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Überwindung von Ethnozentrismus und Eurozentrismus

  • Wolfgang Nieke
Part of the Reihe Schule und Gesellschaft book series (SUGES, volume 4)

Zusammenfassung

Aus der Unvermeidlichkeit der weltweiten Wanderungen und der Zuwanderung hierzulande folgt nicht notwendig eine Zustimmung zu einer dauerhaft multikulturellen Gesellschaft. Den Zuwanderern kann auch eine Assimilation bis zur Unauffälligkeit zugemutet werden, ausgedrückt in dem häufig geäußerten Deutungsmuster „Wer hier lebt, muß sich anpassen“. Dieses „muß“ drückt die Abwehr einer Befremdung aus, die sich weniger auf die äußere Andersartigkeit der Zugewanderten bezieht — diese Andersartigkeit wirkt nur als Signal für die tieferliegende Beunruhigung -, sondern vielmehr auf das Infragestellen der eigenen Lebenswelt durch die selbstverständlich vorgelebte andere Lebenswelt, in der einiges im Widerspruch zu den eigenen Selbstverständlichkeiten und Wertüberzeugungen steht. Entweder die eigenen Überzeugungen sind richtig — und bleiben auch in einer solchen Konfrontation in Geltung — oder die fremden. Da die Macht sehr ungleich verteilt ist, wird dieser Konflikt dadurch gelöst, daß die eigenen Lebensvorstellungen der Majorität ungefragt in Geltung belassen werden und den fremden Lebensweisen der Zuwanderer auferlegt wird, sich so anzupassen, daß Widersprüche und Konflikte verschwinden. Als Ausdruck einer solchen Anpassung der Lebensvorstellungen, einer solchen Akkulturation, wird dann auch eine Anpassung der äußeren Präsentation verlangt: „das Kopftuch muß verschwinden!“

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Literatur

  1. 1.
    Auf die Begriffsgeschichte geht Bürki 1977 ein. Die Einführung des Begriffs wird William Graham Sumner zugeschrieben, der in seinem 1907 erschienen Buch Folkways eine Definition gibt (S. 12 f.), die etwa Tajfel 1982 (S. 232) zitiert.Google Scholar
  2. 2.
    Das diskutiert Elvin Hatch 1983 für die Ethnologie unter anderem am Beispiel des Kannibalismus.Google Scholar
  3. 3.
    Es gibt eine hintersinnige Parabel vom Tausendfüßler, der unentrinnbar ins Stocken gekommen sein soll, als er gefragt wurde, wie er es denn mache, mit seinen vielen Füßen nicht ins Stolpern zu geraten.Google Scholar
  4. 4.
    Die Formulierung lehnt sich an die philosophische Tradition des Agnostizismus an, der bei strittigen Fragen — etwa ob die Existenz Gottes bewiesen werden könne — die Position einnimmt, daß aus dem Umstand, daß etwas nicht positiv erwiesen oder eindeutig widerlegt werden könne, keine Schlüsse gezogen werden dürfen: in einer solchen Situation müssen alle Alternativen als gleich möglich zugestanden werden — bis zu einem Zeitpunkt besserer Erkenntnis.Google Scholar
  5. 5.
    So gelten etwa im Hinduismus die Menschen auf Grund ihres von Geburt an geltenden und von den Eltern übernommenen und während des Lebens nicht veränderbaren varna explizit als ungleich; darauf ist das traditionale System der Zugehörigkeit zu gegeneinander streng abgegrenzten sogenannten Kasten in Indien gegründet.Google Scholar
  6. 6.
    Dieser Vergleich einer Situierung in einer Kultur mit dem Sitzen in einem Eisenbahnzug mag etwas hergeholt erscheinen; er knüpft vermutlich an ein berühmtes Vorbild an, nämlich einen ganz entsprechenden Vergleich, mit dem Albert Einstein seine Spezielle Relativitätstheorie zu erläutern und anschaulich zu machen suchte.Google Scholar
  7. 7.
    Sehr deutliche Äußerungen dieses Deutungsmusters finden sich in dem Interview von Werner Graf (1984) mit zwei rechtsradikalen Jugendlichen.Google Scholar
  8. 8.
    So lautet der Titel einer Darstellung der rechtlichen und politischen Situation von Ausländern in der Bundesrepublik Deutschland von Haris Katsoulis (1984). Obzwar das neue Ausländergesetz von 1990 in einigen Punkten eine Verbesserung der Rechtssituation für länger hier lebende Arbeitswanderer gebracht hat, bleibt dennoch der Grundcharakter bestehen, und dies durchaus mit der Absicht, unerwünschte Zuwanderer auf Grund ihres Rechtsstatus als Ausländer wieder abschieben zu können.Google Scholar
  9. 9.
    Für besonders gelungen gehaltene Sendungen werden von der Bundesbeauftragten für ausländische Arbeitnehmer prämiiert, um als Vorbild für weitere Anstrengungen zu wirken.Google Scholar
  10. 10.
    Diese Konsequenz legt etwa der Ansatz von Ulrich Wagner (1983) nahe.Google Scholar
  11. 11.
    Einen „kulturrelativistischen Agnostizismus Diltheyscher Provenienz“ wirft Vittorio Hösle (1986) Glasenapps Kritik an Hegels eurozentrischer Kritik an der Moralität der indischen Kultur vor. Im übrigen ist Hösles Beitrag ein eindringliches Beispiel für einen entschiedenen, ja geradezu trotzigen Eurozentrismus.Google Scholar
  12. 12.
    Dort ist sie zwar weiterhin dominant, es gibt jedoch auch Versuche, den absoluten Relativismus zu überwinden. Eine Übersicht über die aktuellen Strömungen gibt Marvin Harris (1989) im Anhang zur Geschichte der Kulturtheorien in seiner Einführung in die Kulturanthropologie.Google Scholar
  13. 13.
    Ein solcher Ethnozentrismus wird auch für den internationalen und damit interkulturellen Vergleich etwa von Bildungs- und Hochschulsystemen konstatiert und zum Problem erklärt. So kritisiert etwa Pierre Bourdieu 1988 den Ethnozentrismus einer US-amerikanischen Untersuchung, welche „die französische Universität an einer Reihe unanalysierter Kriterien mißt, die nichts anderes sind als idealisierte Merkmale der amerikanischen Universität“ (S. 15). In einer solchen selbstverständlichen Voraussetzung, daß Bestandteile der eigenen Weltsicht universal gültig seien, besteht der methodische Hauptfehler ethnologischer und kulturvergleichender Untersuchungen in der Wissenschaft, aber auch in alltäglicher interkultureller Kommunikation geschieht dasselbe und führt zu Mißverständnissen, Befremdung und daraus resultierender Ablehnung der jeweils anderen Kultur.Google Scholar
  14. Im übrigen war auch schon der „geisteswissenschaftlichen“ Richtung in Philosophie und Pädagogik der unvermeidliche Relativismus auch jeder wissenschaftlichen Theoriebildung bewußt. Ihre Denker sahen diesen Relativismus in der weltanschaulichen Eingebundenheit jedweder Art, die Welt wahrzunehmen und zu denken. Das stellt Eckard König (1975, I, S. 114 f.) etwa für Wilhelm Dilthey und seine Schüler heraus.Google Scholar
  15. 14.
    Ursprünglich wurde Ethnozentrismus zur Bezeichnung der Eingebundenheit des Denkens und Wertens auf die jeweilige Kultur vor allem im Blick auf die untersuchten Kulturen verwendet. Die reflexive Anwendung dieses Konzepts auf sich selbst, auf die Kultur, der die Forscher selbst angehörten, war der zweite Schritt.Google Scholar
  16. 15.
    So argumentiert auch Alexander Mitscherlich auf der Grundlage der Psychoanalyse: „Je weniger alte Verhaltensweisen Sicherheit zu geben vermögen, desto stärker die regressiven Tendenzen und in ihnen der Durchbruch primitiver Triebäußerungen, insbesondere aggressiver Art.“ (1973, S. 250)Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Nieke

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