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Erzwungene Ästhetik: Repräsentation, Zeremoniell und Ritual in der Politik

  • Hans-Georg Soeffner
Chapter

Zusammenfassung

Angesichts des wortreichen, öffentlichen Kommentierens und Analysierens von Politik gewinnt man den Eindruck, gegenwärtig trete an die Stelle des „Machens von Politik“ mehr und mehr das darüber Reden und Schreiben. So gesehen bestünde wenig Anlaß, das bestehende Überangebot an Geschriebenem noch zu vergrößern — es sei denn, es gäbe für die Diskussion über Politik zunehmend wichtige, aber bisher einseitig und lediglich oberflächlich behandelte Aspekte, über die es sich erneut und genauer nachzudenken lohne. Die „Darstellung von Politik (bzw. der Politiker als Darsteller) im Rahmen und unter dem Diktat einer umfassenden Medienpräsenz“ zählt zu einer solchen Thematik. Sie, wie üblich, wirkungsanalytisch in Formeln und Formen der Einschaltquotenmystik abzuhandeln, ist ebenso einseitig wie der Versuch, sie in die — gegenüber der „harten“ Realpolitik — weichen Wolken der symbolischen Politik auszusiedeln: Das erfolgreiche „Machen von Politik“ enthielt und enthält für den Politiker immer schon und notwendig den Zwang, dem „Macher“ im Darsteller eine sichtbare Gestalt zu verleihen. Aus dieser für politisches Handeln prinzipiell geltenden Konstellation legitimiert sich der folgende Versuch einer soziologischen Anthropologie2 der Darstellung von Politik — ein Versuch, der dementsprechend die „Gegenwartspolitik“ nur am Rande und aus einer aktualitätsdistanzierten, verfremdeten Perspektive in den Blick nimmt.

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Literatur

  1. 1.
    Antrittsvorlesung an der Universität Konstanz am 18. Juli 1995.Google Scholar
  2. 2.
    Wie schon oft habe ich auch diesmal Thomas Luckmann zu danken: Für Ermunterungen, Hilfen und kritische Einwände.Google Scholar
  3. 3.
    Seit Machiavelli konkurrieren im Politikverständnis der Neuzeit zwei Begriffe von ‚Politik‘ miteinander: (1) der aristotelisch-christliche, an der Förderung des Gemeinwohls ausgerichtete und (2) der an Machtbildung und Machtkunst orientierte Politikbegriff. Max Weber, dessen Politikbegriff ich im folgenden übernehme, stellt ähnlich wie Machiavelli analytisch-nüchtern fest: „Wer Politik treibt, erstrebt Macht: Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele (idealer oder egoistischer), — oder Macht um ihrer selbst willen: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen“ (Weber 1971, S. 507). Normative Vorgaben werden bei ihm also aus dem Politikbegriff selbst herausgenommen. In einem umfassenderen gesellschaftlichen Sinne jedoch, so konstatiert Weber, laste „der Fluch kreatürlicher Nichtigkeit auch auf den äußerlich stärksten politischen Erfolgen“ (Weber 1971, S. 548), wenn politisches Handeln nicht als „Dienst an einer Sache“ (Weber 1971, S. 547) betrieben werde: ohne ihn werde Machtpolitik zu einer ‚gänzlich leeren Geste‘. Beide Wurzeln des neuzeitlichen Politikbegriffs sind also auch bei Weber noch gut erkennbar. Die normativen Vorgaben des aristotelisch-christlichen Politikverständnisses (und seiner Nachfolger) werden jedoch analytisch einer anderen Handlungs- und Bewertungssphäre als der spezifisch politischen zugeordnet. Siehe Max Weber, Politik als Beruf, Gesammelte politische Schriften, hrsg. von J. Winckelmann, Tübingen 1971Google Scholar
  4. 4.
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    Ronald Hitzler hat aus diesem Sachverhalt seine Überlegungen zu einer „dramatologischen Anthropologie“ und zu einer „Dramatologie des Politikers“ abgeleitet. Ronald Hitzler, Der Machtmensch. Zur Dramatologie des Politikers, Merkur 45.Jg./3 1991, S. 201–10; DerS., Der Goffmensch. Überlegungen zu einer dramatologischen Anthropologie, Soziale Welt 43 Jg./4 1992, S. 449–61Google Scholar
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    Der weite Bereich der öffentlichen und damit auch der politischen Rhetorik, der systematisch an dieser Stelle zu charakterisieren wäre, bleibt hier — aus Zeitgründen — ausgespart: damit — leider — auch die kaum je sorgfältig beschriebenen Entwicklungen, die innerhalb der politischen Rhetorik durch unterschiedliche mediale Rahmungen neu entstanden sind.Google Scholar
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    In unserem Zusammenhang interessanter als Patzelts Überblick (Werner J. Patzelt, Neuere Repräsentationstheorie und das Repräsentationsverständnis der Abgeordeneten, Zeitschrift für Politik 2, 1991, 166–99), weil konsistenter in der Verknüpfung von Symbol- und Repräsentationstheorie, ist Ronald Hitzlers (R. Hitzler, Der gemeine Machiavellismus, 1994, Habilitationsschrift, MS., S. 1–19) neuerer Versuch, „symbolisierende Politik“ analytisch aus jener zeitkritischen Begrenzung zu befreien, in die Ulrich Sarcinelli diesen Begriff geführt hatte (Ulrich Sarcinelli, Symbolische Politik, Opladen 1987).Google Scholar
  22. 22.
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    Goffman (1973) verwendet diesen Ausdruck — ebenso wie andere Teile der oben zitierten Argumentation — ausschließlich im Zusammenhang unmittelbarer (vis-à-vis) Kommunikation. Ich glaube jedoch, daß man das Argument als ganzes auch auf umfassendere Zusammenhänge anwenden kann.Google Scholar
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    Bei diesen wie bei anderen Arten von Gesinnungsethikem erinnert man sich unwillkürlich an die Worte Max Webers: „In der Welt der Realitäten machen wir freilich stets erneut die Erfahrung, daß der Gesinnungsethiker plötzlich umschlägt in den chiliastischen Propheten, daß z.B. diejenigen, die soeben ‚Liebe gegen Gewalt’ gepredigt haben, im nächsten Moment zur Gewalt aufrufen, — zur letzten Gewalt, die dann den Zustand der Vernichtung aller Gewaltsamkeit bringen würde“ (Weber 1973:177)Google Scholar
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  51. 51.
    Plessner 1981, S. 82Google Scholar
  52. 52.
    Was für die Distanz gegenüber Personen gilt, hat auch Geltung gegenüber Sachverhalten: „Distanzlosigkeit, rein als solche, ist eine der Todsünden jedes Politikers und eine jener Qualitäten, deren Züchtung bei dem Nachwuchs unserer Intellektuellen sie zu politischer Unfähigkeit verurteilen wird“. Was sonst noch als diese Feststellung Webers könnte man Betroffenheitspolitikern der Gegenwart entgegenhalten? Nur noch die ergänzende Einsicht Webers: „Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele“ (Weber 1973, S. 168).Google Scholar
  53. 53.
    Ich übertrage hier forciert einen Teil der Argumentation, die Plessner für jedes Individuum „im öffentlichen Austausch“ (Goffman) entwickelt auf Distanz- und Absicherungsformen des Politikers.Google Scholar
  54. 54.
    Plessner 1981, S. 85Google Scholar
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    Weber 1973, S. 169Google Scholar
  56. 56.
    Plessner 1981, S. 87Google Scholar
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    Der Prestigebegriff, so wie er hier von mir in Anlehnung an Plessner verwendet wird, läßt sich — im Bereich alltäglicher Interaktion — gut mit Goffman’s Image-Konzept verknüpfen.Google Scholar
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    Plessner 1981, S. 96Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Hans-Georg Soeffner

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