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Soziale Lagen

  • Nicole Burzan
Part of the Hagener Studientexte zur Soziologie book series (STSO)

Zusammenfassung

Das Konzept sozialer Lagen hat das Ziel, alternativ zu Klassen und Schichten ein Modell zu entwickeln, das mehr Dimensionen der sozialen Ungleichheit erfasst und das damit für alle (erwachsenen) Gesellschaftsmitglieder alle relevanten Merkmale berücksichtigen kann. Es soll auf diese Weise die Berufszentriertheit, die z.B. auch erweiterten Schichtmodellen noch als verengte Sichtweise vorgeworfen wird, überwinden. Hradil definiert „soziale Lagen“ allgemein wie folgt: Es sind „typische Kontexte von Handlungsbedingungen, die vergleichsweise gute oder schlechte Chancen zur Befriedigung allgemein anerkannter Bedürfnisse gewähren“ (1987: 153). Charakteristische Merkmale eines Lagemodells sind:
  • Es ist mehrdimensional. Als Oberdimensionen schließt es neben ökonomischen Ungleichheiten z.B. auch wohlfahrtsstaatlich erzeugte (z.B. soziale Absicherung, Arbeits-und Freizeitbedingungen) und soziale Ungleichheiten (z.B. soziale Beziehungen, Privilegien/Diskriminierungen) mit ein. Hradil erläutert: „So mag beispielsweise die Lebenslage eines Menschen durch geringe Einkünfte, viel Freizeit, eine billige, gesundheitlich und ökologisch gut gelegene Wohnung, hohe Integration in die Gemeinde, schlechte Arbeitsbedingungen im Schichtdienst und geringe Qualifikation gekennzeichnet sein.“ (1999: 40). Statusinkonsistenzen können Forscher auf diese Weise berücksichtigen.

  • Die Dimensionen sind nicht additiv miteinander verbunden. Hradil unterscheidet zwischen primären oder dominierenden Ressourcen (wenn jemand z.B. sehr viel oder sehr wenig Geld zur Verfügung hat, ist dies ein wichtiger Hinweis auf die Dominanz dieses Merkmals) und weniger wichtigen Dimensionen für jeweils bestimmte Lagen. In einer Lage könnte also das Geld primäre Ressource sein, in einer anderen dagegen die formale Bildung (die „dominante“ Ressource erinnert an T. Geigers dominantes Schichtungsprinzip, das anstatt für eine Epoche nun jeweils für eine soziale Lage angewandt wird). Der Ansatz will Kontexteffekte und Kompensationsmöglichkeiten von Dimensionen untereinander durch diese nicht additive Verknüpfung der Dimensionen berücksichtigen. Schwenk (1999) hält es in einer empirischen Umsetzung für schwierig, Gewichtungen einzelner Merkmale im Vorhinein festzulegen. Er will daher die Dimensionen vorläufig gleichgewichtig behandeln, eine spätere Untersuchung von Lage-Konstellationen kann dann ggf. die Dominanz bestimmter Lebensbedingungen herausstellen (1999: 92f.). Das Ziel, charakteristische Lage-Profile mit lebensweltlicher Nähe zu entwickeln, behält er bei.

  • Lagen bilden in erster Linie die „ objektiven“ Lebensbedingungen ab. Wie die Menschen die ungleichen Lebensbedingungen wahrnehmen und in einer konkreten Handlungspraxis mit ihnen umgehen, müsste ein weiterer Untersuchungsschritt klären (Hradil schlägt beispielsweise vor, die Lagen mit Milieus zu verknüpfen, welche als Filter oder Verstärker der ungleichen Lebensbedingungen wirken können; 1987: Kap. 4.3). Während etwa die Lebensstilforschung einen Schwerpunkt auf die Handlungspraxis legt und oft auf dieser Basis gebildete Typen auf mögliche Einflussfaktoren prüft, setzen die sozialen Lagen auf der „anderen“ Seite an. Eine sorgfältige Beschreibung der komplexen Lebenslage ist danach für weitere Forschungen nützlicher als ein Arbeiten mit einzelnen Merkmalen (z.B. Bildungsabschluss) oder sozialen Schichten (so auch B. Geissler 1994).

  • Aus der Konstruktion der Lagen ergibt sich, dass diese nicht notwendig hierarchisch übereinander angeordnet sein müssen. Zwar geben die Vertreter die Vorstellung eines Strukturmodells nicht auf, es lassen sich etwa eindeutig vorteilhafte bzw. nachteilige Lebensbedingungen identifizieren18. Von einer strikt vertikalen Anordnung gehen sie jedoch nicht aus.

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Lesehinweis

  1. Hradil, Stefan (1987): Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft. Von Klassen und Schichten zu Lagen und Milieus, Opladen: Leske + Budrich, insbesondere Kap. 4.2: Soziale Lagen (S. 145–158 )Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Nicole Burzan

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