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Der protestantische Konstitutionalismus

  • Carl-Joachim Friedrich
Chapter
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Part of the Demokratische Existenz heute book series (DEH, volume 14)

Zusammenfassung

Die Rückkehr zu Augustinus’ Thesen, vor allem zu der Lehre von den zwei Reichen, machte die Protestanten, besonders Luther, zunächst gleichgültig gegenüber den Fragen des Konstitutionalismus. Trotz oder gerade wegen der erneut betonten Transzendenz der Gerechtigkeit erschien sie als ein unerreichbares Ideal. Aus praktischen Gründen war es notwendig, den Beistand der Fürsten zu gewinnen, was dazu führte, die autoritäre Seite der Herrschaft, der »Obrigkeit« in Luthers Schriften, z. B. in »Von weltlicher Obrigkeit«, zu betonen. Diese Ansicht änderte sich jedoch allmählich, als die Notwendigkeit, den Glauben gegen einen Kaiser zu verteidigen, der sich der protestantischen Forderung nicht beugen wollte, immer deutlicher wurde.1 Auch der im Grunde noch autoritärer als Luther gesinnte Calvin sah sich gezwungen, ein gewisses Recht auf Widerstand denjenigen Herrschern gegenüber anzuerkennen, die der kirchlichen Reform feindlich gegenüberstanden. Als einstiger Jurist hob er das etwaige Vorhandensein konstitutioneller Möglichkeiten, einen Herrscher zu beschränken, hervor.

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Literatur

  1. 1.
    Diese Veränderung der Perspektive und der Betonung ist wichtig für die Interpretation von Luthers und Melanchthons politischen Ansichten, insbesondere über den Widerstand. Vgl. mein Buch Inevitable Peace (1949), Kap. IV. Die Frage wird ebenfalls angemessen behandelt in dem Buch von Sheldon Wolin, The Politics of Vision (1960), Kap. V. Vgl. dort weitere Angaben.Google Scholar
  2. 2.
    Christianae Religionis Institutio, Buch IV, Kap. XX, Paragr. 31.Google Scholar
  3. 3.
    Am besten ausgeführt bei Kurt Wolzendorf, Staatsrecht und Naturrecht in der Lehre vom Widerstandsrecht des Volkes... (1916) Vgl. auch Oscar Jaszi und John Lewis, Against the Tyrant (1957).Google Scholar
  4. 4.
    Die benutzte Ausgabe der Franco-Gallia (von 1665) ist die vollständigste. Vgl. dazu Beatrice Reynolds, Proponents of Limited Monarchy in Sixteenth Century France: Francis Hotman and Jean Bodin (1931).Google Scholar
  5. 5.
    De Laudibus Legum Angliae, Kap. XIX ff. Wir haben bereits erwähnt, daß Fortescue keine gute Kenntnis des französischen Rechts hatte; das ist jedoch nicht wichtig für unsere Darstellung.Google Scholar
  6. 6.
    The Governance of England, Kap. XIV. Er war allerdings davon überzeugt, daß sich die Franzosen gegen ihre autoritäre (königliche) Herrschaft erheben würden, wenn sie so mutig wären wie die Engländer. Kap. XIII.Google Scholar
  7. 7.
    Einige interessante Einzelheiten zu dieser institutionellen Frage enthält Charles Howard Mcllwain, ConstitutionalismAncient and Modern (1941), Kap. IV. Aber Mcllwains Fortescue-Interpretation wird der Bedeutung von politicum nicht ganz gerecht.Google Scholar
  8. 8.
    Sir Thomas Smith, De Republica Anglorum (1583). Das Buch wurde etwas früher geschrieben; es wurde seiner Zeit als Klassiker angesehen, wie seine Aufnahme in die Elzevir-Reihe (die ich benutze) zeigt. Eine moderne kritische Ausgabe wurde mit einer Einführung von L. Alston 1906 veröffentlicht. Vgl. die Behandlung der Frage bei J. W. Allen, A History of Political Thought in the Sixteenth Century (1928), S. 262–268. Vgl. ebenfalls George L. Mosse, The Struggle for Sovereignty in England (1950), S. 21 ff., Francis D. Wormuth, The Origins of Modern Constitutionalism (1949) und J. A. Pocock, The Ancient Constitution and the Feudal Law (1957).Google Scholar
  9. 9.
    Smith, a. a. O., Buch II, Kap. II.Google Scholar
  10. 10.
    Ausführlich und die Meinungsverschiedenheiten zu diesem Punkt berücksichtigend behandelt in meinem Buch Die Rechtsphilosophie in historischer Perspektive (1957) S. 68–69.Google Scholar
  11. 11.
    Hookers Abhandlung, The Laws of Ecclesiastical Polity, ist allerdings unvollständig. Wir haben die ersten fünf Bücher; von den übrigen drei glaubt man allgemein, daß das achte die Form habe, die Hooker ihm gegeben haben würde; die Rekonstruktion der beiden anderen ist zweifelhaft. Die Standardausgabe ist von John Keble; sie wurde revidiert und neu herausgegeben von R. W. Church und Francis Paget (1888). Die Einleitungen zu diesen Ausgaben sind wichtig, wie auch A. P. d’Entrèves, Riccardo Hooker: Contributo alle teoria e alle storia del diritto naturale (1932). Von den neueren Arbeiten mag F. J. Shirley’s Richard Hooker and Contemporary Political Ideas (1949) erwähnt werden. Vgl. Friedrich, a. a. O. S. 69 ff. Vgl. auch Peter Münz, The Place of Hooker in the History of Thought (1952).Google Scholar
  12. 12.
    Shirley, a. a. O., S. 90 ff. D’Entrèves, Kap. IV.Google Scholar
  13. 13.
    Hooker, a. a. O., Buch I, Kap. III, § 2.Google Scholar
  14. 14.
    III, IX, 2, wo er Thomas von Aquins Summa Tbeologiae II, I. 91. 3 zitiert. Wir haben bereits gesehen, daß Hookers Ansichten nicht mit denen Thomas von Aquins zusammenfallen.Google Scholar
  15. 15.
    Aber selbst wenn die Zustimmung zurückgenommen wird, sieht’ Hooker keine rechtliche Möglichkeit, der Gehorsamspflicht zu entgehen. Vgl. VIII, II, 10 und folgende. Die Betonung von Recht und Konsensus könnte den gegenteiligen Schluß nahelegen.Google Scholar
  16. 16.
    Shirley spricht tatsächlich von Tudor »Despotismus« — sicherlich mit einer gewissen Übertreibung. Aber seine übrige Behandlung der Fragen, a. a. O, Kap. V, scheint richtig, zumal die Bemerkung, daß Hooker kein Vorläufer Filmers war und daß er »nirgends die Monarchie als die einzige von Gott vorgesehene Form der Regierung erwähnt«, S. 105. Ich stimme mit ihm überein, daß »er in der Tat die englische Lage ständig vor Augen hat« — die einzige Frage ist, ob es die Lage war, wie wir sie sehen oder wie seine Zeitgenossen sie gesehen haben. Ich vermute das letztere.Google Scholar
  17. 17.
    Shirley, a. a. O., S. 174. Die folgenden Seiten enthalten einen interessanten Überblick über den Gegensatz der beiden Arbeiten.Google Scholar
  18. 18.
    Tractatus, III, II, 3 und III, IV, 1.Google Scholar
  19. 19.
    Carl Joachim Friedrich, Johannes Althusius (Althaus) Politica Methodi Digesta. Nach der dritten Auflage... mit einer Einleitung (1932); eine solche Korrektur meines ursprünglichen Standpunktes enthält eine (unge-druckte) Dissertation von Stanley J. Parry, »The Political Science of Johannes Althusius«, (1953, Yale University). Vgl. auch Erik Wolf, Große Rechtsdenker der deutschen Geistesgeschichte (4. Auflage, 1963), Kap. 6, und Pierre Mesnard, L’Essor de la Philosophie Politique du XVIe Siècle (1936, 2. Auflage, 1951), Buch VI, Kap. II.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. zu diesem und den folgenden Zitaten Friedrich, Johannes Althusius, S. Ixv ff. Indessen hat sich meine Meinung in entscheidender Hinsicht gewandelt. Vgl. Friedrich, »International Federalism« in dem Symposium, Systems of Integrating the International Community, Hrsg. Elmer Plischke, (1964).Google Scholar
  21. 21.
    De Civili Conversatione Libri Duo (1601). Vgl. zur gleichen Behauptung Politica, XXXV, 1. Hier finden sich Anklänge an Marsilius’ Denken.Google Scholar
  22. 22.
    Politica, XXI, 40. Diese Frage beschäftigte alle jene Protestanten besonders, die die Bedeutung des Wortes als Grundlage des Glaubens betonten Daher widmet Althusius wie andere vor ihm, Calvin eingeschlossen, das ganze nächste Kapitel XXII der Lex Propria Judaeorum und der Frage, ob sie für eine christliche Herrschaft wichtig sei. Vgl. seine Dicaelogicae libri II totum et Universum jus, quo utimur, methodice complectentes (1617), die das bestehende Recht systematisierten und koordinierten und es mit dem römischen und israelischen Recht verglichen.Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. IX, 41 ff.; XXVIII, 63–66; VII 58.Google Scholar
  24. 24.
    De Republica Libri Sex (1584) 111,7: »Ferenda igitur ea religio est, quam sine Reipublicae interitu auferre non possis. Salus enim Reipublicae extrema lex esse debet.« In diesem Kapitel behandelt Bodin die Religion in eindeutig politischem Sinn als etwas, das dazu beiträgt, die Zustimmung aufrecht zu erhalten, als etwas, das, einmal feststehend, nicht angezweifelt oder bestritten werden sollte (in bezug übrigens auf den Frieden von Augsburg 1555), als etwas, das nicht gewaltsam durchgesetzt werden sollte usw.Google Scholar
  25. 25.
    IX, 42–43. Benedictus Aretius (1505–1574) schrieb Problemata Theologica... (1574).Google Scholar
  26. 26.
    XXVIII, 53–54. Juden dürfen mit den Angehörigen eines christlichen Staates zusammen leben und Geschäfte machen, aber sie dürfen diese nicht heiraten, keine Synagogen bauen, keine Zinsgeschäfte machen und andere anfechtbare Geschäfte betreiben. Es ist unnötig, zu sagen, daß alles dies für Juden als Bekenner einer nichtchristlichen Religion gilt und nichts mit Rasse zu tun hat. Im Gegenteil, nichts davon gilt, wenn sich die Hoffnung erfüllt, daß sie wie andere Ungläubige bekehrt werden. Über die Papisten vgl. 56.Google Scholar
  27. 27.
    A. a. O., 63. Unter 64 lesen wir, daß »errantes igitur in religione, non vi externa, vel armis corporalibus, sed gladio spirituali, per quae Dens potens est... regantur.. Auch hier wird auf Bodin verwiesen, a. a. O., IV, 7 und auf verschiedene Abschnitte des Neuen Testaments. Der Magistrat darf das Dei imperium nicht beeinträchtigen; wenn er das tut, folgen Aufruhr und Rebellion, wie in Frankreich, Belgien, Ungarn und Polen (65). Aber nach dieser Aussage betont er die Notwendigkeit, alle »atheos, epicureos, sectarios, haereticos, seductores« nach dem Verhör zu bestrafen.Google Scholar
  28. 28.
    Über die verschiedenen Ausdrücke und ihre Bedeutungen sowie andere Seiten dieses Problems vgl. mein Buch Johannes Althusius, Einleitung, S. Lxxxviii ff., insbes. N. 2, S. Lxxxix. Althusius’ Haltung ähnelt auf interessante Weise der Ciceros, wie in Kapitel 1 beschrieben. Über die Verbindung zwischen Eigentum und Herrschaft, zwischen dominium und ‘Imperium, vgl. die Arbeit von McKeon, Kap. II N. 46.Google Scholar
  29. 29.
    Der Gegensatz wird ausdrücklich in V, 4 und 23 des Vorworts anerkannt.Google Scholar
  30. 30.
    Ich habe a. a. O., S. XC, bewiesen, daß Althusius’ Ansichten nicht mit den Ansichten derjenigen vermengt werden dürfen, die zwischen einer majestas realis und einer majestas personalis unterscheiden; Grotius behielt eine von dieser Dichotomia abgeleitete Unterscheidung bei.Google Scholar
  31. 31.
    Dieser charakteristische Ausdruck ist der Kern von Kap. XIX. In § 49 lesen wir: »In electione vero summi magistrates, summa cura legis fundamental regni habenda est. Sub hac enim lege, universalis consociatio in regno est constituta... atque ex communi consensu et approbatione mem-brorum regni sustinetur.. Über die allgemeinen Rechtsprobleme vgl. meine Einleitung, S. XCIV ff.Google Scholar
  32. 32.
    Hinsichtlich »Autorität«, die Althusius in vorwiegend psychologischen Ausdrücken erklärt, s. Kap. XXV. Er zitiert Lipsius und sagt: »autoritas haec est concepta & impressa subditis, sive exteris, opinio r ever ens...« (§ 1).Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. Pocock, a. a. O., S. 16: »Es war natürlich, daß diejenigen, die die bedrohten Privilegien oder Freiheiten zu verteidigen suchten, wiederum betonen würden, daß ihre Rechte im Gesetz verankert seien.. Theologen und Philosophen mögen versuchen, diese Rechte mit Vernunft und Natur in Übereinstimmung zu bringen... aber es war ein anderes und nicht weniger aufschlußreiches Argument, zu beweisen, daß diese an der Natur der sehr alten, geheiligten Bräuche teilhatten... Auf diese Weise entwickelte sich — oder besser, verstärkte und erneuerte sich — eine Gewohnheit in vielen Ländern, an die >alte Verfassung< zu appellieren…« Wie wir gezeigt haben, handelt es sich nicht so sehr um diesen Appell noch um die Religion, sondern eher um die Theologie und ihre Ansicht von der Gerechtigkeit, die den Appell verstärkt.Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. auch mein Buch »Das Zeitalter des Barock« (1952), Kap. X.; ebenfalls die oben erwähnten Arbeiten von Pocock und Wormuth.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1967

Authors and Affiliations

  • Carl-Joachim Friedrich

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