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Rekrutierungsfunktion

  • Ulrich Otto
Part of the Perspektiven der Sozialpolitik book series (PSOZPOL)

Zusammenfassung

Konnte man vor einem Jahrzehnt noch feststellen: “Older persons have traditionally been thought of as recipients of social services instead of volunteers or providers of services” (Perry 1983: 108), so gilt dies heute sicher nicht mehr. Für die bundesrepublikanische Diskussion wurde mit dem Großtrend einer “Politik des informellen Sektors” und unter dem — altersbezogenen — Verweis auf die “Produktivität des Alters” bereits auf entsprechende Neuorientierungen hingewiesen. Wiewohl die entsprechenden Projekte und Initiativen zu einem Teil jedenfalls ihren Zielbestimmungen nach hauptsächlich darauf gerichtet sein mögen, “die Älteren aus dem gesellschaftlichen Abseits zu holen und ihnen Möglichkeiten für sinnvolle Selbstverwirklichung zu schaffen” (Kohli u.a. 1993: 22), bedeuten sie zugleich eine normativ aufgeladene Verhaltenserwartung. Sie werden vor dem Hintergrund der Ausformung neuer wohlfahrtspluralistischer Ordnungskonzepte zunehmend eingefügt in ernst gefärbte Zeitdiagnostik, Konrad Hummel spricht bereits vom “Sozialstaatsmythos vom ‘gesicherten’ Alter, wo doch jede Statistik zeigt, daß der Staatsapparat alleine die helfenden Hände nicht mehr zusammenbringen wird” (Hummel 1993: 221).

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Literatur

  1. 151.
    Sie werden vor dem Hintergrund der jeweils wichtigen sozialwissenschaftlichen Vertreter ausführlich z.B. bei Bulmer (1987: 148ff.) — hier als motivational Basis für informelle Sorge- und Pflegearbeit — diskutiert.Google Scholar
  2. 152.
    In dieser Formulierung ist angelegt, daß es kein geschlossenes Konzept “neuer Ehrenamtlichkeit” gibt. Der eher positiven Konnotation des Selbstbezuges entgegen wird bspw. von einer sozial- und frauenpolitisch argumentierenden Position aus auf die wachsenden Widersprtichlichkeiten hingewiesen, wenn neue Ehrenamtlichkeit mit folgenden Merkmalen charakterisiert wird: “Geringfügige Bezahlung und damit Grenzüberschreitung hin zu ungeschützter, schlecht bezahlter ‘Erwerbsarbeit’; regelmäßige Qualifizierung (zu Beginn und begleitend der Arbeit), Trend zur Fachlichkeit, zur Halb-Professionalität; ausgeklügelte und gezielte Strategien zur Motivation Ehrenamtlicher, z.T. parallel Forderung nach Mehrarbeit der Hauptamtlichen; finanzielle Anreize an Freie Träger für den Einsatz Ehrenamtlicher; Entwicklung zum ‘Ersatz-Arbeitsverhältnis’ für Erwerbslose, für vorzeitig in den Ruhestand versetzte, im Alter nicht ausgefüllte Personengruppen; Auseinanderdriften von symbolischer Bedeutung des Ehrenamtes als — im Idealfall — freiwillige, freigestaltbare, ganzheitliche, unbezahlte, spontane und zweckfreie Hilfe von Mensch zu Mensch auf der einen Seite und alltäglicher Erfahrung als ‘Arbeitsverhältnis dazwischen’ mit Ersatzund Pufferfunktionen auf der anderen” (Backes 1991: 92).Google Scholar
  3. 153.
    Dies ist ein Hauptargument des Müller-Kohlenberg’sehen Begriffsvorschlages der “Helferrückwirkung”. “Auf eine Kurzformel gebracht, lautet die These (…): Helfer ‘profitieren’ durch ihre Hilfeleistungen oft mehr als der Hilfeempfänger. Die Persönlichkeitsförderung der Helfer bezieht sich etwa auf Gebiete wie Zufriedenheit, Rehabilitation, Selbstkonzept oder Kompetenzerweiterung in bestimmten Bereichen. Der Empfänger, der das Ziel von Hilfeleistungen ist, ist zugleich auch Medium von Hilfe (für den Helfer)” (Müller-Kohlenberg 1990: 212).Google Scholar
  4. 154.
    Der grundsätzliche von Jakob erhobene Einwand läuft darauf hinaus, daß für die von ihr vorgenommene Differenzierung in verschiedene Typen nicht das Geschlecht die zentrale Kategorie ist, sondern jeder einzelne Typus von Frauen und Männern repräsentiert wird, wobei sich allerdings innerhalb der Typen weibliche und männliche Varianten unterscheiden lassen (vgl. Jakob 1993: 262f.). Die praxisbezogene Frage wurde u.a. schon in einer Reihe anderer Modellprojekte aufgeworfen. Der Berliner Treffpunkt Hilfsbereitschaft berichtet immerhin, daß 45 bis 90% der erreichten Zielgruppe Männer sind, worunter die 20- bis 30jährigen stark repräsentiert sind. Auf der Grundlage der Aussagen von Projektmitarbeitern fassen Heinze/Olk/ Wohlfahrt (1992: 26) zusammen: “Es handelt sich fast durchweg um Erwerbstätige. Sie suchen kompensatorische Erfahrungen gegenüber der beruflichen Tätigkeit, sind in ihrer Freizeit nicht ausgefüllt bzw. wollen durch das Kennen lernen anderer sozialer Welten ihre Abenteuerlust befriedigen bzw. suchen die menschliche Begegnung”. Wenn das so zutrifft, dann wäre demgemäß ein biographieorientiertes Muster getroffen worden. “Der Versuch des Treffpunkts Hilfsbereitschaft, mit einer Plakataktion ‘Man(n) hilft’, Männer verstärkt zu freiwilligem sozialem Engagement zu aktivieren, hat keine meßbaren Ergebnisse erbracht. Hier scheint es uns notwendig zu sein, langfristige Strategien zu entwickeln, die den Einstieg in freiwilliges Sozialengagement für Männer attraktiver machen. Konkrete Erfahrungsberichte von Männern scheinen uns hier ein Ansatzpunkt zu sein. Ein anderer Ansatzpunkt ist es, die Handlungsbereiche freiwilligen sozialen Engagements zu erweitern, um damit auch Kompetenzen, die Männer in ihren beruflichen Tätigkeiten erworben haben, herauszufordern” (Kohlenberg/Kardorff/Kraimer 1993:168). Zur Interpretation der Plakataktion vgl. Heinze/Olk/Wohlfahrt (1992:26). Koch-Arzberger/Schumacher (1990: 53f.) verweisen einmal mehr auf die Erfahrungen mit Handwerker- oder Senior-Expertendiensten und bestätigen damit den Berliner Grundgedanken.Google Scholar
  5. 155.
    Vgl. z.B. die Ergebnisse eines Modellversuchs zur Gewinnung ehrenamtlicher BesuchshelferInnen, die vergleichsweise höhere Vorbehalte gegenüber Älteren und verstärkt noch gegenüber gerontopsychiatrischen Patientinnen ergaben, vgl. GSD (1987: 33). Zum Einsatz bei psychisch kranken alten Menschen vgl. Lohfer/Lohfer/Muschter(1982).Google Scholar
  6. 156.
    Die nordrhein-westfälische Altersselbsthilfegmppenuntersuchung bietet ein altersdifferenzierendes Interpretationsangebot ihrer Daten, bezogen auf den dort untersuchten Tätigkeitsausschnitt: “Die bis zu drei Jahre alten Gruppen verweisen bereits vermehrt auf Teilnehmer im Alter von ca. 60 Jahren (…). Die von dieser Altersgruppe ausgewählten Bereiche liegen verstärkt in den Gesprächs-(psycho-soziales), Kultur- und Gesundheitsgruppen. Bis zum Alter von 65 Jahren werden vermehrt Tätigkeiten im nachberuflichen Bereich gesucht, während darüberhinaus für 65 Jahre und ältere Personen gemeinwesen- bzw. sozialbezogene Tätigkeiten einen bevorzugten Gruppenzugang bedeuten. Abweichungen von diesen Durchschnittswerten zeigen sich in allen Bereichen und belegen eine hohe individuell motivierte Nutzung der Altenselbsthilfegruppen” (Reggentin/Dettbarn-Reggentin 1992: 4).Google Scholar
  7. 157.
    “Daß nicht die nackte Existenznot, ja nicht einmal vorwiegend materielle Erwägungen die Erwerbswtlnsche von Rentnern hervorrufen, beweist die Nachfrage nach den Gründen, warum man sich eine Nebenerwerbstätigkeit wünscht. Nur 13% der Befragten geben an, daß die Rente nicht reicht, 20% wollen sich mehr leisten können. Dagegen spielt der Wunsch nach Kontakt zu anderen Menschen bei 42% der Rentner eine Rolle, 34% wollen eine sinnvolle Arbeit tun, 32% sagen, daß ihnen Arbeit einfach Spaß macht” (Hondrich u.a. 1988: 97).Google Scholar
  8. 158.
    In vielen Programmen und Initiativen freiwilligen Engagements wird sehr auf diese “Gratifikation” geachtet. In Seniorengenossenschaften ist dies sehr unterschiedlich zu konstatieren, was zugleich heißen soll, daß die diesbezüglichen konzeptionellen Potentiale noch keineswegs erschöpft sind, während die professionell angeleiteten Service-Credit-Programme diesem Thema große Wichtigkeit beimessen. “Since service credit volunteers serve in people’s homes, and not in a group setting, the sense of belonging to and recognition by a community that comes with most volunteer programs is not intrinsic to the service credit design. Program managers make explicit efforts to create that community, to ensure volunteer satisfaction and continued participation. Regular telephone contact, encouragement to visit the office, periodic training sessions/meetings, and quarterly parties or social gatherings (…) were the primary mechanisms employed” (Feder/Howard/Scanlon oJ.).Google Scholar
  9. 159.
    Die “Ausstrahlung” von Einrichtungen, ihr “Outfit” und Erscheinungsbild und die mit ihnen assoziierten Werte und Vorstellungen gelangen erst allmählich ins Blickfeld in einem Bereich, der so lange so weitgehend von den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege gestaltet wurde. Die Entwicklungsfähigkeit entsprechender Institutionen hängt insbesondere davon ab, “ob und inwieweit sie sich von dem klassischen Image der Sozialorganisation lösen können. Deshalb wird auch (beim Beispiel des Berliner Treffpunkt Hilfsbereitschaft; U.O.) fiir die konzeptionelle Selbstverortung die Metapher der Reisebüros gewählt. Ebenso wie die Leute in ein Reisebüro mit bestimmten Urlaubsträumen hereinkommen und sich aus der Palette der ‘Traumangebote’ das für sie interessante heraussuchen, so sollten auch die potentiellen Kunden des Treffpunkts mit bestimmten Träumen über ihr ‘Abenteuer in fremden Sozialwelten’ kommen, und es ist dann die Aufgabe des VermittlungsbUros, diese Träume mit dem Angebot an Verwirklichungsmöglichkeiten abzugleichen, und erforderlichenfalls auch bestimmte Idealvorstellungen auf die Ebene der Wirklichkeit herunterzutransformieren. Dies bedeutet andererseits, daß das Vermittlungsbüro dazu gezwungen ist, die Zielinstitutionen darin zu unterstützen, bestimmte Standards der Arbeit (wie etwa ihre Formen der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen, ihre Außendarstellung etc.) auf einem qualitativ hohen Stand zu halten. Stichworte hierzu wären ‘Good Job Design’ sowie ‘Staff Commitment’“(Heinze/Olk/Wohlfahrt 1992: 27). In baulicher Hinsicht wird gefordert, daß die Einrichtungen durch große Schaufenster mit Auslagen signalisieren, daß sie niedrigschwellig und unverbindlich sind. Eine räumliche Nachbarschaft zu Banken, Fitneß-Zentren und Reisebüros ist ausdrücklich erwünscht. Auf diese Weise soll deutlich gemacht werden, daß solche Treffpunkte mit anderen Freizeiteinrichtungen um die disponible Zeit der Bevölkerung konkurrieren.Google Scholar
  10. 160.
    Müller/Rauschenbach/Otto (1992) argumentieren relativ “greifbar” zugunsten von symbolischen und materiellen Gratifikationen. Rieken analysiert Engagementverläufe in Familien- und Nachbarschaftszentren im Kontext von “Beweggründen, die an das Belohnungs- und Anreizsystem des Zentrums gebunden sind” (Rieken 1991: 47), worunter Kontakt, Anerkennung, Zugehörigkeit und Gleichberechtigung — mitsamt ihrer Wirkungen — ebenso gefaßt werden wie Rahmenprinzipien in Form freier Zeiteinteilung und Wahlfreiheit in den Aufgaben und schließlich Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeit in unterschiedlich verbindlichen Formen der Verantwor-tungsühernähme und in unterschiedlichen Graden an Öffentlichkeit. Neben diesen “Gratifikationen” sind Anreize pekuniärer Art lediglich ein Typus. Für Mütterzentren ebenso wie für Familien- und Nachbarschaftszentren gilt, daß sie für sehr viel mehr stehen als nur für die Befriedigung des Eigennutzmotivs. Wenn hier für bestimmte Aufgaben im Zusammenhang der Einrichtung Honorare gezahlt werden, so werden sie weniger als äquivalenter “Lohn” im Muster von Erwerbsarbeit interpretiert, sondern eher als Legitimation für eine Betätigung im öffentlichen Raum sowie als gesellschaftliche Anerkennung von Hausfrauen- und Erziehungstätigkeit. Die Geltungskraft dieser Interpretation variiert natürlich zwischen den einzelnen Personen sehr stark, es scheint so, daß gerade die in traditionellen sozialen Ehrenämtern unterdurchschnittlich repräsentierten Gruppen mit dadurch mobilisiert werden können.Google Scholar
  11. 161.
    Aber selbst diese dienstleistungsorientierte Perspektive wäre — dies als Vorgriff auf deren Reformulierun g durch die Netzwerkperspektive — in einer Weise zu erweitem, damit etwa das Hilfreiche einer “Rekrutierung als Netzwerkpartnerin” in seiner Relevanz in den Blick kommt, was beim klassischen Dienste-Ansatz unmöglich scheint.Google Scholar
  12. 162.
    Vgl. z.B. die Kritik von Buer am Modell der Kooperationsringe von Offe/Heinze: “Den informellen Sektor der Eigenarbeit (…) wollen sie aus der Grauzone herausholen, indem sie die Grundprinzipien bürgerlicher Ökonomie erneut nutzen: Das Motiv der Teilnahme soll der Nutzen für sich wie für andere sein. Sie können sich nicht vorstellen, daß auch altruistische Motive tragfähig sein können. Dementsprechend werden die Ergebnisse der Selbsthilfeforschung (vor allem auch der Forschungen zum Social Support) völlig unzureichend zur Kenntnis genommen. (…) Landauer, Buber und die Gemeinschaftsexperimente werden (…) nicht bedacht. So bleibt dieses Modell völlig ökonomistisch. Es setzt letztlich nicht auf den Kooperationsgedanken, sondern auf den individuellen Eigennutz. Das Interesse an autonomen, unterstützenden Wechselbeziehungen wird nicht zur Kenntnis genommen. Sie versuchen also, den Gesellschaftsmodus dem spontan vorhandenen Bundesmodus überzustülpen. Sie erweisen sich damit als etatistische Sozialpolitiker” (Buer 1993: 281).Google Scholar
  13. 163.
    Vgl. die bei Feder/Howard/Scanlon (oJ.: 39) erörterten Strategien, die Bedeutung der Service credits sichtbar und glaubwürdig zu machen.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Otto

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