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Ungleichheiten pp 265-275 | Cite as

Mechanismen der Reproduktion und Transformation sozialer Ungleichheiten

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

Zusammenfassung

Wir haben bisher die verschiedenen Dimensionen der Ungleichheiten objektiver Lebenslagen isoliert behandelt und dabei abgesehen von Mechanismen und Prozessen ihrer Reproduktion und Transformation. Ungleiche Positionen wie Ungleichheiten der Allokation mußten als strukturelle sozial und zeitlich stabilisiert sein, aber wir haben die spezifischen Mechanismen ihrer sozialen Stabilisierung und Garantie bisher in unserer Behandlung des Eigentumsbegriffs nur vorgreifend und nicht ausführlicher und als solche thematisiert. Ihnen wenden wir uns nun zur Abrundung unserer pro-theoretischen Analyse der objektiven Lebenslage zu. Unsere Zentralthese war, daß soziale Ungleichheit nicht nur durch soziales Handeln geschaffen, sondern auch reproduziert und transformiert wird. Die verschiedenen Mechanismen der Reproduktion und Transformation wollen wir daher im Anschluß an die verschiedenen Typen sozialen Handelns und die auf ihnen begründeten Mechanismen der Handlungskoordination einführen (§ 1). Wir wollen zwischen Mechanismen der Stabilisierung und Destabilisierung einerseits, Mechanismen der Garantie und bewußten Veränderung andrerseits unterscheiden (§ 2) und zeigen, daß die Mechanismen der Reproduktion und Transformation sozialer Ungleichheit nicht — wie so oft — auf ‚Gewalt‘ oder ‚Legitimität‘ reduziert werden dürfen. Für die ‚alltägliche‘ Reproduktion und Transformation von Ungleichheit sind vielmehr Bräuche/Sitten, Solidaritäten und nicht auf Gewalt zu reduzierende Interessenlagen ausschlaggebend (§ 3). Wir wollen damit zugleich verhindern, daß die Diskussion der Reproduktion und Transformation sozialer Ungleichheiten auf den Staat, auf die ‚Kommandohöhen‘ der Politik und auf Krisen und Ausnahmesituationen fixiert wird, wie dies so oft geschieht.

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Literatur

  1. 1.
    In der politischen Philosophie pendeln die Positionen zwischen den Extremen ‚voluntas‘ oder ‚Souveränität‘ einerseits, ‚ratio‘ oder ‚Konsensus‘ andrerseits, in den Sozialwissenschaften zwischen (harmonistischen oder konfliktorientierten) Interessentheorien einerseits und normativistischen Konsenstheorien andrerseits. Der Logik dieser Dichotomie gehorcht auch die marxistische Diskussion, in welcher darüberhinaus bekanntlich Fragen der Legitimität drastisch unterbelichtet oder gänzlich ignoriert wurden. Vgl. ausführlicher: BADER 1989. Vgl. generell auch Roberto UNGERs Grundgedanken der „Making of Society Through Politics“, speziell seine Behandlung der „Stability and Destabilization in the Working of Formative Contexts“ (1987 II:254 ff).Google Scholar
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    Auch hierbei geht es natürlich ebenfalls um traditionale Orientierung und vor allem um durchaus wichtige ‚materielle‘ Interessen auf Seiten der Arbeiter (vgl. etwa KOCKA für Siemens, vgl. BERGER 1986 generell für Unternehmensgröße).Google Scholar
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    Vgl. begriffsgeschichtlich diesbezüglich sehr klar: HIRSCHMAN 1984, vgl. Teil II, Kap. V ausführlicher).Google Scholar
  4. 10.
    Auf alle nähere Diskussion des Zusammenhangs von ‚objektiven‘ und ‚subjektiven‘, ‚potentiellen‘ und ‚aktuellen‘, ‚latenten‘ und ‚manifesten‘, ‚kurzfristigen‘ oder ‚langfristigen‘, ‚individuellen‘ oder ‚kollektiven‘ Interessen verzichten wir hier und wollen daher nur betonen, daß es bei diesen gemeinsamen Interessen keineswegs etwa nur um ‚illusorische‘ geht, um ‚verkehrtes‘ Bewußtsein, und daß Interessen immer im Blick auf mögliche Alternativen formuliert sind (letzteres hat z.B. PRZEWORSKI 1985 zurecht klar herausgearbeitet).Google Scholar
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    Wir behaupten damit natürlich nicht, daß die alltägliche Reproduktion von Ordnungen ‚konfliktfrei‘, quasi als ideales homöostatisches System verliefe, sondern nur, daß Gesellschaften, welche ausschließlich ‚auf der Spitze von Bajonetten‘ oder ausschließlich auf ‚shared values‘ gründeten, nicht auf Dauer reproduktionsfähig sind. Auf die Bedeutung dieser alltäglichen und praktischen Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit haben in der ‚marxistischen‘ Tradition besonders GRAMSCI 1971 (vgl. die Unterscheidung zwischen ‚aktivem oder ‚direktem‘ und ‚passivem‘, ‚indirektem‘ Konsens), PIVAN/ CLOWARD (1979: 6ff), ASH 1972, MANN 1975, UNGER 1987 u.a. aufmerksam gemacht. In soziologischen und historischen Studien des ‚Alltagslebens‘ bietet sich hierfür eine theoretisch bisher leider wenig durchdachte Fülle von Material.Google Scholar
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    Vgl. detailliert: WL 444 f. Der spezifische Charakter von Rechtsnormen als ‚zeitlich, sachlich und sozial kongruent generalisierter normativer Verhaltenserwartungen‘ wird begriffgeschichtlich reflektiert und theoretisch wohl am klarsten fundiert in Luhmanns Rechtssoziologie (vgl. LUHMANN 1972, Kap. II). Bei unserer Unterscheidung zwischen Sitte, Konvention und Recht geht es ausschließlich um Typologie, nicht um heimliche kausale oder historische Zusammenhänge etwa derart, daß Sitten Konventionen und Recht ‚begründen‘; sie können vielmehr auch historisch sekundär, von Recht ‚abgeleitet‘ sein.Google Scholar
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    Vgl. hierzu trotz konträrer ethischer und politischer Position außerordentlich klar: Carl SCHMITT 1921, 1934 u.ö.Google Scholar
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    Vgl. quasi-anthropologisch bei Max WEBER: WG 549, 299 ff, 679, 697; RS I:242. Vgl. die schon in der Einleitung zitierte Arbeit von SIGRIST 1967 für schöne historische Beispiele dieses ‚ursprünglichen‘ Gleichheitsbewußtseins.Google Scholar
  9. 15.
    Vgl. ausführlich gegen diesen folgenreichen Fehlschluß: BADER 1989.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Veit-Michael Bader
  • Albert Benschop

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