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Politische Symbolik und postnationale Identität

  • Rüdiger Voigt

Zusammenfassung

In der deutschen Vergangenheit sind politische Symbole häufig dazu eingesetzt worden, Staatstreue und nationale Identität zu erzeugen und zu festigen. Reichsinsignien und Fahnen, Siegesfeiern und Heldengedenktage, aber auch Denkmäler und Bauwerke dienten dazu, den Deutschen Nation und Staat näher zu bringen. Wie das Brandenburger Tor ist auch der Reichstag eines dieser symbolträchtigen Bauwerke, die für die nationale Identität der Deutschen von besonderer Bedeutung waren und es für manche auch heute noch sind. Kaiserverehrung oder Führerkult verstärkten die Wirkung dieser Symbolik im Zweiten und Dritten Reich noch, verkörperte die Person an der Spitze doch symbolhaft die Einheit von Staat und Nation. Dabei spielte angesichts der vielfältigen und schmerzhaften Brüche in der deutschen Geschichte die Beschwörung der Vergangenheit stets eine bedeutende Rolle. Konnten die Hohenzollernkaiser immerhin an das Heilige Römische Reich deutscher Nation und dessen Kaisermythos anknüpfen, so griff Hitler auf die urgermanische Sagenwelt zurück, ohne allerdings darauf zu verzichten, auch die preußische Tradition für sich in Anspruch zu nehmen. Fand der staatlich verordnete Germanenkult seinen Ausdruck im Runengebrauch und in den Sonnenwendfeiern des Dritten Reichs, so wurde der Preußenmythos mit der Glorifizierung des Alten Fritz — auf Briefmarken, Plakaten und in Kinofilmen — ebenso in Gebrauch genommen wie die Bismarckverehrung der Deutschen. Symptomatisch für die Beschwörung der Vergangenheit zu politischen Zwecken war der „historische Händedruck“ des greisen Reichspräsidenten von Hindenburg in der Uniform des Generalfeldmarschalls, der er als „Sieger von Tannenberg“ im Ersten Weltkrieg gewesen war, mit dem „böhmischen Gefreiten“ Adolf Hitler, der sich anschickte, als soeben ernannter Reichskanzler zunächst Deutschland und dann die Welt zu erobern.

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© Leske + Budrich, Opladen 1995

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  • Rüdiger Voigt

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