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Soziale Räume. Medien, Bedeutungskonstitution und Alltag

  • Ben Bachmair

Zusammenfassung

Medien sind integraler und heute dynamischer Teil von Kommunikation und Kultur. Mit Medien entstehen in Prozessen der Bedeutungskonstitution alltägliche soziale Räume (z.B. Milieus, Szenen), die die soziale Wirklichkeit prägen. Es ist nicht das Ende der Wirklichkeit, wie behauptet, sondern eher eine medien- und konsumspezifische Form sozialer Wirklichkeit. Gerade die Bildschirmmedien bieten das dominante symbolische Material unserer Kultur, die durch Massenkommunikation ihr System bekommen hat. In diesem Rahmen schaffen die Rezipienten in einem Prozeß der Bedeutungskonstitution ihre sozialen Räume als ihre Alltagswelt1. Dabei spielen derzeit Medien als Quellen des symbolischen, ästhetischen Materials eine wesentliche Funktion. Sie liefern das symbolische, ästhetische Material, mit dem sich die Menschen Szenen und Milieus als ihre sozialen Räume schaffen, in denen sie sich über Lebensstile aufeinander beziehen.

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Literatur

  1. 1.
    Alltag als sozialen Raum zu erfahren und entsprechend zu bezeichnen, hat Thomas Leithäuser ( 1979, S. 95ff.) als Form der Verdinglichung kritisiert. Er beschreibt die “Verräumlichung als Erfahrungsmuster”, den “Raum als den Dingen und Menschen äußerliches Ordnungsprinzip” der ein “Modus der ontologischen Verarbeitungsweise der Umwelt durch das Alltagsbewußtsein” ist. Der “abstrakte Raum ist eine Form der Erfahrung von Umwelt, deren Problematisierung dem Alltagsbewußtsein der Individuen entzogen ist” (S. 95f.). Alltag als sozialen Raum zu bezeichnen, geht dagegen von Weltkonstruktion der Menschen aus, zu der immer die Körpererfahrung gehört, auch wenn Alltag eine Angelegenheit von Routinen, Interpretations-und Gestaltungsleistungen der Menschen ist, in die die Medien heute eine Art der Enträumlichung hineintragen. Alltag als sozialer Raum meint die Denk-und Erlebnistradition der Lebenswelt, die in der konsumorientierten Industriegesellschaft von den Menschen als ihr individueller Alltag geschaffen und verantwortet wird.Google Scholar
  2. 2.
    So ist z.B. “Geist” eine Kategorie, die in George H. Meads sozialphilosphischer Theorie (1973, S. 81ff.) wichtig ist, um eine Subjekt-Objekt-Beziehung zu fassen, und bei der er sich auf eine lange Denktradition stützen kann, die uns heute jedoch eher fremd ist. Geist ist die allgemeine, sozusagen objektive Seite von Deutung und Handeln, der auf seiten des Subjekts Sinn entspricht.Google Scholar
  3. 3.
    Signifikante Symbole“ sind ”Gesten, die einen Sinn haben und daher mehr als bloße Ersatzreize sind“. ”Sinn ist daher die Entwicklung einer objektiv gegebenen Beziehung zwischen bestimmten Phasen der gesellschaftlichen Handlung; er ist nicht ein psychisches Anhängsel zu dieser Handlung und keine ‘Idee’ im traditionellen Sinn“ (Mead 1973, S. 115).Google Scholar
  4. 4.
    In der deutschsprachigen Diskussion mit Schwerpunkt Bildung war Dieter Baacke (1973) wesentlich, für die Medienwissenschaft Will Teichert (1972, 1973) oder Karsten Renckstorf (1973). Einen Überblick zu diesem Paradigmenwechsel aus der Perspektive Ende der siebziger Jahre geben Wolfgang Langenbucher, Georg Räder, Jürgen Weiß (1978). Den Paradigmenwechsel im englischsprachigen Bereich skizziert Jay G. Blumler (1980).Google Scholar
  5. 5.
    Hier ist Hans Ulrich Gumbrechts Agumentation zur “Materialität von Kommunikation” (1988) wichtig.Google Scholar
  6. 6.
    Entscheidend ist hier Alfred Schütz’ Konzept von der “Sozialen Welt” (1932/1974) und der “Lebenswelt” (1984). Vgl. dazu auch den Überblick von Hans Lenk (1993, S. 172f.), über die “interpretatorische Dimension des Handelns” und der “Handlungen als Interpretationskonstrukte” (S. 169).Google Scholar
  7. 7.
    Gumbrecht und Pfeiffer (1988) stellen diesen Gedanken von der “Materialität von Kommunikation” in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung von Kommunikation.Google Scholar
  8. 8.
    Gumbrecht ( 1988, S. 17) spricht hier von “möglichen Semantiken von Materialität”.Google Scholar
  9. 9.
    Einen breiten Überblick über Zeit und Raum der massenmedialen Kommunikation, z.B. der der Mediennutzung, über ‘Binnenzeit’ der Medien, Periodizität und Zyklen, Wahrnehmung von Raum und Zeit, Entstehung gesellschaftlicher Räume mit Hilfe von Informationstechnologie usw. geben Walter Hömberg und Michael Schmolke (1992). Den dafür wichtigen allgemeinen Bezugsrahmen (“Individual spaces and times in social life”) skizziert u.a. David Harvey in “The Condition of Postmodernity” (1989, S. 211ff).Google Scholar
  10. 10.
    Die räumliche Dimension von Texten analysiert Winfried Nöth (1994).Google Scholar
  11. 11.
    Zu den Phasen der Fernsehgeschichte vgl. Hickethier (199lb).Google Scholar
  12. 12.
    Erst die Teilnahme an medialer Kommunikation kann im 20. Jh. für psychische Systeme die Erfahrung vermitteln, Mitglied einer Gesellschaft und nicht Teil - politischer, rechtlicher oder wirtschaftlicher - Handlungszusammenhänge zu sein. Welche anderen Erfahrungen von Vergesellschaftung als Kommunikation könnte es sonst auch in funktional ausdifferenzierten System/Umwelt-Beziehungen noch geben?“ Peter Spangenberg ( 1988, S. 782 ).Google Scholar
  13. 14.
    Dies entspricht dem Schützschen Argument (1971, 1994) der “Lebenswelt”, auf das Berger und Luckmann (1977) in ihrem Buchtitel von der “sozialen Konstruktion der Wirklichkeit” verweisen.Google Scholar
  14. 15.
    Das Konzept stammt von Donald Horton, R. Richard Wohl (1956), vgl. Klemens Hippel (1992), Michael Charlton (1993, S. 13 ), Hans J. Wulff (1992b).Google Scholar
  15. 16.
    Zur “Zeitstruktur im Fernsehen” vgl. J. Bleicher (1991), K. Hickethier (1991c), E. Mohn (1991).Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Ben Bachmair

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