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Über Emanzipation, Frauenbewußtsein und Soziologie

  • Helga Milz
Chapter
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Part of the Sozialwissenschaftliche Studien book series (SWS, volume 30)

Zusammenfassung

Gegenstand dieser Arbeit sind etwa 60 empirische Untersuchungen zum Frauenbewußtsein in Deutschland, die zwischen 1910 und 1990 durchgeführt wurden. Sie werden nach Jahresdekaden gruppiert und einer kritischen Sekundäranalyse unterzogen, die den Versuch macht, emanzipationstheoretische Deutungsmuster in ihrem zeitgenössischen Kontext zu dechiffrieren. Identifizierte “Soll-Bruchstellen” der untersuchten Auswer-tungs- und Ergebnispräsentationen sind die Basis für eine Neuinterpretation des Materials: Verfolgt wird, was Frauen wollen, weniger, was sie sollen.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. z.B. Bebel 1923 zum Egalitätskonzept “Emanzipation durch Erwerbsarbeit”.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Hausen 1990:268ff. Hier wird der Differenzansatz erklärt und ausdrücklich auf die Geschlechtsspezifik von Arbeit und Kultur zurückgeführt. Der Differenzansatz gründete zunächst auf angeborenen/natürlichen Unterschieden und formulierte das Konzept der Ergänzung bzw. Komplementarität beider (Ehe-)”Hälften”.Google Scholar
  3. 3.
    Stellvertretend für die zahlreichen Beiträge vgl. die Dokumentation der großen internationalen Debatte zu Differenz und Gleichheit von Gerhard u.v.a. 1990.Google Scholar
  4. 4.
    Rossanda 1990:15; vgl. Libreria 1988.Google Scholar
  5. 5.
    Die Unterscheidung von sex and gender hat in der deutschen Sprache keine griffigere Entsprechung als die vom biologischen und sozialen Geschlecht.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. dazu die kritische Abhandlung von Claudia Honegger 1991 sowie ihren Kongressbeitrag zu “Gleichheit und Differenz” in Gerhard u.a. 1990:241ff.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. dazu z.B. Arendt 1981.Google Scholar
  8. 8.
    Gemeint sind jene vorwissenschaftlichen Kategorien einer Polarisierung der Geschlechtscharaktere, die auf Basis der psycho-physiologischen Frauenkunde (“Getast” und Leichenschau) entdeckt und mit unterschiedlichen anatomischen/organischen Erscheinungen begründet werden. Die frühe Gynäkologie schließt von der Organschau auf gegensätzliche Verhaltensweisen der Geschlechter, z.B. aktiv-passiv, irritabel-sensibel; vgl. Honegger 1991:200ff.Google Scholar
  9. 9.
    Auch das Theorem “Gemeinschaft — Gesellschaft” wird von Tönnies dem weiblichen Wesenswillen und männlichen Kürwillen zugeordnet; vgl.Tönnies 1887 (1935).Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. Bock 1989:94ff. Aber ist die real existierende Differenz zwischen Frauen- und Männerwelten zu beheben, ohne sie direkt aufzugreifen und zu bearbeiten?Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Raschke 1985:34ff., 40.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Köhn/Milz/Ralfs/Pieper 1986.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Gerhard/Schlüpmann 1984:5ff.; Wobbe 1990.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. dazu die eindrucksvolle literaturwissenschaftliche Studie von Blinn 1984:11ff; Gerhardt 1986:58ffGoogle Scholar
  15. 15.
    Vgl. Kulke 1990:71ffGoogle Scholar
  16. 16.
    Vgl. die eher versöhnliche Kombination der Konzepte von Prengel 1990:120ffGoogle Scholar
  17. 17.
    Es gibt immer noch Beiträge, die den Differenzansatz als biologische Differenz mißverstehen und kluge Traktate über angeborene Gleichheit schreiben. Für wen? Es geht heute um die kulturell angeeignete, erworbene, aufgenötigte Ungleichheit von männlichen/weiblichen Sozialcharakteren, um strukturelle Vorgaben und Muster, die das soziale Lernen und Handeln determinieren und Menschen qua Geschlecht sortieren, um sie auf zwei verschiedene Gleise zu schieben.Google Scholar
  18. 18.
    Foucault 1991:9ff. Die materielle Realität des Diskurses manifestiert sich als “gesprochenes und geschriebenes” Ding. Im Schreiben oder Sprechen über das Frauenbewußtsein sind immer bereits spezifische diskursive Befangenheiten vorhanden, die die Vorstellungen und Wahrnehmungen durchdringen. Bei der Untersuchung der theoretischen Konstruktionen der Forscherinnen wird nicht nur die Organisation des Wissens als Form rekonstruiert, sondern auch die Praxis der Diskursproduktion, also der genealogische Aspekt der Hervorbringung des Diskurses über das Frauenbewußtsein.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. Modelmog 1989 als Beispiel für eine zustimmende Rezeption von Schelskys Theorie einer familienzentrierten Orientierung von Frauen.Google Scholar
  20. 20.
    Bis heute liegt eine immense Zahl empirischer Beiträge zum Frauenbewußt-sein vor. Bemerkenswert ist eine Kumulation um 1910 und 1930, um 1955 und 1970. Dazwischen flauen die Forschungs- und Publikationsaktivitäten über eine längere Sequenz von Jahren regelmäßig ab. Seit 1980 ist wieder eine “Sogwirkung” zu beobachten.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. dazu z. B. die Sekundäranalyse von Heinz 1971; Kulke 1991:595ff.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Heinz 1971; Müller 1986:628ff.Google Scholar
  23. 23.
    Immer geht es auch um Wesensfragen, Naturnähe und Natürlichkeit und vor allem um eine Verquickung von Weiblichkeit mit Mutterschaft. Das proletarische Fabrikmädchen darf weibliche Reize nur dann einsetzen, wenn der Adressat für Ehe und Mutterschaft der Richtige ist; vgl. Franzen-Hellersberg 1932.Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. die unverstellte Präsentation von weiblichen “Eigenschaftskomplexen” bei Zahn-Harnack 1924:14–16. Hier wird auf sehr plastische Weise deutlich gemacht, daß “gute Frauenkräfte” in dem Moment ins Negative, in vermeintlich ungeeignete, nachteilige, unweibliche Eigenschaften umschlagen, in dem sie beruflich eingesetzt werden. Ein Beispiel für diese Um-/Doppel-bewertung aus jüngster Zeit findet sich bei Negt/Kluge 1982: Frauen stehen in einem “Zerreißungsprozeß” (320), sind einerseits im Zentrum des “integralen Programms” von Beziehungsgeschehnissen angesiedelt, andererseits Objekt/Subjekt von Kolonialisierungsvorgängen. Auch die inzwischen berühmt-berüchtigte Formel von Habermas, der auf weibliche Kontrasttugenden verweist, verleiht dieser Doppelung, die zur Doppeldeutigkeit führt, wenn sie “aus dem Hause tritt”, Ausdruck; vgl. Habermas 1988:578ff.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. Habermas 1988:578ff; Er identifiziert Intuition, Einfühlsamkeit, Ex-pressrvität, Latenz, Geduld als gängige Vorstellungen über weibüche Grundorientierungen, ohne diese, wie oft behauptet wird, ausschließlich und allein Frauen zuzuschreiben. Vgl. Negt/Kluge 1982:321. Sie votieren, wie einst Marcuse, dringend dafür, die Traditionalismen weiblichen Denkens und Verhaltens als potentielle Widerständigkeiten zu bewahren gegen technologischen Fortschritt und durchrationalisierte Modernität.Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Landweer 1990:37.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Alemann 1985:3ff.Google Scholar
  28. 28.
    Unter dem Begriff “alternative” Bewältigungsform wird die Entscheidung für den einen oder anderen Bereich, Familie oder Beruf, verstanden, “diachron” ist das Nacheinander, “synchron” die gleichzeitige Bewältigung von Familie und Erwerbstätigkeit.Google Scholar
  29. 29.
    Das gilt im Prinzip auch für lesbische Lebensentwürfe, die in dieser Arbeit allerdings nicht explizit untersucht werden. Ich verlasse den Rahmen einer heterosexuell grundierten Lebensgestaltung nicht, weil keine empirischen Untersuchungen über das Bewußtsein von Lesben vorliegen. Wir können nur vermuten, daß diese Frauen unter den eher erwerbsfreudigen und vorantreibenden Kräften stark vertreten sind.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. Metz-Göckel 1983.Google Scholar
  31. 31.
    Ich verwende if. den Begriff “Dekade” für die Jahrzehnteinteilung.Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. Arnold 1983:894.Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. Giddens 1976:142, der von “frames of meaning” als einem Deutungsrahmen spricht und damit explizit wissenschaftliche Bedeutungskonstruktionen beschreibt, die durch hermeneutische Prozesse erschließbar sind.- Zur industriesoziologischen Debatte um den Ertrag des “Deutungsmu-steransatzes” für die Arbeiter-Bewußtseinsforschung, die sich noch wenig um die diversen Ebenen schert, vgl. Neuendorff 1980 und das Kapitel 6.1. dieser Arbeit.Google Scholar
  34. 34.
    Die Dekadeneinteilung bietet sich an, weil die Ergebnisse der Studie von Angelika Willms-Herget über Re-/Deintegrationsprozesse von Frauen in den Arbeitsmarkt bei der kritischen Würdigung der hier analysierten Beiträge durchgängig herangezogen werden. Diese Arbeit basiert auf einer Kohortenanalyse, und die Dekadenaufteilung folgt diesem Zeitrhythmus.Google Scholar
  35. 35.
    Es gibt nur sehr wenige Untersuchungen, die in diesem Zeitraum erstellt werden. Die frühen Studien dominieren die Debatte bis cirka 1930.Google Scholar
  36. 36.
    In der westdeutschen Soziologie nach 1945 wird der besonders ergiebige Beitrag von Franzen-Hellersberg vergessen bzw. nur am Rande vermerkt.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Helga Milz

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