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Arbeiterjugendliche zwischen Schule und Subkultur — Eine Straßenclique in einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung des Ruhrgebietes

  • Alfred Bietau
Part of the Studien zur Jugendforschung book series (SZJUG, volume 4)

Zusammenfassung

Der folgende Aufsatz entstammt dem gleichen Forschungskontext wie der Beitrag W. Helspers. In dem Forschungsprojekt „Zum Selbstbild Jugendlicher in Schule und Subkultur“1 kristallisierten sich in der ersten längeren Erhebungsphase an einer Gesamtschule in einer Ruhrgebietsstadt (Mahlstadt) Kontakte zu verschiedenen Jugendcliquen heraus, die uns den Übergang von der Feldforschung in der Schule zur außerschulischen Freizeit ermöglichten. Eine Auswahl aus den verschiedenen Jugendcliquen fiel uns insofern leicht, da wir mit W. Helspers „oppositioneller Gesamtschülerszene“ und einer „arbeitersubkulturellen Jugendclique aus einer ehemaligen Zechensiedlung“ zu zwei fast polartig auseinanderdriftenden Lebenswelten Kontakt bekommen hatten, die sich für einen Vergleich unter der Perspektive der Ungleichzeitigkeit der Moderne, bzw. der Extremität möglicher Lebenswelten im Ballungsgebiet Ruhrgebiet anboten.2

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Anmerkungen

  1. 1.
    Das Projekt wurde aus Mitteln der DFG und unter Leitung von W. Breyvogel an der Universität Essen — GH zwischen 1981 und 1984 durchgeführt. An der Erhebung des empirischen Materials für die hier in Ausschnitten vorliegende Cliquenstudie und den entsprechenden Diskussionsprozessen wirkte der Projektmitarbeiter Werner Thole mit.Google Scholar
  2. 2.
    D.h., daß dieser Aufsatz stets auch als Vergleich zu W. Helspers Beitrag gelesen werden kann, wenn hier auch ein ausformulierter Vergleich unterbleiben muß.Google Scholar
  3. 3.
    Zur Antinomie der Moderne und die Auswirkungen der Rationalisierung der Lebenswelten vgl. die Erläuterungen in W. Helspers Beitrag in diesem Band.Google Scholar
  4. 4.
    Ausschnitte in diesem Sinne sind sowohl eine abgrenzbare Clique von Jugendlichen in diesem Siedlungsmilieu, als auch die einzelnen Subjekte in dieser Clique. Um sich diesen alltäglichen qualitativen Lebensprozessen forschungsmethodisch zu nähern, bedarf es einer qualitativen Forschungsperspektive, die grob mit den Stichworten „Einlassen auf die untersuchten Subjekte“, „Perspektivenübernahme” und „Aufhebung der Subjekt-Objekttrennung“ umschrieben werden kann. Dazu konnten wir auf zwei neuere (qualitative) sozialwissenschaftliche Forschungsstränge zurückgreifen: die ethnologische Feldforschung (1) und die Biographieforschung (2).Google Scholar
  5. 1.
    Die ethnologische Feldforschung besagt im Kern, daß Subkulturen innerhalb einer Gesellschaft genauso mit „den Augen des Fremden“ betrachtet werden müssen, wie „exotische” Gesellschaftsformen, daß durch kulturelle Teilhabe und vorsichtiges Nähern eine Pespektivenübernahme und der Nachvollzug der dort gültigen Regeln des Zusammenlebens erreicht werden können. Die Hauptmethoden sind die teilnehmende Beobachtung und die Gruppendiskussion. (Vgl. Gerdes 1979, Blumer 1973, Erdheim in diesem Band )Google Scholar
  6. 2.
    Die Biographieforschung geht davon aus, daß die zur Erkenntnisbildung dringend benötigte Struktur und Regelhaftigkeit weniger über Institutionen-oder Ideologieanalyse zu bekommen ist, sondern über die biographische Analyse des Einzelfalles, der als gelebtes Struktur-und Normenensemble allein durch die Tatsache, leben zu müssen, eine strukturierte Lösung für den Aufbau und die Beteiligung an einer Lebenswelt finden muß. Auf diese biographische Fährte kann der Forscher sich begeben und muß die am Wege liegenden makrostrukturellen Bedingungen (Klassenlage, Zeitereignisse, hegemoniale Normen-und Wertesysteme etc.) wechselseitig darauf beziehen. Die Hauptmethoden sind die Datensammlung und die Spielarten offener Interviews. (Vgl. Fuchs 1984, Kohli 1978, Gstettner 1982 ).Google Scholar
  7. 5.
    Letztere Aufgabe bezieht sich auf die Problematik der Generalisierbarkeit qualitativ-interpretativ gewonnener Studien, deren Erörterung den hier zur Verfügung stehenden Raum hoffnungslos übersteigen würde. Wir verweisen auf unsere methodologischen Arbeiten hierzu in Bietau/Breyvogel/Helsper 1982 und 1983, sowie auf Oevermann 1979, der die Möglichkeit der Verallgemeinerbarkeit auf einem strukturalen Textbegriff und der Interdependenz von sozialen (generalisierten) Deutungsmustern und fallspezifischen Ausprägungen begründet.Google Scholar
  8. 6.
    Näheres zu unserer methodologischen Vorgehensweise ist nachzulesen in Bietau/Breyvogel/Helsper 1982 und 1983.Google Scholar
  9. 7.
    Vgl. zum Leben in Arbeiterkolonien des Ruhrgebiets: R. Lindner, 1979, F. Brüggemeier 1983, Bietau 1987.Google Scholar
  10. 8.
    Die soziologische und sozialpädagogische Literatur der 20er und 30er sowie der 50er Jahre kreiste häufig um das Problem der besseren Integration der Kinder und Jugendlichen dieses Milieus, die als „Halbstarke“, „Eckensteher” und „Straßengangs“ in Erscheinung traten. (Dehn 1919, Fehr 1921, Muchow/Mu-chow 1935, Lindner 1984, Krüger 1985, Thole 1987)Google Scholar
  11. 9.
    Die Interviews mit dem obengenannten ehemaligen Bergmann und mit Vorstandsmitgliedern des Siedlervereins könnten einen Einblick in die „soziokulturellen Modernisierungsprozesse“ dieser Siedlung geben, was leider aus platz-und thematischen Gründen hier unterbleiben muß.Google Scholar
  12. 10.
    Das starke Gewicht des Altersstatus für das Sozialprestige bei Arbeiterjugendlichen beschrieb schon Christel Bals: „Halbstarke unter sich“ 1962. Dies ist auch ein erster Hinweis auf die sehr traditionellen Strukturen von Statusverteilung und biographischen Verläufen/Werdegängen.Google Scholar
  13. 11.
    Aus einer solchen Familie stammt der Jugendliche Norbert, über den in der ersten Schulerhebungsphase an obengenannter Geamtschule eine ausführliche Fallstudie angelegt wurde (Bietau/Breyvogel/Helsper 1983 ). Norbert verließ auf eigenen Wunsch nach der 10. Klasse die Schule und fing eine Lehre als Goldschmied an, weil er die Schülerrolle nicht mehr ertrug und mit der Berufsaufnahme eine schnellere finanzielle und persönliche Selbständigkeit erreichen wollte. Norbert war es auch, der für die Forscher den Kontakt zu den Siedlungsjugendlichen herstellte, der als „Informant“ und „Vermittler” wirkte. In der Szenerie der Siedlungsjugendlichen gehörte er nicht zum direkten Kern der auffälligsten Siedlungsclique, hatte aber eine recht hohe Position vor allem durch seine Fußballfähigkeiten inne und war sowohl bei wichtigen Aktivitäten der eigentlichen Siedlungsclique als auch bei den alltäglichen Unternehmungen der „braveren Siedlungsjugendlichen“ dabei.Google Scholar
  14. 12.
    Wie Gunter, der Älteste der Clique, an der Grenze zur „Erwachsenenstrafe“ Gefängnis steht, so demonstriert Bernd (13), der Jüngste, wie ein zu konsequentes delinquentes Verhalten vor der Strafmündigkeit zu einer Heimeinweisung führen kann. Zwarbewundert man dies, lernt aberauchdaran, genaudas für sichzu vermeiden.Google Scholar
  15. 13.
    Auch dieser wichtige Bereich der gegengeschlechtlichen Beziehungen muß hier leider mit dieser extrem knappen Andeutung abgebrochen werden.Google Scholar
  16. 14.
    Die traditionelle Fremdheit zwischen der Schule und solchen Jugendlichen erfährt man empirisch hautnah in der Studie vom Lehrer F. Fehr von 1921: „Stimmen aus dem Schacht! Bergmannsurteile über Erziehung und Schule. Arbeiterstimmen aus dem Ruhrgebiet“. Hier kritisieren Arbeitereltern aus Zechenkolonien, ermuntert durch einen engagierten Pädagogen, den Einfluß der Schule auf ihre Kinder. Mangelnder Natur-und Praxisbezug sowie der „Kadavergehorsam” und die drakonischen Strafen werden am meisten kritisiert. Gilt ersteres noch im gleichen Maße heute, so haben sich Kadavergehorsam und drakonische Strafen heute gewandelt zu libertären Formen von Kommunikation und Interaktion und zu einer Erziehung auf der Basis von Einsicht und Internalisierung. Die spezifische schulische Form von Reflexivität, Einsicht und formaler Gleichheit ist, so wage ich zu behaupten, den hier beschriebenen Jugendlichen nicht näher gekommen.Google Scholar
  17. 15.
    Zur Schulkarriere der Mausegang-Clique: Gunter F. (19): Abbruch der Hauptschule nach dem achten Jahrgang, Lehre als Bergmann, wegen zu häufigen Fehlens am Arbeitsplatz seit einem Jahr arbeitslos. Klaus P. (15): Abbruch B. Klasse Hauptschule, Berufsvorbereitungsjahr. Manfred P. (16)/9. Klasse Hauptschule, Abschluß gefährdet. Rolf S. (15): zwei Klassen Gymnasium, zurück auf die Hauptschule, voraussichtlich gutes Zeugnis in Klasse 9. Christoph F. (17): Hauptschulabschluß, zweites Lehrjahr Maschinenschlosser. Bernd E. (13): Von der Grundschule direkt auf die Sonderschule; erste Heimeinweisung in der zweiten Sonderschulklasse; zweite Heimeinweisung ab der dritten Sonderschulklasse.Google Scholar
  18. 16.
    Wenn Manfred P. das Sitzenbleiben noch ein wenig peinlich ist, so ist man sich bei Bernd einig, daß er eher noch „schlimmer“ ist als sein Bruder. Die Aussage: „Der geht erst gar nich hin!” verweist auf seine Heimeinweisung wegen Schulauffälligkeiten, wozu wir später noch einmal zurückkehren werden.Google Scholar
  19. 17.
    In einer langen Fallstudie zu Norbert K., der zum „angepaßteren Umfeld“ der Clique gezählt werden kann, konnte ein ähnlicher Schulbezug herausgearbeitet werden am Beispiel des Interesses am Inhalt „Zweiter Weltkrieg”. Dort konnte das Interesse auf eine problematische Verarbeitung kindlicher MachtOhnmachtprobleme bezogen werden, was hier aus Platzgründen nicht weiter ausgeführt werden kann. Die Fallstudie ist nachzulesen in: Bietau/Breyvogel/Helsper 1984.Google Scholar
  20. 18.
    Aus dem Kontextwissen über die Clique sei angemerkt, daß „Verarschen“ tatsächlich eine vielgeübte Fähigkeit ist, die auch manche körperliche Auseinandersetzung vermeiden hilft, entweder weil es sich um Freunde oder unangreifbare Personen handelt.Google Scholar

Copyright information

© Leske Verlag + Budrich GmbH, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Alfred Bietau

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