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Altenarbeit als multiple Netzwerkintervention

  • Ulrich Otto
Part of the Perspektiven der Sozialpolitik book series (PSOZPOL)

Zusammenfassung

Schon konzeptionell, mehr noch in der Umsetzung, haben sich Seniorengenossenschaften von dem bisher gültigen Mainstream-Postulat wohlfahrtsstaatlicher Politik verabschiedet, zentral geplante und standardisierte Konzepte zu implementieren. Im Kapitel über die Welfare-mix-Debatte wurden entsprechende ordnungspolitische Umorientierungen als sich verbreiternde dargestellt und in ihren Konsequenzen vor allem im auf Pflegebedürftigkeit gerichteten Politikfeld genauer analysiert und auf übergreifende Maximen bezogen. Die Dimensionierung von Handlungen der Programmteilnehmerinnen als Dienstleistung war ebenfalls von dem Interesse geleitet, ein offensichtlich zu statisches Verständnis von Hilfe im Sozialstaat am Beispiel der Seniorengenossenschaften aufzubrechen und dynamisch zu erweitern. An vielen anderen Stellen der vorliegenden Arbeit ließe sich dies Bemühen in ähnlicher Weise aufzeigen.

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Literatur

  1. 180.
    Daß in vielen Beiträgen zur Netzwerkproblematik an empirischen Befunden vorbeiargumentiert wird, ist hier nur festzustellen. Diese sind teilweise nicht eindeutig interpretierbar, teilweise legen sie zumindest Differenzierung nahe. Indem simplifizierende Erosionsbefunde verbreitet werden, wird der Blick auf differenziertere und dann interventionsrelevante Entwicklungen vielfach verstellt.Google Scholar
  2. 181.
    Der vorgängige Policy-Prozeß steht hier nicht zur Debatte, obgleich jüngst ein breit angelegter Sammelband zur Policy-Analyse mit dem programmatischen Untertitel “Kritik und Neuorientierung” dokumentiert, daß gerade auch in diesem Gebiet neue Impulse durch die Netzwerkforschung gesetzt wurden und werden, vgl. Héritier (1993).Google Scholar
  3. 182.
    Vgl. Rauschenbach/MUUer/Otto (1992); Olk (1992); Bulmer (1987: 17ff.; 72ff.); Litwak (1985; insbes. 24ff.).Google Scholar
  4. 183.
    Vgl. z.B. zum Thema Selbsthilfe den diesbezüglichen Vorschlag von Grunow (1981), der typische Formen sozialer Alltäglichkeit als “Fîgurationen” zu analysieren versucht und dabei explizit bestimmte Support- und Netzwerkansätze zu überwinden sucht. Deren dort vorgebrachte Kritik scheint allerdings auf dynamische Modelle nicht zuzutreffen.Google Scholar
  5. 184.
    Zu diesen Ansätzen vgl. z.B. die bei Nestmann (1988: 51 f.) angegebenen AutorInnen, insbesondere den Hinweis auf die Untersuchung alter Menschen von Ward, Sherman und Lagory (1984), die für diese Gruppe von einem deutlichen Zusammenhang von Wohlbefinden und subjektiver Wahrnehmung von sozialen Bezügen und Unterstützungen ausgehen, während objektive Netzwerkdimensionen sich als davon relativ unabhängig erwiesen.Google Scholar
  6. 185.
    Vgl. kritisch insbesondere Wellman (1981), Gottlieb (1981a: 203ff.) und Gräbe (1991): “In dieser Konzeption schließen sich Sozialbeziehungen und Streß gegenseitig aus, sowohl die Alltagserfahrung als auch die (…) Definition von Streß zeigen jedoch, daß ein nicht unerheblicher Anteil von Streß aus sozialen Beziehungen herrührt. Soziale Beziehungen sind nicht einseitig in eine Dichotomie von Support und Streß einzuordnen, sondern sie sind vielschichtig, oft widersprüchlich sowohl in sich selbst als auch im Verhältnis zu anderen sozialen Bezügen, in denen sich der einzelne bewegt” (Grabe 1991: 350).Google Scholar
  7. 186.
    Multiplexität mit Bezug auf Netzwerke thematisiert den Sachverhalt, inwiefern die Relationen zwischen den einzelnen Netzwerkeinheiten bzw. Personen sich nur auf einen ganz bestimmten Typ von Inhalt (uniplexe oder auch single-stranded Relation) oder auf eine unterschiedliche Zahl von Inhalten beziehen. Daneben kann das Ausmaß der Multiplexität auch anhand der Anzahl verschiedener Rollen-Relationen bestimmt werden, also mit Blick auf die mehrfache Verkettung von zwei Personen z.B. als Nachbar, Verwandter, Kollege, Freizeitpartner, Mitglied einer Organisation, Partei, Kirche o.a. “More than one role relationship can link two persons, and more than one type of resource may flow between them (…). Each tie may contain a different package of such resources as emotional help, personal service, material assistance, financial aid, social brokerage, and empathetic understanding” (Wellman 1981: 184). Vgl. zum Kriterium der Multiplexität ausführlich Schenk (1984: 67ff.).Google Scholar
  8. 187.
    In anderen Dimensionierungen werden die Akzente verschoben, z.B. bei Wills, der — bei ebenfalls fünf unterschiedenen Hauptdimensionen — die instrumentell-materiellen Dimensionen in einer einzigen Kategorie zusammenzieht, aber eine weitere psychosoziale Interaktionsdimension benennt. Er unterscheidet 1. Emotionalen Support oder Stützung des Selbstwertgefühls durch intime, vertrauensvolle Beziehungen, in denen persönliche Probleme besprochen werden können; 2. Status Support durch als gesellschaftlich wichtig angesehene Verbindungen; 3. Informationssupport durch Beziehungen, mit denen Informationen und Ratschläge erlangt werden können; 4. Instrumenteller oder materieller Support durch praktische Hilfeleistungen wie Hilfe im Haushalt, Kinderbetreuung, finanzielles Ausborgen usw.; 5. schließlich Support durch Geselligkeit und soziale Aktivitäten (vgl. Wills 1985: 67 ff.).Google Scholar
  9. 188.
    Kaufmann u.a. (1989: 22) stellen in einer Übersicht die verschiedenen Systematisierungsversuche von Unterstützungsformen zusammen.Google Scholar
  10. 189.
    Ein allgemeiner Überblick über den Forschungsstand wird in dieser Arbeit nicht gegeben, statt dessen auf entsprechende neuere Literatur verwiesen: Kaufmann u.a. (1989); Windisch (1992); Schenk (1990); Reichen Wallner/Glatzer/Bös (1991); BMFuS (1993: 118–136); Bulmer (1987: 72ff.); Rogne/Eustis (1990). Zur sozialen Unterstützung unverheirateter kinderloser alter Frauen vgl. Goldberg u.a. (1990).Google Scholar
  11. 190.
    Vgl. Nestmann (1989); Forschungsverbund (1987: 105ff.); Kaufmann u.a. (1989); Keupp (1987:43ff.); Trojan u.a. (1987); Puch (1988); Buer (1988); Pankoke (1983; 1986). Mit Bezug speziell auf Ältere vgl. Hooymann (1983); Biegel/Shore/Gordon (1984); Bulmer (1987: 108ff.); Piüsuk/Minkler (1989); Nothbaum/Leidig (1991). Zum Paßformkonzept nach Shinn u.a. vgl. Nestmann (1988: 36 ff.); Röhrle/Stark (1985: 38ff.).Google Scholar
  12. 191.
    Zur Überprüfung diesbezüglicher Interventionsstrategien vgl. Gottlieb (1981a).Google Scholar
  13. 192.
    Mit Ausnahme der letztgenannten werden in den Ausführungen besonders Interventionen der — in Abwandlung von Kaufmanns Typendifferenzierung — pädagogischen und psychosozialen Form erörtert. Aufgrund des besonderen Augenmerks auf sozialpädagogische und kommunal-gemeinwesenorientierte Handlungsstrategien kann hier nur daraufhingewiesen werden, in welchem Maße Selbsthilfe- und Unterstützungspotentiale darüberhinaus von der ökonomischen und rechtlichen Interventionsform abhängig sind.Google Scholar
  14. 193.
    Nestmann weist auf den Stellenwert der individuellen Unterstützungserwartung und deren Strukturierung durch den normativen Kontext am Beispiel von Untersuchungen zu Freundes- und Familiensupport hin. Vor allem in Krisen “‘muß’ die Familie (…) Unterstützung bereitstellen. Es ist zu ihrem eigenen Besten, es wird erwartet, gilt als ‘natürlich’ und selbstverständlich und geschieht es nicht, gilt es als äußerst ungewöhnlich. Es trifft dann die Betroffenen besonders hart, weil geradezu einer ‘Pflicht’ nicht nachgekommen wird. Erfolgt eine Unterstützung, wird sie andererseits als ‘nichts Besonderes’ betrachtet. (…) Für die Familie und insbesondere für die (…) Partner existieren relativ strikte Erwartungsregeln. Fremde hingegen müssen nicht helfen (…). Es existiert keine Verpflichtung oder berechtigte Forderung. Wenn dann allerdings trotzdem Unterstützung gegeben wird, wird dies besonders positiv vermerkt (…). Nicht gegebener Familiensupport hat (…) nach dieser These (…) weit negativere Effekte auf Wohlbefinden als nicht gegebener Freundessupport” (Nestmann 1988: 59). Was dieses Verhältnis zusätzlich spannungsgeladen werden läßt, ist, daß die Einlösung oder Nicht-Einlösung von Erwartungen auf der Grundlage subjektiver Einschätzungen beurteilt wird. Rosenmayr weist auf eigene Untersuchungen hin, die “zeigen, daß die Älteren die Hilfe, die sie selber einander geben, überschätzen, während die Kinder diese Selbsthilfe unterschätzen und die eigene Hilfe für die alten Eltern sehr hoch bewerten. Auffallend ist die starke Nichtübereinstimmung in der wechselseitigen Einschätzung. Durch den Vergleich der Aussagen ergibt sich, daß alle Beteiligten dazu neigen, sich in ihrer eigenen Aktivität zu überschätzen” (Rosenmayr 1990: 177). Grunow/Breitkopf/Grunow-Lutter (1984: 136ff.) analysieren am Beispiel der Gesundheitsselbsthilfe insbesondere zwischen Ehepartnern empirisch, welchen besonderen Verpflichtungsgrad innerhalb der Familie die Reziprozitätsnorm zu begründen scheint.Google Scholar
  15. 194.
    Bei Älteren wird dieses Problem häufig verstärkt durch eine Abnahme von Netzwerkbezügen einerseits, das Abnehmen ihrer Leistungsfähigkeit aufgrund von Altersstruktureffekten andererseits.Google Scholar
  16. 195.
    Am Beispiel älterer, mobilitätsbeeinträchügter Netzwerkpersonen läßt sich der keineswegs irrelevante Spezialfall verdeutlichen, daß leistungsbereite und geeignete Netzwerkpartnerinnen zur Verfügung stehen, aber aufgrund des Fehlens relativ schlichter äußerer Ressourcen — in diesem Falle Mobilitätshilfen — ihr Potential nicht entfalten können.Google Scholar
  17. 196.
    Die Reziprozitätsthematik betrifft sämtliche Unterstützungsfelder. Sie kulminiert in langandauernden Pflegebeziehungen, aus deren extrem ungleichgewichtiger, nichtreziproker Natur sich ein “Support Gap” (Belle 1982) ergibt: Die Pflegepersonen geben häufig sehr viel mehr soziale Unterstützung, als sie in einer Gesamtbilanzierung erfahren.Google Scholar
  18. 197.
    Für die Senioren genossen schaffen wurde dieses Bemühen weiter oben schon beschrieben. Auch andere Innovationsversuche integrieren entsprechende Ansätze explizit, vgl. Koch-Arzberger/Schumacher (1990: 18).Google Scholar
  19. 198.
    “The practice of network therapy can be divided into five domains: network coaching, partial network assembly, full-scale network assembly, community network therapy and network construction. The role of the therapist varies across domains. Working with an individual or family, one acts as a coach or advisor on network relations. When the unit of intervention is as partial assembly (a group of 5 to 20 interrelated people who are not all of the same household), the therapist acts as a mediator and arbitrator. The therapist who assembles full-scale network assemblies of 20 to over 80 people takes the position of shaman or tribal healer. Community mental health strategies require that the network therapist take a community organizer role. Network construction, in which the therapist helps clients to build healthy new network structures, employs strategies from the four other domains and from techniques of group psychotherapy” (Kliman/Trimble 1983: 282f.).Google Scholar
  20. 199.
    Z.B. berichten Stoller/Pugliesi (1988) auf der Grundlage einer kleineren aber aufschlußreichen Langzeitstudie (an jeweils beiden der 7 Jahre auseinanderliegenden Meßzeitpunkte konnten immerhin 173 Personen interviewt werden) über den Wandel der Netzwerkkomposition bei älteren Menschen im Zusammenhang mit gesundheitlichen oder funktionalen Beeinträchtigungen. Es wird gezeigt, in welcher Weise es in der Regel gelingt, im Verschlechternngsprozeß auch entferntere Netzwerkressourcen zu nutzen.Google Scholar
  21. 200.
    Er unterscheidet mit Blick auf den informellen Bereich Aufgaben je nach dem, ob sie Nähe oder Distanz, langfristige oder kurzfristige Verbindlichkeit, große oder kleine Gruppen, geteilte oder verschiedenartige Life Styles und internalisierte und affektive oder instrumenteile Motivation erfordern.Google Scholar
  22. 201.
    Das Kasseler Modellprojekt “zugehende stadtteilorientierte Beratung älterer Menschen” geht zunächst davon aus, “daß ältere Menschen, die sich in besonders benachteiligten Lebenssituationen befinden, häufig die ihnen zustehenden Ansprüche an das soziale Sicherungssystem nicht geltend machen und verfügbare Hilfsangebote nicht wahrnehmen” (Karl u.a. 1990: 28). Im Vordergrund steht die Erreichung älterer und alter Menschen eines eingegrenzten Stadtteils mit kumulierenden Problemlagen. Diese führen in einer Art sich selbst verstärkender Spirale zur geringen Inanspruchnahme von Hilfen der verschiedensten Art, worauf ansetzend an Beratung und Information mit spezifischen Angeboten reagiert werden soll, “die auf der Basis zugehender Beratung auch die Aktivierung und Reaktivierung der Selbsthilfepotentiale der älteren Menschen und ihrer Umgebung zum Ziel haben” (Schmitz-Scherzer/Radebold 1983: lf.). Werden anfangs insbesondere Hausbesuche bei solchen Personen durchgeführt, die in mehreren Problemdimensionen herausgerastert wurden, so wird im weiteren Verlauf dieser Ansatz in ein breiteres Konzept eingebettet, “die Motivierung der Klienten für äußerhäusliche Aktivitäten mit anderen Stadtteilbewohnern fokussiert” (Karl u.a. 1990: 35), um insbesondere ein Ziel zu erreichen: Durch einen breiteren Zugang über Bildungs- und Freizeitangebote soll verhindert werden, daß das Auswahlverfahren der Klientel sowie die besondere Zugangsform (das häusliche Aufsuchen) zu einer ungewollten Klientelisierung und Stigmatisierung führt.Google Scholar
  23. 202.
    Diese unterscheiden sich ihnen zufolge insbesondere dadurch, daß sie von Professionellen moderiert werden und ihr Zeithorizont von vornherein begrenzt ist.Google Scholar
  24. 203.
    Dieses Bündel an Erkenntnissen hat in anderen Ländern schon sehr viel längere Tradition als in Deutschland. Vgl. z.B. Abrahams (1976): “Mutual help programs offer opportunities for healthy personality growth to both helpers and recipients of help after some traumatic loss experienced by both. The helping experience not only provides a way out of loneliness and anxiety but also a new satisfaction in reaching out to others, expanding commitment beyond the primary group circle, and building meaningful social ties to the community. The programs provide a means of developing new forms of social roles that are much needed in a society where social isolation and alienation are widely experienced,, (Abrahams 1976: 258).Google Scholar
  25. 204.
    Vgl. z.B. die Befragungsergebnisse bei Koch-Arzberger/Schumacher (1990: 104ff.) sowie zu Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitung von Familien- und Nachbarschaftszentren Helbrecht-Jordan (1991: 87ff.).Google Scholar
  26. 205.
    Nestmann weist darauf hin, daß Professionelle im psychosozialen und sozialmedizinischen Bereich “die einzigartige Gelegenheit haben, über ihre beruflichen Kontakte zu mehreren Klienten mit gleichen Anliegen oder Problemen und deren Bezugspersonen diese in eine gemeinsame soziale Beziehung zusammenzuführen” (Nestmann 1989: 117).Google Scholar
  27. 206.
    Die Förderung helfender, sozialer und kultureller Prozesse ist “eine Frage der Bereitstellung optimaler Rahmenbedingungen und Hilfsmittel, von qualifizierter Anregung, Förderung und Flankierung — nicht jedoch eine Frage der inhaltlichen Gestaltung. Vorgeschriebene Aktivität passiviert, schreckt auf Dauer ab, unterdrückt soziale und kreative Prozesse. Dieser Satz ist anwendbar auf Situationen (…) (und; U.O.) Förderungsprogramme. Selbsthilfe und Selbstorganisation älterer Menschen, sei sie nun professionell begleitet und flankiert oder nicht, bedarf z.T. der öffentlichen Förderung. Die Förderungsprogramme müssen fiir Änderungen offen bleiben, sie müssen sich (…) den Rahmenbedingungen und nicht den Inhalten der Aktivität verpflichtet fühlen” (Bäcker u.a. 1989: 258f.). Diese Vorstellung trifft für die Seniorengenossenschaften ziemlich genau zu.Google Scholar
  28. 207.
    Nach einer vorgeschalteten Forschungsphase wurde 1987 in Bad Vilbel (28000 Einwohner) ein vom BMJFFG geförderter Modellversuch gestartet. “Menschen, die alltägliche Hilfe suchen, sollen mit Menschen zusammengebracht werden, die auf freiwilliger Basis Hilfe anbieten wollen. Der große ungedeckte Bedarf an personalen sozialen Dienstleistungen und die vorhandene Bereitschaft vieler Menschen, sich im sozialen Bereich zu engagieren und anderen zu helfen, müssen zueinanderfinden” (Hondrich/Koch-Arzberger 1992: 58). Motor ist eine Initiative aus sozial aktiven Bürgerinnen im Rechtskleid des e.V. Intensive Öffentlichkeitsarbeit, Sammeln von Angeboten an und Nachfragen nach alltäglichen Hilfen und entsprechende Vermittlungen zwischen Einzelpersonen standen zu Beginn der Arbeit im Vordergrund. Wichtige Erfahrungen sind: der rasch nicht mehr ehrenamtlich zu bewältigende Organisationsaufwand; der Versuch, als Einstiegserleichterung offene Treffs anzubieten als regelmäßige Möglichkeit, sich zunächst an einer unverbindlichen Form von Gruppenarbeit zu beteiligen; die Notwendigkeit der Einrichtung eines “Büros” mit einer bezahlten professionellen Kraft, um ebenfalls Schwellen abzubauen: “Die Anonymität, der Grad sozialer Distanz und die Bürokratisierung sollen nicht so hoch sein, daß sie von vornherein abschreckend wirken, sie sollen aber auch nicht zu gering sein. Allzu große soziale Nähe gleich beim Eintritt in ein solches Netz kann Angst vor allzu schneller und starker Bindung und sozialer Kontrolle erzeugen — klassische Abschreckungsfaktoren bei kleinen Gruppen hoher räumlicher und sozialer Dichte, wie etwa bei den traditionellen Nachbarschaftshilfen — aber auch bei (…) ehrenamtlicher Tätigkeit in Kirchen und Wohlfahrtsverbänden” (Hondrich/Koch-Arzberger 1992: 60); der häufige Fall, daß ein Erstkontakt oft über unverbindliche Informationsfragen o.a. beginnt, denn “niemand würde kommen und sagen ‘ich brauche Kontakt, weil es mir schlecht geht’“(Hondrich/Koch-Arzberger 1992: 61); die Unterscheidbarkeit bestimmter Helferinnen typen nach Motivationsstrukturen (vgl. Hondrich/Koch-Arzberger 1992: 61ff.), wobei jene, die sich im engen karitativen Sinne die Rolle des selbstlosen Helfers auserkoren haben, sich als besonders problematisch herausstellen. 208 Die Ausgangsüberlegungen des LINC-Projekts sind zentriert um die Rolle, den Stellenwert und mögliche Entwicklungspotentiale von Nachbarn als Instanzen direkter Hilfe für Ältere. Es wird davon ausgegangen, daß insbesondere mit der höheren Erwerbsbeteiligung eine Verminderung des Hilfepotentials gerade auf Seiten der mittelalten Frauen als traditionellen Haupthilfepersonen einhergeht. Aber: “the potential exists for organizing neighbors to help fill this gap by providing assistance to each other, thereby reducing the stress on family caregivers and the demands made on the formal system”. Unbeschadet dieser erweiterbaren nachbarschaftüchen Leistung bleibt der Anschluß an das formale Hilfesystem unverzichtbar “for supplemental assistance available in the more informal neighborhood network” (Pynoos/Hade-Caplan/Fleisher 1984).Google Scholar
  29. 209.
    Vgl. z.B. das Projekt Organizational Volunteers for the Rural Frail Elderly (Young/ Goughler/Larson 1986). Die Ausgangsiiberlegungen sind: Trotz verfügbarer ambulanter Dienste ist deren Inanspruchnahme durch die ans Haus gebundenen älteren Menschen gerade in ländlichen und schwach besiedelten Gebieten sehr gering. Um nicht auf diese Weise den Sachzwang zur aufwendigen stationären Unterbringung entstehen zu lassen, ist es entscheidend, die Un Sichtbarkeit der großen Gruppe sonst potentieller Heimaspiranten zu durchbrechen, was insbesondere bedeutet, sie früh zu identifizieren. Zu den Ausgangsbedingungen ist anzumerken, daß in der Modellregion (Fayette County Area) ein hohes Armutspotential auch und gerade unter den Älteren anzutreffen ist, ebenso ein hohes Potential geographisch und sozial isoliert lebender Menschen.Google Scholar
  30. 210.
    Obschon aus dem Bereich junger Eltern eines ersten Kindes, scheint eine Übertragung auf Supportmöglichkeiten im Kontext kritischer Lebensereignisse, die eine umfassende Neuanpassung und Neu balancierung erfordern, möglich.Google Scholar
  31. 211.
    Zu einem deutschsprachigen Literaturüberblick und einer eigenen empirischen Untersuchung vgl. Nestmann (1988).Google Scholar
  32. 212.
    “The project proceeded with the tasks of identifying citizens in each locale who were interested in an appropriate candidates for training in several kinds of helping skills. (…) The training (…) also offered life development and crises intervention skills. Those among the first generation of trainees were expected to return to their communities of origin and extend their learning to local residents who, in turn, would be more effective sources of support within their own natural networks. Through this chain of training, the project staff hoped to radiate more effective helping skills througout the target locales” (Gottlieb 1981a: 213).Google Scholar
  33. 213.
    Zu einer Analyse von häuslicher Pflege unter dem Aspekt von Streß vgl. Belle (1982); Grabe (1989: 351); Hooyman (1990: 224ff.).Google Scholar
  34. 214.
    Hinzu können intermediäre Hilfen kommen, wie sie von Heinze/Olk/Wohlfahrt (1992: 54) an einem Beispiel, der “Aktion Pflegepartner”, dokumentiert werden, die zwar von Fachkräften der Caritas zusammen mit Mitarbeiterinnen der Sozialstationen entwickelt worden ist, aber auf freiwilliger Mitarbeit beruht. Nach dem Vorbild des Babysitting-Prinzips organisiert, ermöglicht sie es pflegenden Angehörigen, stundenweise freizunehmen. “Es haben sich Frauen im Alter zwischen 20 und 70 dazu bereit erklärt, tagsüber zeitlich begrenzte Einsätze bei Pflegebedürftigen durchzuführen. Nach anfänglichen Akzeptanzproblemen wird dieses Angebot inzwischen angenommen”. Es werden Unkostenersatz und kleine Gratifikationen (gemeinsames Abendessen) gewährt.Google Scholar
  35. 215.
    Daß dies zumeist notwendig ist, ergibt sich aus der starken zeitlichen, körperlichen und psychischen Belastung der Hauptpflegepersonen. Allerdings wird in einigen Fallen versucht, aus den zunächst angeleiteten Gruppen nach deren Beendigung autonome Selbsthilfegruppen entstehen zu lassen.Google Scholar
  36. 216.
    Im konkreten Fall ist einzuwenden, daß die netzwerkbezogenen Potentiale noch keineswegs systematisch ausgereizt sind. Zu einem guten Teil verweisen die diesbezüglichen Barrieren auf Defizite bzgl. eines noch zu thematisierenden reflektierten Laien-Profi-KooperationsmodellsGoogle Scholar
  37. 217.
    Das erste Hauptkapitel Über den Social Systems Approach beginnt folgendermaßen: “Most service providers have become aware of the fact that the majority of the older individuals have developed and maintained social networks. Gerontological literature has provided information about the social supports available to and utilized by the elderly (…). Although service providers are aware that most older people have helping relationships with family and friends, they may relate to clients as individuals separate from their social networks” (Bnibaker 1987: 20).Google Scholar
  38. 218.
    Diese Argumentation verkehrt in einer durchaus einleuchtenden Weiterentwicklung das Muster von Litwak, der in geradezu paradigmatischer Weise die prinzipiellen Grenzen der Vereinbarkeit formuliert: “Though modifications in structure of fomal organizations and primary groups can minimize and in some cases can eliminate friction, it is still the case that the structure of the majority of formal organizations and the majority of primary groups contain elements that are contradictory. Thus members of the modified extended family still stress noninstrumental orientations of affection and family survival as their central motivational devices, while the majority of the formal organizations must have a strong emphasis on economic motivation and only a minor emphasis on affection and the value of membership ties. If these two groups become too closely intertwined, there would be dangers of introducing nepotism into the organization or instrumentalism into the kinship relationship” (Litwak 1985: 25f.). Es ist kein Wunder, daß eine solche Subsumierung auch jener Bereiche, die gerade im Bereich sozialer Dienstleistung und mithin auch sozialer Arbeit auf kommunikativer Handlung beruhen, unter die Kategorie “formaler Organisationen” im “Balance Principle of Coordination under Conditions of Conflict” (Litwak 1985: 26) mündet.Google Scholar
  39. 219.
    Vgl. klassisch Collins/Pancoast (1981) sowie Bulmer (1987: 11 1ff.; 203f.); Nestmann (1986); Kardorff/Stark (1987: 225ff.).Google Scholar
  40. 220.
    “The practice (…) involves the use of many interacting networks within a community. Some networks are client-centered and others are defined by group or professional membership (mental health agencies, youth gangs, church congregations, etc.). The community network therapist develops a position in the community from which to navigate the existing pathways within and between networks, construct new linkages, and generate new patterns in this ever changing social field. Such practice, especially as it involves dealing with service workers, provides one with access to many community groups. Establishing marginal memberships in many groups, the community network therapist becomes a broker and mediator of information and resources among groups and is in a good position to engage in ‘networking’ for clients. In this process, the network therapist initiates many new linkages among previously unconnected workers and agencies. These ties are often informal and based on shared interests. As such they are well adapted to ‘networking’ among service workers as well” (Kliman/Trimble 1983: 293).Google Scholar
  41. 221.
    So ist zu kritisieren, daß der Leistungsschwerpunkt so stark auf medizinisch-krankenpflegerische Leistungen für pflegebedürftige alte Menschen verengt wurde und noch die hauswirtschaftliche Versorgung nur eine Nebenrolle spielt. “Psychosoziale Beratung und Unterstützung, soziale Aktivierung sowie die Förderung und Unterstützung nicht-professioneller Hilfen fehlen fast völlig. Selbst in den ambulanten Diensten wird der Patient seiner sozialen Bezüge beraubt und zum isolierten Objekt einer somatisch-krankenpflegerischen Intervention gemacht (hospital at home), statt ihn im Kontext seiner eigenen Bewältigungskompetenzen und seiner sozialen Unterstützungsnetzwerke zu sehen und die Hilfeangebote auf die konkrete Lebenslage abzustimmen. Auch die Selektivität dieser Einrichtungen zugunsten von Fällen leichteren bis mittleren Hilfe- und Pflegebedarfs macht deutlich, daß ambulante Versorgung bestenfalls als punktuelle Ergänzung zur Familienhilfe organisiert ist” (Heinze/ Olk/Wohlfahrt 1992: 48).Google Scholar
  42. 222.
    Zur Funktion von Netzwerkförderung in bezug auf die Vermittlung professioneller Dienste vgl. am Beispiel des LINC-Projekts Pynoos/Hade-Kaplan/Fleisher (1984: 235).Google Scholar
  43. 223.
    Zu einem ganz überwiegenden Teil, so Kaufmann in seiner Typologie sozialpolitischer Interventionsformen, handelt es sich bei dem ökologischen Maßnahmenkomplex um “räumlich gebundene Angebote, deren Leistungen einen unmittelbaren Kontakt mit den Leistungsadressaten voraussetzt. Die räumliche Bindung ergibt sich dabei aus Merkmalen sowohl des Angebots wie der Nachfrage: Typischerweise handelt es sich um Einrichtungen mit einer baulichen Grundlage, und zum anderen sind die Adressaten der zu erbringenden Leistungen selbst ortsgebunden; dies ergibt sich bereits aus der Residenzialität menschlicher Existenz (…). Die zu erbringenden Leistungen sind entweder als räumliche Angebote zur Selbstbedienung (…) oder als personenbezogene Dienstleistungen (im Unterschied zu Geld und Waren) nicht beliebig mobilisierbar. (…) Dies berechtigt, die hier erforderlichen sozialpolitischen Interventionen unter dem Gesichtspunkt der Umweltgestaltung zu thematisierenM (Kaufmann 1982a: 76; Herv. i.T.).Google Scholar
  44. 224.
    Entsprechende Zusammenhänge wurden in verschiedenen Forschungs- und Planungszusammenhängen teilweise schon vor mehreren Jahrzehnten thematisiert, von Kaufmann u.a. (1989: 50ff.) werden sie bis zur frühen empirischen Großstadtforschung der Chicagoer Schule zurück verfolgt.Google Scholar
  45. 225.
    Diesbezügliche Zahlen gibt es naturgemäß nur für jenen Bereich, in dem eine deutliche und freiwillige Entscheidung für eine Partizipation am Förderangebot Voraussetzung ist: bei den Selbsthilfegruppen. Vgl. Trojan u.a. (1987: 300); Grunow u.a. (1983); Braun/Opielka (1992).Google Scholar
  46. 226.
    Den Generaleinwand, der gegen eine Förderung — hier am Beispiel von institutionalisierten Initiativen wie den Kooperationsringen — vorgebracht wird, lautet, “daß die ‘Erfindung’ von sozialen Arrangements der Versorgung und des Bedarfsausgleichs nicht zur Angelegenheit des Staates, der Kommunen und der Wissenschaft gemacht werden darf, sondern der spontanen Fähigkeit von Individuen und Assoziationen überlassen werden muß, sich in gegebenen Bedarfs- und Notlagen und mit den ihnen jeweils verfügbaren moralischen und materiellen Ressourcen dadurch zurechtzufinden, daß sie ihre Konsum-, Produktions- und Lebenspraktiken in zweckdienlicher Weise umstellen und anpassen. Einer solchen — konservativ oder libertär akzentuierten — Sichtweise entgeht jedoch, daß im Zuge eben jener marktwirtschaftlichen und etatistisch-professionellen Modernisierungsprozesse, deren Folgeprobleme zu bewältigen sind, auch die soziokulturellen Kompetenzen und Dispositionen teilweise verlorengegangen sind, die für die spontane Erfindung und Nutzung von Formen solidarischer Selbsthilfe und Eigenarbeit und mithin für die Entstehung informeller Netze soziologisch vorausgesetzt werden müssen. In dem Maße, wie diese Diagnose strukturell und soziokulturell verankerter Selbsthilfedefizite zutrifft, die ihrerseits aus Prozessen der Individualisierung, Bürokratisierung und Modernisierung resultieren, macht es offenbar wenig Sinn, traditionelle Sozialtugenden — wie das Ethos der Ehrenamtlichkeit, des guten Nachbarn oder der generalisierten Mütterlichkeit — zur Nachahmung zu empfehlen und im übrigen für politische Enthaltsamkeit und NichtIntervention zu plädieren” (Offe/Heinze 1990:92). Vgl. ähnlich Hondrich/Koch- Arzberger (1992: 50ff.).Google Scholar
  47. 227.
    Zur Diskussion der Mischungsverhältnisse zwischen Zwang, Verpflichtung und freier Wahl vgl. Bulmer (1987: 78ff.).Google Scholar
  48. 228.
    Vgl. zu einer systematischen Betrachtung dieses Verhältnisses von Privatheit und sozialer Sorge und Pflege Bulmer (1987: 90ff.).Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Otto

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