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Institutionalisierung und konkrete Arbeit

  • Ulrich Otto
Chapter
Part of the Perspektiven der Sozialpolitik book series (PSOZPOL)

Zusammenfassung

In diesem Kapitel sollen nun endlich die konkreten Initiativen beschrieben werden, nachdem eine Reihe von Informationen bereits aus den vorhergehenden Kapiteln zu entnehmen waren. Die Tatsache der späten Vorstellung ihrer empirischen Gestalt ist u.a. auch der Einschätzung geschuldet, daß die entsprechenden Entwicklungspotentiale noch keineswegs erschöpfend ausgereizt sind. Außerdem wird deutlich, welchen “Eigensinn” die Projekte entwickeln und wie sehr dies auch zugelassen, wenn nicht gar gefördert wurde.

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Literatur

  1. 28.
    Hierzu ist zu verweisen auf die regelmäßige Beschreibung im “infodienst”, die Übersicht in MAGFF (1991) sowie Otto (1995a). Ausfuhrliches unterschiedliches Material einschließlich mehrerer Diplomarbeiten dokumentiert der Band MAGS (1994: 1 Iff.). Fallstudien auf der Basis qualitativer Erhebungen wurden zu drei Projektorten im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung vorgelegt (vgl. Otto 1993).Google Scholar
  2. 29.
    Auf der einen Seite wurde ein Antrag berücksichtigt, der von einem Mitgliedsverband des Deutschen Caritasverbandes für ein Einzelprojekt gestellt wurde, bei mehreren anderen Einzelprojekten wurde der Versuch unternommen, sie in ein “Verbandsnetzwerk” unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes einzubinden. Der Hauptteil der Implementations- und Betreuungsaufgaben wurde hier einem Mitarbeiter des Paritätischen Bildungswerkes übertragen, dessen Arbeitskraft zu einem Teil durch das Sozialministerium finanziert wurde.Google Scholar
  3. 30.
    Es gibt eine Reihe von Hinweisen dafür, daß dieser Faktor zu den entscheidenden Rahmenbedingungen von Selbsthilfe- bzw. Ehrenamtsaktivitäten zu zählen ist. Vgl. z.B. die bei Reggenün/Dettbarn-Reggentin (1992: 32) referierten Daten zum relativ höheren Anteil der Altenselbsthilfe auf dem Lande gegenüber den Städten.Google Scholar
  4. 31.
    Instruktiv wäre bspw. ein Vergleich zu den Erkenntnissen der Evaluation des Selbsthilfeförderungsprogramms des BMJFFG, vgl. Braun/Opielka (1992).Google Scholar
  5. 32.
    Hier lassen sich Verbindungslinien zu benachbarten Projekten ziehen. Das Landesprogramm “Spurwechsel”, das sich an “Frauen nach der Lebensmitte” wendet, ist dafür ein typisches Beispiel. Vgl. Niederfranke (1991).Google Scholar
  6. 33.
    Vgl. zum Neuordnungsprogramm im ambulanten Bereich (“NOAH”) die Konzeption des MAGFF BaWU vom 14.3.1991; Wendt (1993); Kohler (1992); Werner/Woller (1992); zur neugeschaffenen Institution der Informations-, Anlauf- und Vermittlungsstellen vgl. Hafner (1992) sowie zur Landesaltenpolitik im fraglichen Zeitraum vgl. die Kabinettsbeschlüsse vom 24.6.1991 (vgl. MAGFF 1991: 119ff.).Google Scholar
  7. 34.
    Die politischen Akteure der Umsetzungsphase waren weit von jenem herkömmlichen Poitikverständnis entfernt, das — so schreiben Kaufmann/Rosewitz im Kontext der Policy-Forschung — “mit einer gewissen Selbstverständlichkeit davon ausging, daß Politik die Ziele, die sie sich gesetzt hat, grundsätzlich auch zu erreichen vermöge, sofern nur die richtigen Maßnahmen ergriffen werden” (Kaufmann/Rosewitz 1983: 32). Wie die Policy-Forschung auch gehen die Umsetzungsverantwortlichen deutlich von der Phasigkeit und Mehrstufigkeit des politischen Prozesses aus, von der Möglichkeit des Lernens der Beteiligten aus den Ergebnissen späterer Phasen durch Evaluation, von einem erheblichen Maß an Kontin genz zwischen den einzelnen Phasen dessen, was als politischer Prozeß verstanden wird.Google Scholar
  8. 35.
    Die Ausschreibung gibt vor: “Für eine gemeinnutzige Tätigkeit der Seniorengenossenschaft eignen sich verschiedene Rechtsformen. Es sind dies eingetragene Genossenschaften, eingetragene Vereine oder auch die GmbH”. In den konkreten Projekten wird teilweise explizit die Option einer späteren Genossenschaftsgründung satzungsmäßig erwähnt, teilweise aber auch frühzeitig während des Konstituierungsprozesses ausgeschlossen. Ein beteiligtes Projekt (Frauenwohnprojekt) strebte eine Vereinsgründung zunächst nicht an. In einer ausführlichen diesbezüglichen Diskussion waren die Mitglieder der sowieso zahlenmäßig kleinen Gruppe sich einig, daß die eventuellen Vorteile den sicheren Aufwand nicht überwiegen würden.Google Scholar
  9. 36.
    “Nicht ‘marktfähig’ sind solche Gitter, von deren Konsum, wenn sie einmal hergestellt sind, Personen, die sich nicht an den Produktionskosten beteiligen, nicht oder nur unter großem Aufwand ausgeschlossen werden können” (Horch 1992: 51).Google Scholar
  10. 37.
    Nach deutschem Genossenschaftsrecht geht der Eintragung eine doppelte materielle Wirtschaftlichkeitsprüfung voraus: zum einen die Prüfung durch das Registergericht (§ 1 la GenG), zum anderen die Prüfung durch den zuständigen genossenschaftlichen Prüfungsverband (§ 11 Abs. 2 Ziff. 4 GenG), in dem die einzutragende Genossenschaft Mitglied sein muß (§ 54 GenG). “Der Prüfungsverband begutachtet dabei, ‘ob nach den persönlichen oder wirtschaftlichen Verhältnissen, insbesondere der Genossenschaft, eine Gefahrdung der Belange der Genossen oder der Gläubiger der Genossenschaft zu besorgen ist’. Gerade diese Koppelung von Zwangsmitgliedschaft und genossenschaftlicher Gründungsprüfung scheint sich für Genossenschaften neuer Art als Hürde zu erweisen” (Döse 1992: 253). Döse verdeutlicht am Beispiel der alternativen Öko-Bank, inwiefern die Prüfungsverbände bei Ausübung ihres Ermessens nicht nur reine Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkte, sondern auch kulturelle und politische Bewertungsmaßstäbe einbringen, die innovative, vom Herkömmlichen abweichende Unternehmenskonzepte tendenziell ablehnen.Google Scholar
  11. 38.
    Der Autor bietet darüberhinaus höchst basale Chiffren an, um die Charakteristik freiwilliger Vereinigungen zu verdeutlichen: “Vereine stehen für Kontaktnahme, Berufserfolg, prosoziales Verhalten einerseits, wie andererseits Familie für Liebe und Sexualität steht” (Richter 1985: 76f.). Diese Identität symbolisieren sie u.a. durch selbstgeschaffene Symbole, sie sind nicht nur typisch für eine bestimmte Kultur, sondern zeichnen sich darüberhinaus selbst durch “gemeinsame Produktion von Kultur” (Lengkeek 1992: 32) aus. Hinsichtlich der verallgemeinernden Aussagen zu soziokulturellen Verständnissen freiwilliger Vereinigungen ist nicht auszuschließen, daß sie — in einer geschlechtsdifferenzierenden Betrachtung — bezüglich der Frauen zu relativieren wären. Vgl. Halves (1989: 139).Google Scholar
  12. 39.
    Vgl. den Überblick zur bundesdeutschen “Arbeitsteilung” im Kontext ihrer historischen Herausbildung bei Dieck (1993).Google Scholar
  13. 40.
    Ein Teil der Leistungen, die Selbsthilfegruppen für sich und oder für andere erbringen, beruht darauf, daß dem Formalisierungsprinzip des Sozialstaats nicht Rechnung getragen werden muß. Entlastend für den Einzelnen wie für das Gemeinwesen als ganzes wirken diese Leistungen, weil sie sich in informellen Räumen entfalten, in denen die sozialen Beziehungen häufig nicht rechtlich fixiert sind oder allenfalls Rechtsformen des bürgerlichen Rechts (wie der eingetragene Verein) übernommen werden, um förderungsfähig zu sein. Den Institutionalisierungsprozeß als Gruppenprozeß zeit- und gruppenadäquat in der Schwebe zu halten, ist ein äußerst fragiles Unterfangen. “Tritt eine Arbeitsteilung in der Gruppe zu früh ein, so okkupieren einzelne Gruppenmitglieder Aufgaben und Organisationskompetenzen und behindern damit das Selbstentfaltungsbedüifnis anderer oder begünstigen Trittbrettfahrermentalitäten. Umgekehrt zerfallt eine Gruppe relativ rasch, wenn sie ihre Arbeit nicht strukturieren kann” (Braun/Opielka 1992: 62).Google Scholar
  14. 41.
    Die Arbeitsgruppe formulierte lapidar, daß “nur dort, wo die Betreuungsfunktion aus technischen oder Qualifikationsgründen nicht durch die genossenschaftliche Gruppe geleistet werden kann, auf das beim genossenschaftlichen Geschäftsbetrieb angestellte Personal oder auf den Zukauf der von anderen Organisationen angebotenen Grunddienste zurückzugreifen” (Arbeitsgruppe 1990: 11) ist.Google Scholar
  15. 42.
    Dies ist eine Entscheidung, die durchaus deutlich das Problembewußtsein der dortigen (kommunalpolitisch dominierten) Akteure widerspiegelt, insofern diese starke Professionalisierung aus sachlichen Gründen jedenfalls nicht zwingend wäre.Google Scholar
  16. 43.
    Diese Angabe gilt für das Jahr 1992. Ein Jahr später wird eine Reduzierung auf DM 8,- von der örtlichen Verwaltung vorgeschlagen. Die Rückstellungen sollen Kaufkraft für den Fall der Rückerstattungsansprüche heute Aktiver absichern. Die Einschätzung des Sachverständigenkreises, daß sich “die forcierte Entwicklung von Zeitkonten… (nur?) da durchgesetzt (habe; U.O.), wo die Gemeinde für geleistete Stunden DM-Beträge gutschreibt, damit offenbar ‘Sicherheiten’ gewährleistet werden” (Stellungnahme 1993: 4), ist empirisch lediglich durch eine hohe Teilnehmerinnenzahl in der besagten Gemeinde gestutzt. Dagegen spricht wenig dafür, von einer Kausalbeziehung ausgehen zu können.Google Scholar
  17. 44.
    Das heißt “die Frage, ob die personellen und materiellen Ressourcen gefunden werden können, die nötig sind, um all die Arbeit zu leisten, die vor dem eigentlich gemeinten sozialen Engagement liegt” (Koch-Arzberger/Schumacher 1990: 42f.). Obertragbare Grundraster für Informationsvermittlung, Entscheidungsfindung und Aufgabenverteilung wurden nicht vorgegeben, obwohl dies in manchen Teilbereichen möglich und vermutlich sinnvoll gewesen wäre, aber wegen des Postulats der Selbstorganisation weitgehend vermieden wurde.Google Scholar
  18. 45.
    Hier hat bspw. der Bürgermeister den Vorsitz der Seniorengenossenschaft, der Sozialamtsleiter einen Großteil der Organisationsaufgaben übernommen.Google Scholar
  19. 46.
    In einem Projekt wurde allerdings vor diesem Hintergrund lange versäumt, eine tragfähige Mitbestimmungsstruktur und -kultur auszubilden. Durch die Gründung eines Vereins wird dort versucht, sowohl darauf eine Antwort zu geben als auch auf die bislang kaum Uberwindbare Beschränktheit der Gruppengröße — die freilich von vielen Beteiligten in erster Linie als positiv erlebt wurde und wird.Google Scholar
  20. 47.
    Es ist kaum nötig zu erwähnen, daß all diese Maßnahmen neben dem Ziel der Information und Qualifizierung auch Ermutigung, Motivierung und die Ausbildung einer Corporate Identity anzielen.Google Scholar
  21. 48.
    Die intermediäre Unterstützungsform dieser Konstruktion wurde — dies kann hier nur angedeutet werden — von den jeweiligen Initiativen teilweise nicht nur begrüßt, teilweise wird der Mitarbeiter in Konkurrenz zum Sozialministerium eingeschätzt.Google Scholar
  22. 49.
    Die Stärke der Gestaltung durch (potentiell) Betroffene bzw. Ältere zeigt sich etwa darin, mit welch hoher Sensibilität für Details in einem Ort darüber nachgedacht wird, wie die Kontaktstelle mit Blick auf potentielle aber oft extrem verunsicherte Hilfesuchende ausgestaltet werden sollte.Google Scholar
  23. 50.
    Zur Problematik der unterschiedlichen Finanzierungsquellen freiwilliger Vereinigungen vgl. den Überblick bei Horch (1992: 55ff.).Google Scholar
  24. 51.
    Einige Beispiele mögen die unterschiedlichen Lösungen und Entwicklungsstände deutlich machen. In einer Kleinstadt wird ein zentral gelegenes Haus durch die Stadt erworben, wobei vom Bürgermeister erwogen wird, dort räumlich sowohl eine Begegnungsstätte als auch die IAV-Stelle (Informations-, Anlauf- und Vermittlungsstelle) anzusiedeln. Der die Seniorengenossenschaft vorbereitende Seniorenrat in einer Großstadt residiert mit einem Büro im neuen Stadthaus, in dem schon die Abendakademie (Volkshochschule) untergebracht ist. Die Akzeptanz dieses Büros wird sicher verstärkt durch die regelmäßigen Öffnungszeiten des Seniorenrats als auch durch die dort stattfindenden Beratungsaktivitäten des VdK. Räumlichkeiten allerdings für die geplanten Hilfeleistungen — sei es die Nähstube oder eine Werkstatt — bestehen noch nicht. Ähnliches gilt für die o.g. Nutzung des städtischen Sozialzentrums durch eine andere Initiative, dessen Nachbarn unter dem gleichen Dach z.B. das katholische und das evangelische Gemeindezentrum sind, in einem Haus, in dem bereits ein warmer Mittagstisch Air Ältere besteht. Ein Besuchs- und Handwerkerdienst kann — vorläufig — Räume des Diakonischen Werks bzw. des Caritasverbands nutzen zu Gruppensitzungen und als Werkstatt. Im Zusammenhang mit einer geplanten stärkeren Stadtteilorientierung sind Gespräche mit den Begegnungsstätten in Gang. In einem anderen Projekt steht die Raumfrage deshalb besonders im Mittelpunkt, da sich hier der Hauptkonzeptionspunkt auf die Verwirklichung eines Familienzentrums, für das ein ehemaliges Kino besonders geeignet schien, richtet.Google Scholar
  25. 52.
    Einen entsprechenden Auftrag zur Teilentwicklung geeigneter Software hatte die Geschäftsstelle des Sozialministeriums bereits vergeben und eine Präsentation vor Mitgliedern zweier Modellprojekte durchgeführt.Google Scholar
  26. 53.
    Es gibt schon in den untersuchten internationalen Beispielen eine Reihe unterschiedlicher Verknüpfungsmodi. Nur als zwei Beispiele: In dem amerikanischen Service-Credit-Modell können die für geleistete Hilfen “erworbenen Gutscheine an andere Assoziationen und Vereine übertragen werden, die sie dann zur ‘Honorierung’ von Diensten im Rahmen eines tendenziell durchaus ‘flächendeckenden’ Netzes von freiwilligen Laienhilfen weiterverwenden können” (Offe/Heinze 1990:163). Anders gelagert ist der Fall jener in einem Programm existierenden Komponente von Pflichtarbeit, die in einer High-School organisiert wird.Google Scholar
  27. 54.
    Vgl. zu den diesbezüglichen Informationen zu den amerikanischen Service-Credit-Modellen Offe/Heinze (1990: 171 ff.). Die beiden Autoren plädieren auch bei der Konzeption des Modells Kooperationsring dafür, jedenfalls in der experimentell-praktischen Erprobung den Schwerpunkt Mauf ‘Jedermannstätigkeiten’ zu legen und ‘riskante’, hohe und spezifische Qualifikationen voraussetzende (z.B. gesundheitsbezogene…) Arbeiten nur vorsichtig und ausnahmsweise einzubeziehen” (Offe/Heinze 1990: 309).Google Scholar
  28. 55.
    Hier wirken die Finanzierungstrukturen zusammen mit einer unterentwickelten Geriatrie, wenig leistungsfähigen Haushaltsdiensten, nicht funktionierenden Kooperationsstrukturen und Krankenhaussozialdiensten, die entweder extrem überlastet sind oder sich nicht zuständig fühlen für die Übergangssituation: teilweise halten sie ihre Aufgabe für beendet mit dem Verlassen des Gebäudes durch den Patienten.Google Scholar
  29. 56.
    Handwerkliche und Gartenhilfen haben auch in anderen Versuchen organisierter Austauschnetze einen hohen Stellenwert (vgl. Offe/Heinze 1990: 209ff.), da offensichtlich gerade bei ihnen die formelle Ökonomie zu einer adäquaten Bedürfnisbefriedigung nicht in der Lage ist. Dies kann viele Gründe haben: zu hohe Preise, die Nichtbefriedigung sehr spezieller Wünsche, der Mangel an Zutrauen zu angemessener Erledigung usw.Google Scholar
  30. 57.
    Als Alternative zu dem bereits vorher bestehenden System eines anderen Anbieters, das einmal wöchentlich gefrorene Mahlzeiten für die ganze Woche beinhaltet, wird hier warmes Essen täglich angeliefert. Betont wird die damit verbundene Möglichkeit eines direkten regelmäßigen Kontaktes zu den Empfängerinnen, der zugleich zeitstrukturierend wirkt.Google Scholar
  31. 58.
    Vgl. den Versuch einer vitalisierenden Neukonzeptionsdebatte durch die Veröffentlichung der BAG der freien Wohlfahrtspflege (BAGFW 1992).Google Scholar
  32. 59.
    Zu Erfahrungen und Erfolgen dieses Ansatzes im Rahmen der Modellphase der Familien- und Nachbarschaftszentren vgl. Helbrecht-Jordan/Pettinger (1991).Google Scholar
  33. 60.
    Neben den Chancen, die sich aus der lokalen Umsetzbarkeit hinsichtlich einer raschen, angepaßten und pragmatischen Entwicklung ergeben, hebt Cahn folgende Merkmale hervor: “Es gibt keinen ‘Statusverlust’, wenn man Zertifikate für ein Leistungsguthaben verdient, während Stigmatisierungseffekte durchaus eintreten könnten, wenn man zu einem gesetzlich bestimmten Mindestlohn arbeitet. (…) Insofern Gesellschaften immer schon ‘moralische’ Kriterien benutzen, um die Verteilung des von der Gesellschaft produzierten Reichtums zu bestimmen, erlaubt es diese Währung den Bürgern, sich als Urheber aktiver Beiträge und als Produzent zu verstehen — und nicht nur als Menschen, die eines Almosens gewürdigt werden” (Cahn 1990: 127).Google Scholar
  34. 61.
    Offe und Heinze diskutieren sowohl theoretisch als auch auf der Grundlage empirischer Befunde verschiedene Formen von Austauschmodellen, die mit Zeitgutschriften operieren. Sie beziehen sich auf Projekte insbesondere aus den USA, Kanada und den Niederlanden. Die dort vorhandenen Versuche als auch das vorgeschlagene Modell des Kooperationsrings beschränken sich in der Regel nicht auf die ältere Bevölkerung. Breit rezipiert wurde bereits der vier Jahre vorher erschienene Aufsatz der beiden Autoren (Offe/Heinze 1986). Es mangelt nicht an Autorinnen, die den Gedanken des Kooperationsrings seither propagieren, vgl. Rauschenbach/Müller/Otto (1992); Teichert (1993: 268f.).Google Scholar
  35. 62.
    Die Geschäftsordnung eines Ortes regelt: “Leistungen, die von einem in gerader Linie bis zum dritten Grade Verwandten oder von dessen Ehegatten erbracht werden, sind nicht zu entschädigen, sofern diese Überwiegend der verwandten Person zugute kommen”.Google Scholar
  36. 63.
    Offe und Heinze formulieren eine Art Gesetzmäßigkeit: “Austauschnetze der hier untersuchten Art (können; U.O.) unter normativen und sozialpolitischen Gesichtspunkten nur dann relevant und attraktiv sein (…), wenn es gelingt, eine sachliche, soziale und zeitliche ‘Mischstruktur’ zu realisieren. Das bedeutet konkret, daß die Transaktionen die soziale Grenze zwischen denen, die ‘viel Zeit und wenig Geld’ haben, und denen, für die das Umgekehrte gilt, ebenso überspannen müßten, wie die Grenze zwischen den Anbietern und Nachfragern verschiedener Leistungskategorien und in der Zeitdimension die Grenze zwischen Lebensaltern. (…) Hier ergeben sich (…) schwierige Konstruktionsprobleme, deren erfolgreiche Lösung freilich nur ein weiteres Paradox zutagetreten lassen würde: das Paradox nämlich, daß sozialpolitisch attraktive Problemlösungen nur von Strategien zu erwarten sind, die sich nicht auf die Lösung von sozialpolitischen Problemen (z.B. im Armuts- und Pflegebereich) spezialisieren und beschränken” (Offe/Heinze 1990: 267f.; Herv. i.T.).Google Scholar
  37. 64.
    Die bisher vorliegenden Vorschläge sehen unterschiedliche Regelungen vor. In einem ersten Projekt sollen Leistungsnehmerlnnen Mitglieder sein oder werden. In einem zweiten Projekt ist die Mitgliedschaft für den Hilfeanspruch Voraussetzung. In einem dritten Projekt wird über die Preise gesteuert: Sie betragen für Hilfeempfang DM 10,- für Nichtmitglieder und DM 6,50 flir Mitglieder. Auch die Ausschreibung schloß “Tarifstaffelungen (…) nach Mitgliedschaft und Einkommen der Dienstleistungsnehmer” (Ausschreibung 1990: 5) nicht aus.Google Scholar
  38. 65.
    Offe/Heinze (1990: 13Iff.) dokumentieren und diskutieren ein kanadisches Modell, in dem die Gegenleistung teils in Geld-, teils in einer alternativen Neben Währung (“green dollars”) aufgeteilt werden kann.Google Scholar
  39. 66.
    Das Projekt mit der diesbezüglich stärksten Differenzierung sieht folgende Regelungen vor: Die Empfängerinnen haben gemäß den Vorstellungen des Vorstands für unterschiedliche Hilfekategorien unterschiedliche Preise zu zahlen: Der erste Entwurf nach langen Verhandlungen im Vorstand unterscheidet unter dem Stichwort “betreutes Wohnen” die eher verbindlichen hauswirtschaftlichen Hilfen, ftir die der höchste Betrag, nämlich DM 12,-, von den Hilfenehmerinnen zu zahlen wären. Im Bereich, wo “sonstige Hilfen (…) erwünscht aber nicht garantiert erbracht werden müssen”, werden DM 6,- (für Beratung, Vorlesen oder Sitzwachen) bis DM 8,50 (für handwerkliche Hilfsdienste) vorgeschlagen. Die “Tagesbetreuung”, die eher auch als Unterstützung für pflegende Angehörige konzipiert ist, kostet DM 7,-: für “Dasein” und die “Erledigung von Arbeitend für und um den Pflegenden”. In einem anderen Projekt kosten die unterschiedlichen Leistungen einheitlich den nur nach Mitgliedschaft differenzierten Satz von DM 10,- bzw. DM 6,50. Die Helferinnen bekommen pauschal pro Stunde DM 4,- als Auslagenersatz, darüberhinaus wird ihnen eine Stunde als Dienstleistungsanspruch gutgeschrieben. Der überschüssige Geldbetrag geht an die Genossenschaftskasse.Google Scholar
  40. 67.
    Bereits in einer frühen Phase der Diskussion (März 1991) bekannten aktive Nachbarschaftshelferinnen in einem Projektort im einkommensstarken Stuttgarter Nahraum, daß eine Zeitgutschrift im Vergleich zum damals gültigen Satz der Nachbarschaftshilfe (DM 11,50 für die Erbringerinnen) durchaus attraktiver wäre. Eine Sonderstellung nimmt die dortige Seniorengenossenschaft mit ihrer in hohem Maße auf die Tagespflege orientierten Geschäftsordnung ein, die bestimmt, daß Entschädigungen in Geld ausgeschlossen sind: “Der Verein strebt an, Leistungen mit Gegenleistungen zu vergüten. Er behält sich eine Entschädigung in Sachleistungen (…) vor”, der örtliche Seniorengenossenschaftsbeirat nennt als diesbezügliches Beispiel Ausflüge.Google Scholar
  41. 68.
    In einer Seniorengenossenschaft wurde festgelegt, daß beim Ausscheiden aus der Genossenschaft sowohl die Einlage als auch der Wert der nicht ausgelösten Arbeitsleistungen zurückerstattet wird. Die Geschäftsordnung eines anderen Ortes bestimmt: “Die beim Verein erworbenen Ansprüche auf Gegenleistungen sind übertragbar und zwar zwischen Ehegatten, sofern beide Mitglieder sind; von Kindern auf Eltern oder umgekehrt, sofern bei allen Beteiligten eine Mitgliedschaft vorliegt”. Von der Mitgliederversammlung wurde die letztgenannte Bestimmung zusätzlich auf Stiefkinder und Stiefeltern ausgedehnt.Google Scholar
  42. 69.
    Auf die geringe Reichweite von Bildungsangeboten sei hier nur hingewiesen, vgl. Schütz/Tews (1991:65 ff.). Entsprechende Veranstaltungen werden vom MAGS als Projektträger entwickelt und insbesondere für Genossenschaftsmitglieder angeboten und gesponsort.Google Scholar
  43. 70.
    Einerseits wird bereits Software erarbeitet, andererseits werden ganz schlichte Modelle praktiziert (Rapportbücher in einem Ort) oder vorgeschlagen (Modell Kirchen-bildchen/Märkchenkleben in einem anderen Projekt). Die schon mehrfach zitierte Geschäftsordnung bestimmt: “Arbeitsleistungen der Vereinsmitglieder werden auf einem Zeitkonto erfaßt. Eine Arbeitsstunde entspricht einer Punkteanzahl auf dem Zeitkonto von 4 Punkten. Arbeitsleistungen unter einer Viertelstunde werden nicht erfaßt. Die Arbeitszeit ist auf einem speziellen Vordruck einzutragen, von der zuständigen Leiterin der Tagespflege abzuzeichnen und dem jeweiligen Geschäftsführer zur Erfassung zu Übergeben”.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Otto

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