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Die Antiutopie in der Nachkriegsliteratur

  • Hermann Kasack
  • Franz Werfel
  • Walter Jens

Zusammenfassung

Die ersten Anzeichen der radikalen Skepsis gegenüber dem utopischen Denken finden wir im antiutopischen Roman, der erst im 20. Jahrhundert voll zur Entfaltung kam, seine Wurzeln aber in der Tradition der literarischen Utopie hat. Die ersten Ansätze der Gattung waren seit dem 18. Jahrhundert in der Literatur existent.’ In der deutschen Literatur ist das Buch von Eugen Richter: Sozialdemokratische Zukunftsbilder, frei nach Bebel (1891) wohl der erste antiutopische Roman.2 Aus demselben Jahr stammt Wilhelm Buschs Eduards Traum, den man als Übergang von Satire zur negativen Utopie interpretieren kann.

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Literatur

  1. 1.
    Viele Forscher sehen in de Sades Werk die ersten Gegenutopien. Vgl. dazu Michael Winter: Don Quijote und Frankenstein. Utopie als Utopiekritik: Zur Genese der negativen Utopie, in: Voßkamp/Utopieforschung, Bd.3, S.86–112. Vgl. auch ders.: Utopie in Boudoir, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, H.9/10, 1981, S.994–1004. Vgl. auch Horst Albert Glaser: Utopie und Anti-Utopie. Zu Sades Aline et Valcour, in: Poetica, Bd.13, 1981, S. 67–81.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu Wolfgang Ashold: Sozialistische Irrlehren und liberale Zerrbilder. Die Anfange der Anti-Utopie, in: GRM, H.4, 1985, S.369–380. Zu Richter vgl. auch Krysmanski, S.79f.Google Scholar
  3. 3.
    Rainer Nägele: Literatur und Utopie. Versuche zu Hölderlin, Heidelberg 1978, S. 36.Google Scholar
  4. 4.
    Irwing Howe: Der antiutopische Roman, in: Villgradter/Krey, S.344–354, hier S.354.Google Scholar
  5. 5.
    Manfred Durzak: Der deutsche Roman der Gegenwart. Entwicklungsvoraussetzungen und Tendenzen. Böll, Grass, Johnson, Wolf, Stuttgart - Berlin - Köln - Mainz 31979, S.17f.Google Scholar
  6. 6.
    Jost Hermand: Unbewältigte Vergangenheit. Deutsche Utopien nach 1945, in: Nachkriegsliteratur in Westdeutschland 1945–1949. Schreibweisen, Gattungen, Institutionen, hg. von Jost Hermand, Helmut Peitsch, Klaus R. Scherpe, Berlin 1982 (=AS 83), S.102–128, hier S.103.Google Scholar
  7. 7.
    Neben dem Glasperlenspiel,finden wir bei ihm doch, obwohl er sich von der Unterhaltungsliteratur distanziert, zu Recht vergessene Werke oder auch SF-Romane der 50er Jahre. Zugegeben, Hermand frischt auch Bücher auf, die heute wenig gelesen, doch beachtenswert sind, wie Der blaue Kammerherr von Wolf von Niebelschütz, Heliopolis von Ernst Jünger, die Romane von Hermann Kasack, Stern der Ungeborenen von Werfel.Google Scholar
  8. 8.
    Erst kürzlich hat Götz Müller in seiner Arbeit den utopischen Romanen der unmittelbaren Nachkriegszeit viel Platz gewidmet: er analysiert Hesse, Werfel, Jünger, Kasack und sehr ausführlich Arno Schmidt. Unverständlich, warum Walter Jens fehlt. Vgl. Götz Müller, S.237–297.Google Scholar
  9. 9.
    Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom, Frankfurt/Main 1960. Seitenzahlen im Text.Google Scholar
  10. 10.
    In seinen vorsichtigen Bewegungen wirkte er wie eine kostümierte Puppe. “(S.38).Google Scholar
  11. “11.
    Vgl. Manfred Durzak: Der deutsche Roman der Gegenwart: “Allegorische Abstraktion und surrealistische Bildschübe haben auch hier ein imaginäres Wirklichkeitsbild geschaffen, dessen literarischer Wurzelgrund ebenso Kafkas Romane wie Alfred Kubins Die andere Seite sind und das zugleich mit allegorischen Signalen unmittelbar auf die zeitgeschichtliche Erfahrung der damaligen Gegenwart hinzuweisen schien.” (S.20).Google Scholar
  12. 12.
    Götz Müller, S.271.Google Scholar
  13. 13.
    Leben und Werk von Hermann Kasack. Ein Brevier, zusammengestellt von Wolfgang Kasack, Frankfurt/Main 1966, S. 80.Google Scholar
  14. 14.
    Götz Müller, S.270.Google Scholar
  15. 15.
    Franz Werfel: Stern der Ungeborenen. Ein Reiseroman, Frankfurt/Main - Hamburg 1958. Seitenzahlen im Text.Google Scholar
  16. 16.
    Martin Schwonke hat eine treffende Charakteristik des Romans in bezug auf die SF-Literatur gegeben (sonst liefert er eine sehr oberflächlich Analyse der ‘vergeistigten Technik’ in dem Stern der Ungeborenen: “Er ist […] ein einzigartiges Beispiel für die Verwendung von Mitteln der Science Fiction in einer Darstellung, die ganz und gar von kontinentaleuropäischem Geist geprägt ist, […] aus dem heraus die meisten Gegenutopien entstanden sind.” Martin Schwonke: Vom Staatsroman zur Science Fiction. Eine Untersuchung über Geschichte und Funktion der naturwissenschaftlich-technischen Utopie, Stuttgart 1957, S.84.Google Scholar
  17. 17.
    Krysmanski, S.59.Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. Werner Braselmann: Franz Werfel, Wuppertal - Barmen 1960, S. 118f.Google Scholar
  19. 19.
    Krysmanski, S.60.Google Scholar
  20. 20.
    Für die Handlung des Romans ist es allerdings ein historischer Bericht, der jedoch, so H.B., im Grunde genommen einen gleichen Tatsachenwert hat wie eine Zukunftsvision, “denn die genheit, die sich entfernt, wird ebenso unwirklich, wie es die Zukunft ist, die sich nähert.” (Stern der Ungeborenen,S.122).Google Scholar
  21. 21.
    Diese Stelle hält Thomas Lippelt für die Schlüsselszene des Romans, “weil sie illustriert, daß Werfel eben nicht grausame Weltgeschichte in die Zukunft projiziert, sondern daß er mit Hilfe der Phantasie die Idee des Kommunismus auf die stellarische Ebene transponiert und sie mit viel Ironie überprüft.” Thomas Lippelt: Eine astromentale Welt ohne Vögel, Goldgier und Todesangst. Stern der Ungeborenen,Franz Werfels kalifornische Romanvision von 1945, in: Text und Kontext, H.2, 1984, S.290–303, hier S.301.Google Scholar
  22. 24.
    Es wird im Gespräch F.W.s mit dem Großbischof auch der Name Johannes Evangelist genannt (Vgl. Stern der Ungeborenen,S.351).Google Scholar
  23. 25.
    Walter Jens: Nein - Die Welt des Angeklagten, München 1984. Seitenzahlen im Text.Google Scholar
  24. 27.
    E. Lambrecht: Walter Jens: Ein Ringen mit dem Individuum, in: Studia Germanica Gandensia II, Gent 1960, S. 143.Google Scholar
  25. 28.
    Vgl. ebd., S.144.Google Scholar
  26. 30.
    Nicolas Born: (Autobiographie), in: Ders.: Die Welt der Maschine, S.9–11, hier S.10f.Google Scholar
  27. 31.
    Nicolas Born: Ist die Literatur auf die Misere abonniert? Bemerkungen zu Gesellschaftskritik und Utopien in der Literatur, in: Ders.: Die Welt der Maschine, S.47–54, hier S.53. Zu der Utopieauffassung Borns vgl.: Alo Allkemper: Warum sollte ich mich nicht in Widersprüche verwicklen? Nicolas Borns Probleme mit der Utopie, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, H.4, Bd.103, 1984, S. 576–603.Google Scholar
  28. 32.
    Vgl. Nicolas Born: Schwache Bilder einer anderen Welt. Science - fiction und ihre mögliche Rechtfertigung, in: Ders.: Die Welt der Maschine, S.30–40, bes. S.39f.Google Scholar
  29. 33.
    Vgl. Born: Die Welt der Maschine, S.24f.Google Scholar
  30. 34.
    Nicolas Born (Hg.): ‘Die Phantasie an die Macht’. Literatur als Utopie. Literaturmagazin 3, Reinbek bei Hamburg 21977 (= dnb 57).Google Scholar
  31. 35.
    Bohrer: Der Lauf des Freitag, S.33.Google Scholar
  32. 36.
    Ginter Herburger: Jesus in Osaka. Zukunftsroman, Darmstadt und Neuwied 1970.Google Scholar
  33. 37.
    Allkemper, S.583.Google Scholar
  34. 38.
    Ebd., S.580.Google Scholar
  35. 39.
    Martin Walser: Wie und wovon handelt Literatur. Aufsätze und Reden, Frankfurt/Main 21980 (= es 642 ), S. 123.Google Scholar
  36. 40.
    Zu der Ich-und Er-Perpektive Anselms in Halbzeit siehe: Thomas Beckermann: Epilog auf eine Romanform. Martin Walsers Roman Halbzeit. Mit einer kurzen Weiterführung, die Romane Das Einhorn und Der Sturz betreffend, in: Martin Walser. Materialien, hg. von Klaus Siblewski, Frankfurt/Main 1981 (= st 2003), S.74–113, hier S.82f. Weiter zitiert als Siblewski/Walser.Google Scholar
  37. 41.
    Ebd., S.82f. Vgl. auch Hermann Kinder: Anselm Kristlein: Eins bis Drei - Gemeinsamkeit und Unterschied in: Text und Kritik 41/42, 1974, S.38–45. Kinder meint, daß für die KristleinRomane die Ich-Perspektive ein Zustand sei, “von dem aus Vergangenes (wie Zukünftiges) als Projektion erscheint”. (S.42) Kinder analysiert sehr treffend die Erzählperspektive des Romans, deswegen sei er hier ausführlicher zitiert: “Durch verschiedene Signale wird dem Erzählen der Anschein des Faktischen genommen, und es als taktische Zerlegung eines Bewußtseinszustandes aufgedeckt, - der Handlungsablauf wird durch eine Zirkelstruktur aufgehoben,- scheinbar ‘realistisch Erzähltes’, sogar ’Dokumente’ werden als Fiktionen erkennbar, - die Figuren sind keine realistischen Einheiten, werden vielmehr als Spielfiguren erkennbar, mit denen - Probleme auseinandergefaltet und variiert werden,- die (Entwicklungs-) Psychologie wird außer Kraft gesetzt.Google Scholar
  38. Geschehnisabläufe, Romanteile, Figuren sind Projektionen der widersprüchlichen Bedürfnisse Anselms, die zusammengenommen erst den nach außen gestülpten Zustand des Kristlein-Bewußtseins ergeben, diese vielschichtige Hirnzwiebel andeuten, die aus Widersprüchen besteht und unter diesen leidet. Anselm leidet darunter, daß Praxis immer Unterdrückung von Bedürfnissen ist, eigener wie anderer, und er läßt seinem Leiden Lauf in der Sehnsucht nach dem Tod oder nach Traumglück, beides vereint sich am Ende der Trilogie; doch selbst das bleibt eine Zukunftsprojektion. “(S.42).Google Scholar
  39. 42.
    Martin Walser: Die Anselm-Kristlein-Trilogie, zweiter Band: Das Einhorn, Frankfurt/Main 1981 (= st 684 ), S. 7f.Google Scholar
  40. 43.
    Zu Der Sturz als Antiutopie siehe den Aufsatz von Peter Laemmle: ‘Lust am Untergang’ oder radikale Gegenutopie? Der Sturz und seine Aufnahme in der Kritik“, in: Text und Kritik 41/42, 1974, S.69–75.Google Scholar
  41. 44.
    Friedrich Sieburg: Toter Elefant auf einem Handkarren, in: Über Martin Walser, hg. von Thomas Beckermann, Frankfurt/Main 1970 (=st 407), S.33–36, hier S.34. Weiter zitiert als Beckermann/Walser.Google Scholar
  42. 45.
    In Anselms Augen ist Alissa nur eine Hausfrau, die sich ihrer Familie widmet. Erst ihr Tagebuch am Ende des ersten Teiles von Halbzeit zeigt, daß ihre Hausfrau-Tätigkeit nur eine Tarnung ist in einer Gesellschaft, in der sie anderes nicht bestehen kann. Vgl dazu: Anthony Waine: Martin Walser, München 1980 (=edition text + kritik, Autorenbücher 18), S.70f.Google Scholar
  43. 46.
    Umstritten ist die Interpretation von Th. Beckermann, die Alissa an Anselms Verhalten mitschuldig macht:“Alissa ist ihm überlegen, weil sie auf ihrer einen Rolle beharrt, er aber gezwungen ist, sowohl das von ihr gewünschte Verhalten zu übernehmen als auch seine eigenen Interessen zu wahren. Ihre Sicherheit bedeutet für Anselm, der in der Gesellschaft leben will, die Ablehnung alles dessen, was er dort übernommen und an sich ausgebildet hat. Auf diese Weise fordert sie Anselm heraus, verlangt von ihm sein ganzes Rollenvermögen.” (Beckermann: Epilog auf eine Romanform, S.76).Google Scholar
  44. 47.
    Martin Walser: Die Anselm-Kristlein-Trilogie, erster Band: Halbzeit, Frankfurt/Main 1981 (= st 684 ), S. 829f.Google Scholar
  45. 48.
    Nicht ganz zuzustimmen ist den Stimmen der Kritiker, die Martin Walser vorhalten, die Trilogie sei keine eigentliche Darstellung der Bundesrepublik, denn sie “steckt voller Klischees und nonkonformistischer Ressentiments, die wir nun eigentlich überwunden haben sollten”. (Wilfried Berghahn: Sehnsucht nach Widerstand, in: Beckermann/Walser, S.44–49, hier S.45.) Dabei meint W. Berghahn vor allem die SD-Geschichten, die Walser mit in seinen Roman eingebaut hat, und die W. Berghahn für abgestanden hält - es ist eine merkwürdige•Ansicht, wenn man bedenkt, daß die Kritik Halbzeit gilt, die 1960 erschienen ist. Die Trilogie ist nicht deswegen kein treues Abbild der Wirklichkeit, weil sie an unbequeme Tatsachen erinnert, sondern weil sie ausschließlich dunkle Seiten der bundesdeutschen status quo hervorhebt.Google Scholar
  46. 49.
    Das Einhorn, S.99.Google Scholar
  47. 50.
    Die Bezeichnung wurde übernommen von Lothar Fietz: Schreckutopien des Kollektivismus und Individuallismus. Aldous Huxleys Brave New World und M.Frayns A very privet life,in: Berghahn/Seeber, S.203–217.Google Scholar
  48. 51.
    Vgl. Hermann Kinder: Anse1m Kristlein, S.39f.Google Scholar
  49. 52.
    Das Einhorn, S.7.Google Scholar
  50. 53.
    Martin Walser: Die Anselm-Kristlein-Trilogie, dritter Band: Der Sturz, Frankfurt/Main 1981 (= st 684 ), S. 53.Google Scholar
  51. 55.
    Bohrer: Der Lauf des Freitag, S.47.Google Scholar
  52. 56.
    Thomas Beckenmann: Die neuen Freunde. Walsers Realismus der Hoffnung,in: Text und Kritik 41/42, Januar 1974, S.46–53, hier S.47.Google Scholar
  53. 57.
    Der Sturz: S.363 und 368.Google Scholar
  54. 58.
    Waine, S.81f.Google Scholar
  55. 59.
    Ebd., S.89f.Google Scholar
  56. 60.
    Martin Walser: Gallistl’sche Krankheit, Frankfurt/Main 1981 (= st 689), 5. 128.Google Scholar
  57. 61.
    Bohrer: Der Lauf des Freitag, S.43f.Google Scholar
  58. 62.
    Ebd., S.52.Google Scholar
  59. 63.
    Ebd., S.52.Google Scholar
  60. 64.
    Martin Walser: Doyle und Wolf, Frankfurt/Main 1987, S. 176.Google Scholar
  61. 65.
    Martin Walser: Selbstbewußtsein und Ironie, in: Ders.: Selbstbewußtsein und Ironie. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt/Main 1981 (= es 1090), S.175–196, hier S.183.Google Scholar
  62. 66.
    Ebd., S.193.Google Scholar
  63. 67.
    Ebd., S.183.Google Scholar
  64. 68.
    Wolfgang Braungart: Kleinbürgerpoetik. Über Martin Walsers neueres Erzähiwerk, in: Ders. (Hg.): Über Grenzen. Polnisch-deutsche Beiträge zur deutschen Literatur nach 1945, Frankfurt–Bern–New York–Paris 1989 (=Giessener Arbeiten zur neueren deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, Bd. 10 ), S. 72–91.Google Scholar
  65. 69.
    Ebd., S.77. Braungart meint allerdings, seine Analyse gelte erst für spätere Helden, für Anselm Kristlein noch nicht. Das letzte Unterkapitel im Sturz und das hier zitierte Nachwort zeigen jedoch, daß Kristlein die späteren Helden bereits antizipiert.Google Scholar
  66. 70.
    Ebd., S.79.Google Scholar
  67. 71.
    Ebd., S.89f.Google Scholar
  68. 72.
    Martin Walser: Einübung ins Nichts, in: Ders.: Selbstbewußtsein und Ironie, S.115–152, hier S.149.Google Scholar
  69. 73.
    Ebd., S.150.Google Scholar
  70. 74.
    Interview mit Martin Walser: Wie tief sitzt der Tick, gegen die Bank zu spielen?, in: Siblewski/Walser, S.45–56, hier S.55f. Vgl. auch Braungart: Kleinbürgerpoetik, S. 90f.Google Scholar

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© Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Hermann Kasack
  • Franz Werfel
  • Walter Jens

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