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“Herrschaft der Parteien”? Die Konkurrenzdemokratie

  • Heidrun Abromeit
Chapter

Zusammenfassung

Die Konkurrenzdemokratie — sprich das politische System, das auf Parteienkonkurrenz basiert — gilt weiten Teilen der Politikwissenschaft als Optimalfall real existierender Demokratie. Als ihr Idealtyp wiederum gilt das Zweiparteiensystem, präziser die “mechanics of twopartism” (Sartori), wonach es weniger auf die Gesamtzahl der Parteien ankommt als darauf, daß zwei Großparteien um die Regierungsmacht konkurrieren, daß die stete Wahrscheinlichkeit des Regierungswechsels besteht (also keine von beiden über eine Hegemonialposition verfugt) und daß keine von beiden zwecks Regierungsbildung auf Koalitionspartner angewiesen ist. Die Minderheitspartei kann sich hier jederzeit die Chance ausrechnen, selbst zur Mehrheit zu werden, was die Vorbedingung für die Akzeptanz der Mehrheitsherrschaft ist. Zum Idealtyp gehört ferner — auf der institutionellen Seite — die generelle Gültigkeit der (einfachen) Mehrheitsregel, d.h. das Mehrheitswahlrecht sowie die Mehrheitsentscheidung in den relevanten Institutionen des gesamtgesellschaftlichen Entscheidungssystems.

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Literatur

  1. 1.
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  3. 3.
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  12. 12.
    Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei den Unterhauswahlen 1992 gewann der Labour-Kandidat den Wahlkreis Coventry East mit gut 11.000 Stimmen; sein Gegenkandidat von den Konservativen sowie einer, der unter “Independent Labour” firmierte, errangen jeweils über 10.000 Stimmen, und auch für den Liberalen Kandidaten fielen noch einige Stimmen ab.Google Scholar
  13. 13.
    Das erklärt den Stoßseufzer Giovanni Sartons (a.a.O., S.185): “We are seemingly approaching the paradox of having the most celebrated type of party system running out of cases.”Google Scholar
  14. 14.
    Vor 1965 wurde nicht formell abgestimmt: Der Parteiführer “emerged”, d.h. die Führung erwuchs aus informellen Meinungsbildungsprozessen. Erst seit 1975 muß der Parteiführer sich im übrigen jährlich der Wiederwahl stellen.Google Scholar
  15. 15.
    Das “contracting out” wurde im Gewerkschaftsgesetz von 1984 leicht modifiziert. Seither muß die Gewerkschaftsführung alle 10 Jahre die Zustimmung der Mitglieder zur “Affilierung” einholen.Google Scholar
  16. 16.
    Zu den Zahlen s. Roland Sturm: Großbritannien, Opladen 1991, S.244ff.Google Scholar
  17. 17.
    Da sich unter ihnen vielfach Linke und “militants” finden, gilt dieser Teil der Partei als die “Outside Left”.Google Scholar
  18. 18.
    Ohnehin gilt die Organisation der CBI Beobachtern als “a somewhat chaotic system” (Wyn Grant/David Marsh: The Confederation of British Industry, London 1977, S.55).Google Scholar
  19. 19.
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  20. 20.
    Nach Berechnungen von Richard Rose lag er in den 70er Jahren bei den Konservativen bei 77%, bei Labour bei 54% (Do Parties Make a Difference?, 2.Aufl., London 1984, S.65).Google Scholar
  21. 21.
    S. S.E. Finer: Adversary Politics and Electoral Reform, London 1975, S.16; Michael Stewart: Politics and Economic Policy in the UK since 1964. The Jekyll and Hyde Years, Oxford 1978.Google Scholar
  22. 22.
    In Zusammenziehung der Premier-Namen Butler (Konservative) und Gaitskell (Labour) wurde diese konsensuale Politk mit dem Namen “Butskellismus” belegt.Google Scholar
  23. 23.
    S. hierzu Heidrun Abromeit: “Kontinuität oder ‘Jekyll-and-Hyde-Politik’: Staatshandeln in der Schweiz und in Großbritannien”, in: Heidrun Abromeit/Werner Pommerehne, Hg.: Staatstätigkeit in der Schweiz, Bern 1992, S. 179ff.Google Scholar
  24. 24.
    S. Heidrun Abromeit: “Mehrheits- und konkordanzdemokratische Elemente im politischen System der Bundesrepublik Deutschland”, in: ÖZP 89/2, S. 165–180.Google Scholar
  25. 25.
    So erstmals Jean Blondel: “Party Systems and Patterns of Government in Western Democracies”, in: Canadian Journal of Political Science 1, 1968, S.184ff.Google Scholar
  26. 26.
    Auch die Etablierung der Grünen wurde schon als Indiz bedrohlicher Zersplitterung gewertet; s. bes. Rudolf Wildenmann: Volksparteien. Ratlose Riesen?, Baden-Baden 1989.Google Scholar
  27. 27.
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  28. 28.
    S. Wilhelm Bürklin: Wählerverhalten und Wertewandel, Opladen 1988, S.69ff.Google Scholar
  29. 29.
    Zu diesem Prozeß s. Wolf-Dieter Narr: CDU — SPD. Programm und Praxis seit 1945, Stuttgart 1966.Google Scholar
  30. 30.
    Die Zahl der “politischen”, also der Auswechslung offenstehenden Beamtenpositionen soll sich 1992 auf über 1000 belaufen haben.Google Scholar
  31. 31.
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  32. 32.
    Parties and Party Systems, a.a.O.Google Scholar
  33. 33.
    “Relevant” sind Parteien, deren bloße Existenz die Taktiken im Wettbewerb der übrigen Parteien beeinflußt bzw. die Richtung des Parteienwettbewerbs verändert (ebenda, S.123).Google Scholar
  34. 34.
    S. hierzu Gunnar Sjöblom: Party Strategies in a Multyparty System, Lund 1968, S. 179.Google Scholar
  35. 35.
    Giuseppe di Palma: Surviving without Governing, Berkeley 1977.Google Scholar
  36. 36.
    S. dazu Joseph La Palombara: Die Italiener oder Demokratie als Lebenskunst, Wien 1988, S.25; Theodor Wieser/Frederic Spotts: Der Fall Italien, Frankfurt a.M. 1983, S.103fGoogle Scholar
  37. 37.
    Über die Zulässigkeit des Referendums entscheidet vorweg der Verfassungsgerichtshof; beschließen beide Kammern des Parlaments ein Gesetz mit Zweidrittelmehrheit, kann es nicht mehr zur Volksabstimmung gestellt werden.Google Scholar
  38. 38.
    S. bes. Paolo Farneti: The Italian Party System, London 1985, S.18ff.Google Scholar
  39. 39.
    Ebenda, S.181ff.Google Scholar
  40. 40.
    S. Wolfgang Merkel: “Polarisierung oder Depolarisierung, Zentrifugalität oder -petalität?”, in: Jürgen Falter/Christian Fenner/Michael Greven, Hg.: Politische Willensbildung und Interessenvermittlung, Opladen 1984, S.226–236.Google Scholar
  41. 41.
  42. 42.
    Daneben gilt es eine Reihe kleinerer “autonomer”, zumeist berufsgruppenspezifischer Gewerkschaften, die namentlich verschiedene Sphären des öffentlichen Dienstes vertreten.Google Scholar
  43. 43.
    S. Michael Braun: Die italienischen Gewerkschaften und die Kommunistische Partei in der “Nationalen Solidarität” (1976–1979), Frankfurt a.M 1992.Google Scholar
  44. 44.
    So Wieser/Spotts, a.a.O., S. 129.Google Scholar
  45. 45.
    La Palombara, a.a.O., S.212, 217.Google Scholar
  46. 46.
    “Party Government in Italy: Achievements and Prospects”, in: Katz, Hg., a.a.O., S.212.Google Scholar
  47. 47.
    di Palma, a.a.O., S.254ff.Google Scholar
  48. 48.
    S. Pasquino, a.a.O., S.228.Google Scholar
  49. 49.
    Vgl. Die ZEIT v. 12.3.1992. “Pizzo” heißt Schmiergeld.Google Scholar
  50. 50.
    S. bes. den Federalist No. 10 von James Madison.Google Scholar
  51. 51.
    1801 bis 1829 dominierten die “alten” (Jeffersonian) Republicans, 1829 bis 1861 die Jacksonian Democrats, 1861 bis 1933 die neuen Republikaner, 1933 bis 1960 (nicht ganz so eindeutig) die Demokraten. Zu der Periodisierung s. Dean McSweeney/John Zvesper: American Political Parties, London/New York 1991, S.59f.Google Scholar
  52. 52.
    Friedrich Engels erschienen die amerikanischen Parteien darum als “zwei Banden von politischen Spekulanten, die abwechselnd die Staatsmacht in Besitz nehmen und mit den korruptesten Mitteln und zu den korruptesten Zwecken ausbeuten” (zitiert in: Hartmut Wasser, Hg.: USA, Opladen 1991, S.97).Google Scholar
  53. 53.
    McSweeney/Zvesper, a.a.O., S.100. S. auch Leon D. Epstein (Political Parties in the American Mold, Wisconsin 1986, S.144): “an army of officers without privates to fill its ranks”.Google Scholar
  54. 54.
    Ebenda, S. 114.Google Scholar
  55. 55.
    Der Election Campaign Act von 1974 begrenzt sogar die Mittel, die die Parteien selbst an die Kandidaten zahlen dürfen. Der Anteil der Wahlkampffinanzierung, den die Parteien leisten, ist darum auf 16% bei Repräsentanten und 15% bei Senatoren gesunken (Zahlen von 1984; s. Christine Landfried: Parteifinanzen und politische Macht, Baden-Baden 1990, S.160).Google Scholar
  56. 56.
    Vgl. Hans J. Kleinsteuber: Die USA, 2.Aufl., Hamburg 1984, S.58.Google Scholar
  57. 57.
    Zu den Zahlen vgl. Jürgen Hartmann: Verbände in der westlichen Industriegesellschaft, Frankfurt/New York 1985, S. 173ff.Google Scholar
  58. 58.
    S. Epstein, a.a.O., S.85.Google Scholar
  59. 59.
    William Crotty: The Party Game, New York 1985, S. 132.Google Scholar
  60. 60.
    Er nimmt vor allem deshalb an Bedeutung im Patronage-System zu, weil mit zunehmender Professionalisierung der Verwaltung Patronage im Kernbereich der Ministerialverwaltung schwierig geworden ist.Google Scholar
  61. 61.
    Epstein, a.a.O., S. 118.Google Scholar
  62. 62.
    Definiert man “party unity votes” als Abstimmungen, in denen mindestens 90% der Repräsentanten/Senatoren einer Partei einheitlich votieren, schwankt ihr Anteil an den Kongreß-Ab-stimmungen zwischen 3% (Senat) und 7% (Repräsentantenhaus). Vgl. McSweeney/Zvesper, a.a.O., S. 172.Google Scholar
  63. 63.
    Ebenda, S. 162.Google Scholar
  64. 64.
    Zu deren Problematik s. Hans J. Kleinsteuber: Staatsintervention und Verkehrspolitik in den USA: Die Interstate Commerce Commission, Stuttgart 1977.Google Scholar
  65. 65.
    S. u.a. William J. Crotty/Gary C. Jacobson: American Parties in Decline, Boston/Toronto 1980.Google Scholar
  66. 66.
    Crotty: The Party Game, a.a.O., S. 180.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1993

Authors and Affiliations

  • Heidrun Abromeit

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