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Einleitung

  • Joanna Jabłkowska

Zusammenfassung

Die Utopie begleitete die menschliche Kultur seit der Antike. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach Gerechtigkeit, nach einem perfekten Staat, nach einem Paradies auf Erden oder einfach nach Glück2 war dem menschlichen, zumindest dem europäischen Denken, immer schon immanent. Ordnung, Planung und Hoffnung seien nach F. Seibt Richtpunkte für die Entwicklung kultureller Leitbilder in Europa gewesen, und „die Hoffnung auf eine totale Verwandlung der Welt [sei] als eine besondere Variante des abendländischen Aktivismus anzusprechen“.3 Die Behauptung, daß gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Formulierung sozialer Utopien zugleich die Probleme, die sich mit der Verwirklichung utopischer Programme verbinden können, deutlich geworden sind und daß seitdem die Antiutopie die traditionelle Utopie ersetzt, wäre eine Platitude. Eine Platitude wäre auch die Behauptung, daß ein großer Teil der Menschheit den Zustand, von dem die Utopisten der vorigen Jahrhunderte geträumt haben, erreicht habe: man ist satt, man wohnt in warmen Wohnungen, man hat breiten Zugang zu Kultur und Bildung, man hat Arbeit, etc. Trotzdem ist unser Zeitalter nicht goldener als die, denen es folgt. Wahrscheinlich aber ist der Verlust des Utopischen und die Zunahme des Dystopischen im 20. Jahrhundert keine Konsequenz der veränderten materiellen Lage, sondern des veränderten Bewußtseins, der Erfahrung der letzten Jahrzehnte, die die Vollkommenheitsideologien überhaupt in Frage stellt. Dazu gesellt sich die Angst vor der endgültigen Vernichtung der Menschheit, die real bevorzustehen scheint. Die Utopieskepsis hat sich übrigens nicht nur in der schönen Literatur verbreitet, sie ist auch in die bis ins 20. Jahrhundert hinein doch oft zukunftsgerichtete Philosophie eingedrungen. Als fast extremes Beispiel könnte hier das zweibändige Werk The Open Society and Its Enemies von Karl R. Popper4 dienen. Als eine Probe nur sei aus seinem Aufsatz Utopie und Gewalt zitiert:

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Literatur

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  6. Popper hat zwar eine wertvolle und humane Gesellschaftstheorie entwickelt, er hat den Utopiebegriff jedoch völlig losgelöst von seiner ursprünglichen Bedeutung benutzt. Er berücksichtigte nicht den fiktiven, spielerischen Charakter der utopischen Literatur und deren seinstranszendierenden Aspekt. Indem er über Utopie schrieb, dachte er an totalitäre Gesellschaftssysteme, die zwar tatsächlich ihre Wurzeln im Utopismus haben können, die aber den Facettenreichtum der Utopieproblematik nicht ausschöpfen. Mit Recht behauptet H.J. Krysmanski, Popper gehe in seiner Kritik der Utopie nicht von einer ‘utopischen’, also gedachten Gesellschaft aus, sondern von der politischen Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts und seinen (vermeintlich) ’geschlossenen’ bolschewistischen und faschistischen Gesellschaften. Vgl. Hans-Jürgen Krysmanski: Die utopische Methode. Eine literatur-und wissenssoziologische Untersuchung deutscher utopischer Romane des 20. Jahrhunderts, Köln und Opladen 1963 (= Dortmunder Schriften zur Sozialforschung 21 ), S. 142.Google Scholar
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    Was […] im Westen, wo angeblich alles erlaubt ist, trotz der allgemeinen Abneigung gegen gesellschaftliche Alternativvorstellungen noch immer an utopischen Romanen erscheint, hat meist einen absolut verharmlosten Charakter, das heißt verzichtet auf jeden sozialutopischen Anspruch und offeriert sich als unterhaltsame Wegschmeißware einer sorgfältig spezialisierten Verbrauchsgüterindustrie.“ (ebd., S.13).Google Scholar
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Copyright information

© Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Joanna Jabłkowska
    • 1
  1. 1.ŁódźPolen

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