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Der Schneeball schmilzt: die Grenzen der Demokratisierung in den ASEAN-Staaten

  • Mark R. Thompson
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Zusammenfassung

Bei den Demokratisierungen der letzten zwanzig Jahre ist deutlich ein „Schneeball-Effekt“ in Südeuropa, Lateinamerika, Osteuropa und Afrika südlich der Sahara wahrzunehmen. Nachdem sich ein Land in einer dieser Regionen demokratisiert hat, sind viele oder sogar alle Nachbarländer diesem Beispiel gefolgt. Mal Diffusion, mal Demonstrations-Effekt, manchmal Nachahmung oder gar „Ansteckung“ genannt, ist der „Schneeball-Effekt“ ein Prozeß, in dem eine Demokratisierung eine Reihe anderer Demokratisierungen auslöst. Nach Samuel P. Huntington findet „democratic snowballing“ (wie er dieses Phänomen nennt) statt, wenn 1) die Probleme in anderen (noch nicht demokratischen) Ländern ähnlich zu sein scheinen und/oder 2) die Lösungen, die die Demokratie anzubieten hat, attraktiv sind und/oder 3) das Land, das sich demokratisiert hat, als ein passendes politisch-kulturelles Modell erscheint.1

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Literatur

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    Der ASEAN-Kleinstaat Brunei wird hier nicht behandelt wegen seiner Größe (nur 300,000 Einwohner), einseitiger Wirtschaft (Öl und Gas machen mehr als die Hälfte des Bruttosozialproduktes des Landes aus) und seines untypischen politischen Systems (eine absolutistische Monarchie ohne politische Parteien). Vietnam wurde ebenfalls nicht berücksichtigt, da es zur Zeit der Abfassung dieses Aufsatzes (Frühjahr 1995) noch kein ASEAN-Mitglied war.Google Scholar
  3. 3.
    Diese Gründe entsprechen Hungtingtons ersten zwei Argumenten über den „Schneeball-Effekt“. Huntingtons dritte These, daß nämlich das neudemokratisierte Land als ein passendes Modell gesehen werden muß, wird hier weniger berücksichtigt. Die Philippinen wurden von den anderen ASEAN-Staaten als ein „in vieler Hinsichten gescheitertes Land“ angesehen („Across Southeast Asia, Awakenings to Democracy“, The New York Times, May 24, 1992, S. 3). Aber das Beispiel der Philippinen wurde von Oppositionellen in anderen asiatischen Diktaturen, z.B. Pakistan, Südkorea und Taiwan, mit großem Interesse beobachtet. Das erlaubt die Schlußfolgerung, daß interne Faktoren in Indonesien, Malaysia und Singapur entscheidender für die Abwehr der Demokratie waren als die fehlende Attraktivität des philippinischen Beispiels. Für eine Diskussion über Auswirkung von „People Power“ und eine Analyse des philippinischen Übergangs zur Demokratie siehe Mark R. Thompson, The Anti-Marcos Struggle: Personalistic Rule and Democratic Transition in the Philippines (New Haven: Yale University Press, 1995).Google Scholar
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    Daten in diesem Absatz sind, wenn nicht anders zitiert, von der World Bank, World Development Report: Development and the Environment (Oxford: Oxford Universty Press, 1992).Google Scholar
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    Die Auslandspresse — z.B. The Asian Wall Street Journal, the Far Eastern Economic Review und The Economist — hat oft mit Verbot innerhalb Singapur oder Angklagen zu rechnen, wenn kritische Artikel veröffentlicht werden. Vor kurzem wurde ein amerikanischer Professor von der Polizei vernommen, weil er einen kritischen Artikel im International Herald Tribune publizierte. „Singapore Rejects U.S. View on Questioning Academic,“ International Herald Tribune, October 22–23, 1994, S. 5. Während das US State Department die Regierung Singapurs kritisierte, entschuldigte sich ein um seine vielen Leser in Singapur besorgter International Herald Tribune in einer vollseitigen Annonce in der eigenen Zeitung.Google Scholar
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    Diese Zitat stammt von Suhartos Vorgänger Sukarno, der „Vater“ der Pancasila-Ideologie.Google Scholar
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    Trotzdem versuchen Demokraten in Indonesien die 50er Jahre als Demokratiemodell für das Land darzustellen. Eine Konferenz mit dem Thema „Indonesien Democracy, 1950s and 1990s“, an der viele führende indonesische Oppositionelle teilnahmen, wurde an der Monash University (Melbourne Australien) am 17. bis 20. Dezember 1992 abgehalten.Google Scholar
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    Auf den Philippinen trägt die Demokratie sogar zur nationalen Integration bei. Für mein Argument dazu siehe „Democracy and National Integration in the Philippines“, in Ingrid Wessel (Hrsg.), Nationalism and Ethnicity in Southeast Asia (Münster: LIT-Verlag, 1994), S. 209–229. In Thailand ist die Nation vor allem durch den König symbolisiert. Die Monarchie sorgt für nationale Integration, egal ob das Regime demokratisch, quasi-demokra-tisch oder autoritär ist.Google Scholar
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    Über drei Viertel aller Bürger Singapurs betrachten sich as „Singaporeans“ und nicht als Chinesen, Malayen, oder Inder. Chiew Seen-Kong, „The Socio-Cultural Framework of Politics,“ in Jon S.T. Quah, Chang Heng Chee and Seah Chee Meow (Hrsg.), Government and Politics of Singapore (Singapore: Oxford University Press, 1985), S. 66. In der Schweiz dagegen identifizieren sich nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung primär als „Schweizer“.Google Scholar
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    Im Falle Afrikas hat Frankreich — in Zusammenarbeit mit den USA, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds — „explizit gefördert, daß politische Änderungen eine Voraussetzung für weitere Darlehen für afrikanische Länder sein sollen“. Samuel Decalo, „The Process, Prospects and Constraints of Democratization in Africa,“ African Affairs Jg. 91 (1992), S. 19.CrossRefGoogle Scholar
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    Für sprachliche Hilfen bei der Abfassung dieses Artikels bedanke ich mich bei Dr. Rolf Becker und Dr. Julia Sünskes Thompson.Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Mark R. Thompson

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