor man sich ans mühsame Geschäft der Begründung (und ans oft allzu leichte der Widerlegung) dieser These begibt, muß man klären, worauf sie sich bezieht: Was soll durch ‘die Basis‘ oder die ‘materiellen Produktionsverhältnisse‘ eigentlich bestimmt werden? a) die Grenzen der jeweils umfassendsten souveränen gesellschaftlichen Einheiten? (vgl. Kap.I.). Für die — sehr grobe — entwicklungsgeschichtliche Abfolge von ‘Stämmen‘ über ‘Empires‘ bis zu ‘Nationalstaaten‘ läßt sich leicht zeigen, daß jedenfalls nicht Differenzen der ‘materiellen Produktionsverhältnisse‘ ihre Grenzen bestimmten, sondern (Kombinationen von) Verwandtschaftsverhältnissen, religiösen, ‘kulturellen‘, ‘politischen‘ und Gewaltverhältnissen (vgl. auch MARX GR 376: naturwüchsige „Gemeinschaftlichkeit in Blut, Sprache, Sitten“, „gemeinsame Vergangenheit und Geschichte“). Und auch die gegenwärtige Spaltung der Welt in ein ‘kapitalistisches‘ und ein ‘sozialistisches‘ Lager, wäre so doch sehr vorschnell interpretiert. Demgegenüber ist die These in zweifacher Hinsicht fruchtbarer zu interpretieren: in ‘strukturtheoretischer Perspektive‘ und in ‘entwicklungstheoretischer Perspektive‘: b) in synchroner oder strukturtheoretischer Perspektive kann die innere Einheit von ‘Gesellschaften‘ im Ausgang von ihren ‘materiellen Produktionsverhältnissen‘ entschlüsselt werden, auch wenn diese ‘societies‘ z.B. als ‘Verwandtschaftseinheiten‘ extern begrenzt sind. Eine strukturtheoretische Interpretation der Basis-Überbau These kann sich auf das ‘Systembild‘ von Gesellschaften wie auf ihr ‘Lagerungsbild‘ beziehen. In beiden Versionen setzt sie voraus, daß ‘Gesellschaften‘ keine ‘nicht ‘ — oder nur äusserst schwach — integrierten Phänomene (vgl. ‘loosely integrated structures‘-Debatte) sind, sondern eben als — in verschiedenen Graden integrierte — Einheiten bestehen und analysiert werden können. Auf der ‘Systemebene‘ impliziert die Basis-Überbau-These die Behauptung, daß die materiellen Produktionsverhältnisse die (soziale Bedeutung der) Verwandtschaftsverhältnisse, die Erziehungs-und Bildungsverhältnisse, die Rechts-und politischen Verhältnisse, die Gewaltverhältnisse bestimmen und nicht umgekehrt. Sie ist zu interpretieren als „Hierarchie funktionaler Unterscheidungen“ (GODELIER 1973:8, vgl. 50: „nach ihren Funktionen hierarchisch abgestuft“) nicht als Hierarchie von „Institutionenen“ oder „Instanzen“(vgl. 1978:85 und 1987:639 klarer als in der oben zitierten Formel einer „Hierarchie in der Kausalität der sozialen Strukturen“). Auf dieser Ebene muß trotz allem Gerede von Wechselwirkung und ‘Überdetermination‘ die „Stunde der letzten Instanz“ wirklich schlagen. Die Basis-Überbau-These ist nicht vereinbar mit der These vom historisch oder evolutionär ‘wechselnden Primat verschiedener Funktionen‘ oder funktionaler Teilsysteme (wie sie etwa Luhmann klar und bewußt vertritt). Man erweist weder der marxistischen Tradition noch sozialwissenschaftlicher Diskussion einen Dienst mit dieser ‘funktionalistischen Variabilisierung‘ des ‘historischen Materialismus‘, wie sie in der Tradition des Althusserianischen Marxismus (durch Laclau, Hindess/Hirst u.a.) mehr oder weniger systematisch betrieben wurde. Wenn man die Basis-Überbau These nicht als solche begründen und verteidigen kann, sollte man sie preisgeben, statt sich in akrobatischen Verrenkungen zu verlieren. Sie ist auch nicht so ‘schwach‘ formuliert, daß ihr Geltungsanspruch beschränkt wäre auf Gesellschaftsformationen, in welchen die funktional unterscheidbaren Verhältnisse realiter oder empirisch weitgehend ausdifferenziert wären. In der marxistischen Tradition ist diese Beschränkung auf die ‘bürgerliche Gesellschaft‘ mit ihrer ‘Trennung von Ökonomie, Politik, Ideologie‘ immer wieder verfochten worden (vgl. LABRIOLA, LUKACS, KORSCH, HORKHEIMER, vgl. auch TERRAY 1974:152 f.; vgl. hierzu schon MARX MEW 23:96) weil die These gerade nicht als die eines ‘funktionalen Primats‘, sondern eben als eine des Primats empirisch differenzierter ‘Institutionen‘ oder ‘Organisationen‘ usw. aufgefaßt wurde. Als solche läuft sie in unüberwindliche Probleme, die wir schon behandelt haben (Multifunktionalität empirisch differenzierter ‘Systeme‘; Illusionen der empirischen Trennung von ‘Ökonomie und Politik‘; Illusion, als sei ‘Ökonomie‘ hierin nicht ‘embedded‘ etc.). Genau dasselbe ließe sich für die ‘lagerungstheoretische‘ Bedeutung formulieren. c) Die diachrone oder‘entwicklungstheoretische‘ Bedeutung der Basis-Überbau-These kann dreifach verstanden werden: 1) Die Entwicklung bestimmter Gesellschaftsformationen ist durch die Entwicklung ihrer Produktionsverhältnisse bestimmt; 2) Die Übergänge von einer bestimmten Gesellschaftsformation zu einer folgenden (‘transition from feudalism to capitalism‘, ‘from capitalism to socialism‘) sind durch die inneren Widersprüche der Produktionsverhältnisse der ‘untergehenden‘ Gesellschaftsformation bestimmt; 3) Die Abfolge und die Entwicklungsrichtung der verschiedenen, einander weltgeschichtlich folgenden Gesellschaftsformationen ist durch die Entwicklung der materiellen Produktion bestimmt. 3. Wir wollten hier nur die pro-theoretischen differenzierungstheoretischen Voraussetzungen einer Begründung der These aufzeigen und zu verhindern suchen, der Begründungslast schon auf dieser Ebene auszuweichen. Differenzierte Begründungen der Basis-Überbau These gibt es bisher nicht. Sie sprengten den Rahmen unserer Argumentation.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

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