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Aufklärung und Verschleierung

Anmerkungen zur Symbolischen Politik
  • Ulrich Sarcinelli

Zusammenfassung

Es gehe ja nur um einen kurzen Moment unserer Geschichte, einen Moment der Entspanntheit und des heiteren Umgangs. — Mit diesem unverkrampft lockeren Appell für eine „neue deutsche Gelassenheit“ in Sachen Reichstagsverhüllung blieb der Abgeordnete Freimut Duve in der 211. Sitzung des Deutschen Bundestages im Februar 1994 ziemlich allein. Eher drängt sich bei der Lektüre der Debatte der Eindruck auf, das Parlament habe nicht über ein künstlerisches Projekt, sondern über eine Überlebensfrage der Nation zu entscheiden. Die eine — freilich in der Abstimmung dann unterlegene — Seite empfand das Verpackungsprojekt als Sakrileg, als unwürdigen Umgang mit dem geschichtsmächtigsten Bauwerk des deutschen Parlamentarismus, das keine künstlerischen Experimente erlaube (Burkhard Hirsch, Wolfgang Schäuble). Andere bemühten sich mit mehr oder weniger Kunstverständnis, das „Symbolische“ in Christos Vorhaben zu entschlüsseln: Was für die einen eher nüchtern als „künstlerisches Zeichen für den Neuanfang in Berlin“ (Peter Conradi) oder schon weniger pragmatisch als grandiose Gelegenheit gesehen wurde, über den Parlamentarismus zu diskutieren, wobei mit der Verhüllung des Reichstages Geschichte enthüllt werden könne (Heribert Scharrenbroich), wurde für andere schon zu einem quasi liturgischen Akt hochstilisiert: die Reichstagsverhüllung als „Symbol für die Wiedergeburt der Demokratie“ und als „Ausdruck der Ehrfurcht“, die Freiraum für die Besinnung auf das Wesentliche schaffe (Konrad Weiß).

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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Sarcinelli

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