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Fernsehkultur pp 163-237 | Cite as

Medienkommunikation. Vom Medienalltag zur Medienkultur

  • Ben Bachmair

Zusammenfassung

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich in der Industriegesellschaft Technologie und Kommunikation zu vermischen. Die technische Anwendung des elektrischen Stroms zur Übermittlung von Informationen parallel zu den neuen Eisenbahnlinien war dafür der Anlaß.1 Elektrischer Strom, Eisenbahn und Information ergaben zusammen eine spezielle Logik, die theoretisches und organisatorisches Allgemeingut wurde: der Informationstransport. Die Logik des Informationstransports bestimmte dann auch die Medienorganisation des 20. Jahrhunderts. Harold D. Lasswell (1948, 1952), Claude E. Shannon und Warren Weaver (1949) haben diese Art der Logik in den vierziger Jahren kodifiziert, wobei sie auch das Grundmuster der Verhaltenspsychologie (Reize als Ursachen für Verhalten: S-RModell des Verhaltens), die kybernetische Steuerung u.ä.m integrierten. Die Übereinstimmung war nicht schwer zu erreichen, weil die Transportlogik des Telegrafen und das Input-Output-Denken der einfachen Lernpsychologie bzw. die Steuerung der Kybernetik die gleichen Quellen haben: technologisch, d.h. zweckrational Ziele zu erreichen. Medien im Gegensatz dazu als Texte zu verstehen, die mit dem vorfindlichen symbolischen Material einer Kultur in einem spezifischen Herstellungprozeß etwas Bedeutsames objektivieren, das sich die Rezipienten aneignen — dieser Gedanke ist abwegig, wenn man in einem Transportmodell von Kommunikation denkt. Kommunikation als symbolische Vermittlung liegt dann außerhalb der Denkmöglichkeiten, wenn auf dem technologischen Denken die Produktions- und Verteilungsorganisation der technischen Medien aufbaut. Die Reflexion über die technischen Medien ist demzufolge auch entsprechend schlicht, also nicht mehr als nur eine Ausdeutung oder Anwendung des Sender-Empfänger-Modells. Der Gedanke, technische Medien seien Teil von Kommunikation und sinnvollem Handeln der Menschen, stand deshalb lange nicht zur Diskussion. Sie entwickelt sich erst, als die Sicherheit wackelig wurde, die die technologischen Ordnung der Industriegesellschaft anbot. Der routinisierte und geschätzte Konsum in den meisten Lebensbereichen, von der Ernährung bis zur Mobilität, war Teil jener Sicherheit. Nachdem auch der Neuigkeitseffekt des Laufbildes in der Form des Fernsehens mit seiner tagtäglichen Verfügbarkeit im Privatleben verflogen war, also auch hier Alltäglichkeit und Routine erreicht waren, war die Neuinterpretation von technisch organisierter Kommunikation denkbar. Als Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in nahezu allen Haushalten der Bundesrepublik ein Fernsehgerät stand, wuchs die wissenschaftliche Sensibilität für Alternativen zum Informationstransportmodell der Kommunikation.2 Der Bezug zum alltäglichen und auch ambivalenten Handeln, der dem Transportmodell ganz und gar fehlt, lag jetzt auf der Hand. Theoretische Basis war George Herbert Meads Untersuchungen (1934 / 1973) aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu Identität und sinnvollem sozialen Handeln. Mead hatte versucht, auch die Kommunikation der Industriegesellschaft an der Vis-à-vis-Interaktion der Menschen und ihren über Symbole vermittelten Beziehungen zu bemessen. Von der Technologieperspektive her gesehen, war das ein reichlich altmodischer Versuch. In das Kommunikationmodell der Vis-à-vis-Interaktion paßt nun gerade nicht die generelle Annahme vom passiven Rezipienten, der auf die Medienreize reagiert, der quasi abgefüllt wird. Statt dessen ging bzw. geht es um die komplexe Art und Weise, wie die Menschen in ihrer Lebenswelt, in der Perspektive ihrer Lebensgeschichte und bezogen auf andere Menschen handeln. Diese theoretische Herangehensweise an die Menschen des 20. Jahrhunderts war und ist notwendig, um die neuen Aufgaben der Menschen zu beschreiben, nämlich als Subjekte ihr Leben individuell und auf der Basis ständiger Entscheidungen ohne Anleitung traditioneller und ständischer Normierungen zu gestalten.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Ben Bachmair

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