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Isolation und Dissoziation in der internationalen Politik

  • Thomas Jäger
  • Gerhard Kümmel

Zusammenfassung

Viele Staaten konnten ihre internationalen Rollen nach dem Umbruch der internationalen Beziehungen 1989/90 noch nicht neu definieren.1 Sie verhalten sich teils, als wäre die Welt noch die von gestern, teils, als könnten sie sich aus den Turbulenzen, die den Transformationsprozeß noch länger begleiten werden, heraushalten. Da althergebrachte, in früheren Kontexten standardisierte Handlungen nicht mehr greifen,2 gleichzeitig die Folgen der weltpolitischen Umbrüche nicht regional oder sektoral einzugrenzen sind, führen beide Verhaltensweisen die Akteure immer wieder zu Fragen nach ihrem weltpolitischen Standort. Jeder kollektive Akteur wird seine Stellung in der Welt für sich neu suchen und diese Standortentscheidung international kommunizieren müssen -und gleichzeitig wird in politischen Konkurrenzen entschieden, wer die gewünschten Positionen auch einnehmen kann und wer notgedrungen andere akzeptieren muß.3

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Anmerkungen

  1. 1.
    Zur weltpolitischen Transformation Ernst-Otto Czempiel: Weltpolitik im Umbruch. Das internationale System nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, München 1991. Dazu auch Gerhard Kümmel: Der Triumph der Gesellschaftswelt? Das internationale System im Umbruch, in: liberal, H.3 1992, S. 95–98.Google Scholar
  2. 2.
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  3. 3.
    Für Deutschland haben dies unternommen Wilfried von Bredow/Thomas Jäger: Neue deutsche Außenpolitik. Nationale Interessen in internationalen Beziehungen, Opladen 1993.Google Scholar
  4. 4.
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  5. 5.
    Mit den von Akteuren nicht mehr leicht zu verändernden Grenzen der Kooperation und den Bedingungen von Kooperations-Steuerung beschäftigt sich die Literatur der Interdependenzforschung. Zu den dabei interagierenden Faktoren Walter L. Bühl: Krisentheorien. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Übergang, Darmstadt 1988. Zur methodologischen Debatte Robert O. Keohane (Ed.): Neorealism and its Critics, New York 1986.Google Scholar
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  8. 8.
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  9. 9.
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  10. 10.
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  11. 11.
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  12. 12.
    Hier wurden politische, weniger politologische Schlachten geschlagen. Die ökonomische Isolation der sozialistischen Staaten wurde ebenso nach dem politischen Standort betrachtet wie die Südafrikas, mit der Folge, daß diejenigen, die die Isolation Südafrikas befürworteten, die der Sowjetunion ablehnten und umgekehrt. Beispielhaft: Friedemann Müller u.a.: Wirtschaftssanktionen im Ost-West-Verhältnis. Rahmenbedingungen und Modalitäten, Baden-Baden 1983; Robert E. Edgar (Ed.): Sanctioning Apartheid, Trenton N.J. 1990.Google Scholar
  13. 13.
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  17. 17.
    Auch unter diesem Aspekt läßt sich die Debatte um den Abstieg der Weltmacht USA lesen; mit einem diesen internationalen Wandel reflektierenden Machtbegriff arbeitet Joseph S. Nye: Bound to Lead. The Changing Nature of American Power, New York 1991.Google Scholar
  18. 18.
    Anders Dieter Senghaas: Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik. Plädoyer für Dissoziation, Frankfurt 1977.Google Scholar
  19. 19.
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  20. 20.
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  21. 21.
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  22. 22.
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  28. 28.
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  30. 30.
    Als bedeutende „Allianz von Parias“ wird noch heute der Vertrag von Rapallo zwischen der Weimarer Republik und der jungen Sowjetunion beschrieben. Auf das Verhältnis dieser Staaten trifft unsere Analyse ebenfalls zu. In neuerer Zeit war zwischen Israel und Südafrika eine politisch relevante „Allianz von Parias” zu beobachten; vgl. Naomi Chazan: The Fallacies of Pragmatism: Israeli Foreign Policy Toward South Africa, in: African Affairs, April 1983, S.169–199.Google Scholar
  31. 31.
    Karl W. Deutsch: Politische Kybernetik. Modelle und Perspektiven, Freiburg 1970, 2.Aufl., S.171.Google Scholar
  32. 32.
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  33. 33.
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  34. 34.
    In der Terminologie Czempiels handelt es sich hier um Phänomene, die auf zunehmende Vernetzungen von Handlungszusammenhängen zurückzuführen sind. Prozesse, die dieser Haupttendenz internationaler Politik entgegenlaufen, die Durchtrennung von Handlungssträngen eines Akteurs, fanden weit geringeres Interesse, und wenn, dann als Argument gegen die Feststellung von Interdependenz überhaupt. Isolation und Dissoziation sind nach unserer Auffassung aber dauernde Begleiterscheinungen interdependenter Handlungszusammenhänge und widersprechen diesen nicht.Google Scholar
  35. 35.
    Wir konzentrieren uns in dieser Studie auf Staaten, ähnliches aber ließe sich auch für transnationale Akteure feststellen.Google Scholar
  36. 36.
    Zu diesen ambivalenten Wertungen von Interdependenz und Kooperation vgl. Dieter Ruloff: Weltstaat oder Staatenwelt? Über die Chancen globaler Zusammenarbeit, München 1988, 5. 210.Google Scholar
  37. 37.
    Auf das damit angesprochene Problem von „Führung in internationalen Beziehungen“ können wir hier nicht weiter eingehen.Google Scholar
  38. 38.
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  39. 39.
    Wilfried von Bredow/Thomas,Jäger (Hrsg.): Japan — Europa — USA. Weltpolitische Konstellationen am Beginn der neunziger Jahre, Opladen 1994Google Scholar
  40. 40.
    Dies sehen polit-ökonomisch argumentierende Dissoziationstheoretiker anders, z.B. Dieter Senghaas: Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik. Plädoyer für Dissoziation, Frankfurt 1977.Google Scholar
  41. 41.
    Ernst-Otto Czempiel: Internationale Politik. Ein Konfliktmodell, Paderborn u.a. 1981, S.213ff.Google Scholar
  42. 42.
    Damit bezeichnen wir eine Außenpolitik, die auf die Bewahrung des eigenen politischen Systems angelegt ist, scheinbar ohne irgendwelchen Gestaltungsanspruch an die umliegenden politischen Systeme zu richten. Eine solche Politik ist des Primats der Sicherheit wegen instrumentell offensiv; weil sie ohne politisch-strategische Perspektive ist, nennen wir sie defensiv.Google Scholar
  43. 43.
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    Zum Kontext über das nordatlantische Umfeld hinaus Mary Kaldor: Rüstungsbarock. Das Arsenal der Zerstörung und das Ende der militärischen Techno-Logik, Berlin 1981.Google Scholar
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  49. 49.
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  50. 50.
    Hierzu die Rede des amerikanischen Präsidenten Reagan an den Kongreß über die Probleme der regionalen Sicherheit vom 14.3.1986, in: Ernst-Otto Czempiel/CarlChristoph Schweitzer (Hrsg.): Weltpolitik der USA nach 1945. Einführung und Dokumente, Bonn 1989, S.434ff.Google Scholar
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    Mit kritischem Blick hierzu Panajotis Kondylis: Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg, Berlin 1992, S.105ff.Google Scholar
  54. 54.
    In manchen politischen Systemen kommt dem Druck von außen auch eine positive Bedeutung zu, etwa dem gaiatsu in Japan.Google Scholar
  55. 55.
    Amon J. Nsekela: Southern Africa. Toward Economic Liberation, London 1981.Google Scholar
  56. 56.
    Ohne Israels Einbezug wird es keine Institutionalisierung von politischer oder ökonomischer Kooperation im Nahen Osten geben.Google Scholar
  57. 57.
    Hinzu kommen die kaum zu beziffernden Kosten einer regionalen Destabilisierungspolitik, vgl. z.B.: Apartheid — Terrorims. The Destabilization Report. A Report on Devastation of the Frontline States prepared by Pyllis Johnson & David Martin for the Commonwealth Committee of Foreign Ministers an Southern Africa, London u.a. 1989.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Thomas Jäger
  • Gerhard Kümmel

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