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Zum Begriff des Interesses und zum Problem seiner Vermittlung

  • Heidrun Abromeit
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Zusammenfassung

So zentral wie das Individualinteresse für die bürgerliche Gesellschaft ist der Begriff des Interesses für die Gesellschaftstheorie. Er steht für das Konzept, gesellschaftliche Imperative fest im Individuum zu verankern. Im Mittelalter hatte die kirchliche Herrschaft dies mit Tugendlehren zu erreichen versucht, die deshalb chronisch erfolglos blieben, weil sie die natürlichen, selbstsüchtigen Antriebe des Menschen als “Leidenschaften” brandmarkten und bekämpften.1 Die neuzeitliche Gesellschaftslehre (deren Anfange sich, für unseren Zusammenhang, bei Niccolo Machiavelli ansiedeln lassen) zeichnet sich demgegenüber dadurch aus, daß sie von der “wahren Natur” des Menschen, nicht von einem anzustrebenden Idealbild ausgeht — insofern also realistisch ist —, daß sie auch seine Leidenschaften und Laster akzeptiert, ja sogar instrumentalisiert und daß sie nach Methoden der Regelung menschlichen Verhaltens sucht, die ohne Zwang, Repression und Umerziehung auskommen. Dazu — das war gewissermaßen der theoretische Trick — wurde aus dem weiten Bereich menschlicher Leidenschaften ein Kernbereich herausdestilliert, dem ein Element von Kalkulierbarkeit und Rationalität zugeschrieben werden konnte und der geeignet erschien, den Menschen zu vorsichtigem Handeln anzuleiten und damit die übrigen Leidenschaften in Schach zu halten: eben die Interessen.

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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1993

Authors and Affiliations

  • Heidrun Abromeit

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