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Anpassungsfähigkeit und funktionale Verflechtung

  • Walter L. Bühl

Zusammenfassung

Die Adaptivität und Entwicklungsfähigkeit eines politischen Systems (und in diesem Rahmen die Effektivität und Effizienz einer Regierung) läßt sich nicht einfach aus einer Summe von einzelnen Faktoren bestimmen, wie etwa dem Wachstum des Bruttosozialprodukts oder der Amtsdauer und Stabilität der Regierungen. Entscheidend ist vielmehr, daß die Fungibilität und Beweglichkeit der für ein System charakteristischen Faktorkombination aufrechterhalten oder verbessert werden kann, so daß auch bei dramatischen Umweltveränderungen oder auch einem Wechsel der internen Führungskoalition ein fließender Übergang in eine andere Konfiguration möglich ist und nicht gleich der Zusammenbruch des ganzen Systems heraufbeschworen wird. Daß überhaupt solche Übergänge in der Konfiguration der kritischen Produktionsfaktoren, in der sektoralen und regionalen Spezialisierung von Wirtschaft und Industrie, aber auch in der Rekrutierung des Führungspersonals der Parteien und Verbände, des Industriemanagements und der Regierung stattfinden können, setzt jedoch einerseits eine offene und gelegentlich sogar heterogene Kombination von produktiven und redistributiven Maßnahmen, von Marktregulationen und Staatseingriffen, von technischen Innovationen wie von sozialen Absicherungen voraus, andererseits aber auch eine multiple und flexible, nicht zu feste Koppelung dieser Elemente und Organisationsprinzipien. Variabilität und lose Koppelung sind die strukturellen Bedingungen des sozialen Wandels.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Armanda R. Tillotson (1989), S. 342 ff.Google Scholar
  2. 2.
    Peter J. Katzenstein (1985), S. 29.Google Scholar
  3. 3.
    Kent E. Calder (1988), S. 466.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Katzenstein (1985), S. 48ff.; Manfred G. Schmidt (1983), S. 13.Google Scholar
  5. 5.
    Manfred G. Schmidt (1983), S. 14 f. Dies gilt wenigstens in bezug auf soziale Transferzahlungen, weniger für den Anteil der Konsumausgaben. Vgl. Julia S. O’Connor (1988), S. 294 f. Insoweit es um die zukünftige Wirtschaftsentwicklung geht, ist es jedoch sehr fraglich, ob erhöhte Ausgaben für öffentliche und soziale Dienste wirklich produktiv sind. Wenn von Peter Lange / Geoffrey Garrett (1985) die konditionale Hypothese aufgestellt wird (S. 822), daß bei starken und einigen Gewerkschaften in Verbindung mit sozialistisch geführten Kabinetten ein positiver Wachstumseffekt festzustellen sei, so hat dies offenbar weniger mit Ideologie und Parteiprogramm als mit dem Machtspiel und der Verhandlungsstärke der Beteiligten zu tun: Nur bei einer fest im Sattel sitzenden sozialistischen Regierung können sich Gewerkschaften, wenn sie gut organisiert sind, auf einen Lohnverzicht einlassen; denn dann kann sich eine Produktivitätserhöhung für sie später auszahlen; im anderen Fall bleibt die — unter Umständen schmerzhafte und zunächst wachstumshemmende — Regulation dem Markt überlassen. Auch nach den sehr umfassenden Statistiken von Alberto Alesina (1989) ist die Korrelation zwischen den volkswirtschaftlichen Ergebnissen und der parteimäßigen Zusammensetzung der Regierungen nur transitorisch und auf die Anfangszeit der Regierung beschränkt. Konservative Regierungen beginnen typischerweise mit einer Zeit unterdurchschnittlichen Wachstums, einer Zunahme der zyklischen Arbeitslosigkeit und einer Verminderung der Inflationsrate; umgekehrt sind meist die Verhältnisse am Beginn einer linksorientierten Regierung. In der späteren Phase der Regierungszeit aber verschwinden gewöhnlich die Unterschiede im realen Wachstum, wenngleich die Inflationsrate bei linken Regierungen in der Regel höher bleibt (S. 86).Google Scholar
  6. 6.
    Zum Überblick vgl. die Besprechungsartikel von Alexander Hicks (1988); Michael Loriaux (1989).Google Scholar
  7. 7.
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  8. 8.
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  9. 9.
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    Vgl. Peter A. Hall (1986), S. 232 ff.Google Scholar
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  16. 16.
    Streeck/Schmitter(1985),S. 126.Google Scholar
  17. 17.
    Vor allem fehlt auch dem neokorporatistischen Regulationssystem das notwendige Steuerungswissen für eine langfristige Entwicklung. Vgl. Manfred E. Streit (1988), S. 617 f.Google Scholar
  18. 18.
    Dies ist schon die Kritik von Zysman an Katzenstein (1983), S. 347 ff., Anm. 23; vgl. auch Hicks (1988), S. 135 ff. Zur empirischen Überprüfung vgl. Franz Lehner (1988), S. 88; ebenso: Manfred G. Schmidt (1982), S. 160 f.; Francis G. Castles (1982), S. 85 ff.Google Scholar
  19. 19.
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  26. 26.
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  28. 28.
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    Katzenstein (1985), S. 131.Google Scholar
  30. 30.
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  31. 31.
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  32. 32.
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  33. 33.
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  40. 40.
    So Claus Offe (1987, S. 317): „Ein denkbarer Ausweg aus dem beschriebenen Dilemma zwischen dem Niedergang staatlicher Souveränitätsstrukturen und der Unverzichtbarkeit einer zur ‚Gesamt-verantwortung‘ kompetenten Instanz gesellschaftlicher Steuerung könnte im Prinzip darin gesehen werden, daß der Staat zwar den (aussichtslosen) Versuch aufgibt, sich selbst als leitende, planende und regulierende Spitze mit Gesamtverantwortung gegenüber der Gesellschaft zu etablieren, jedoch stattdessen parastaatliche Verfahren der Kompromißbildung und der globalen Steuerung einrichtet und durchsetzt, deren Funktion genau darin bestünde, die in komplexen Gesellschaften unüberwindlichen Grenzen der Staatstätigkeit erträglich zu machen und Alternativen bzw. Substitute für die Bewältigung nicht mehr rein ,hoheitlich‘ zu erledigender Funktionen zur Verfügung zu stellen.“Google Scholar
  41. 41.
    Offe (1987), S. 316.Google Scholar
  42. 42.
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    Mark Granovetter (1985), S. 493 ff. Außerdem besteht für einen Großteil der dezentralen Mittelvergabe keine Gestaltungskompetenz auf den unteren Ebenen, die oft nur im staatlichen Auftrag handeln können. Vgl. Martin Rosenfeld (1989), S. 31.Google Scholar
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    In der Bundesrepublik Deutschland ist die Stammwählerschaft der CDU / CSU und der SPD zusammen von 72 % 1980 auf 58 % 1987 zusammengeschrumpft. Vgl. Rainer-Olaf Schultze (1987), S. 12.Google Scholar
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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1992

Authors and Affiliations

  • Walter L. Bühl

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