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Programmatik — im Kontext der Seniorenselbsthilfe

  • Ulrich Otto
Part of the Perspektiven der Sozialpolitik book series (PSOZPOL)

Zusammenfassung

Einen guten Teil der Aufmerksamkeit erlangen Seniorengenossenschaften dadurch, daß sie programmatisch beschrieben und in dieser Absicht in ihren Entwicklungspotentialen evolutionär im Kontext einer zukunftsorientierten Altenpolitik als Gesellschaftspolitik verortet werden (vgl. insbesondere Hummel 1990; 1991; 1991a). Hier wird bisweilen von den konkreten Dürftigkeiten abstrahiert, werden Seniorengenossenschaften als Chiffre für die Überwindung einer segmentierenden, bevormundenden und defizitorientierten Altenhilfe und -politik betrachtet. Leitziele des Altersbildes dieser Chiffre sind Eigenständigkeit, Selbstbewußtsein, Ressourcenorientierung und Bürgerstatus. Selbsthilfe und Selbstorganisation avancieren zu Ziel und Weg. Diese Orientierung verbindet diese programmatische Lesart der Seniorengenossenschaften mit vielen anderen Projekten im Feld der Altenpolitik, bspw. da, wo es um sozio-kulturelle Altenarbeit geht. Eine entsprechende Politik aber kann nicht nur aus der Propagierung von Zielen bestehen, sondern muß zugleich die geeigneten politischen Instrumente oder gesellschaftlichen Interventionsformen benennen.

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Literatur

  1. 16.
    Hierunter fallen neben der offiziellen Ausschreibung (1990) insbesondere das Konzeptionspapier der interministeriellen Arbeitsgruppe (1990) sowie die späteren Äußerungen aus dem Kreis von deren frühen Vordenkern, u.a. von E. Mändle. Die Konzeption und ihre Begründungen wurden im Verlauf ihrer Erarbeitung in vielen Punkten modifiziert. Wenn sich die Ausführungen in diesem Abschnitt auf das Papier der Arbeitsgruppe (1990) beziehen, die vom damaligen Ministerpräsidenten Späth im Frühsommer 1989 eingesetzt worden war, ist zu berücksichtigen, daß es sich hier nicht um eine regierungsamtliche Äußerung handelt, sondern um einen frühen Diskussionsentwurf unter Mitwirkung von Personen aus Wirtschaft, Wohlfahrtssystem und Wissenschaft.Google Scholar
  2. 17.
    Im Zusammenhang mit der Quellenlage ist auch auf Forschungen hinzuweisen, die im Auftrag des Landes Baden-Württemberg entstanden sind: MAGFS (1983; 1986) als repräsentative Erhebungen zur Lebenssituation älterer Menschen auf dem Lande bzw. in Großstädten; Votteler/Schwarz (1988) als baden-württembergischer Datenreport zur demographischen Entwicklung; Altern als Chance und Herausforderung (1988) als vielbeachteter Expertenbericht, der eine altenpolitische Offensive der damaligen Landesregierung signalisieren sollte.Google Scholar
  3. 18.
    In der parlamentarischen Anfrage 1993 allerdings wird der Akzent dahingehend verändert, daß mit der Perspektive aufs Jahr 2000 die Gruppe der 65–75jährigen hervorgehoben wird, der gegenüber das Anwachsen des Anteils der über 75jährigen zunächst vergleichsweise sehr gering ausfällt.Google Scholar
  4. 19.
    Dies gilt umso mehr, als sie sich auf den ersten Blick als Abkömmlinge der These vom “Strukturwandel des Alters” (vgl. Tews 1990; Bäcker u.a. 1989; zur Kritik aus sozialpolitikwissenschaftlicher Sicht Naegele 1991) präsentieren, in wichtigen Details aber deutlich andere Akzente hinter ähnlichen oder gleichen Begriffen setzen.Google Scholar
  5. 20.
    Hilfe- und Pflegebedarf ist als Kategorie in der deutschen Rechtsordnung nicht einheitlich definiert. In den unterschiedlichen Rechtsgebieten wie dem BSHG, dem sozialen Entschädigungsrecht, Steuerrecht, Beihilferecht und der Unfallversicherung bspw. gibt es unterschiedliche Umschreibungen für Pflegebedürftigkeit Der Begriff des Hilfebedarfs findet in der Regel unspezifisch für sehr verschiedene Bereiche Anwendung. Im Bundessozialhilfegesetz bekannterweise als genereller Leistungsbereich “Hilfe in besonderen Lebenslagen”. Pflegebedarftigkeit kennt ebenfalls höchst unterschiedliche begriffliche Konnotationen. Der Begriff ist ohne Zweifel je­denfalls in weiten Bereichen unseres gesundheitlichen und sozialen Altersversorgungssystems an dem Konzept der “Altersgebrechlichkeit” orientiert, d.h. an der Annahme eines Zustandes, der als Folge der natürlichen Abnutzung des Körpers und der dadurch bedingten Leistungsminderung im höheren Alter anzusehen ist (vgl. Bäcker u.a. 1989). Im Sozialrecht vgl. §§ 68 und 69 BSHG, die Reichsversiche­rungsordnung und — seit der Gesundheitsreformgesetzgebung — das Sozialgesetzbuch V (SGB V: §§ 53–57). Das BSHG bestimmt in § 68: “Personen, die infolge Krankheit oder Behinderung so hilflos sind, daß sie nicht ohne Wartung und Pflege bleiben können, ist Hilfe zur Pflege zu gewähren”.Google Scholar
  6. 21.
    Sozialwissenschaftliche Konzepte sollen am Beispiel der neuen Infratest-Studie im Auftrag des BMFuS (Infratest 1992) verdeutlicht werden. Diese operationalisiert in empirischer Absicht den “Hilfe- und Pflegebedarf im Kontext von Möglichkeiten und Grenzen selbständiger Lebensführung im Alltag” in einem Mehrschrittverfahren. Im ersten Schritt wird anhand von 5 eher globalen Indikatoren erhoben, welche Personen in privaten Haushalten unter Krankheiten oder Beeinträchtigungen leiden. Personen, die 1) “andauernde Krankheiten, Beschwerden oder Behinderungen” angeben, 2) die einen Schwerbehindertenausweis besitzen, 3) die medizinische Hilfsmittel benötigen, 4) die “über längere Zeit auf Hilfe oder Pflege angewiesen sind” und 5) die “ständig bettlägerig” sind (vgl. Infratest 1992: 11).Google Scholar
  7. Neben dieser zunächst bewußt weit gehaltenen Eingrenzung werden in einem zweiten Schritt flir diese Personen Informationen über Beeinträchtigungen anhand von 24 Aktivitäten alltäglicher Verrichtungen erhoben. Auf der Grundlage dieser Daten werden als Personen mit Hilfebedarf im weiteren Sinne diejenigen bezeichnet, für die “die Ausübung mindestens einer Aktivität unmöglich ist oder die dabei regelmäßige Hilfe bekommen”. In einem dritten Schritt wird schließlich abgegrenzt zwischen körperbezogenem Pflegebedarf und hauswirtschaftlichem oder sozialkommunikativem Hilfebedarf. Mit dem Infratest-Pflegeintervallmodell soll die regelmäßig benötigte Pflege in drei unterschiedliche Schweregradstufen gegliedert werden. Stufe 1 : Mehrfach wöchentlicher Pflegebedarf, Stufe 2: täglicher Pflegebedarf, Stufe 3: ständiger Pflegebedarf. Zusätzlich werden Personen mit unregelmäßigem Bedarf ausgewiesen (operationalisiert als Kombination von leichteren körperbezogenen und hauswirtschaftlichen Aktivitätseinschränkungen sowie mindestens einmal wöchentlich benötigter pflegerischer oder hauswirtschaftlicher Hilfe). Zusätzlich operiert die Infratest-Studie noch mit einem sogenannten “BSHG-Modell”, das weitgehend dessen sozialrechtliche Bestimmungen abbildet. Die Autorinnen machen selber deutlich, daß beide Modelle jedoch “keine differenzierte Analyse von Hilfebedarfen und Kompensationsmöglichkeiten im Zusammenspiel von unterschiedlichen situativen Gegebenheiten und subjektiven Kompetenzen ersetzen” (Infratest 1992: 21) können, da etwa die jeweils — auch auf gleicher Stufe — noch vorhandenen bzw. aktivierbaren Kompensationsmöglichkeiten sehr unterschiedlich sein können.Google Scholar
  8. 22.
    Zur Gruppe der Personen mit Hilfebedarf im weiteren Sinne (Personen, für die “die Ausübung mindestens einer Aktivität unmöglich ist oder die dabei regelmäßige Hilfe bekommen”) werden 3,216 Mio. Menschen (4,1% der Bundesbürgerinnen) gezählt. Es überrascht nicht, daß auch in dieser Studie festgestellt wird, daß regelmäßiger Pflegebedarf mit fortschreitender Alterung korreüert. Während er bis zum Ende der Regel-Erwerbsgrenze sehr stabil zwischen 0,4 und 0,6% liegt, steigt er bei den 65–69jährigen auf 1,2%, den 70- 74jährigen auf 3,2% und danach noch deutlicher an. Bei den 75–79jährigen auf 6,2%, den 80–84jährigen auf 10,7% und den über 85jäh-rigen auf 26,3%: “Von einem überproportional hohen Anteil von Pflegebedürftigen kann jedoch erst bei Hochbetagten im Alter ab 80 Jahren die Rede sein” (Infratest 1992: 27). Die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind eher als gering zu bewerten. Zu weiteren Daten vgl. Kap. C 2.3. Zum Zusammenhang zwischen Alter und psychischen Krankheiten vgl. den Überblick bei Hafner (1992); zu einer Synopse der im In- und Ausland vorliegenden Versuche, Pflegebedürftigkeit quantitativ zu bestimmen vgl. BMFuS (1993: 62ff.) sowie Bäcker u.a. (1989: 88ff.).Google Scholar
  9. 23.
    Denn der absehbare Zuwachs der absoluten Zahl alter Menschen muß nicht automatisch auch einen Anstieg der pflegebedürftigen alten Menschen bedeuten. Zwar ist es klar, daß — wie fast überall in Europa — die Zahl derer stark anwachsen wird, die dem Risiko ausgesetzt sind, im Alter pflegebedürftig zu werden, die Schwierigkeit aber, Aussagen über die Morbidität der älteren Menschen von morgen zu treffen, spiegelt sich in zwei völlig gegensätzlichen Standpunkten, die sich im Lauf der entsprechenden Debatte herausgebildet haben. “Von den Vertretern der einen Seite wird argumentiert, daß die Alten der Zukunft gesünder, seltener morbid und damit zu einem geringeren Ausmaß von funktionalen Behinderungen betroffen sein werden als die Alten von heute. (...) Morbidität und PflegebedUrftigkeit würden (...) in Zukunft noch stärker auf das hohe Alter konzentriert sein, als dies bisher der Fall ist. Die Vertreter einer Gegenposition gehen davon aus, daß sich die Diskrepanz zwischen steigender Lebenserwartung und der Phase des gesunden Lebens vergrößern wird. Denn gerade durch die Fortschritte der Medizin bei der Behandlung akuter unmittel­bar lebensbedrohender Krankheiten vergrößerte sich die Häufigkeit späterer chronisch-degenerativer Leiden. Mit dem Zurückdrängen des Sterbens vor der Zeit und dem zunehmenden Einsatz lebensverlängernder medizinischer Maßnahmen könnte eine Verlängerung der Pflegephase vordem Tod verbunden sein” (Kytir 1992: 3ff.).Google Scholar
  10. 24.
    Da bei diesem Thema Wahrheit, Vergangenheitsüberhöhung und Zukunftspessimismus eng beieinander liegen, sei ein entsprechender Ausschnitt wiedergegeben: “Diese Auflockerung (...) geschieht deswegen, weil oft keine Kinder, Enkelkinder oder Geschwister mehr vorhanden sind; es schrumpft ebenfalls der verwandtschaftliche Kontaktradius sehr stark, d.h. der Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe in Großfamilien und Sippen, wie sie auch heute noch teilweise in ländlichen Gebie­ten gegeben ist, verschwindet allmählich” (Mändle o.J.: 3).Google Scholar
  11. 25.
    Gerade im Dienstleistungsbereich finden sich die Seniorengenossenschaften in einem breiteren Konzert programmatischer Überlegungen, die neue ordnungspolitische Leitlinien zu entwerfen suchen. Als Beispiel der SPD-Fraktionsvorsitzende Klose: “Es sollte möglich sein, im Bereich der Essens-, Einkaufs-, Betreuungs-, Reini-gungs- und Pflegedienste für Ältere sowohl über neugeknüpfte kleine Netze der Wohlfahrtsorganisationen als über die ökonomischen Hebel neuer Märkte die Aufgaben zumindest partiell zu lösen. Konkret sollte eine neue Politik so konstruiert werden, daß die Kosten der Anlaufphase und bestimmte Vorleistungen von der öffentlichen Hand getragen werden, während die Folgekosten weitgehend privatisiert werden” (Klose 1993a).Google Scholar
  12. 26.
    Inwiefern der ebenfalls genannte Aspekt ambulanter ärztlicher Dienste ausgerechnet bei einer Seniorengenossenschaft angesiedelt werden soll, ist — jedenfalls ohne weitere Erläuterung — kaum erschließbar, vgl. Mändle (oJ.: 7).Google Scholar
  13. 27.
    Im Rahmen dieses Landesmodellprogramms, das ebenfalls unter der Ägide der Geschäftsstelle Seniorengenossenschaften im Sozialministerium seit Anfang 1993 durchgeführt wird, werden 4 Projekte gefordert (vgl. Frenz/Hummel 1993: 4ff., den Ausschreibungstext in MAGS 1992: 4ff. sowie die Materialien in MAGS 1994: 23Iff.). Es wird versucht, sie zusammen mit den Seniorengenossenschaften und den im Rahmen des BMFuS geforderten baden-württembergischen SeniorenbUros in einem Projektverbund zu integrieren.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Otto

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