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Über die religiösen Grundlagen des Konstitutionalismus

  • Carl-Joachim Friedrich
Chapter
Part of the Demokratische Existenz heute book series (DEH, volume 14)

Zusammenfassung

Wo neue Nationen entstehen, wo bestehende Nationen sich erneuern, in Indien und Italien, Nigeria und Frankreich, sind neue Verfassungen an der Tagesordnung. Sooft eine Revolution, selbst eine kommunistische, erfolgreich gewesen ist, wird eine Verfassung erlassen. Aber auch außerhalb des Rahmens nationaler Ordnungen sind regionale Vereinigungen oder die weltumspannenden Vereinten Nationen bestrebt, eine Charta oder Verfassung zu entwerfen. Ist die Einigung über eine Verfassung schwierig, versprechen die Machthaber zumindest, so schnell wie möglich eine solche auszuarbeiten. Und doch sind viele Verfassungen schwach und untauglich, werden rasch geändert, wenn nicht gar abgelöst von einer neuen. Anscheinend fehlt dem Konstitutionalismus trotz seiner Anziehungskraft für die ganze Welt die feste Grundlage, die stabile Selbstsicherheit früherer Zeiten. Warum begegnen die Verfassungen solchen Schwierigkeiten, warum erzeugen sie soviel Spannung und Streit?

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. mein Buch Man and His Government (1963), besonders die Einleitung und die Kapitel I und II.Google Scholar
  2. 2.
    S. a. die überzeugende und wichtige Darstellung von Charles Howard Mellwain, ConstitutionalismAncient and Modern (1940). Er sagt dort, daß er zunehmend beeindruckt sei »von der Bedeutung und Wichtigkeit der republikanischen Verfassung Roms« (S. 43).Google Scholar
  3. 3.
    Der Staat, 433e.Google Scholar
  4. 4.
    Diesen Standpunkt hat Glenn R. Morrow nachdrücklich vertreten in Plato’s Cretan City (1960), S. 232: »… wir müssen uns daran erinnern, daß ein Verfassungsgesetz in dem kontinentalen und amerikanischen Wortsinn in Athen unbekannt gewesen ist...« Er geht dann ausführlich darauf ein und nennt die verschiedenen Gremien und Ämter und weist darauf hin, daß ihre Befugnisse und Funktionen nicht deutlich gegeneinander abgegrenzt sind. Das ist allerdings richtig: wichtiger aber ist, daß kein Schutz der Bürger in ihrem persönlichen Bereich existierte, worauf Fustel de Coulanges und Carl Burckhardt in ihren klassischen Untersuchungen hingewiesen haben.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. z. B. Karl Popper, The Open Society and Its Enemies, (1940). Eine gute Auswahl aus diesem und anderen Büchern, die sich mit diesem Problem befassen, liegt nun vor in dem Buch von Thomas L. Thorson, Plato: Totalitarian or Democrat? (1963) — aber die damit angesprochene Alternative ist falsch. Vgl. Morrow, a. a. O., S. 279 wegen einer ausgewogenen Darstellung.Google Scholar
  6. 6.
    Die Gesetze 907d—910d.Google Scholar
  7. 7.
    2. B. 1279a u. b, 1293a u. b; diese Verfassungsherrschaft kehrt, wie anerkannt wird, offensichtlich in den griechischen poleis immer wieder. Aber sie setzt, um »vollkommen« zu sein, tugendhafte Bürger voraus, und daher gipfelt Aristoteles’ Politeia in einem Gespräch über paideia, oder formation, wie die Franzosen sagen, wodurch die Bürger geformt werden.Google Scholar
  8. 8.
    Man beachte besonders die Betonung des jus imaginum, Historia, VI, 53; die zentrale Bedeutung dieses religiösen Gesichtspunkts hat insbesondere Eberhard F. Brück in Über Römisches Recht im Rahmen der Kulturgeschichte (1954), S. 1 ff, hervorgehoben.Google Scholar
  9. 9.
    Die bedeutendste Schilderung dieses bunten Mosaiks ist immer noch Theodor Mommsens großes Buch Römisches Staatsrecht (1871 und später); obwohl manche Einzelheit überholt ist, bleibt das Buch ein Monument institutioneller Analyse.Google Scholar
  10. 10.
    Mcllwain, a. a. O., S. 48, der seine Analyse auf Rudolf von Iherings Der Geist des Römischen Rechts (1866–1871) gründet.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. wegen dieser Wandlung inter alias die Arbeit von Sir Ronald Syme, The Roman Revolution (1939, 1960).Google Scholar
  12. 12.
    F. de Zulueta, »The Science of Law« in The Heritage of Rome, Hrsg. Cyril Bailey (1924), S. 174.Google Scholar
  13. 13.
    De re publica, I. 25, 32; vgl. weiter unten die Diskussion über Augustinus’ Ablehnung dieser »Definition« oder besser Charakterisierung.Google Scholar
  14. 14.
    De Legibus, I. 4, 14 und II. 5, 12.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. die Einleitung zu der Ausgabe von Ciceros Commonwealth von George Holland Sabine und Stanley Barney Smith (1929). Vgl. De re publica II. 13 und I. 29 (aus der das folgende Zitat stammt); vgl. auch II. 23–24.Google Scholar
  16. 16.
    Siehe dazu Henri-Irénée Marrou, Saint Augustine et la Fin de la Culture Antique (1938), insbes. Teil I. Der römische Gesichtspunkt wird von Edgar Salin, Civitas Dei (1926) aus der Sicht anderer Kirchenväter, insbes. Ter-tullian, geschildert. Man beachte vor allem die Erklärung auf S. 103, die aus Tertullian zitiert ist: »Der Glaube ist in der Glaubensregel niedergelegt, er umschließt das Gesetz und mit der Beobachtung des Gesetzes das Heil«, die kommentiert wird als »scharfe Betonung des Gesetzes-Charakters der Lehre«. Eine jüngere Publikation darüber ist Herbert A. Deane, The Political and Social Ideas of Saint Augustine (1936), Kap. III und IV, der eindrucksvoll und fundiert die Stellungnahme Carl J. Friedrichs, Die Rechtsphilosophie in historischer Perspektive (1963), Kap. V., der der obige Text folgt, begründet und behandelt.Google Scholar
  17. 17.
    Civitas Dei XIX. 24: »res publica est res populi... pöpulus est coetus multitudinis rationalis rerurn quas diligit concordi communione sociatus.« Wie ich ausgeführt habe, a. a. O. S. 36, »ist es fraglich, ob der Ausdruck diligere identisch ist mit dem christlichen Begriff der Liebe oder Barmherzigkeit. Aber angesichts des Ausdrucks dilectio proximi, der »Liebe zum Nächsten«, ist es wahrscheinlich, daß Augustinus beabsichtigte, den heidnischen Begriff der gesetzlichen Gemeinschaft, wie er sich bei Cicero findet, in christlichem Sinne zu verändern oder neu zu interpretieren.« Im folgenden wird das Wort »Liebe« verwendet, da es üblicherweise verwendet wird.Google Scholar
  18. 18.
    Civitas Dei IV. 1: »Remota itaque justitia quid sunt regna nisi magna latrocinia? quia et latrocinia quid sunt nisi parva regnaf« Google Scholar
  19. 19.
    Diese Stellungnahme hat Charles H. Mcllwain, The Growth of Political Thought in the West (1932), S. 154 ff. entwickelt und Deane, a. a. O., S. 120 ff. sorgfältig und überzeugend widerlegt. Er macht jedoch den Unterschied zwischen regnum und res publica nicht hinreichend klar.Google Scholar
  20. 20.
    Deane, a. a. O., S. 297 N. 24, zitiert einen interessanten Abschnitt aus einem Brief von Augustinus: »Gott bewies an dem reichen und weithin berühmten Imperium Romanum, wie viel durch Bürgertugend ohne wahre Religion erreicht werden kann…« Ep. CXXXXVII, III. 17.Google Scholar
  21. 21.
    XIX. 21: »Mihi lex esse non videtur, quae justa non fuerit.« In diesem einen Punkt unterscheide ich mich scharf von Deane, der, soweit ich sehe, das Argument verfehlt, indem er die »Gültigkeit« betont. Er schreibt (a. a. O., S. 90), »soweit ich entdecken konnte, hat Augustinus in keinem der Bücher, die er in seinen letzten vierzig Lebensjahren geschrieben hat, je gesagt, daß das positive Recht mit dem ewigen Recht Gottes oder mit dem Naturrecht übereinstimmen muß, um gültiges Recht zu sein.« Einverstanden; aber wie Augustinus zwischen einer »wahren Gerechtigkeit« und deren Abbildern unterscheidet (wie ich ihn verstehe, macht er einen Unterschied zwischen »voller« Gerechtigkeit und »partieller« Gerechtigkeit), so unterscheidet er auch zwischen »wahrem Gesetz« und den operativen und geltenden Regeln, die sündige Menschen Gesetz nennen, weil ohne sie Ordnung und Frieden nicht aufrechterhalten werden können. Vgl. mein Buch Die Rechtsphilosophie in historischer Perspektive, S. 39.Google Scholar
  22. 22.
    Cicero, De Legibus, II, 4 — der lateinische Text lautet »lex non hominum ingeniis excogitata.« Das folgende Zitat ibid. Vgl. auch »Die Rechtsphilosophie in historischer Perspektive«, Kap. IV.Google Scholar
  23. 23.
    Eine ausführliche Behandlung dieser Frage enthält mein Aufsatz: »Justice: the Just Political Act« in Nomos VI (1963), Hrsg. Friedrich und Chapman, sowie Kap. XV meines Buches Man and His Government (1963), wo die Frage im weiteren Zusammenhang einer allgemeinen politischen Theorie behandelt wird.Google Scholar
  24. 24.
    Diese Erklärung stimmt überein mit meiner Untersuchung in Der Verfassungsstaat der Neuzeit, 1953, Teil II, Kap. VII–IX. S. a. »Constitutionalism« in International Encyclopedia of the Social Sciences; dieser Artikel enthält eine neue Fassung, die in Man and His Government (1963), Kap. XV einen allgemeinen theoretischen Rahmen erhält.Google Scholar
  25. 25.
    Ich habe den Begriff des konstitutionellen Prozesses insbesondere in Hinsicht auf eine seiner Eigenschaften, den Föderalismus, in einem Aufsatz entwickelt, der sich findet in Systems of Integrating the International Community, Hrsg. Plischke (1964).Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Aristoteles, Die Verfassung von Athen, Kap. V–XII. Charles Howard Mcllwain entwickelt in seiner Arbeit Constitutionalism, Ancient and Modern (1940) diesen Unterschied nicht genau, sondern hebt, was er als allgemeinen Kern ansieht, hervor, nämlich die Herrschaft nach dem Gesetz (Rechtsstaat). Dieser Rechtsstaat ist gewiß ein Aspekt des Konstitutionalismus im modernen Sinn, aber es hat nicht-konstitutionelle Regimes gegeben, wie z. B. das Preußen Friedrichs des Großen, die Rechtsstaaten waren, ohne Verfassungsstaaten im modernen Sinn zu sein. Man beachte, daß die Entwicklung einiger zeitgenössischer totalitärer Regime in die Richtung eines solchen autoritativen Rechtsstaats geht.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1967

Authors and Affiliations

  • Carl-Joachim Friedrich

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