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Der Mann ohne Eigenschaften, die Wirklichkeit und die Musik

  • Michael Wicke
Chapter

Zusammenfassung

Dieser Beitrag beabsichtigt über das Vehikel ausgewählter Textstellen des Musilschen Romans Der Mann ohne Eigenschaften zwei Fragestellungen im Sinne einer heuristischen Orientierung, nicht schon als Darstellung ausgeführter materialer Untersuchung, zu verknüpfen. Zum einen handelt es sich hier um das sogenannte Problem der Wirklichkeit, für welches eine ausführliche Bezugnahme auf den Musilschen Roman bereits vorliegt. Peter L. Berger hat in zwei Aufsätzen die zentralen Entwicklungslinien des Romans in ihrer soziologischen Relevanz hervorgehoben und dabei ein gegenseitiges Verdeutlichungsverhältnis zwischen den vielfältigen Perspektiven des Musilschen Werkes und dem Schützschen Theorem der mannigfaltigen Wirklichkeiten betont2.

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Literatur

  1. 2.
    Peter L. Berger, Das Problem der mannigfaltigen Wirklichkeiten: Alfred Schütz und Robert Musil, in: R. Grathoff/B. Waldenfels (Hrsg.), Sozialität und Intersubjektivität, München 1983, S. 229ff.;Google Scholar
  2. 2a.
    Peter L. Berger, Robert Musil und die Errettung des Ich, in: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 17, Heft 2, Stuttgart 1988, S.132–142Google Scholar
  3. 3.
    MoE, S. 48Google Scholar
  4. 4.
    ‚Jedoch die Wohnung vermochte das Klavier dröhnen zu machen und war eins jener Megaphone, durch welche die Seele ins All schreit wie ein brünstiger Hirsch, dem nichts antwortet als der wetteifernde gleiche Ruf tausend anderer einsam ins All röhrender Seelen.“, MoE. S.48Google Scholar
  5. 5.
    MoE, S. 1640f.Google Scholar
  6. 6.
    MoE, S. 48Google Scholar
  7. 7.
    MoE, S. 50Google Scholar
  8. 8.
    „Ob er es wollte oder nicht, es wurden Phantasien über Motive aus Wagneropern daraus, und in dem Geplätscher dieser zuchtlos quellenden Substanz, die er sich einst in den Zeiten des Hochmuts versagt hatte, schilften und gurgelten seine Finger durch die Tonflut. Mochte man es weithin hören! Sein Rückenmark wurde von der Narkose dieser Musik gelähmt und sein Schicksal erleichtert.“; MoE, S.67Google Scholar
  9. 9.
    MoE, S. 60Google Scholar
  10. 10.
    „Clarisse war nicht so begabt wie Walter, das hatte sie immer gefühlt. Aber sie hielt Genie für eine Frage des Willens. Mit wilder Energie hart sie sich das Studium der Musik anzueigenen gesucht; es war nicht unmöglich, daß sie überhaupt nicht musikalisch war, aber sie besaß zehn sehnige Klavierfinger und Entschlossenheit; sie übte tagelang und trieb ihre Finger wie zehn magere Ochsen an, die etwas übermächtig Schweres aus dem Grund reißen sollen.“MoE, S.53. Sobald ich versuche, mir aufgrund der im Text verstreuten Beschreibungen Clarisse vorzustellen, stehen mir unwillkürlich Frauengestalten von Gustav Klimt vor Augen, etwa diejenige in „Musik“. Auf den ersten Blick schlanke, sehnige, frische Figuren, schließlich doch etwas kalt-langweiliges, ja dummes überwiegend. Würde man Clarisse ausgestopft (ein Gedanke, der in Wien zeitweilig nicht gar so abwegig war) vor dem unsäglichen Beethoven-Fries in der Sezession plazieren, müßte man sie ohne weiteres für eine Plastik des genialen Kunsthandwerksmeisters halten. Diese Klimtschen Rohkostdiät-Amazonen sind bezeichnende Gestalten einer geistigen Stimmung, die in der offiziellen Selbstdarstellung den Titel, Junges Wien“trägt. Zwar nicht ganz gegenseitig kongruent, sind die Klimtschen Werke doch eine charakteristische Spitze jener ideologisch als hypermodernes Asyl vor der Moderne aufgeblasenen Avantgarde, die material-inhaltlich hilflos an das Gestrige gefesselt ist, ohne es wirklich umformen zu können. Griechenland, Beethoven, religiöse Nebelkerzen, verkappte Kirchenkitschmalerei in aufgeklärter Waldorfschulhofatmosphäre schießen hier zusammen zu einem blattgoldverbrämten künstlerischen Trödelladengeist, dessen „gelungenste“Kundgebung wohl die quasinuminose Verehrungsaustellung war, die die Sezessionisten um die objektiv widerwärtige Beethovenskulptur des Leipziger Künstlers Max Klinger drapierten. Man kann diese Teilentwicklung als Symptom der fortschreitenden Entzauberung romantischer Moderne bezeichnen, die in personaler Frühform etwa an Otto Wagner zu exemplifizeren wäre: in dieser Variante erweist sich der Jugendstil auch als konsequente Durchgangsform zum radikalen Funktionalismus.Google Scholar
  11. 11.
    MoE, S. 1573Google Scholar
  12. 12.
    „Sie hatte Walter seit ihrem fünfzehnten Jahr für ein Genie gehalten, weil sie stets die Absicht gehabt hatte, nur ein Genie zu heiraten. Sie erlaubte ihm nicht, keines zu sein. Und als sie sein Versagen merkte, wehrte sie sich wild gegen diese erstickende, langsame Veränderung in ihrer Lebensatmosphäre.“MoE, S.53Google Scholar
  13. 13.
    So jedenfalls lautet die Kritik des zeitgenössischen Architekten Camillo Sitte. Vgl. Carl E. Schorske, Fin-De-Siecle Vienna, Cambridge Universitiy Press, 1981, pp. 24–116Google Scholar
  14. 14.
    MoE, S. 35–47Google Scholar
  15. 15.
    MoE, S. 147Google Scholar
  16. 16.
    Diesen Begriff entlehnen wir von Maurice Merleau-Ponty. Vgl. Carl E. Schorske, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966Google Scholar
  17. 17.
    MoE, S. 142Google Scholar
  18. 18.
    MoE, S. 143Google Scholar
  19. 19.
    Diese immer wieder in Musils Roman auftauchenden Zweifel an der Verstehbarkeit genialer Werke durch den Durchschnittsmenschen ließe sich auch so paraphrasieren: vielleicht gibt es eine musikalische Sprache des Ewigen zwischen Bach und Beethoven, aber nicht zwischen diesen beiden und Herrn Müller.Google Scholar
  20. 20.
    MoE, S. 144Google Scholar
  21. 21.
    Die syntaktische Sonderlichkeit, daß Träume Gestalt annehmen, ohne aufzuhören, Träume zu sein, läßt den Leser stolpern. Die Kurzformel der Merkwürdigkeit zeigt, daß hier unpassendes zusammengeschoben wird: Er hatte einen Traum, der ein Kind war. Ich nehme an, daß die Satzgestalt aus einer Kompromißbildung zwischen folgenden beiden Gedanken zustandekommt: 1. Walters Träume gelten (immer wieder) der Gestalt eines kleinen Kindes. 2. Walters Träume nehmen die Gestalt der Träume eines kleinen Kindes an. Der Nachsatz unterstützt beide Möglichkeiten. Die Zusammenschiebung der beiden Gedanken läßt sich durchaus motivieren. Indem Walter an sein Wunschkind denkt, wird er im musikalischen Sog selbst zum mütterlichen Schutzes bedürftigen Kind — wenn er also will, daß Clarissen endlich Mutter wird, dann sozusagen für beide Kinder. Die sprachliche Gestalt des Beschreibens reproduziert so im Zusammenschieben zweier Gedanken formal die Ambiguität des Beschriebenen.Google Scholar
  22. 22.
    MoE, S. 144f.Google Scholar
  23. 23.
    MoE, S. 146Google Scholar
  24. 24.
    MoE, S. 146Google Scholar
  25. 25.
    „Der Zorn, die Liebe, das Glück, die Heiterkeit und Trauer, die Clarisse und Walter im Flug durchlebten, waren keine vollen Gefühle, sondern nicht viel mehr als das zum Rasen erregte körperliche Gehäuse davon. Sie saßen steif und entrückt auf ihren Sesselchen, waren auf nichts und in nichts und über nichts oder jeder auf, in und über etwas anderes zornig, verliebt und traurig, dachten Verschiedenes und meinten jeder das seine; der Befehl der Musik vereinigte sie in höchster Leidenschaft und ließ ihnen zugleich etwas Abwesendes wie im Zwangsschlaf der Hypnose.“MoE, S. 143.Google Scholar
  26. 26.
    Alfred Schütz, Gesammelte Aufsätze Bd. 1, Den Haag 1971, S. 237CrossRefGoogle Scholar
  27. 27.
    Erving Goffman, Rahmenanalyse, Ffm 1980, S.9ff.Google Scholar
  28. 28.
    Es geht hier nicht um eine Einschätzung der Psychologie von William James. Relevant ist nur die Auffassung des Wirklichkeitsbegriffs, die Schütz mit den Zitaten stützen will.Google Scholar
  29. 29.
    Schütz 1971, S.264Google Scholar
  30. 30.
    Schütz 1971, S.268Google Scholar
  31. 31.
    Im übrigen muß diese ontologische Grundierung der Wirkwelt nichts mit Alltäglichkeit gemein haben. Als Grenzfall ließe sich auch der Übergang von einer Krise in die nächste vorstellen.Google Scholar
  32. 32.
    Schütz 1971, S.237; Ders., Don Quixote und das Problem der Realität, Gesammelte Aufsätze Bd. 2, Den Haag 19, S. 102, S. 125Google Scholar
  33. 33.
    Schütz 1971, S. 265Google Scholar
  34. 34.
    Diesbezüglich bietet Schütz ein erstaunliches Widerspruchstriumvirat auf. Erstens eine ursprüngliche Regung des Bewußtseins, die Wirklichkeit all dessen, was in den Sinn kommt zu bezeugen (James). Zweitens einen noch ursprünglicheren Zweifel, der in Klammern gesetzt werden muß. Drittens ein Zitat Husserls, das seine Auffassung stützen soll: „In der natürlichen Einstellung gibt es zunächst (vor der Reflexion) kein Prädikat ‚wirklich‘, keine Gattung ‚Wirklichkeit‘.“(Schütz 1971, S. 273) Ich kann beim besten Willen nicht sehen, daß hier irgendetwas zusammenpasst.Google Scholar
  35. 35.
    Schütz 1971, S. 268Google Scholar
  36. 36.
    Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Hamburg 1956 (1781/87), S. 572f.; Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Geschicht der Philosophie III, Werke in zwanzig Bänden, Bd. 20, Frankfurt a.M. 1971, S. 360ff.Google Scholar
  37. 37.
    Aron Gurwitsch, Das Bewußtseinsfeld, Berlin 1974, S. 306.CrossRefGoogle Scholar
  38. 38.
    Gurwitsch 1974, S. 322Google Scholar
  39. 39.
    Gurwitsch 1974, S. 326Google Scholar
  40. 40.
    Die Wortfamilie ist natürlich umfänglicher, man denke nur an die ebenfalls zweistrahligen Bildungen „erwirken“und „verwirken“. Es ist nicht ganz unerstaunlich, daß ausgerechnet Verwendungsweisen dieser Wortfamilie, welche die Bedeutung einer inhaltlich unveränderlichen äußeren Realität an-sich evozieren, nicht zu finden sind. Diese Bedeutung wird offenbar dem Begriff „Wirklichkeit“vorwiegend von Philosophen unterstellt, nicht von dessen Gebrauch nahegelegt. (Vgl. hierzu etwa die Beiträge von K.O. Apel und Erich Rothacker in der Festschrift für Leo Weisgerber: H. Gipper (Hg.), Sprache — Schlüssel zur Welt, Düsseldorf 1959) Es ist mir auch keine Untersuchung bekannt, die alltagssprachliche Äußerungen methodisch intensiv auf ihre implizite Philosophie hin abgeklopft hätte.Google Scholar
  41. 41.
    In diesem Sinne lese ich auch die entsprechende Stelle der Hegeischen Logik, in der das Konzept der Wirklichkeit als Einheit von Wesen und Erscheinung gemäß seiner Stellung in der Wesenslogik eines ist, das der Begriff (und der Mensch ist der daseiende Begriff) sich selbst voraussetzt. Immanent systematisch entfaltet findet sich diese Lesart in: Michael Gans, Das Subjekt der Geschichte, Hildesheim 1993.Google Scholar
  42. 42.
    Die falschen Propheten nämlich. Matthäus 7, 15Google Scholar
  43. 43.
    Diese Formulierungen lehnen sich deutlich an das zentrale Konzept der Lebenspraxis an, wie es Ulrich Oevermann formuliert hat. Ohne daß eine Begriffsübereinstimmung besteht, scheint mir die Affinität der Ausdrücke Lebenspraxis und Wirklichlichkeit als sedimentiertem Wortfeld auf der Hand zu liegen. In diesem Vergleich wird deutlich, daß es sich bei der Wirklichkeit in einem wesentlichen Bedeutungsbereich um einen gebrauchsmäßig verkappten, impliziten Strukturbegriff handelt: Niemand würde auf die Idee verfallen, eine Theorie der mannigfaltigen Lebenspraxen zu verfassen. Vgl. Ulrich Oevermann, Genetischer Strukturalismus und das Problem der Erklärung der Enstehung des Neuen, in: Stefan Müller-Dohm (Hg.), Jenseits der Utopie. Theoriekritik der Gegenwart, Frankfurt a.M. 1991, S. 267–336; Ders., Versozialwissenschaftlichung der Identitätsformation und die Verweigerung von Lebenspraxis, in: Burkhart Lutz (Hg.), Soziologie und gesellschaftliche Entwicklung, Frankfurt a.M, 1985, S. 463–474Google Scholar
  44. 44.
    Bei dieser Formulierung handelt es sich um eine Art quasi-tautologischer deskriptiver Translation, die noch einmal den Sonderstatus des Fundamentalschemas verdeutlichen soll, nicht um die Kurzform einer substantiellen Explanation. Wenn unsere Deutung des Wirklichkeitsbegriffs bzw. der dahinter zu vermutenden Gedankenbestimmungen etwas wesentliches trifft, kann dies auch gar nicht andes sein, denn angesichts der Aspekte von Genesis und Geltung trifft das Schema der Wirklichkeit auf nichts anderes als auf sich selbst. Es ist unbezweifelbar, aber auch unbe-gründbar. Begründbar wäre dieses basale Deutungsschema vielleicht aus einer Perspektive naturalistisch-omnipotenten Wissens um die Genesis der Evolution und ihrer radikal anderen Möglichkeiten. Um so vermessener die völlg notlose inflationäre Vervielfältigung des Begriffs der Wirklichkeit.Google Scholar
  45. 45.
    In unserem Zusammenhang ist vielleicht nicht ganz uninteressant, daß die Schöpfung des Wortes „wirklich“niemand anderem zugeschrieben wird als Meister Eckhart (Ich konnte die Stellen nicht nachprüfen; die Tatsache, daß dies in fast gleichem Wortlaut in diversen Lexika berichtet wird, könnte verdächtig erscheinen). Eckhart habe das Wort „wirklich“gebildet, um übersetzend die lateinischen Ausdrücke realitas und actualitas zusammenzuziehen: Aktualisierung einer inhaltlichen Bestimmheit durch Handeln, im Wirken. Die Abgeschiedenheit der mystischen Kontemplation soll nicht sich selbst genügen, sondern die Werke heiligen. (Vgl. Wehrle-Eggers, Deutscher Wortschatz, Stuttgart; Gerhart Wehr, Meister Eckhart, Hamburg 1989)Google Scholar
  46. 46.
    MoE, S. 51Google Scholar
  47. 47.
    MoE, S. 130Google Scholar
  48. 48.
    MoE, S. 1381Google Scholar
  49. 49.
    MoE, S. 1386Google Scholar
  50. 50.
    MoE, S. 1711Google Scholar
  51. 51.
    MoE, S. 1712Google Scholar
  52. 52.
    Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter, Hamburg 1957, Ders., Zeitbilder, Frankfurt am Main 1986.Google Scholar
  53. 53.
    Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt am Main 1987.Google Scholar
  54. 54.
    Die ausgefeilteste und überzeugendste Ausbildung dieser Variante nach Adorno ist zweifellos in der soziologischen Ästhetiktheorie zu sehen, wie sie von Ulrich Oevermann vorgetragen wird. Soweit ich von ihr Kenntnis habe, ist sie eine permanente Grundierung meiner Ausführungen. Vgl. Ulrich Oevermann, Eugène Delacroix, Biographische Konstellation und künstlerisches Handeln, in: Georg Büchner Jahrbuch N°6, Frankfurt a. M, S. 12–58; Ders., Die Professionalisierung künstlerischen Handelns in der impressionistischen Malerei, Typosscript, Frankfurt a.M. 1982Google Scholar
  55. 55.
    Alfred Schütz hat dies in dem Fragment Sinn einer Kunstform (Musik) im Anschluß an Schopenhauer/Nietzsche und vor allem Bergson verdeutlicht. „Wenn wir uns gewissermaßen in einem Musikstück in der Richtung vom ersten bis zum letzten Ton fortbewegen, und uns, ohne [uns] nur mit außermusikalischen Bewußtseinsvorgängen, Gedächtniserinnerungen und assoziativ gefaßten Vorstellungen und Begriffen beschweren, rein dem musikalischen Fluß hingeben, wenn wir mit anderen Worten die Musik als ein Werdendes erleben, dann kommt es bei der reinen, bei der nicht dramatischen Musik, der nicht von Gebärden, Gesten, Körperbewegungen begleiteten, überhaupt nicht zu einer Vorstellung des Rhythmus. Die Macht der Musik, das Gefühl unmittelbar zu erregen, den Willen aufzuwühlen beruht vorwiegend auf der Möglichkeit, die Melodie gleich wie unsere Dauer als ein beständig Wachsames und Werdendes zu apperzipieren, das uns nicht nötigt, die Richtung zu verlassen, die uns unsere innere Dauer führt. Von Rhythmus können wir erst dann sprechen, wenn wir mitten in diesem vorwärts drängenden Fluß stillstehen, inne halten, unseren Blick nicht mehr nach dem Ablaufenden, sondern nach dem Abgelaufenen richten, nach jener entwordenen Musik, die insofern rythmisch ist, als sie entwurde, so wie Bewegung erst Raum wurde, insofern sie abgelaufen ist.“(Alfred Schütz, Theorie der Lebensformen, Ffm 1981, S.296)Google Scholar
  56. 56.
    Theodor W. Adorno, Einleitung in die Musiksoziologie, Gesammelte Schriften Bd. 14, Frankfurt a.M. 1973, 1990, S. 187Google Scholar
  57. 57.
    Werner F. Korte hat anläßlich seiner Analyse Brucknerscher Kompositionstechniken Beschreibungsversuche von Hörerlebnissen für „völlig nutzlos für die Erkenntnis der autonomen Struktur“der Musik erklärt. (W.F Korte, Bruckner und Brahms. Die spätromantische Lösung der autonomen Konzeption, Tutzing 1963, S. 67) „Alle angebotenen Be-Inhaltungen sind nicht mehr als eifervolle Unterstellungen. Sie bedeuten nur: die subjektiven Reaktionen und zufällige Emotionen der schreibenden Exegeten für den Sinn der Sache auszugeben.“(ibid., S.66) Auf eine Begründung der „Zufälligkeit“von Emotionen wäre ich sehr gespannt. Richtig ist, daß viele Beschreibungen von Bruckners Musik in ihrer gefühlsbombastischen Bedeutungszuschreibung dem Werk nicht gerecht werden. Aber daß eine Stelle einmal für traurig, eine andermal für frivol gehalten würde, ist mir noch nicht untergekommen. Erstaunlich auch, daß es für Korte „zum sinnvollen Hören und Musizieren der Sinfonien Bruckners notwendig“ist, „von dem einzigen Anliegen Brückners zu wissen, das sein Schaffen in Bewegung hielt: das christliche Zeugnis.“(ibid, S. 69) Damit ist aber dem Werk die Autonomie bestritten, denn offensichtlich hat der Autor Bruckners „Anliegen“weder gehört noch in den technischen Analysen dingfest machen können, sondern eine „subjektive Zufälligkeit“zum obersten Bezugsrahmen erklärt. (Der Kortesche Text ist hier zitiert aus: H.H. Eggebrecht, Musik im Abendland, München 1991, S.703f.)Google Scholar
  58. 58.
    Theodor W Adorno, Die musikalischen Monographien, Gesammelte Schriften Bd. 13, Frankfurt am Main 1985, S.152Google Scholar
  59. 59.
    In diese Kerbe schlug z.B. auch Tibor Kneif, wenn er eine von jeder Metaphysik gereinigte Musiksoziologie forderte: „Die Träume der spekulativen, sich dialektisch nennenden Musiksoziologie sind ausgeträumt. Sie waren von Anbeginn Mutmaßungen eines einzelnen, und kein anderer nach dem Tode von Theodor W. Adorno, es sei denn eine Epigone, wird sie wiederholen, kein Empirikerfleiß sie in der Realität jemals auffinden können.“(T. Kneif, Musiksziologie, in: Carl Dahinaus (Hg.), Einführung in die systematische Musikwissenschaft, Köln 1975, S.172). Die Treue zum Prinzip der Überprüfbarkeit von Hypothesen schlägt um in ein Korsett von Denkverboten und entfernt tendenziell das zentrale Problem, nämlich die Erfahrung von Werken, aus der Musiksoziologie (a.a.O, S. 185). Diese als heroische Bescheidenheit getarnte phänomenologische Gebißlosigkeit müßte aber zu einer Umbenennung der Disziplin führen, etwa in: Höhere Demoskopie für akustische Geschmacksfragen. Zwar ist die Frage berechtigt, was in soziologischer Hinsicht beispielsweise von vielen Passagen der Adornoschen Beethovendeutung übrigbleibe, wenn sie einer ideengeschichtlichen Interpretation von Kant und Hegel im Rahmen der historischen Entwicklung der Tauschgesellschaft nichts hinzufügt und die vorausgesetzten Vermittlungswege im Dunkeln bleiben. Doch daraufhin die Generallosung auszugeben, es müsse zur Problemlage vor Adorno zurückgekehrt werden (T. Kneif, a.a.O., S.173), heißt doch nur, ein Sieb unterzuhalten, während der Kritisierte einen Bock melkt.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1997

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  • Michael Wicke

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