Advertisement

Zusammenfassung und Vergleich der vorgestellten Ansätze

  • Wolfgang Ludwig Schneider

Zusammenfassung

Im ersten Band dieser Einführung hatten wir sechs Problemkomplexe identifiziert, die in den verschiedenen Ansätzen behandelt wurden. Dabei war nicht jedes dieser Probleme in jeder Theorie gleichermaßen präsent. Jede der untersuchten Theorien traf eine für sie charakteristische Auswahl aus diesen Bezugsproblemen und deutete sie auf eine spezifische Weise. Dasselbe gilt, wie wir gesehen haben, im wesentlichen auch für die in diesem Band behandelten neueren Ansätze. Die Luhmannsche Systemtheorie fügt diesen Bezugsproblemen ein weiteres hinzu: das Zwillingsproblem der Komplexität und der (doppelten) Kontingenz bzw. (nach der „autopoietischen Wende“) das Problem der Sicherung der Anschlußfähigkeit kommunikativer Operationen. Die Liste unserer Bezugsprobleme enthält demnach die folgenden Eintragungen:
  • das Problem der Genese von Reflexionsfähigkeit, Selbstbewußtsein und Sinninterpretationskapazität;1

  • das Problem der sinnhaften Konstitution von Handlungen bzw. Kommunikationen;

  • das Problem der Intersubjektivität;

  • das Problem der (Zweck- bzw. Geltungs)Rationalität;

  • das Problem der sozialen Ordnung;

  • das Problem der Ausdifferenzierung und Integration rationalisierter Handlungsfelder bzw. sozialer Systeme;

  • das Zwillingsproblem von Komplexität und (doppelter) Kontingenz bzw. das Problem der Sicherung operativer Anschlußfähigkeit

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Dieses Problem wird nur in Meads Theorie der Evolution signifikanter Symbolkommunikation ausführlich behandelt. In den übrigen der hier vorgestellten Theorien, sowohl den klassischen wie in den neueren, wird seine Lösung einfach vorausgesetzt. Entsprechende Ansätze bei Habermas haben nur einen marginalen Stellenwert innerhalb seines Gesamtwerkes und sind über das Stadium von Entwürfen kaum hinausgekommen. Vgl. dazu exemplarisch die beiden Aufsätze “Notizen zur Entwicklung der Interaktionskompetenz” und “Überlegungen zu Kommunikationspathologien”, veröffentlicht in Habermas 1984, 187–225 und 226–270. Weitere Arbeiten zur Entwicklung der Sprach-und Handlungsfähigkeit konzentrieren sich auf die Entwicklung des Moralbervußtsseins (vgl. dazu besonders Habermas 1976, 63ff. und 1983, 127ff.). Ähnlich wie die sozialisationstheoretischen Arbeiten von Talcott Parsons, stellen demnach auch die Habermasschen Arbeiten zur Ontogenese die Entwicklung normativer Strukturen in den Vordergrund.Google Scholar
  2. 2.
    Zu dieser Kontroverse vgl. den Briefwechsel zwischen Parsons und Schütz; siehe insbesondere Parsons/Schütz 1977, 52ff. und 98ff.Google Scholar
  3. 3.
    Wie wir bei der Diskussion der Weberschen Handlungstheorie sahen, überschreitet Weber in seinen materialen Analysen selbst das Konzept des subjektiven Sinnes in Richtung auf einen objektiven Sinnbegriff. So, wenn er den Sinnzusammenhang der Prädestinationslehre als sinnhaft erklärenden Hintergrund einer asketischen Ethik der Lebensführung auch dort noch beanspruchen will, wo dieser Sinnzusammenhang dem einzelnen protestantischen Gläubigen subjektiv nicht bzw. nicht mehr zugänglich ist. Die Rechtfertigung dafür besteht sowohl in der historisch-genetischen Rückführbarkeit bestimmter Handlungsorientierungen auf diesen Sinnzusammenhang, wie auch in dem aktuell fortbestehenden sinnhaften Entsprechungsverhältnis zwischen diesen Handlungsorientierungen und der Prädestinationslehre. - Unter den neueren methodologischen Ansätzen rücken vor allem die objektive Hermeneutik Oevennanns (vgl. bes. Oevermann u.a. 1979 sowie Oevermann 1986) und die sozialwissenschaftliche Hermeneutik Soeffners (1989 und 1992) die Aufdeckung objektiver Sinnstrukturen in den Mittelpunkt der Analyse von Äußerungen und Handlungen. Der objektive Sinn eines Äußerungs-oder Handlungsereignisses ergibt sich dabei jeweils aus den sozial geltenden Regeln und Normalitâtserrwsungen,die dieses Ereignis in einer gegebenen Situation faktisch erfüllt oder verletzt und zwar unabhängig davon, ob der Autor eines solchen Ereignisses sich an diesen Regeln und Erwartungen orientiert hat oder sie auch nur kennt.Google Scholar
  4. 9.
    Siehe dazu Coleman 1995, Bd.1, 22, mit der Bemerkung: “Ich vertrete also in diesem Buch die Position, daß der Erfolg einer Sozialtheorie, die sich auf Rationalität gründet, darin liegt, den Bereich sozialer Handlungen, den die Theorie nicht erklären kann, Schritt für Schritt zu verkleinern. Man kann die Theorie auch so betrachten, daß sie für eine Menge abstrakter rational handelnder Akteure konstruiert ist. Dann erhebt sich die empirische Frage, ob eine derartige Theorie das Funktionieren eines tatsächlichen sozialen Systems mit realen Personen widerspiegeln kann.” Coleman weist hier seiner Theorie den Status einer idealtypischen Konstruktion im Sinne Webers zu. Die Präferenz für rationale Idealtypen hat, wie wir bei der Diskussion von Webers Methodologie festgestellt haben, einen einfachen Grund: Rationale Motive als Basis von Handlungserklärungen haben für sich den Vorteil maximaler Verständlichkeit.Google Scholar
  5. 10.
    In der neueren Diskussion von Theorien sozialer Evolution firmieren Ansätze, welche die Bedeutung der situativen Bedingungen des Handelns in den Vordergrund rücken, unter dem Titel von Theorien “struktureller Selektion” (vgl. Giesen/Schmid 1975; Schmid 1998).Google Scholar
  6. 13.
    Vgl. dazu Luhmann 1989, 344: “Alles in allem kann man an Änderungen der Motivsemantik gesellschaftlichen Wandel ablesen. Das verschiebt aber nur das Erklärungsproblem. Nicht Motive erklären gesellschaftliche Differenzierung, sondern gesellschaftliche Differenzierung erklärt Motive. Auch und gerade für den Fall von religiös qualifizierten Motiven gilt nichts anderes.”Google Scholar
  7. 14.
    Siehe ausführlicher dazu Schneider 1999b.Google Scholar
  8. 25.
    Die selbstreferentielle Geschlossenheit macht das politische und das wirtschaftliche Funktionssystem gegen Versuche der Intervention, im Sinne unmittelbarer Eingriffe, immun“ (Habermas 1988, 423). - Diese Aussage wird später jedoch modifiziert: ”Die Integration einer hochkomplexen Gesellschaft läßt sich nicht systempaternalistisch, also an der kommunikativen Macht des Staatsbürgerpublikums vorbei, abwickeln…. Schon aus diesem Grunde können Politik und Recht nicht als autopoietisch geschlossene Systeme begriffen werden. Das rechtsstaatlich verfaßte politische System ist intern in Bereiche administrativer und kommunikativer Macht differenziert und bleibt zur Lebenswelt hin geöffnet…. Dem Systemparadigma entsprechen die kapitalistische Wirtschaft und - mit Abstand - die auf Planung und Daseinsvorsorge spezialisierte öffentliche Administration noch am ehesten“ (Habermas 1992, 427f.).Google Scholar
  9. 26.
    Selbstorganisierte Öffentlichkeiten müßten die kluge Kombination von Macht und intelligenter Selbstbeschränkung entwickeln, die erforderlich ist, um die Selbststeuerungsmechanismen von Staat und Wirtschaft gegenüber den zweckorientierten Ergebnissen radikaldemokratischer Willensbildung zu sensibilisieren. An die Stelle des Modells der Selbsteinwirkung der Gesellschaft tritt damit das Modell eines von der Lebenswelt unter Kontrolle gehaltenen Grenzkonfliktes zwischen ihr und den beiden an Komplexität überlegenen, nur sehr indirekt beeinflußbaren Subsystemen, auf deren Leistungen sie gleichwohl angewiesen ist“ (Habermas 1988, 423).Google Scholar
  10. 27.
    Die hier versuchten Darstellungen verschiedener theoretischer Entwürfe konnten dies nicht zureichend wiedergeben. Sie bieten mehr oder weniger statische Momentaufnahmen, die sich - im Interesse der Verständlichkeit - um Konturenschärfe bemühen. Als detaillierte historisch-genetische Rekonstruktion von Luhmanns Systemtheorie, die deren Entwicklung in exemplarischer Weise nachzeichnet, vgl. Göbel 2000.Google Scholar
  11. 29.
    Als Ansätze dazu vgl. jedoch Coleman 1986 und 1995, Bd.2, Teil IV sowie Esser 2000.Google Scholar
  12. 30.
    Siehe dazu Schmid 1998, 26f., der dieses Beispiel ebenfalls erwähnt und dessen Argumentation ich hier folge.Google Scholar
  13. 31.
    Zur Begründung und Entfaltung dieses Erklärungsprogramms siehe besonders Giesen/Schmid 1975, Giesen 1980a, Giesen/Lau 1981, Giesen/Junge 1998 und Schmid 1998.Google Scholar
  14. 32.
    Vgl. dazu die Fortsetzung des Zitats von Weber 1920, 37, wo es heißt: “Allein gerade hier kann man die Schranken des ‘Auslese’-Begriffes als Mittel der Erklärung historischer Erscheinungen mit Händen greifen. Damit jene der Eigenart des Kapitalismus angepaßte Lebensführung und Berufsauffassung ’ausgelesen’ werden, d.h.: über andere den Sieg davontragen konnte, mußte sie offenbar zunächst entstanden sein, und zwar nicht in einzelnen isolierten Individuen, sondern als eine Anschauungsweise, die von Menschengruppen getragen wurde. Diese Entstehung ist also das eigentlich zu erklärende ”Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Ludwig Schneider

There are no affiliations available

Personalised recommendations