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Politische Bildung als europäisches Problem — Europa als Problem der politischen Bildung

Zur europäischen Dimension der politischen Bildung
  • Wolfgang Sander

Zusammenfassung

Europäische Aspekte der politischen Bildung gehören nicht zu den Themen, die derzeit in der politischen und pädagogischen Diskussion auf ein breites Interesse stoßen. In der politischen Öffentlichkeit ist von der Europabegeisterung der Nachkriegszeit kaum noch etwas zu spären: „Europa“ erscheint vielen Bürgern heute als eine ferne Bürokratie, die mit schwer durchschaubaren, dem Laien gelegentlich grotesk erscheinenden Problemen zu kämpfen hat. In der Schule gilt Europa gemeinhin als schwieriges Thema, das nicht selten in die letzten Schuljahre verbannt und unter dem Stichwort „internationale Beziehungen“ mehr schlecht als recht abgehandelt wird. Da Sachstruktur und Terminologie des Themenbereichs Europa kompliziert sind und — auf den ersten Blick jedenfalls — mit dem Erfahrungsbereich der Schüler schwer vermittelbar scheinen, besteht bei vielen Lehrern die Neigung, sich am Gerüst der Institutionenkunde durch diesen Themenbereich zu hangeln. Es gibt kaum Anlaß zu der Annahme, daß die „große Besorgnis“, mit der die Kommission der Europäischen Gemeinschaften in einer Stellungnahme aus dem Jahr 1978 den sachlich und didaktisch unbefriedigenden Zustand der europäischen Bildung in den europäischen Schulen beobachtete1, heute weniger angebracht wäre. In der Bundesrepublik hat die ebenfalls 1978 beschlossene Empfehlung der KMK zum Thema „Europa im Unterricht“2 nur wenig an diesem Zustand ändern können. So kommt eine Analyse fast aller Lehrpläne für Sozialkunde, Geschichte und Geographie (Sekundarstufen I und II) in der Bundesrepublik aus dem Jahr 1981 zu dem Ergebnis, daß in der Mehrzahl der Lehrpläne „die Integrationsthematik höchst unsystematisch über Fächer und Schulstufen verstreut angesiedelt ist” und daß „die Darbietung des Themenbereichs häufig politikwissenschaftlichen und didaktischen Anforderungen nicht gerecht“ wird3. Aber auch in der Politischen Didaktik, also in dem Bereich der pädagogischen Theoriebildung, den das Problem einer europäischen Bildung zuallererst angeht, ist die Beschäftigung mit europäischen Aspekten der politischen Bildung ein Thema, das zwar von einer kleinen Zahl von Theoretikern engagiert bearbeitet und vertreten wird, das aber insgesamt doch eher am Rande der didaktischen Diskussion angesiedelt ist. Angesichts dieser Defizite im Bereich der europäischen Bildung kann es nicht überraschen, daß sich — nach einer Umfrage aus dem Jahr 1982 — 62% der Bundesbürger über Aufgaben und Ziele der Europäischen Gemeinschaft unzureichend informiert fühlen4.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Unterricht mit europäischen Bildungsinhalten: Die Europäische Gemeinschaft als Unterrichtsgegenstand an den Schulen der Mitgliedsstaaten. Mitteilung der Kommission an der Rat, KOM (78), 241 endg., S. 3Google Scholar
  2. 2.
    Der Beschluß wurde am 8.6.1978 gefaßt. Zur Kritik an diesem Beschluß siehe Annette Kuhn: Literatur. In: Integration 4/1978 und Wolfgang W. Mickel: Europa im Unterricht. Ini aus politik und zeitgeschichte, B 3/1979, S. 7ff.Google Scholar
  3. 3.
    Margret Grosjean/Günter Renner: Die europäische Integration in den Rahmenplänen für Unterricht der Länder der Bundesrepublik Deutschland. Schriften des Instituts für europäische Lehrerbildung der Europäischen Akademie Berlin Nr. 1, Berlin 1981, S. 14Google Scholar
  4. 4.
    VgL Elisabeth Noelle-Neumann/Gerhard Herdegen: Die Europäische Gemeinschaft in der öffentlichen Meinung: Informationsdefizite und enttäuschte Erwartungen. In: Integration 3/1983, S. 95 ff.Google Scholar
  5. 5.
    Eine gründliche Bestandsaufnahme der Entwicklung und Situation der politischen Bildung in Westeuropa liegt bisher noch nicht vor. Neben zahlreichen Einzelstudien, auf die z. T. in den folgenden Anmerkungen verwiesen wird, können folgende Publikationen zur ersten Orientierung dienen: Politische Bildung im internationalen Vergleich. Thema von Heft 1/1976 der Materialien zur Politischen Bildung; Lernziel: Der mündige Bürger. Politische Bildung in den Schulen der zehn EG-Mitgliedsländer. Schriften des Instituts für europäische Lehrerbildung der Europäischen Akademie Berlin Nr. V, Berlin 1982Google Scholar
  6. 6.
    VgL hierzu auch: Ian Lister: Why is Civic Education necessary? Hrsg. vom Council of Europe, Straßburg 1981; Willem Langeveld: Political Education: Pros and Cons. In: Derek Heater/Judith A. Gillespie (Hrsg.): Political Education in Flux. London/ Beverley Hills 1981Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. zur Entwicklung der politischen Bildung in diesen Ländern Carmen Fuente/Mercedes Menoz-Repiso: Preparation for Life in five Countries in Southern Europe. Hrsg. vom Council of Europe, Straßburg 1981; Nikos Papadopulos: Das politische Geschehen aktiv mitgestalten. Schule und Erwachsenenbildung in Griechenland. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Politische Bildung in Europa. Themenheft 4, Bonn 1984Google Scholar
  8. 9.
    So hat eine Untersuchung aus dem Jahr 1980 ergeben, daß damals „80 per cent of secondary and middle schools, and 85 per cent of secondary schools alone claimed to make explicit provision for political education in the curriculum. But how this is done varies. It is only in a minority of scholls, though a growing one, that politics takes its place as an academic subject leading to an examination qualification.“ (Guardian vom 15.11.1983) Vgl. im übrigen zum Stand der politischen Bildung in Großbritannien Robert Stradling: Political Education: Development in Britain. In: Heater/Gillespie, a.a.O.Google Scholar
  9. 10.
    VgL Kurt Gerhard Fischer: „Viel Lärm um nichts“ — oder: Wie ist es um die Politische Bildung bestellt? In: aus politik und zeitgeschichte, B 44/1981Google Scholar
  10. 12.
    Vgl. hierzu insbesondere Wolfgang W. Mickel: Europa im Unterricht, a.a.O., S. 12 ff.; ders.: Die „Europäische Dimension“ im Unterricht. Schriften des Instituts für europäische Lehrerbildung der Europäischen Akademie Berlin Nr. IX, Berlin 1984Google Scholar
  11. 13.
    Vgl. u.a. auch die Vorschläge in Günter Renner/Margret Saunders: Teaching Teenagers about Europe. Didactic Instructions and Teaching Suggestions. Schriften des Instituts für europäische Lehrerbildung der Europäischen Akademie Berlin Nr. IV, Berlin 1982Google Scholar
  12. 14.
    Vgl. Kurt Gerhard Fischer: Über die Möglichkeiten einer „Europäisierung“ der Politischen Bildung an Europas Schulen. In: Politische Didaktik, Probeheft, 1975Google Scholar
  13. 15.
    Vgl. Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.): Das Konsensproblem in der politischen Bildung. Stuttgart 1977, insbesondere S. 179fGoogle Scholar
  14. 16.
    Vgl. die Übersicht zu den Initiativen europäischer Institutionen in diesem Bereich bei Wolfgang W. Mickel: Die „Europäische Dimension“ im Unterricht, a.a.O., S. 9ff.Google Scholar

Copyright information

© Leske Verlag + Budrich GmbH, Leverkusen 1985

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Sander

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