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Was ist soziale Ungleichheit und wie kann sie differenziert analysiert werden?

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

Zusammenfassung

„Ich nehme zwei Arten der Ungleichheit unter den Menschen an: Die eine nenne ich die natürliche oder physische Ungleichheit, weil sie von der Natur eingeführt worden ist. Sie besteht in der Unterschiedlichkeit des Alters, der Gesundheit, der Körperkräfte und der geistigen und seelischen Eigenschaften. Die andere kann man die moralische oder politische Ungleichheit nennen, weil sie von einer Art Übereinkunft abhängt und durch Zustimmung der Menschen eingeführt oder wenigstens gebilligt worden ist. Sie besteht in verschiedenen Vorrechten, die einige zum Schaden der anderen genießen. Solche Vorrechte sind: reicher, angesehener, mächtiger zu sein als die anderen oder sich sogar von ihnen Gehorsam leisten zu lassen.

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Literatur

  1. 1.
    ‚Horizontale‘ soziale Differenzierung war und ist das Kernthema soziologischer Evolutionstheorien von Durkheim bis Luhmann. Die oft ‚vertikal‘ genannte soziale Ungleichheit war und ist unter verschiedenen Titeln wie ‚soziale Schichtung‘, ‚soziale Stratifikation‘, ‚Statushierarchie oder ‚Klassenteilung‘ das Kernthema der Soziologie sozialer Ungleichheit wie der marxistischen Klassentheorie. Die analytische Unterscheidung zwischen sozialer Differenzierung und sozialer Ungleichheit ist in allen Kritiken an Versuchen vorausgesetzt, die ‚vertikale‘ soziale Ungleichheit bruchlos aus ‚horizontaler Differenzierung‘ erklären, wie dies von Schmoller bis zur funktionalistischen Stratifikationssoziologie immer wieder geschieht (vgl. exemplarisch die Kritik Tumins: TUMIN 1953). Wir haben schon angedeutet, daß ‚räumliche‘ Metaphern — wie ‚horizontal‘ und ‚vertikal‘ — einerseits zu vielen Mißverständnissen Anlaß geben können (vgl. PARSONS 1940:69, KRECKEL 1983:11 u.a.), daß es jedoch andrerseits nicht nur in der alltäglichen, sondern auch in der wissenschaftlichen Sprache schwerfallen dürfte, auf die Andeutungen sozial ungleicher Positionen in Metaphern wie ‚oben‘/‚unten‘, ‚höher/niedriger‘ usw. gänzlich zu verzichten (vgl. schon OSSOWSKI 1962, ausführlich SCHWARTZ 1981: 150 ff).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. generell zum konstruktiven oder ‘fiktiven’ Charakter des ‘status naturalis’: EUCHNER 1969, MACPHERSON 1962. Vgl. speziell zu Rousseau: STAROBINSKI 1971, LEMAIRE 1980.Google Scholar
  3. 3.
    Die Bedeutung der sozialen Umwelt für die Herausbildung menschlicher Eigenschaften wurde im kritischen Gegenzug gegen biologischen Determinismus durch kritische Genetiker, Anthropolgen und Soziologen wiederholt betont (’nurture versus nature’). Dabei wurde oft ein simpler ‘environmentalism’ verwendet. In gegenwärtigen Kritiken am modernen biologischen Determinsmus vom Schlage der Jensen, Hermstein, Goldberg, Wilson, Dawkins, Eysenck (für die BRD: Weede, für die Niederlande: de Groot) werden auch die Grenzen eines derartigen kulturellen oder sozialen Umweltreduktionismus aufgezeigt und dafür plädiert, naive ‘nature/nurture’-Dichotomien überhaupt preiszugeben: vgl. ROSE 1982, LEWONTIN/ROSE/KAMIN 1984, BIRKE/SILVERTOWN 1984, TURNER 1984.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. die Kritiken an rassistischen, sexistischen und Klassen-Ideologien, welche gerade in der Intelligenzforschung fröhliche Urständ feiern, bei: KAMLIN 1974, VROON 1980, GREEN 1981. Vgl. speziell zu rassistischen ‘scientific ideologies’: MONTAGU 1953, STEPAN 1982, BARKER 1981, SAHLINS 1977. Speziell zu sexistischen ‘wissenschaftlichen Ideologien’: GOLDBERG 1974, und vor allem auch HUBBARD/LOWE 1979, SAYERS 1982.Google Scholar
  5. 5.
    Wir können hier nicht ausführlich auf die biologisch-deterministischen Verklärungen moderner Soziobiologen eingehen, wollen jedoch wegen der alarmierenden Aktualität dieser Auffassungen wenigstens ihre zentralen Thesen skizzieren: ihre Zentralthese ist, daß soziales Handeln der Menschen genetisch programmiert ist. Die drei wichtigsten Schritte im reduktionistischen Erklärungsmodell sind: (1) Soziales ist das direkte Ergebnis individuellen Verhaltens, (2) individuelles Verhalten ist das direkte Resultat angeborener Eigenschaften, (3) diese phänotypischen Eigenschaften und Merkmale sind ex ante kodiert im ‘Gentyp’. Sie werden erblich übertragen und sind damit unveränderlich. Das hieraus sich ergebene Legitimations-Verfahren liegt auf der Hand: wenn soziale Ungleichheiten das direkte und unvermeidliche Ergebnis ‘angeborener’ und dazu-hin genetisch verankerter Unterschiede individueller Kapazitäten und Leistungsfähigkeiten sind, wenn individueller Erfolg und Mißerfolg so stark genetisch determiniert ist, dann muß dies unabdingbar in einer stark hierarchischen Gesellschaft resultieren.Google Scholar
  6. 6.
    Der Effekt ist derselbe wie in den klassisch biologisch inspirierten Verklärungen sozialer Ungleichheit (vgl. ‘bio-organistische’ (Plato, Schäffle), anthropo-raciale (Aristoteles, Gobineau, Galton, Person), darwinistische und instinktivistische Auffassungen und Schulen. Vgl. auch SOROKIN 1928). Nur die Mittel sehen ‘wissenschaftlicher’ aus.Google Scholar
  7. 7.
    Dies gilt für alle ‚natürlichen‘ Erklärungen sozialer Ungleichheit zwischen Kollektiven mit einer wichtigen Ausnahme: die biologisch-physiologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern haben solange erkennbare und sozialstrukturell wichtige Konsequenzen für die gesellschaftliche Arbeitsteilung (soziale Differenzierung), solange der gar nicht so ‚kleine‘ biologische Unterschied, daß nur Frauen Kinder tragen, gebären und säugen können, gesellschaftlich wichtig ist (vgl. unten); für soziale Ungleichheit, solange ihre durchschnittliche physische Gewaltunterlegenheit, welche durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung verstärkt wurde, historisch relevant ist. In entwicklungsgeschichtlicher Perspektive ist eine drastische Abnahme der Bedeutung faktischer individueller Unterschiede im Zuge sozialer Institutionalisierungsprozesse zu verzeichnen (vgl. GIDDENS 1973:121; KRECKEL 1976:352): die ungleichheitsrelevante Rolle von ‚großen Individuen ist in Ausnahmesituationen am größten. In strukturtheoretischer Perspektive ist die Ungleichheitsrelevanz faktischer individueller Unterschiede am größten auf der Interaktionsebene, am kleinsten auf gesellschaftlicher Ebene.Google Scholar
  8. 8.
    Struktur’ liegt schon dann vor, wenn die Machtchancen asymmetrisch verteilt sind, um soziale Institutionalisierungsprozesse nachhaltig ungleich beeinflussen zu können. Wir setzen also mit dieser Abgrenzung nicht hochgradig institutionalisierte gesellschaftliche’Ordnungen’ voraus. Vgl. generell: UNGER 1987II, Kap. 3 und 4.Google Scholar
  9. 9.
    Dieser Unterschied ist Gemeingut der marxistischen, der Weberschen wie der funktionalistischen Tradition. Vgl. z.B. FAHLBECK 1922:16,22, SCHUMPETER 1927, DAVIS 1959:82 f.; WRONG 1959:772; PARKIN 1971:13 f.; HORNING 1976:12, KOCKA 1979:137 u.v.a. “It is one thing to ask why different positions carry different degrees of prestige (zur Reduktion von Ungleichheit auf Prestige vgl. unten -d.Verf.), and quite another thing to ask how certain individuals get into those positions” (DAVIS 1953394). In allen Traditionen, in welchen dieser Unterschied gemacht wird, herrscht auch Einigkeit darüber, daß die erste Frage “logically prior” ist (DAVIS/MOORE 1945:242). In Parkins aktionistischer ‘Theorie sozialer Schließung’ wird der Unterschied als essentialistisch verworfen, in radikalfeministischen Kritiken wird er verworfen, weil man die Unterscheidung positionaler und allokativer Ungleichheit mit der Behauptung eines Primats der positionalen Ungleichheiten identifiziert. Die Bedeutung dieser Differenz läßt sich auch in unterschiedlichen ungleichheitskritischen Handlungsstrategien ausdrücken: radikal egalitäre Kritik richtet sich gegen soziale Ungleichheit der Positionen selber (und ist — wie wir schon oben gezeigt haben — durchaus vereinbar mit weitgehender sozialer Differenzierung). Sie ist daher tiefgreifender als radikal meritokratische Kritik, welche sich ‘nur’ gegen nicht auf faktischer individueller Leistungsfähigkeit begründete Kriterien und Mechanismen der Allokation richtet.Google Scholar
  10. 10.
    Die positionalen und allokativen Spaltungslinien können sich mehr oder weniger drastisch durchkreuzen, aber sich auch bis zur Homologie überlappen, wie dies z.B. für rassistische und Klassenspaltungen in den Südstaaten der USA im 19. Jh. oder im ‘apartheid’-System Südafrikas bis auf den heutigen Tag konstatierbar ist. Vgl. ausführlicher Kap. VII.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. allgemein: BRAITHWAITE 1953:320, STEGMÜLLER 1969:581ff, COHEN 1978, ELSTER 1982, vgl. SCHÜTZ 1974 für Handlungstheorie; GRIMM (1974) kritisch zur ‘funktionalistischen’ Unterlaufung der ‘Kausalität’ bei LUHMANN 1971:9–30, WIEHN 1974:160 ff für funktionalistische Statussoziologie.Google Scholar
  12. 12.
    Ähnlich: WARNER 1949/1960:8; BARBER 1957:12, JACKSON 1968:1 u.v.a. Vgl. kritisch: KIRCHBERGER 1975:23.Google Scholar
  13. 13.
    Offensichtlich verhandeln über solche Fragen nicht nur ‘Sklaven in der Gegenwart ihrer Herren’! Wir brauchen hier nicht zum hundertsten Male diese Argumentation kritisieren (vgl. TUMIN 1953, WRONG 1959, 1977, SIMPSON 1956, HUACO 1966 WIEHN 1974, KIRCHBERGER 1975 u.v.a.). Die Haupteinwände sind bekannterweise: a) ‘societies’ werden als aparte, reifizierte Subjekte behandelt, b) Die funktionale Bedeutung von Positionen ist normativ geladen, nicht meßbar, in der Regel zirkulär (die Existenz überlegener Positionen ‘beweist ihre Funktionalität’) usw. c) die behauptete universelle Knappheit der Talente ist eine zirkuläre petitio principii, nicht Grund sondern eher Resultat sozialer Ungleichheit im allgemeinen, speziell drastisch ungleicher Erziehungs-und Bildungschancen; d) die behaupteten ’Opfer’ und der ’Verzicht’ als Folge längerer Ausbildung sind teils imaginär, teils ist die Rechnung schon (durch Eltern usw.) bezahlt (vgl. klar auch RAWLS 1979: 92f, 121 ff) und sie brauchen auf jeden Fall nicht aus ’Gründen der Gerechtigkeit’ mit höheren Belohnungen kompensiert werden. e) Soziale Ungleichheit dient damit nicht ’dem Überleben von Gesellschaften’, aber hat dennoch eine ’Funktion’: für die herrschenden Gruppen oder Klassen (vgl. WIEHN 1974:61).Google Scholar
  14. 15.
    Die historische und anthropologische Forschung hat zumindest nahegelegt, daß bestimmte, für entwickelte Klassengesellschaften charakteristische Formen struktureller Ungleichheit wie “zentrale Herrschaft, Hierarchie, Ausbeutung” (SIGRIST 1978:43) keineswegs ‘anthropologische Notwendigkeiten’ oder ‘soziologische Universalien’ sind. Vgl. zur ‘regulierten Anarchie’ vorstaatlicher Gesellschaften auch SERVICE 1975, EDER 1976. Vgl. kritisch gegen die Idyllen von DIAMOND 1974: BLANKENBURG 1982 u.a.; kritisch gegen die These von MAURER, KOVALEWSKI, MARX/ENGELS u.a., den russichen ’mir’ als Rest des Urkommunismus zu behandeln: WEBER (GASWG: 508 ff; WGESCH 19 ff.) und mit einer klaren Übersicht über die Diskussion die hervorragende Einleitung von HARTSTICH 1977: XIII-XLVIII. Vgl. auch DOYAL/GOUGH 1986:54).Google Scholar
  15. 16.
    Vgl. Übersichten bei FAHLBECK 1922, DAHRENDORF 1966, WIEHN 1974, BOLTE/ HRADIL 1984 u.v.a. Wir sehen hier von einer differenzierten Übersicht über die verschiedenen ‘theoretischen Ansätze’ in der Ungleichheitsforschung ab. Der differenzierte pro-theoretische Bezugsrahmen, den wir erarbeiten werden, erlaubte erst eine übersichtliche Behandlung der sachlichen, theoretischen und methodologischen Schwerpunkte wie Blindheiten dieser Ansätze (vgl. die Versuche von STRASSER 1985, 1987). Weil dies nicht das Hauptinteresse unserer Arbeit ist, werden wir die jeweiligen Erkenntnisgewinne und Schranken der wichtigsten Positionen nicht zusammenfassend, sondern an den jeweiligen Schaltstellen im Gang unserer eigenen Argumentation behandeln. Vgl. unten: (1) Abstraktionsebenen (2) Aggregationsebenen (3) Ebenen der Strukturierung kollektiven Handelns (4) Strukturierung objektiver Lebenslagen (5) Strukturierung der Ressourcen (6) Differenzierung gesellschaftlicher Tätigkeitsverhältnisse.Google Scholar
  16. 17.
    Klassisch; GUMPLOWICS 1902, OPPENHEIMER 1923, und der heute nur noch durch Friedrich Engels’ Kritik bekannte DÜHRING. Auch ANDRESKI 1968 betrachtet militärische Gewalt nicht nur als Ursprung von Klassenungleichheit, sondern als fortdauernde Grundlage ihrer Reproduktion. Ihre Variationen ergäben sich direkt aus “variations in the military participation ratio (MPR)”. Weitaus balancierter, aber zurecht mit dem nötigen Nachdruck auf Gewaltverhältnissen argumentieren Marx und Engels selber, Max Weber, Norbert Elias, Michael Howard, McNeill, Unger u.v.a.Google Scholar
  17. 19.
    Klassisch: ENGELS (MEW 21); vgl. Übersicht über gegenwärtige Diskussion bei EDER 1973. vgl. auch LENSKI 1968 und 1970Google Scholar
  18. 20.
    Klassisch: SPENCER 1876:504 ff, SCHMOLLER 1870, BÜCHER 1892, DURKHEIM 1960Google Scholar
  19. 21.
    Vgl. DAHRENDORF 1966, vgl. PARSONS 1940, ABERLE e.a. 1950, DAVIS 1956, LEVY 1952, BARBER 1957 u.a.Google Scholar
  20. 22.
    Vgl. etwa die diesbezüglichen Kontroversen über den Zusammenhang von Entstehung staatlicher Klassenherrschaft und Unterdrückung der Frau im Anschluß an Engels: MCDONOUGH/HARRISON 1978; REITER 1975; REITER 1977, AABY 1977; DELMAR 1976.Google Scholar
  21. 23.
    Sie könnten noch um weitere ergänzt werden, z.B. Modelle, in denen exogene Faktoren und solche, in welchen endogene Faktoren primär sind: ‘exogene’ Eroberungen vs. die eigenen Reproduktionserfordernisse von jeweils souveränen Einheiten.Google Scholar
  22. 24.
    Vgl. die -terminologisch etwas unglückliche — Unterscheidung zwischen ‘aprioristischen’ und ‘konkomitanten’ Ursachen bei WIEHN 1974:148.Google Scholar
  23. 25.
    Es sei denn man glaubt, es sei eine sinnvolle Strategie ‘Macht’ für alles verantwortlich zu machen. Solange man dabei einen hinreichend breiten und generalisierten Machtbegriff verwendet (wie dies z.B. bei LENSKI, ELIAS, FOUCAULT, WIEHN u.a.) geschieht, ist dagegen nur einzuwenden, daß derartige Positionen trivial und wenig erklärungskräftig sind. Leider erstickt auch Wiehns Pro Theorie in diesem Eintopf.Google Scholar
  24. 27.
    Im Anschluß an die gewählten Beispiele ließe sich auch schon vorgreifend Sinnvolles sagen über jene Mechanismen, welche bei auskristallisierten und ‘normalisierten’ Ungleichheitsstrukturen in der Regel für ihre Reproduktion und ihre langsame, oft unbemerkte Transformation verantwortlich sind. “Erziehung, Tradition, Gewohnheit” wie der “stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse” (MEW 23:765), oder mit Max Weber: Brauch/ Sitte und Interessenlage sind die dominanten Mechanismen der Handlungskoordination in ‘alltäglichen’ Situationen. ‘Gewalt’ und ’Legitimität’ gewinnen an Bedeutung in ‘außeralltäglichen’ Krisen-Situationen. Vgl. unten Kap. IX. Auch die ’Ursachen’ der mehr oder weniger schnellen ’Veränderung’ sozialer Ungleichheitsstrukturen sind nicht einfach mit denen ihrer ‘normalen’ Reproduktion identisch.Google Scholar
  25. 28.
    Die ersten beiden Analyseebenen sind unabhängig vom spezifischen Forschungsfeld sozialer Ungleichheit begründet und interessieren hier nur, weil wir denken, daß sie auch unser Forschungsgebiet sinnvoll strukturieren und es erlauben, heillose Problemverwirrungen zu vermeiden. Die letzten beiden Problemachsen beziehen sich direkt auf die Strukturierung sozialer Ungleichheit und kollektiven Handelns. Sie sollen daher hier etwas ausführlicher begründet werden.Google Scholar
  26. 29.
    „Das schwierige, im Grunde unlösbare Problem der Epocheneinteilung„ (LUHMANN 1972:147) kann uns hier nicht weiter beschäftigen. Vgl. zur ‚marxistischen‘ Diskussion über Grundbegriffe (Gesellschaftsformation, Produktionsweise) und Einteilungen (‘urkommunistische‘, ‚antike‘, ‚asiatische‘, ‚feudale‘, ‚kapitalistische‘, ‚sozialistische‘): Hobsbawm, Godelier, Anderson, Cohen u.v.a.. Vgl. zur Grobeinteilung in ‚archaische‘ Gesellschaften, ‚vorneuzeitliche Hochkulturen‘, ‚moderne Gesellschaften‘: BELLAH, BENDIX, LUHMANN u.v.a..Google Scholar
  27. 30.
    Vgl. über — die sehr unterentwickelten — Evolutionstheorien sozialer Ungleichheit: LENSKI, EISENSTADT 1971, SEIBEL 1975.Google Scholar
  28. 31.
    Hierfür ist Marx’ Kritik an der in diesem Sinne spezifisch ‘bürgerlichen’ Ökonomie noch immer exemplarisch.Google Scholar
  29. 34.
    Im Sinne der Logik abnehmender Abstraktion ist dies die konkreteste Ebene der Entwicklung von ‘Theorien’ und sie ist auch — gerade wegen des leichteren Kontakts zur empirischen Forschung — am weitesten entwickelt. Dennoch sollte nicht vergessen werden, daß auch in sie Annahmen über gesellschaftsformationsspezifische Ungleichheitsstrukturen und Dominanzverhältnisse eingehen, sie also deren theoretische Begründung nicht überflüssig machen oder gar ersetzen können.Google Scholar
  30. 35.
    So hat z.B. KRECKEL 1983 im Blick auf die soziologische Behandlung von ‘societies’ in der dominanten US-Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus recht mit der Bemerkung, daß es dabei unbewußt meist um ‘nation-states’ ging. Wir haben schon oben darauf hingewiesen, daß dies für Marx und die ‘marxistische Tradition’ nicht gilt: Marx’ Gesellschaftsbegriff läßt die Frage der ’units’ für theoretische und empirische Forschung offen, sein Begriff der kapitalistischen Produktionsweise ist von Anfang an ’weltgesellschaftlich’ angelegt und seine Analysen des Kapitalismus zeigen in Ansätzen die reale historische Entstehung einer Weltgesellschaft’ im nicht nur metaphorischen Sinne.Google Scholar
  31. 36.
    Z.B. Entstehung, Durchsetzung und Zerfall des europäischen Feudalismus (vgl. etwa: BLOCH 1975, VILAR, DUBY 1962, ANDERSON 1974b. Die ‘Transformation’ zum Kapitalismus (vgl. etwa: SOMBART 1921, PIRENNE 1936, DOBB 1963, SWEEZY 1976, HILTON 1976, HILL 1976, BRENNER 1977); die Geschichte des ‘modernen Kapitalismus’ selber (vgl. etwa: SOMBART, HOBSBAWM 1970, KULISCHER 1958): die Geschichte der ‘bürgerlichen Gesellschaft’ (vgl. etwa KOFLER 1966, WITTVOGEL 1924); die Geschichte der ’höfischen Gesellschaft’ (ELIAS 1975). Es ist ein beträchtliches Verdienst der ’Gesellschaftsgeschichtler’, daß sie im Anschluß an Marx und Weber gegen die dominant narrativistisch orientierte Historiographie diesen Typus von Geschichtsschreibung wiederaufgegriffen und entwickelt haben.Google Scholar
  32. 37.
    Vgl. etwa das informative ‚Inklusionsmodell‘ bei SIGRIST 1967:60; vgl. SAHLINS 1968 u.a.Google Scholar
  33. 40.
    Vgl. GERSCHENKRON, SKOCPOL 1976, 1979. Vgl. Im Anschluß an WEBER: BRUNNER 1978, HINTZE 1970Google Scholar
  34. 42.
    Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, daß wir Luhmanns Reduktion von Handlungen auf Kommunikationen, von Sozialem’ auf ‘Sinn’ vermieden haben. Auch nicht-“kommunikativ füreinander erreichbare Handlungen” (LUHMANN 1975:11) sind für Interaktionen, Organisationen wie jeweils umfassende Sozialsysteme wichtig. Vgl. Kritiken bei BERGER 1987, GANSSMANN 1986. Die von Luhmann ausgearbeitete Ebenendifferenzierung kann n.u.A. unabhängig von der grundbegrifflichen ‘phänomenologischen Reduktion’ formuliert und verwendet werden. Sie bietet mindestens zwei Vorteile: Zum ersten macht sie darauf aufmerksam, daß einfache Sozialsysteme, Organisationen und Gesellschaft jeweils eigene Strukturbildungen und Entwicklungstendenzen oder ‘Dynamik’ haben, die nicht einfach auseinander hervorgehen oder aufeinander reduzierbar sind. Zum Zweiten macht sie damit klar, daß auch diesbezüglich Gesellschaft nicht in einem Zugriff zu analysieren ist.Google Scholar
  35. 43.
    Vgl. auch SCHLUCHTER 1979:51 ff in seiner Rekonstruktion der Weberschen Gesellschaftsgeschichte. Dieser Gedanke liegt natürlich auch in der Tradition ‘historisch-materialistischer Gesellschaftstheorie’ nahe, sobald in ihr zwischen jenen Analyse-ebenen explizit unterschieden wird.Google Scholar
  36. 44.
    Deren Auswirkungen auf die Organisations-und Interaktionsebene werden entweder ignoriert oder strikt deterministisch gedacht. Strukturell umgrenzte Freiheitsspielräume auf diesen Ebenen finden sich mehr bei ‘marxistischen’ Historikern (THOMPSON 1968, LEFEBVRE 1975) und ‘Sozialpsychologen’ (HELLER 1976 u.a.). Diese sind schon von ihren spezifischen Forschungsgegenständen her mehr oder weniger ‘gezwungen’, Organisations-und Interaktionsspielräume nicht zu ignorieren.Google Scholar
  37. 45.
    Vgl. etwa die extreme Reduktion von ‚Klassenpositionen‘ auf Organisationspositionen bei DAHRENDORF: „positions in the authority structure of imperatively coordinated associations„ (1959/61:166 e.v.,237).Google Scholar
  38. 46.
    Vgl. WARNER 1949, LUNT, HOLLINGSHEAD u.a.; Vgl. GOFFMAN 1963, BULMER 1976, VANNEMAN 1977, vgl. auch LAUMANN 1970, LAUMANN/SENTERS 1976, KIMBERLEY 1970, SENNET/COBB 1972; BANTON 1970:66 ff. Vor allem in der Diskussion über ‘soziale Klassen’ findet sich die Konzentration auf Interaktionssysteme (convivium, connubium, Kommensalität) in Kombination mit Konzentration auf Habitus und Lebensstile/Kultur. Vgl. schon die Ambivalenz des Weberschen Begriffs der ‘sozialen Klasse’ (BENSCHOP 1987), vgl. SCHUMPETER 1951; vgl. mit klarerer Zweiteilung (meist terminologisch als ‘Klasse’ vs. ‘Schicht’ oder ‘Stand’) bei HALLER 1983, BERGER 1986, STRASSER 1987u.a., vgl. unten).Google Scholar
  39. 47.
    Vgl. ‚Marxistische‘ und ‚konflikttheoretische‘ Kritiken an symbolisch-interaktionistischen Studien (vgl. auch GOULDNER, BOURDIEU, ELIAS; vgl. KORNHAUSER 1949, 1950, 1953; BENDIX/LIPSET 1953; BROTZ 1958, 1959; PFAUTZ 1953). Vgl. interaktionistische Kritiken am ‚marxistischen Strukturalismus‘ und Determinismus (BLUMER 1969 u.v.a.); vgl. zur Unterschätzung von Organisationspositionen: SALAMAN 1981, CLEGG/DUNKERLEY 1980.Google Scholar
  40. 48.
    Wenn man z.B. mit guten Gründen — wie Marx, Weber, Giddens u.v.a. — davon ausgeht, daß Klassenlagen zumindest in der bürgerlichen Gesellschaft nicht in Organisationspositionen aufgehen und auf gesellschaftlicher Ebene festgelegt sind, so darf dies unter keinen Umständen bedeuten, daß die Wirkung dieser Klassenlagen auf Organisationpositionen (vor allem: Arbeitsorganisationspositionen) und einfache Interaktionen (sowohl in Arbeits-wie in Konsumtionsverhältnissen) ignoriert oder einfach deterministisch behandelt wird.Google Scholar
  41. 49.
    Vgl. LAUMANN/SENTERS 1976:1305 f; COLEMAN 1965, HALLER 1981:766 ff u.a.. Sie wurde allerdings bisher nicht hinreichend gesellschaftstheoretisch begründet.Google Scholar
  42. 50.
    Aber wir wollen hier betonen, daß ungleiche Interaktionschancen nicht ausschließlich in Konsumtions-und (im Zuge der Trennung von Haushalt und Betrieb’ vor allem daran anschließenden) Lebensverhältnissen wichtig sind oder nur dort untersucht werden könnten (wie oben bei ‘convivium, connubium, Kommensalität’ suggeriert). Sie -und die meist mit ihnen verquickten Differenzen von ‘Stilen’ und ‘Kulturen’ sind auch in Arbeitsverhältnissen zu konstatieren.Google Scholar
  43. 51.
    Auch wenn diese als ‚Arbeitsverhältnisse‘ organisiert sind (wie in Bordellen oder im ‚Psy-Komplex‘) spielen doch face-to-face Interaktionen und auf dieser Ebene verankerte strukturelle Ungleichheiten eine weitaus größere Rolle. Vielleicht liegt hier eine prinzipiellere Grenze der Grade der Formalisierung, Versachlichung und Verrechtlichung von ‚personengebundenen Diensleistungen‘, die jedoch nicht in dem Sinne überschätzt werden darf, als ‚sperrten‘ sich diese der kapitalistischen Organisation und der Mehrwertproduktion.Google Scholar
  44. 52.
    Die Unterscheidung zwischen ‚exploitation‘ und ‚domination‘ hat eine lange Tradition (vgl. Kap.VI für ihre Wiederaufnahme in gegenwärtigen Diskussionen marxistischer Klassentheorie). Der Begriff der ‚Diskriminierung‘ ist demgegenüber weitaus vieldeutiger verwendet, hat aber neben rechtlich-politischer Diskriminierung doch wohl einen prominenten Schwerpunkt in Diskriminierungen in Interaktionen. Vgl. die tentativen Unterscheidungen bei SZYMANSKI 1983:498 ff. und BADER 1984:134 ff.Google Scholar
  45. 53.
    Dies ist die hier drastisch verkürzte Zentralthese von Gesellschaftstheorien, in welchen im Anschluß an Marx ein ‘transformational model of social activity’ entwickelt wird. Vgl. GIDDENS 1979, BHASKAR 1979, 1986; BOURDIEU 1972; vgl. UNGER 1987 pass: “Society as ‘frozen politics”’.Google Scholar
  46. 54.
    Schon ihre ‚diachrone‘ Darstellung erfordert Gliederung ihrer Abfolge. Wir lassen diese gar nicht ‚unschuldige‘ oder theorielose Anordnung hier zunächst ebenso unbegründet wie die genauere Bedeutung der Begriffe ‚strukturieren‘ oder ‚bestimmen, welche wir zur Andeutung von Abhängigkeitsverhältnissen verwenden.Google Scholar
  47. 55.
    Vgl. auch SCHLUCHTER 1979. Diese Ebene der Handlungsstrukturierung wird seit LOCKWOOD 1964 oft als Niveau der ‘Systemintegration’ (und ’-desintegration’) bezeichnet.Google Scholar
  48. 56.
    Vgl. hierzu BOURDIEU 1972 und 1979. Dieses Niveau wird oft als Niveau der (alltäglichen) ‘Kultur’ bezeichnet. Vgl. ausführlicher Teil II, Kap.III.Google Scholar
  49. 57.
    Dieses Niveau wird oft als ‘subjektives Bewußtsein sozialer Ungleichheit’ (meist drastisch reduziert auf ‘Ideologie’ oder ‘Legitimation’) oder — zusammen mit dem zweiten — als Ebene der ’Sozialintegration’ bezeichnet.Google Scholar
  50. 58.
    Grob vereinfachend: Alle sog. Ungleichheitstheorien (ob es nun um ‘Klassentheorien’, ‘Statustheorien’, ‘Schichtungstheorien’, ‘Elitetheorien’ usw. geht) arbeiten mit drastisch simplifizierten Annahmen auf der Ebene der Bedingungen kollektiven Handelns, wenn sie diese nicht überhaupt ignorieren oder an davon getrennte Theorien kollektiven Handelns’ delegieren. Auch die Bewußtseins-und darüber vermittelt die Handlungsrelevanz von Ungleichheit wird in ihnen meist einfach ohne weiteres unterstellt (vgl. kritisch auch HONDRICH 1984). Die Bedeutung von Ungleichheiten und Unterschieden des Habitus und der Lebensstile wurde lange Zeit von allen sog. ’objektiven’ oder ’strukturalen’ Ungleichheitstheorien ignoriert und an Sozialpsychologen und Kulturanthropologen delegiert, bildete aber auch den Schwerpunkt in Analysen von sog. ’ständischen’ Vergemeinschaftungen und von ’sozialen’ Klassen. Diese wurden wiederum den Analysen sog. ’ökonomischer’ und ’politischer’ Klassen kontrastiert, dem Schwerpunkt der Analysen in der marxistischen und elitetheoretischen Tradition, aber auch von Analysen der ’Markt-Klassenlagen’ in der Weberschen Tradition. Nur selten wurden Analysen der objektiven Lebenslagen und des Habitus wie der Lebensstile programmatisch und sachlich so klar aufeinander bezogen wie bei BOURDIEU. Unser Ansatz ist also kritisch gegenüber den gängigen Reduktionen der Strukturierung des Handelns auf Lebensstile, Wertmuster, Traditionen und affektive Internalisierungen einerseits (’kulturalistische’, ’normativistische und psychologistische Positionen), auf materielle Ressourcen und Belohnungen andrerseits (’grob-materialistische’, ’ökonomistische’ oder ’objektivistische’ Reduktionen). Der Einfluß von BOURDIEU ist z.B. in der unteren Hälfte von Schema 3 leicht zu erkennen. Trotz aller immer wiederholten Behauptungen, Klassenanalysen seien per def. ’deterministisch’, ’ökonomistisch’ usw. (vgl. HRADIL 1987:121) denken wir, daß mit der ’theory of structuration of action’ ein Ansatz vorliegt, der die klassischen Dichotomien von Objektivismus’ versus ‘Subjektivismus’, ’Materialism us’ versus ‘Kulturalismus’, ’Okonomismus’ versus ’Politizismus’, ‘Kollektivismus’ versus ’individualistischer Psychologismus’, ’Determinismus’ versus ’Voluntarismus’ unterläuft.Google Scholar
  51. 60.
    Neumodisch ist schon öfter der Versuch gemacht worden, diese Modi der Strukturierung näher zu differenzieren, vgl. z.B. im Anschluß an STINCHCOMBE 1968 durch WRIGHT 1978, Kap. 1.: ‘structural limitation, selection, reproduction/nonreproduction, limits of functional compatibility, transformation, mediation’. Aber der exakte Sinn wie das gegenseitige Verhältnis dieser ‘modes of structural causality’ bleibt labil und ihr Verhältnis zu historischer Kausalität weitgehend ungeklärt. ‘Dialektische Bestimmungen’ leiden noch an denselben Schwächen wie funktionalistische und strukturalistische Modi der Bestimmung, auf welche schon oben hingewiesen wurde. Schon lange also besteht ein dringendes Erfordernis ihrer wissenschaftstheoretischen Klärung. Vorläufig behalten sie — wichtigen und für Forschung unersetzbaren — heuristischen Status.Google Scholar
  52. 61.
    Hierin besteht der kleinste gemeinsame Nenner der ‘Theorien’ von MARX, WEBER, LASSWELL/KAPLAN, LENSKI, ETZIONI, BOURDIEU, REX, PARKIN. Vgl. ähnliche Ansätze in kultureller Anthropologie: WOLF, PAIGE, BLOK, BOISSEVAIN u.v.a.. Wie schon ihr Name sagt, gilt dies vor allem auch für jene ‘Theorien’ kollektiven Handelns, welche sich um die ‘mobilization of resources’ drehen (vgl. ausführlich: Teil II).Google Scholar
  53. 62.
    Diese zuerst durch Marx klar formulierte Einsicht gehört inzwischen zum soziologischen, keineswegs jedoch auch zum ’ökonomischen’ Katechismus. Dort regiert oft noch der ‘kalte Stern der Knappheit’ (vgl. BADER u.a. 1975:200; vgl. SAHLINS 1972, POLANYI 1967, vgl. auch LUHMANN 1972). Allerdings sollte gesellschaftlich konstituierte Knappheit nicht vorschnell — wie in der marxistischen Tradition — als exklusives Phänomen kapitalistischer Warenproduktion verstanden werden oder nur auf sog. materielle Ressourcen und Belohnungen bezogen werden. Auch -und gerade- Prestige und Zeit werden als knapp erfahren und definiert (vgl. unten). Auch die possessiv-individualistische ‘Anthropologie’ erlebt daher zwar in kapitalistischen Gesellschaften einen ‘eindrucksvollen’ Höhepunkt, ist jedoch nicht auf diese begrenzt. Schließlich zur Vermeidung von Mißverständnissen: nur wenn man Not aufs absolute, zum physischen Überleben notwendige Existenzminimum reduziert, ist sie relativ invariant. Armut hingegen ist durch und durch historisch und relational (vgl. TOWNSEND 1970, 1974, 1979; WEDDERBURN 1973 u.a..Google Scholar
  54. 63.
    Auch dies gilt in beiden Richtungen: nicht nur für die bekannte sozialdarwinistische Überhöhung kapitalistischer Konkurrenz in den ‘eternal struggle for life’, sondern auch umgekehrt für die spekulative Verankerung demokratischer Ethik und Politik in der natürlichen Güte der Menschen. Man braucht die vielen und extremen Erfahrungen des ‘homo homini lupus’ ja nicht zu ‘anthropologisieren’ um sie als sozialhistorisch tiefsitzend und geschichtsmächtig erkennen zu können und man sollte — normativ gesprochen — auf den metaphysischen Komfort und die Rückendeckung der ’prinzipiellen’ menschlichen Güte verzichten, auch und gerade beim Entwurf und der Umsetzung alternativer libertär-demokratischer und sozialistischer Ordnungsmodelle. Vgl. ausführlicher Kap. III.Google Scholar
  55. 64.
    Vgl. BADER 1981 (1988). Vgl. auch GIDDENS (1979) zur Kritik der theoretischen Grenzen der konfliktsoziologischen ‘kopernikanischen Wende’.Google Scholar
  56. 65.
    ’Prinzipiell’ wäre es natürlich durchaus möglich, dieses Konfliktpotential — wie auch den Sachverhalt, daß jeweils herrschender Konsens das mehr oder weniger labile Ergebnis vorausgegangener Konflikte ist -, auch in derartigen Ansätzen ausführlich zu behandeln. Aber es ist doch symptomatisch, daß dies in der soziologischen Theorietradition von Durkheim über Parsons bis Habermas so wenig geschieht.Google Scholar
  57. 66.
    Wir wollen hier nur kurz darauf aufmerksam machen, daß — im Gegensatz zur herrschenden soziologischen Meinung (vgl. etwa Schluchter, Habermas u.v.a.) -sehr viel genauer unterschieden werden muß zwischen kognitiver, zweckrationaler und strategischer Orientierung. Vor allem die synomyme Verwendung von ‘zweckrational’ und ‘strategisch’ im Anschluß an Max Weber ist irreführend (vgl. noch bei BADER 1987), weil ja die ‘Zwecke’ zweckrationalen Handelns keineswegs per. Def. partikularistische sind. Vgl. richtiger bei PREWO 1979. Ähnliches gälte für dringend erforderliche Differenzierungen zwischen ’wertrational’ und ’verständigungsorientiert’.Google Scholar
  58. 67.
    Die Differenz dieser gegensätzlichen Heuristiken wird plastisch, wenn man etwa die Kulturanalysen Bourdieus mit denen von Habermas vergleicht. Vgl. auch BADER 1984, 1986. Erst wo strategische Analysen der verschiedenen Handlungsfelder, auch und gerade von ‘Kultur’ an ihre Grenzen stoßen, kann theoretisch und empirisch eine relative Autonomie von Lebenswelten aufgezeigt werden. Symptomatisch ist, daß gerade dies bei Habermas nur postuliert und nicht untersucht wird. Für die Ungleichheitsforschung ist die ‘Theorie des kommunikativen Handelns’ damit wenig produktiv, aber auch generell ist damit ein wichtiges Moment der ‘Unkritik’ dieser ’kritischen Theorie’ getroffen.Google Scholar
  59. 68.
    Vgl. auch die ähnlich stereotype und in diesem Fall gänzlich irreführende Kritik von HONNETH 1986 an Bourdieu.Google Scholar
  60. 69.
    Vgl. z.B. schon MEW 3:398 f. Nachdem Weber z.B. zunächst durch Parsons drastisch normativistisch verkürzt wurde, kommen die Weber-Interpretationen erst nach der ‘DeParsonianisierung’ wieder ins Lot: vgl. COHEN/HAZZELRIGG/POPE 1975, OBERSCHALL 1973 u.a. In Teil II formulieren wir ausführlichere Kritiken am rationalistischen Utilitarismus der Spieltheorie und der ‘logic of collective action’: Reduktion von Rationalität auf strategische Rationalität, theoretische und oft faktische Verkennung traditionaler, affektiver wie ‘wertrationaler’ Orientierung; grob-materialistische Reduktion der ’incentives’; ’egoistische’ Variante des Utilitarismus (vgl. die Kritiken von OBERSCHALL 1973:116, FIREMAN/GAMSON 1979:21, RAPOPORT 1976, BOULDING 1962:57; SCHELLING 1960 u.a.)Google Scholar
  61. 70.
    Strategische Handlungsanalyse ist auch nicht gebunden an ‘ontologischen’ oder ‘methodologischen Individualismus’. Schließlich: wenn man genauer als Weber u.v.a. unterscheidet zwischen ‘zweckrational’ und ’strategisch’, ist ihre heuristische Bedeutung auch nicht methodologisch über die Vorrangstellung ‘zweckrationalen Handelns’ und seine ’unmittelbare Einsichtigkeit’ zu begründen (auch gegen BADER 1987:262). Die Prominenz von strategischem Handeln und Interessenlagen wird hier vielmehr sachlich, vom Gegenstand sozialer Ungleichheit und Kollektiven Handelns her, zu begründen versucht: ohne strategische Orientierung keine Interessenlagen und ohne konfligierende Interessen keine kollektiven Konflikte.Google Scholar
  62. 71.
    Vgl. z.B. für Prestige-Chancen: CROMPTON/GUBBAY 1979, SZYMANSKI 1983; GIDDENS 1973, KRECKEL 1983, BERGER 1984. Vgl. demgegenüber klar zu ihrer eigenartigen Objektivität: STINCHCOMBE 1968, ETZIONI 1968:339; LOCKWOOD 1981:446. Vgl. für symptomatische Unklarheiten Max Webers: SCHLUCHTER 1979.Google Scholar
  63. 72.
    Schon daraus ist ersichtlich, daß nur eine sehr reflexive Forschungsmethode dieser Sachlage gerecht werden kann; vgl. unten.Google Scholar
  64. 73.
    Nur dem ‚grobianischen Materialismus‘ gilt nur das als objektiv, was materiell oder ‚anzufassen‘ ist. Eine Theorie der Strukturierung des Handelns kann auch die Materialismus-Idealismus Fehden links liegen lassen. Zur Vermeidung von Mißverständnissen wollen wir hier nur darauf weisen, daß in unsere pro-theoretische Problemstrukturierung keine derartigen Behauptungen eingehen. Wir haben daher in Schema 3 die herrschenden Bewußtseinstypen nur deshalb aus der ‚Systemstruktur‘ herausgezogen, um ihre besondere Bedeutung für die Entstehung und Entwicklung besonderer Typen und Grade kollektiven Bewußtseins zu unterstreichen, nicht um heimlich und hinterrücks etwa zu behaupten, die ‚materiellen‘ Aspekte gesellschaftlicher Systemstruktur (was immer das sei) determinierten die ‚ideellen‘. Bei der Behandlung der relativen ungleichheitsstrukturierenden Kraft der verschiedenen Ressourcen kommen wir hierauf zurück.Google Scholar
  65. 74.
    In einem deskriptiven Verfahren können die pro-theoretisch disaggregierten Ressourcen und Belohnungen (Schemata 5 und 6) direkt als ‘soziale Indikatoren’ gelesen werden. Damit ist ein direkter, quasi ‘theorieloser’ Übergang von Pro-Theorie zu empirischer Sozialforschung angezielt. Theoretische Verfahren (von Marx bis Bourdieu) werden durch pro-theoretische Disaggregation nicht etwa unsinnig. Auch ihre zentralen Grundgedanken gehen nicht verloren. Allerdings werden sie größerem Begründungsdruck ausgesetzt. Z.B. wird der postulierte Zusammenhang zwischen objektiver Klassenlage und politischem Klassenhandeln sowohl theoretisch wie historisch ausdrücklicher zum Problem. Die Entstehung hochaggregierter Handlungskollektive (Klassen als politische Aktoren) und politischen Klassenhandelns kann nicht einfach mehr normativ-politisch postuliert werden. Ihre Bedingungen müssen theoretisch und empirisch-historisch untersucht werden. Vgl. auch BERGER 1987 “Kohärenzparadigma”, vgl. ZWAHR 1978:22 gegen W. Fischers Differenzierungsstrategie.Google Scholar
  66. 75.
    Wir verzichten dabei auf jegliche Dokumentation und vertrauen auf historisches Wissen und Imagination der Leser. Vgl. umfangreiche Daten für Deutschland/BRD bei BERGER 1986Google Scholar
  67. 78.
    Vgl. für soziale Ungleichheit: WIEHN 1974; für (internationale) Konflikte: ECKSTEIN 1964. Eckstein formuliert auch eine unserer eigenen durchaus vergleichbare Aufgabenstellung: 1. ‘delimination’, 2. ‘classification and analysis’ = ‘dissection of a subject into its components’, 3. ‘problemation’ (the formulation of specific problems for theory construction). Auch die Webersche ‘Soziologische Kategorienlehre’, welche unseren Versuch, wie der Leser leicht erkennen wird, tiefgehend beeinflußt hat, ist unserer Ansicht nach eine derartige ‘Pro-Theorie’. In vieler Hinsicht ist der logische Status unserer Pro-Theorie dem der Ungerschen Proto-Theorie, die erst erschien, als unser Manuskript bereits abgeschlossen war und daher nicht mehr systematisch eingearbeitet werden konnte, vergleichbar. ’This connecting set of notions amounts to a proto-theory: less the outline of a single, coherent theoretical system than the description of ideas that can supply a basis for many different theories“ (1987 II:33).Google Scholar
  68. 79.
    So hat PARKIN 1979:47 durchaus recht, daß der Begriff der Ausbeutung ein “morally weighted concept” ist.Google Scholar
  69. 80.
    So sind z.B. — gegen die Vertreter ‘normativer’ oder ‘subjektiver’ Konzeptionen von Sozialwissenschaft (vgl. z.B. PHILIPPS, PELS, PARKIN u.a.) — normative Urteile “about the moral standing of class society” (PARKIN 1979:112) nicht hinreichend informativ und auch nicht ausschlaggebend für die Wahl und Abgrenzung des Begriffs der Ausbeutung selber. Mit guten theoretischen Gründen kann man gegen die uferlose Ausweitung des Ausbeutungsbegriffs durch GIDDENS (1973:130 f) und PARKIN argumentieren und an der Marxschen Fassung festhalten (vgl. Kap. VI.2). Man kann natürlich darauf verzichten, zwischen ‘Ausbeutung’, ’Unterdrückung’ und ’Diskriminierung’ zu unterscheiden, aber das Ergebnis ist ein empfindlicher Verlust an analytischer Unterscheidungskraft und terminologischer Präzision, welche für Theoriebildung, empirische Forschung wie gerade auch für klare normative Beurteilung große Vorteile bietet. Überpolitisierung und Normativismus sind nüchterner relationaler kognitiver Autonomie durchaus abträglich. Vgl. ähnlich im Anschluß an Weber: KEAT 1981.Google Scholar
  70. 82.
    ‚Rationale‘ Argumentation sollte keineswegs auf ‚kognitive Argumentation‘ beschränkt werden. ‚Normative‘ Argumentationen sind ebenso ‚gut‘ begründbar wie kognitive und auch die Chancen erzielbarer Übereinstimmung sind nicht geringer (vgl. PHILIPPS 1983; vgl. HABERMAS 1981). Aber sie sollten nicht unbewußt oder absichtsvoll ‚vermischt‘ werden (vgl. etwa SCHAFER 1978, vgl. die diesbezügliche Habermas-Kritik bei Bader 1986.Google Scholar
  71. 84.
    Vgl. schon LENSKI 1968, ECKSTEIN 1964, vgl. generell Webers Strategie der Begriffsbildung.Google Scholar
  72. 88.
    Er kann — wie schon angedeutet — auch als Hintergrund systematischer Rekonstruktionen wichtiger Theorien dienen.Google Scholar
  73. 89.
    Vgl. besonders in Teil II. Vgl. zu ähnlichen Forderungen praktischer Handlungsrelevanz von Theorien kollektiven Handelns etwa: TILLY 1978, ZALD/MACCARTHY 1979:1 f, FREEMAN 1975 u.a. Vgl. BHASKAR 1979:97f und 1986:169ff zur oben implizierten Fassung des emanzipatorischen Beitrags von sozialwissenschaftlicher Erkenntnis. Vgl. auch UNGER 1987:365 u.ö.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

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