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Fernsehkultur pp 238-308 | Cite as

Subjektkonstitution. Von fiktionalen Erzählungen zu alltagsästhetischen Inszenierungen

  • Ben Bachmair

Zusammenfassung

Medien und Massenkommunikation entstehen in der Dynamik der Industriegesellschaft und der für sie typischen Konstitution des sich selber empfindenden und sich als Individuum erlebenden Menschen. Individualisierung beginnt mit dem Selbsterleben, historisch gerade mit Hilfe fiktionaler Erzählungen, und realisiert sich heute auch in konsumorientierten Aneignungs- und Darstellungsformen wie fernzusehen, zu flanieren, zu kaufen oder zu fahren. Auf diese Weise wird Individualisierung zum aktuellen Entwicklungsmechnismus der gesellschaftlichen Differenzierung, die das symbolische Material von Massenkommunikation, Konsumartikeln und Handlungssituationen als integratives Band braucht. In dieser Funktion verbinden sich nun abgegrenzte Einzelmedien zu Arrangements. Seit der Veralltäglichung des Fernsehens gab es mit der Medienkommunikation die komplexe, jedoch klare Zuordnungsbeziehung von Menschen und Medium. Diese distinkte MenschMedien-Beziehung löst sich zur Zeit auf, indem Rezipienten und Produzenten Medien intertextuell zu komplexen und nur individuell relevanten Arrangements verknüpfen. Diese Medien-Arrangements liefern die Kristallisationskerne für überschaubare soziale Gebilde wie Fan-Clubs und die Gruppen der selbstgewählten Gleichen. Die Handlungsbasis dafür sind Prozesse der Bedeutungskonstitution, die in der jeweiligen Sinnperspektive der Menschen stattfinden.

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Literatur

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    Zu den “politisch Orientierten” gehören nach Lukesch (1989, S. 185) “Friedensbewegung, Dritte Welt Initiativen, Alternative Lebensweise, Bürgerinitiativen, Frauenbewegung, Kirchliche Initiativgruppen, Kernkraftgegner, Nationale Jugendgruppen”; “Modestile” werden gebildet von “Teds, Grufties, Popper, New Wave, Punks”; zu “Fan-Gruppen” gehören “Videospiel-Fans, Computer-Fans, Motorrad-Fans, Fußball-Fans, Bundeswehranhänger, Fitness/Bodybuilding”; “Randgruppen sind: ”Gewaltgruppen der Terrorszene, neue Jugendreligionen, Rocker, Esoterik/New Age, FKK, Autonome“.Google Scholar
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    Vgl. die Sammlung typischer Argumente zur Schädlichkeit und Verführungskraft von Romanen, populären Heftchen usw. bei Rudolf Schenda (197, S. 91ff., S. 98ff.) und den Überblick über Zensurbestimmungen (S. 107ff.).Google Scholar
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    Rudolf Schenda (1970, S. 379ff.) hat u.a. folgendes aus den “populären Lesestoffen” zusammengestellt: Kindsmord, Tod im Backofen, Räuberwirtshaus und Mordeltern, lebende Leichen, Totenschädel, Mädchen als Soldat, Geister und Gespenster, Findelkinder und Waisen, Giftmischerinnen, Einsiedler usw.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Ben Bachmair

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