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Kommunikation als Operation sozialer Systeme: Die Systemtheorie Luhmanns

  • Wolfgang Ludwig Schneider

Zusammenfassung

Die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas und die Luhmannsche Systemtheorie, diese beiden rivalisierenden Programme einer Theorie der Gesellschaft haben die gesellschaftstheoretische Diskussion innerhalb der deutschen Soziologie seit den siebziger Jahren wesentlich geprägt.1 Wie für Diskussionen zwischen Vertretern unterschiedlicher Theorieprogramme typisch, ist dabei nicht einfach die Wahrheit bestimmter Aussagen umstritten. Mit Schütz gesprochen geht es hier eher um einen Relevanzkonflikt.

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Literatur

  1. 1.
    Früher Kulminationspunkt der Debatte zwischen Habermas und Luhmann ist die 1971 erschienene gemeinsame Publikation “Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung?”.Google Scholar
  2. 2.
    Gemeint ist selbstverständlich der Diskurs als real durchgeführtes (also nicht nur: idealisierend unterstelltes) Argumentationsverfahren zur Prüfung von Geltungsansprüchen. In der erwähnten Debatte mit Habermas schlägt Luhmann deshalb vor, an die Stelle der Analyse des Diskurses als kontrafaktisch vorausgesetztes Begründungsverfahren, das idealisierten Anforderungen genügen soll, die empirisch nie vollständig zu erfüllen sind, die Untersuchung realer Diskussionen als Systeme zu setzen (vgl. Luhmann in Habermas/Luhmann 1971, 316ff.).Google Scholar
  3. 3.
    Entsprechende Reaktionen sind auch möglich, wenn tief verankerte Erwartungen erschüttert werden, die von konstitutiver Bedeutung für das eigene Erleben und Handeln sind. Dies war Garfinkels Thema. Dessen Krisenexperimente erzeugten deutliche Irritationen bei den Versuchspersonen, die sich in einigen wenigen Fällen tatsächlich zu Symptomen von Desorientierung, Panik und Handlungsblockierung steigerten. Luhmann und Garfinkel betonen gleichermaßen, daß Erwartungen die notwendige Voraussetzung dafür sind, daß die Welt als geordnet erlebt wird und daß - auf dieses Erleben gestützt - Handlungen erzeugt werden können. (Von Weber, Parsons, Mead und Schütz her beobachtet geht es dabei nicht um eine völlig neue These, sondern um eine veränderte Akzentuierung des Erwartungsbegriffs, in der sich Garfinkel und Luhmann treffen und die dann bei beiden zu neuartigen Schlußfolgerungen führt.) Die forschungsstrategischen Konsequenzen, die sie aus dieser Annahme ziehen, weisen jedoch in unterschiedliche Richtungen: Garfinkel interessiert sich primär für die empirische Untersuchung der Struktur und Funktionsweise bestimmter konstitutiver Erwartungen in der alltäglichen Interaktion; Luhmann wirft demgegenüber die stärker abstrahierte Frage nach dem generellen Bezugsproblem auf, das Erwartungen überhaupt, d.h. unabhängig von ihrem jeweiligen Inhalt, für die Reproduktion psychischer und sozialer Systeme (oder allgemeiner formuliert: von sinnverarbeitenden Systemen) lösen, um dann vor diesem Hintergrund (siehe unten) zwischen verschiedenen Typen von Erwartungen mit je spezifischen Sonderfunktionen zu unterscheiden.Google Scholar
  4. 5.
    Hier sind freilich verschiedenste Abschattungen möglich. Erwartungen können auch “unklar” oder “unbestimmt” sein. Solche Bezeichnungen verwenden wir z.B. in Situationen, in denen gegenläufige Erwartungen (Hoffnungen, Wünsche und Befürchtungen) miteinanc r im Streite liegen; ebenso, wenn wir mit einer neuen Situation konfrontiert sind, die vielleicht Ahnlichkeiten mit verschiedenen uns vertrauten Situationen aufweist, doch keiner dieser Situationen hinreichend entspricht, so daß wir nicht genau wissen, was wir zu erwarten haben; auch kann uns eine Situation auf eine Weise ungewöhnlich erscheinen, die Anlaß zu der Erwartung gibt, daß etwas Unerwartetes geschehen könnte. In den genannten Fällen kommt es jeweils zu Irritationen, die zur Folge haben, daß die Erwartungssicherheit unseres Erlebens und Handelns mehr oder weniger stark beeinträchtigt ist.Google Scholar
  5. 6.
    Zwar käme es für mich äußerst unerwartet, wenn sich die gesichtete Wolke als Aura eines Engels erweisen würde, der vor meinen Augen vom Himmel herabsteigt. Dennoch wäre es falsch zu sagen, die Erwartung von Regen als Folge der Wolken würde die negative Erwartung einschließen, daß kein Engel vom Himmel steigt. Erwartungen erfüllen ihre Reduktionsleistung gerade dadurch, daß sie die unerwarteten Möglichkeiten en bloc (und nicht in der Form einer unüberschaubar großen Menge genau spezifizierter negativer Erwartungen) ausschließen. Die so erreichte Leistung der Komplexitätsreduktion bezieht sich also auf unbestimmte Komplexität.Google Scholar
  6. 7.
    Dieses Muster ließ sich auch bei den Krisenexperimenten Garfinkels beobachten, bei denen die Simulation des Nicht-Verstehens einfachster Äußerungen von den Versuchspersonen als flagrante Erwartungsverletzung wahrgenommen und mit entsprechenden Reaktionen beantwortet wurde.Google Scholar
  7. 8.
    Auch für argumentative Diskurse im Sinne von Habermas steckt hier ein Problem. Durch Widerspruch nimmt die Kommunikation rasch die Form eines Streites an, in dem es dann nicht mehr um “kooperative Wahrheitssuche” (Habermas), sondern vor allem um Selbstbehauptung und erfolgreiche Durchsetzung der eigenen Position geht. Dies macht ein weiteres Mal darauf aufmerksam, auf welche Schwierigkeiten der Versuch einer annähernden Realisierung der Habermasschen Postulate diskursiver Argumentation trifft.Google Scholar
  8. 9.
    Um unnötige sprachliche Komplikationen zu vermeiden, verwende ich im folgenden den Ausdruck “Erwartung(en)” auch für Erwartungserwartungen, soweit dies ohne Beeinträchtigung der sachlichen Klarheit möglich ist.Google Scholar
  9. 10.
    Der Übergang zwischen einem derartigen allgemeinen Lamento und sogenannten “verbalen Sanktionen” ist freilich fließend. Das entscheidende Einstufungskriterium ist hier, inwiefern solche Äußerungen von den Schülern als Sanktion erlebt werden.Google Scholar
  10. 11.
    Vgl. Luhmann 1987, 80: “Vom einzelnen aus gesehen heißt dies, daß er erwarten muß, daß man von ihm erwartet, was die Richter von ihm erwarten; oder noch schärfer formuliert: daß er erwartet, daß sein Interaktionspartner von ihm erwartet, was die Richter und demzufolge man von ihnen beiden erwartet.”Google Scholar
  11. 12.
    Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, daß alle normativen Erwartungen die Gestalt von Rechtsnormen oder alle kognitiven Erwartungen die Form wissenschaftlicher Aussagen annehmen.Google Scholar
  12. 13.
    Aber nicht nur auf der Ebene des Gesellschaftssystems, sondern auch innerhalb dauerhafter und hoch personalisierter Kleingruppenbeziehungen spielen Konsensfiktionen eine wesentliche Rolle, wie Alois Hahn (1983) gezeigt hat.Google Scholar
  13. 14.
    Solche Informationen können z.B. sozialwissenschaftliche Umfragen liefern. Exemplarisch dafür ste- hen die Untersuchungen von Alfred Kinsey in den fünfziger Jahren zum Sexualleben amerikanischer Männer und Frauen (publiziert in den sogenannten “Kinsey Reports”), deren Veröffentlichung als ein wesentlicher Auslöser für den Umbruch der amerikanischen Sexualmoral gilt. Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Untersuchung von Heinrich Popitz (1968), “über die Präventivwirkung des Nicht-Wissens. Dunkelziffer, Norm und Strafe”, der in der Unkenntnis der faktischen Häufigkeiten, mit der strafrechtliche Normen verletzt werden, eine wichtige Voraussetzung für ihre soziale Geltung sieht.Google Scholar
  14. 15.
    Vgl. zum folgenden Luhmann 1987, 85ff. Die dort unterschiedenen und gleich darzustellenden vier Abstraktionsebenen der Verankerung von Erwartungen (Personen, Rollen, Programme, Werte) finden eine Parallele in den Schützschen Stufen der Generalisierung von Typisierungen (Personen, Rollen, Typen des Handlungsablaufs). Vgl. dazu oben, Bd.1, Tafel 4. 3.Google Scholar
  15. 16.
    Der hier verwendeten Unterscheidung zwischen personalisierten und rollengebundenen Erwartungen entspricht bei Parsons die Unterscheidung zwischen partikularistischen und universalistischen Erwartungen. Parsons verwendet zwar für beide Seiten dieser Unterscheidung den Rollenbegriff, indem er zwischen partikularistischen (z.B. Verwandtschaftsrollen) und universalistischen Rollen (insbes. Berufsrollen) differenziert. Dabei ist jedoch klar, daß partikularistische Rollen gerade durch die Verpflichtung definiert sind, die individuellen Besonderheiten des Interaktionspartners in hohem Maße zu berücksichtigen, universalistische Rollen hingegen die Ausblendung individueller Besonderheiten und persönlicher Bindungen verlangen. Insofern handelt es sich hier primär um eine terminologische Differenz bei weitgehender Übereinstimmung in der Einschätzung des unterschiedlich bezeichneten Sachverhalts.Google Scholar
  16. 17.
    Er könnte dies z.B. mit dem Argument verbinden, daß die Verbesserung der beruflichen Leistungsfähigkeit von Schülern den Stellenmangel am Arbeitsmarkt nicht beseitigen und ihre Beschäftigungschancen kaum steigern könnte und daß demgegenüber die Entwicklung der individuellen Kreativität eine wesentlich bessere Vorbereitung zur Bewältigung des (für viele ohnehin unvermeidbaren) Schicksals langer Arbeitslosigkeit biete.Google Scholar
  17. 18.
    Diese theoriegeschichtliche Zuordnung gilt zumindest für die Phase des Parsonsschen Werkes, die in dem Buch “The Social System” (1951) ihren Höhepunkt erreicht. Vgl. ergänzend Fußn.20.Google Scholar
  18. 19.
    Vgl. dazu den frühen programmatischen Aufsatz “Soziologie als Theorie sozialer Systeme” (Luhmann 1970, 113–136, hier: 113f.).Google Scholar
  19. 20.
    Mit dem Übergang zu einem Systembegriff, der am Modell des Organismus orientiert ist und der Entwicklung des AGIL-Schemas, das vier universelle Probleme postuliert, die als Bezugspunkt für die funktionale Analyse von Strukturen und Prozessen dienen, behauptet freilich auch Parsons die Priorität des Funktionsbegriffs gegenüber dem Begriff der Struktur. (Vgl. dazu Parsons 1977, 102f. mit der zusammenfassenden Feststellung: “In diesem Kontext betrachtet, steht der Begriff ‘Struktur’ nicht auf derselben Ebene wie der Begriff der Funktion, sondern auf einer niedrigeren analytischen Ebene.”) Von dieser späteren Phase der Parsonsschen Theorieentwicklung her gesehen ersetzt Luhmann die vier Problembezüge des AGIL-Schemas durch das erheblich abstrakter gefaßte Komplexitätsproblem.Google Scholar
  20. 21.
    Zum quasi-transzendentalen Status des Komplexitätsproblems vgl. Schneider 1991, 203ff.; zu seiner theoriegeschichtlichen Bedeutung innerhalb der Luhmannschen Systemtheorie vgl. Göbel 2000, 67ff.Google Scholar
  21. 22.
    Die “autopoietische Wende” der Luhmannschen Systemtheorie wird in dem Band “Soziale Systeme” vollzogen, der 1984 erstmals erschien. Bisher hat sich unsere Darstellung im wesentlichen an der “vorautopoietischen” Version von Luhmanns Systemtheorie orientiert. Mit der nun zu behandelnden Einführung des Konzepts der Autopoiesis werden diese älteren Aussagen nicht obsolet, sondern nur, wie wir gleich sehen können, in einen veränderten Rahmen integriert.Google Scholar
  22. 23.
    Dies ist natürlich eine drastische Vereinfachung. Eine genauere Beschäftigung mit psychischen Systemen hätte sich auch mit der Frage zu beschäftigen, welche Rolle Stimmungen, Empfindungen und Gefühle im Operieren des Bewußtseins spielen.Google Scholar
  23. 24.
    Die Systemtheorie kann hier problemlos an die Bewußtseinsphilosophie anknüpfen, sieht doch schon Kant (darin an das Cartesische “ego cogito” anschließend) die Einheit des Selbstbewußtseins begründet durch das “Ich denke”, das alle seine Vorstellungen begleiten kann, d.h. dadurch, daß je- der Bezug auf anderes,wie er sich in der Mannigfaltigkeit der Vorstellungsinhalte zeigt, durch den ständig mitlaufenden Bezug dieser Vorstellungen auf das Denken des Ichs ergänzt wird. Vgl. Kant 1981, Bd.2, 365f. und 371f.Google Scholar
  24. 25.
    Auch wenn ich an meine Gedanken von gestern denke, denke ich damit in der Regel an Gedanken, die ihrerseits etwas zum Gegenstand hatten oder sich ihrerseits auf weiter zurückliegende Gedanken bezogen, die etwas zum Gegenstand hatten oderCHRW(133)(etc. ad infinitum). Wenn ich es darauf anlege (und sei es nur, um die Systemtheorie in Schwierigkeiten zu bringen), kann ich freilich auch versuchen, jede Fremdreferenz zu eliminieren, indem ich denke, daß ich denke, daß ich denke, daß ich denke, daß ichCHRW(133).. Aber es wird schwierig sein, eine solche Form reiner Selbstreferenz wesentlich länger als einige Sekunden durchzuhalten.Google Scholar
  25. 26.
    Man könnte hier fragen, wie Telepathie (wenn es sie denn gibt) zu verbuchen wäre. Um nicht auf Nebengleise zu geraten, lasse ich diese Möglichkeit jedoch außer acht.Google Scholar
  26. 27.
    Zur ausführlicheren Einführung in das Konzept der Beobachtung vgl. Kneer/Nassehi 1993, 95ff.Google Scholar
  27. 28.
    Selbstbeobachtung meint hier nur die Beobachtung eigener Operationen durch nachfolgende eigene Operationen,darf also nicht verwechselt werden mit dem weiter unten noch vorzustellenden Begriff der Reflexion,der die Beziehung eines Systems auf sich selbst als Kompletteinheit meint.Google Scholar
  28. 30.
    Eine Frage beantworten heißt, sie zu akzeptieren. Die Antwort “12 Uhr” erfüllt also eine doppelte Aufgabe: Sie versteht die vorausgegangene Außerung als Frage nach der Uhrzeit und akzeptiert diese Frage zugleich, indem sie diese Frage beantwortet. Dritte und vierte Selektion,Verstehen und Annehmen werden durch dieselbe Folgeâußerung realisiert. Dies ist keine seltene Ausnahme, sondern wohl eher der typische Fall. Dennoch widerspricht dieser Umstand nicht der analytischen Unterscheidung von Verstehen und Annehmen bzw. Ablehen. Dies ist leicht daran zu sehen, daß beide Selektionen jederzeit voneinander unabhängig vollzogen werden können. So etwa, wenn B (wegen des Partylärms unsicher, ob er A akustisch korrekt verstanden hat) zunächst mit der Äußerung reagiert hätte, “Du möchtest wissen, wie spät es ist?” und erst auf die positive Beantwortung dieser Frage mit einer annehmenden Äußerung (“12 Uhr’) oder auch mit einer Ablehnung (z.B. ”Ich möchte aber nicht wissen, wie spät es ist. Frag’ lieber jemand anderen“) reagiert.Google Scholar
  29. 32.
    Das gilt freilich nicht ausnahmslos. Die juristische Interpretation eines Vertragstextes etwa expliziert dessen Bedeutung vor dem Hintergrund des geltenden Rechts und kann dabei zu einem Ergebnis kommen, von dem sie weiß,daß es von den Intentionen der vertragsschließenden Parteien abweicht. Ähnlich bei der Auslegung von Kunstwerken oder wissenschaftlichen Texten. Auch hier können Interpreten zu dem Ergebnis kommen, daß die an der Mitteilung ablesbare Bedeutung von den Bedeutungsintentionen ihres Autors abweicht.Google Scholar
  30. 33.
    Wie schon bisher, verwende ich auch hier die Ausdrücke “Sinn” und “Bedeutung” synonym.Google Scholar
  31. 34.
    Nicht nur Bewußtseine, sondern auch soziale Systeme, insbesondere Organisationen,fungieren als Urheber und Adressaten von Mitteilungen. Für die Darstellung des Kommunikationsbegriffs ist die Frage, ob es sich bei den Prozessoren von Kommunikation um psychische oder soziale Systeme handelt, jedoch sekundär.Google Scholar
  32. 35.
    Weil das Problem der Intransparenz eine notwendige Implikation der Deutung von Systemen als selbstreferentiell geschlossenen autopoietischen Systemen ist, ist es im strengen Sinne unlösbar. Auch Kommunikation kann es nicht zum Verschwinden bringen, sondern nur in ein Format überführen, in dem es kontinuierlich und routinisiert bearbeitet werden kann.Google Scholar
  33. 36.
    Dieses zirkuläre Verhältnis zwischen Operationen und Strukturen ist eine Implikation des Autopoiesiskonzeptes, nach dem Systeme als operational geschlossene Netzwerke zu begreifen sind, die sich nur durch unablässige Verknüpfung systemeigener Operationen reproduzieren können. Strukturen, die zur Verknüpfung systemischer Operationen benutzt werden, können deshalb nicht als gegeben vorausgesetzt werden, sondern müssen selbst noch im Netzwerk der Operationen eines Systems erzeugt werden. Strukturkompatible Verkettung von Operationen ist dabei nicht zu verwechseln mit Strukturkonformität, d.h. im Hinblick auf Sinnsysteme: mit der Erfüllung von Erwartungen. Wird eine Erwartung, die durch eine Äußerung aufgerufen worden ist, enttäuscht, dann kann auch dieses Ereignis strukturkompatibel weiterverarbeitet werden, sofern die Enttäuschung der Erwartung kommunikativ angezeigt und auf der Gültigkeit der Erwartung insistiert wird. (So z.B., wenn auf eine Frage hin keine Reaktion des Adressaten folgt und dieser Umstand vom Fragenden mit der Äußerung “Warum antwortest du nicht?” als korrektur-bzw. erklärungsbedürftige Abweichung markiert wird.)Google Scholar
  34. 37.
    Die zustimmende Verwendung dieses Zitats durch Habermas und sein ausdrücklicher Hinweis auf “jenen Schatten von Differenz, der auf jedem sprachlich erzielten Einverständnis ruht” (1988, a.a.O.), bedeutet übrigens eine implizite Revision früherer Formulierungen, in denen er eine durch Regeln garantierte Identität des sprachlichen Sinns für die Kommunikationsteilnehmer unterstellte und als zentrales Argument gegen die Systemtheorie anführte; vgl. dazu Schneider 1994b, 195ff.Google Scholar
  35. 38.
    Als Überraschungen,d.h. als Abweichungen von systemeigenen Erwartungen und insofern als Störungen (Irritationen; Perturbationen), die dann vom irritierten System in neue Strukturen umgearbeitet werden können, - so erscheinen Ereignisse, die durch divergierende Strukturen anderer Systeme determiniert sind, auf dem Monitor eines Systems.Google Scholar
  36. 39.
    Etwas beabsichtigen, meinen, wollen, wünschen, hoffen, bedauern, befürchten, von etwas überzeugt sein etc. fallen gleichermaßen unter den Begriff der Intention, insofern es sich dabei um psychische ‘Zustände’ (im Ereignisformat) handelt, die auf bestimmte Inhalte bzw. Objekte gerichtet sind.Google Scholar
  37. 40.
    Vgl. dazu die folgende Anmerkung Luhmanns ( 1984, 368f., Anmerk. 35): Der “Begriff des Sprechaktes (Searle)CHRW(133) ist nicht auf psychische, sondern auf die sozialen Systeme bezogenCHRW(133). Deshalb fallen hier Intention, Sinn und Wiedererkennbarkeit zusammen. Er verdankt seine Ereignisqualität nicht der Reproduktion von individuellem Bewußtsein, sondern der Reproduktion von verständlichem Sprachgebrauch.” - Sprechakttheorie und systemtheoretische Kommunikationstheorie sind demnach nicht unvereinbar. Sie folgen nur unterschiedlichen Leitfragen, die sich jedoch komplementär zueinander verhalten (vgl. dazu Schneider 1996 ).Google Scholar
  38. 41.
    Seit den bahnbrechenden Analysen von Mead weiß man, daß Kommunikation nicht schon dadurch zustandekommt, daß ein Organismus wahrnimmt, wie ein anderer sich verhält, und sich darauf einstelltCHRW(133). Entscheidend ist vielmehr nach Mead, daß Symbole entstehen, die es dem einzelnen Organismus ermöglichen, sich in sich selbst mit dem Verhalten anderer abzustimmen und zugleich selbst die entsprechenden ‘vocal gestures’ zu benutzen; oder mit Maturana gesprochen: daß es zur Koordination der Koordinationen der Organismen kommt“ (Luhmann 1997, 84).Google Scholar
  39. 43.
    Sie könnte darüber hinaus auch als Vorwurf an B verstanden werden, weil B trotz der vorgerückten Zeit keinerlei Bereitschaft zum Aufbruch erkennen läßt. Auch diese mögliche Deutung wird jedoch durch die Anschlüsse von A und B außer acht gelassen und bleibt somit auf der Ebene der Kommunikation (vorläufig) unberücksichtigt, unabhängig davon, ob dieser Sinn von A vielleicht psychisch (mit)intendiert war und/oder von B (der es dann vorzog, kommunikativ darauf nicht einzugehen) psychisch verstanden worden ist oder nicht.Google Scholar
  40. 45.
    Und nur so, in der Kommunikation, kann Intersubjektivität erzeugt werden. Oder mit Luhmann formuliert (der dort freilich von einer anderen Überlegung zu dieser Konklusion kommt): “Daher ist Kommunikation denn auch Bedingung für so etwas wie ‘Intersubjektivität’ (wenn man den Ausdruck überhaupt beibehalten will) und nicht Intersubjektivität Bedingung für Kommunikation” (Luhmann 1990, 19). - Wie u.a. in diesem Zitat deutlich wird, hegt Luhmann große Reserven gegenüber dem Begriff der Intersubjektivität, suggeriert er doch die Existenz eines Zwischenreiches, in dem psychische Systeme gleichsam aus sich heraus und miteinander in Direktkontakt treten könnten. An anderer Stelle (1986b, 42) bezeichnet er Intersubjektivität deshalb auch als “Verlegenheitsformel”, bei der die beiden Komponenten einander aufheben und als “Unbegriff”, in dem nur die Aporie der Subjekttheorie zur Sprache kommt und deren Korrekturbedürftigkeit markiert. Im Text versuche ich demgegenüber zu zeigen, wie der Begriff der Intersubjektivität systemtheoriekompatibel reformuliert werden kann.Google Scholar
  41. 46.
    Und auch hier lassen sich (in Abhängigkeit von Parametern wie Zahl der Teilnehmer, Regelung der Rederechtsverteilung etc.) zum Teil bereits gravierende Einschränkungen der Produktion von Intersubjektivität feststellen. Vgl. dazu Schneider 1998, 276ff.Google Scholar
  42. 48.
    Vgl. dazu Mulkay 1988, 92, mit der dort zitierten Antwort eines Wissenschaftlers auf die Frage, inwieweit er in seiner Arbeit auch bereits publizierte Experimente anderer replizieren würde: “It’s both boring, uninteresting and unpublishable, just to repeat it. It’s really only if you can add something.”Google Scholar
  43. 51.
    Genau genommen muß hier noch restriktiver formuliert werden: Als Mitteilung eines “Neins” könnte Schweigen nur dann verstanden werden, wenn zumindest psychisch die Möglichkeit des Negationsgebrauchs bestünde und damit die Ja/Nein-Codierung von Sprache auf der Ebene des Bewußtseins bereits verfügbar wäre.Google Scholar
  44. 52.
    Der Begriff “Code” wird hier auf analoge Weise verwendet, wie in der Biologie der Begriff des “genetischen Codes” oder in nachrichtendienstlichen Zusammenhängen der Begriff des “Geheimcodes”. In allen Fällen meint “Code” eine Regel, nach der Informationen in eine Zweitfassung gebracht werden, die den Inhalt der Information unverändert läßt. Prägnanter formuliert: Ein “Code” ist eine Regel für die sinnidentische Duplikation von Informationen. Die Ja/Nein-Codierung der Sprache erfüllt diese Definition, eröffnet sie doch die Möglichkeit, zu jeder positiven Formulierung eine negative (aber ansonsten sinnidentische) Entsprechung zu erzeugen und umgekehrt.Google Scholar
  45. 53.
    Welche Schwierigkeiten die Umstellung auf einen möglichst expliziten und kontextunabhängigen Mitteilungsstil bereitet, kann man nach entsprechender sozialisatorischer Gewöhnung, wie sie durch Schule und Massenmedien erreicht wird, intuitiv nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen. Ein Beispiel, an dem diese Schwierigkeiten jedoch leicht anschaulich zu machen sind, ist die Erkundigung nach dem Weg. Ein vollkommen Ortsunkundiger, der einen Einheimischen nach dem Weg fragt, wird dabei oft die Erfahrung machen, daß erste Erklärungsversuche mit Kontextwissen operieren, das dem Fremden fehlt.Google Scholar
  46. 54.
    Luhmann knüpft damit an den Parsonsschen Begriff der “symbolisch generalisierten Interaktionsmedien” an und gibt dazu die folgende Erläuterung: “Mit ‘symbolisch’ zielt Parsons auf die Differenz von Ego und Alter, also auf die Sozialdimension, mit ’generalisiert’ auf den Unterschied der Situationen, also auf die Sachdimension des jeweils prozessierten Sinnes. Der Gedanke ist (ähnlich wie bei Wittgensteins Begriff der Regel), daß eine soziale Übereinstimmung nur erreicht werden kann, wenn die zugrunde gelegte Gemeinsamkeit für mehr als nur eine Situation bestand haben soll” (Luhmann 1997, 318).Google Scholar
  47. 55.
    Die Doppelung Eigentum/Geld zeigt die Verbindung des Codes Eigentum mit einem Zweitcode an, der das Operieren im ersten Code an bestimmte Bedingungen bindet. Eigentum wird heute typisch im Austausch gegen Geldzahlungen übertragen. Übertragung ohne Rekurs auf den Geld-Code zahlen/nicht zahlen (der Käufer zahlt und verliert damit an Zahlungsfähigkeit; der Verkäufer zahlt nicht, sondern empfängt die Zahlung und erhöht dadurch seine Zahlungsfähigkeit), etwa durch Naturaltausch, ist dadurch nicht ausgeschlossen, bildet aber die Ausnahme.Google Scholar
  48. 57.
    Hier die Probe auf’s Exempel: A: Hallo.- B: Mir ist die halbe Erdbeerernte verfault. - A: Hab’ gerade ne’ last minute-Reise auf die Kanarischen Inseln gebucht. - B: Noch’n paar Jahre so weiter, dann kriegen wir ne’ galoppierende Inflation. Mach’s gut. - Keine Mitteilung scheint hier noch mit der anderen verknüpft. Die Sequenz erweckt den Eindruck, daß die einzelnen Äußerungen nicht aneinander, sondern nur an die verborgenen Gedanken in den Köpfen ihrer Urheber anschließen. Allein die Eingangs-und die Scblußäußerung zeigt, daß die Beteiligten Notiz voneinander nehmen und damit zumindest die Startbedingungen für Kommunikation erfüllt waren. Man könnte vielleicht auf den Gedanken verfallen, daß beide einen Geheimcode benutzen. Der Eindruck mangelnder Konsistenz wäre dann darauf zurückzuführen, daß wir die Erwartungsstrukturen nicht kennen, die es den Beteiligten ermöglichen, einen Zusammenhang zwischen den Mitteilungen herzustellen. Die Sequenz könnte aber auch als Ausdruck und Ergebnis der wechselseitigen Weigerung von A und B gedeutet werden, die Themenselektionen des anderen zu akzeptieren. Die Weigerung würde dabei nicht durch explizite Negation (was ja bereits einen Anschluß an die vorausgegangene Themaofferte implizieren würde), sondern durch sichtbares Nichtanschließen erfolgen. Jeder würde dem anderen auf diese Weise mitteilen, daß er nicht bereit ist, auf dessen Themenvorschläge einzugehen, sofern der andere nicht bereit sei, seine Themenangebote zu akzeptieren, ohne dies jedoch ausdrücklich zu sagen. Dies hätte zum Ergebnis, daß ein Beobachter (und damit möglicherweise auch die involvierten Psychen selbst) kaum noch entscheiden können, ob hier Kommunikation stattfindet oder nicht. - Diese Interpretation kann auch als illustrierender Nachtrag zu der oben formulierten These verstanden werden, nach der erst die Möglichkeit der sprachlichen Negation die selbstreferentielle Schließung von Kommunikation ermöglicht. Auch wenn, wie in diesem Beispiel, noch gesprochen wird, kann die durch Nicht-Anschluß vollzogene (statt durch sprachlichen Negationsgebrauch mitgeteilte) Ablehnung von Selektionsofferten zur Auflösung von Kommunikation führen.Google Scholar
  49. 58.
    D.h. sie schränken die Möglichkeiten der Fortsetzung von Kommunikation ein, indem sie erlauben, passende von unpassenden Anschlüssen zu unterscheiden.Google Scholar
  50. 59.
    Dabei kann Kommunikationsausschluß im Hinblick auf unterschiedliche Situationen, in verschiedenem Umfang und mit unterschiedlicher Konsequenz praktiziert werden. Man möchte etwa nicht gern mit einer moralisch in Mißkredit geratenen Person gesehen werden und meidet deshalb den Kontakt in der Öffentlichkeit, hält aber privat die Beziehung aufrecht. Oder umgekehrt: Man meidet privaten Kontakt, ist aber bereit, in einem öffentlichen Rahmen (wie z.B. in einer Talkshow oder Fernsehdiskussion) mit dieser Person zu debattieren.Google Scholar
  51. 60.
    Anders freilich bei Verstößen gegen Strafgesetze, die zumindest vom Publikum meist auch als Verletzung moralischer Nonnen beobachtet werden.Google Scholar
  52. 61.
    Von Schütz her gesehen können die verschiedenen Codes und Programme der einzelnen Funktionssysteme sowie der Moral als Ergebnis der sozialen Institutionalisierung divergierender Relevanzstrukturen verstanden werden.Google Scholar
  53. 62.
    Auch Recht ist änderbar und steht grundsätzlich zur Disposition, wenn seine Anforderungen der Autopoiesis anderer Teilsysteme Einschränkungen auferlegen, die als gravierend wahrgenommen werden. Das heißt aber nicht, daß alle Funktionssysteme von gleicher gesellschaftlicher Bedeutung sind. Funktionsdefizite im Bereich von Kunst oder Religion haben sicher weniger schwerwiegende Auswirkungen auf die anderen Funktionssysteme, wie Probleme im Bereich der Ökonomie oder der Politik. Die von der Ökonomie erfüllte Funktion der Regulierung von Knappheit hat dabei einen besonderen Stellenwert, hängen doch die Wachstumsmöglichkeiten oder Einschränkungsnotwendigkeiten in fast allen Funktionssystemen wesentlich von der Menge der jeweils verfügbaren Ressourcen ab. Insofern ist das ökonomische System mit seinen Reproduktionsanforderungen für die moderne Gesellschaft zweifellos von prägender Bedeutung. Diese hervorgehobene Bedeutung nimmt jedoch nicht die Gestalt eines institutionalisierten Vorranges ökonomischer Belange gegenüber den Belangen anderer Funktionssysteme, sondern die Form der Erzeugung von materiellen Spielräumen und Engpässe an, mit denen sich die übrigen Funktionssysteme arrangieren müssen. Führungswechsel in der relativen Dominanz der einzelnen Funktionssysteme sind dabei jederzeit möglich: Wenn Rechtssicherheit nicht mehr gegeben ist oder die Politik nicht in der Lage ist, in ausreichendem Maße kollektiv bindende Entscheidungen zu treffen, dann können dadurch Engpaßlagen entstehen, die von ebenso gravierender Bedeutung für andere Funktionssysteme sind, darunter gerade auch für die Ökonomie. Es muß deshalb keineswegs das jeweils ‘stärkste ’ Teilsystem sein, das sozial dominiert: “In funktional differenzierten Gesellschaften gilt eher die umgekehrte Ordnung: das System mit der höchsten Versagensquote dominiert, weil der Ausfall von spezifischen Funktionsbedingungen nirgendwo kompensiert werden kann und überall zu gravierenden Anpassungen zwingt” (Luhmann 1997, 769 ).Google Scholar
  54. 64.
    Zur Erinnerung: Werte und Programme so hatten wir oben festgestellt, sind für Luhmann die beiden allgemeinsten Stufen der Abstraktion von Erwartungen. Die Entstehung der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien beansprucht diese beiden Ebenen. - Weiter unten wird noch die Frage zu behandeln sein, in welcher Weise die Ebenen der sozialen Rollen und der Personen in diesen Entwicklungsprozeß einbezogen sind.Google Scholar
  55. 65.
    Wie oben (Kap.9.5) dargestellt, handelt es sich bei dieser Version des allgemeinsten Bezugsproblems der Systemtheorie um die Transformationsgestalt des Problems der Reduktion von Komplexität, wie sie aus der Umstellung der Systemtheorie auf das Konzept des autopoietischen Systems folgte.Google Scholar
  56. 66.
    Vgl. dazu auch a.a.O., Fußn. 255, Hervorhebung im Original: “Wir kehren die übliche Reihenfolge Ego-Alter um, um daran zu erinnern, daß wir den Kommunikationsprozeß vom Beobachter, also vom Verstehen her konstruieren, und nicht handlungstheoretisch.”Google Scholar
  57. 67.
    lm Gegensatz zu Parsons scheint Luhmann sich nicht ganz darauf festlegen zu wollen, ob Werte tatsächlich als Kommunikationsmedium einzustufen sind: “Im Falle von Werten mag man daran zweifeln, ob überhaupt ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium vorliegt oder ob wir hier, wenn überhaupt, ein Medium im Prozeß des Entstehens beobachten können; denn eine entsprechende Semantik gibt es erst seit etwa zweihundert fahren” (Luhmann 1997, 340).Google Scholar
  58. 68.
    Es wäre interessant, die Luhmannsche Konzeption von Werten als Kommunikationsmedium mit dem Parsonsschen Medium der Wertbindung zu vergleichen. Aus Raumgründen, wie auch um die Darstellung nicht unnötig zu komplizieren, sehe ich von einem solchen Vergleich jedoch ab.Google Scholar
  59. 69.
    Zugleich zeigt sich darin eine Affinität zu Webers Einschätzung des Geltungsanspruchs von Werten, wie sie im folgenden Zitat (freilich mit starker emphatischer Aufladung, die bei Luhmann völlig fehlt) zum Ausdruck kommt: “Es handelt sich nämlich zwischen den Werten letztlich überall und immer wieder nicht nur um Alternativen, sondern um unüberbrückbar tödlichen Kampf, so wie zwischen ‘Gott’ und ’Teufel”’ (Weber 1985c, 507).Google Scholar
  60. 71.
    Einschränkend muß hier angemerkt werden, daß sich nicht alle Funktionssysteme auf der Basis eines symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums ausdifferenzieren. Diese Medien eignen sich nur für Bereiche, in denen eine gesellschaftliche Funktion dadurch erfüllt werden kann, daß die Annahme von Kommunikation als Prämisse weiterer Kommunikationen erreicht wird. Hier dienen die Medien dazu, die Unwahrscheinlichkeit der Annahme von Kommunikationen, die auf eine bestimmte gesellschaftliche Funktion zugeschnitten sind, durch die Kombinierung von Selektion und Motivation in Annahmewahrscheinlichkeit zu transformieren. Die Medien “eignen sich jedoch nicht für Kommunikationsbereiche, deren Funktion in einer Änderung der Umwelt liegt - sei dies eine Änderung der physisch-chemisch-biologischen Umstände, sei es eine Änderung menschlicher Körper, sei es eine Änderung von Bewußtseinsstrukturen. Es gibt deshalb keine symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien für Technologie, für Krankenbehandlung und für Erziehung. In diesen Fällen tritt das Problem, das die Autokatalyse von symbolisch generalisierten Medien in Gang setzt, nämlich das Problem erhöhter Ablehnungswahrscheinlichkeit, gar nicht auf. Zumindest für Krankenbehandlung und für Erziehung sind eigene gesellschaftliche Funktionssysteme ausdifferenziert, die ohne eigenes Kommunikationsmedium zurechtkommen müssen, vor allem mit hoher Abhängigkeit von organisierter Interaktion.CHRW(133) Man muß deshalb davon ausgehen, daß die funktionale Differenzierung des Gesellschaftssystems bei aller Bedeutung der symbolisch generalisierten Kommunikarionsmedien nicht einfach dem Medienschema folgen kann, sondern sich nach den Problemen richtet, die die Gesellschaft auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau zu lösen hat” (Luhmann 1997, 407f.). Daß die Kommunikation in Funktionssystemen wie Erziehung oder Gesundheit sich nicht auf ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium stützen kann, impliziert jedoch nicht den Verzicht auf Codierung der Kommunikation. Das Erziehungssystem verwendet dazu einen Selektionscode (vgl. Luhmann 1987b), das Gesundheitssystem den binären Code krank/gesund.Google Scholar
  61. 72.
    Vgl. dazu exemplarisch Giesen 1980a sowie Tenbruck 1989. - Beim dritten Typus ist umstritten, ob hier noch von Gesellschaften im Plural gesprochen werden kann, oder ob man nicht - wie Luhmann vor dem Hintergrund seiner Definition von Gesellschaft vorschlägt - von einer singulären Weltgesellschaft ausgehen muß.Google Scholar
  62. 73.
    Der Ausdruck “primitiv” ist hier nicht als Wertung zu verstehen (wie z.B. in dem empörten Ausruf einer sich beleidigt fühlenden Dame: “Was für ein primitiver Mensch!”). Er meint vielmehr, daß Gesellschaften dieses Typs relativ einfach gebaut, d.h. wenig differenziert sind und die vorhandene Differenzierung sich vor allem auf die Abgrenzung strukturell gleichartiger Einheiten (nämlich Verwandtschaftsgruppen) bezieht.Google Scholar
  63. 74.
    Diese Definition von Interaktionssystemen schließt an den Schützschen Begriff der “umweltlichen sozialen Beziehung” an.Google Scholar
  64. 75.
    Eine entsprechende Funktion erfüllt Klatsch natürlich auch unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft, insbesondere in Wohnansiedlungen von dörflichem bzw. kleinstädtischem Charakter oder in der informellen Kommunikation zwischen den Mitgliedern von Organisationen. Zur Struktur und Funktion von Klatschkommunikation vgl. besonders Bergmann 1987 sowie aus systemtheoretischer Perspektive Fuchs 1995 und Kieserling 1998.Google Scholar
  65. 76.
    Vgl. dazu Lulunann 1997, 478f., wo er mit Bezug auf die primitiven, segmentär differenzierten Gesellschaften notiert: “Die Gesellschaft vollzieht aber nicht nur Interaktionen, sie ist zugleich immer auch gesellschaftliche Umwelt von Interaktionen. Diese innergesellschaftliche Differenz verhindert, daß alles, was in Interaktionen einfällt, gefällt, mißfällt, sich auf die Strukturen des Gesellschaftssystems auswirkt. Aller Sinn - und damit besonders das, was Person oder Rolle sein kann - wird transinteraktionell konstituiert mit einem Blick für Verwendung außerhalb der jeweils laufenden Interaktion.”Google Scholar
  66. 77.
    Um leicht einrastende Mißverständnisse zu vermeiden, die folgende begriffliche Erläuterung: Der Begriff “Person” ist - wie auch alle anderen Konzepte im Kontext der Lubmannschen Theorie sozialer Systeme - strikt auf Kommunikation und die sie regulierenden Erwartungsstrukturen bezogen. Er meint also nicht das psychische Innenleben von Individuen, sondern bezieht sich auf Individuen nur unter dem Gesichtspunkt der von anderen an sie gerichteten Erwartungen. Eine Person ist insofern nichts anderes als eine individualspezifische Konfiguration adressierter Erwartungen, oder mit einer Formulierung von Luhmann, Personen sind “Erwartungscollagen”.Google Scholar
  67. 78.
    Eine ausführliche Darstellung, welche die unterschiedlichen Erscheinungsformen sozialer Differenzierung in primitiven, hochkulturellen und modernen Gesellschaften prägnant herausarbeitet, gibt Giesen 1980a. Als knappe Überblicksdarstellung über die genannten Gesellschaftstypen vgl. Tenbruck 1989.Google Scholar
  68. 80.
    Zur innovativen Funktion der mittelalterlichen Korporationen vgl. Luhmann 1997, 492f. Die begrenzte Bedeutung ihres Innovationspotentials für die Entwicklung der Gesellschaft ist wesentlich darin begründet, daß sie außerhalb der Ständeordnung rangieren. Im Übergang zur modernen Gesellschaft wird die Nebenordnung von “Ständen und KorporationenCHRW(133) mehr und mehr durch die Ordnung von Organisationen in Funktionssystemen ersetzt ” (Luhmann 1997, 493 ).Google Scholar
  69. 81.
    Die Zünfte und Gilden, in denen Handwerker und Kaufleute zusammengeschlossen sind, haben ebenso wie die Institutionen von Religion und politischer Herrschaft den Status von Zwangseinrichtungen mit Monopolcharakter. Sie beanspruchen weitreichende Kontroll-und Interventionsrechte gegenüber dem einzelnen, bieten zugleich aber auch bedeutende Unterstützungs-und Versorgungsleistungen an. Vgl. dazu Giesen 1980a; Giesen macht deutlich, wie arbeitsteilige Spezialisierung in allen Bereichen der traditionalen (—hochkulturellen) Gesellschaften in Monopole eingebettet ist (a.a.O., 156ff.) und kontrastiert diese Situation mit der marktförmigen und auf dem Gebrauch von Interaktionsmedien gründenden Strukturierung dieser Handlungsbereiche in modernen Gesellschaften (a.a.O., 188ff.).Google Scholar
  70. 82.
    Wie wir hier sehen können, hat das Prinzip segmentärer Differenzierung das in den primitiven Gesellschaften dominiert, also keineswegs ausgedient, sondern behält - als segmentäre Differenzierung von Organisationen - auch unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft eine wesentliche, die funktionale Differenzierung der Gesellschaft mittragende Bedeutung.Google Scholar
  71. 83.
    Vgl. dazu die Angaben bei Lenski (1976, 269f.) und in den dort erwähnten Quellen, die zu der Schätzung führen, daß der Anteil der Stadtbewohner an der Gesamtbevölkerung in den vormodernen Agrargesellschaften (von denen wiederum nur ein Teil als Handwerker und Kaufleute tätig war) zwischen 5 und 10% gelegen haben dürfte.Google Scholar
  72. 84.
    Die Produktion eines Autos, der Bau eines Hauses, die Bearbeitung von Anträgen auf Sozialhilfe, die Durchführung einer chirurgischen Operation, die Aufführung einer Oper etc. setzen die Koordination des Verhaltens einer Mehrzahl von Personen auf bestimmten Erwartungsgrundlagen voraus, die als Prämissen für die Zuordnung von Aufgaben zu Rollen dienen. Für derartige, die Handlungskapazität von Einzelpersonen (und damit auch von Einzelrollen) überschreitende Komplexe von Erwartungen verwendet Luhmann den Begriff Programm. Vgl. Luhmann 1984, 432f.Google Scholar
  73. 85.
    Dabei gilt freilich ebenso umgekehrt, daß Organisationen sich nur unter den Bedingungen einer funktional differenzierten Gesellschaft reproduzieren können: Die Rekrutierung von Arbeit über den Markt “setzt nicht nur Geldwirtschaft voraus, die die Annahme von Geld attraktiv macht. Sie beruht außerdem auf rechtlicher Erzwingbarkeit von Verträgen mit der anderen Seite, daß es ohne Vertrag kaum noch Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten und damit zu Lebensunterhalt gibt. Außerdem trägt auch das in der Form von Schulen und Universitäten organisierte Erziehungssystem dazu bei, daß fachliche Kompetenz individuell und ohne weitere Sozialmerkmale rekrutiert werden kann und daß entsprechende Ausbildungen nachentwickelt werden, wenn man mit entsprechenden Arbeitsplätzen rechnen kann. Die Funktionssysteme für Wirtschaft, Recht und Erziehung stellen also wichtige Voraussetzungen für die Entstehung und Ausbreitung der Systemform Organisation bereitCHRW(133) ” (Luhmann 1997, 828 ).Google Scholar
  74. 86.
    Als Beispiel dafür sei etwa an die Kritik der Korrelation zwischen Schichtzugehörigkeit und Schulerfolg erinnert, die den Hintergrund bildete für die Einführung der Gesamtschule und die (je nach Bundesland) mehr oder weniger weit vorangetriebene Nivellierung des dreigliedrigen Schulsystems, für die Abschwächung der Selektionskriterien beim Übergang zwischen verschiedenen Schulstufen, für Bemühungen um “kompensatorische Erziehung’ und für die Einrichtung von Förderstufen.Google Scholar
  75. 87.
    Vgl. dazu auch die obige Darstellung funktionaler Differenzierung bei Parsons, Bd.1, Kap. 2. 13.Google Scholar
  76. 88.
    Selbst die Asymmetrie zwischen Leistungs-und Komplementärrollen gilt nur soweit als legitim, wie sie infolge unterschiedlicher sachlicher Qualifikation unumgänglich erscheint. Darüber hinausgehende Autoritätsansprüche werden zum Gegenstand einer Kritik, welche die Restbestände ständischer Differenzierung, die mit diesen Asymmetrien verknüpft sind, aufspürt und angreift. Als Beispiel dazu denke man an die noch nicht lange zurückliegende Kritik an der ärztlichen Profession, die sich in der Formel ‘Halbgötter in Weiß’ artikulierte und die begleitet war von der Proklamation des ’mündigen Patienten’.Google Scholar
  77. 89.
    Zum Zusammenhang zwischen institutionalisierten Formen der Selbstthematisierung und der Konstruktion personaler Identität im Kontext der modernen Gesellschaft vgl. Hahn/Willems 1996 und Hahn/Bohn 1999. Zu den Formen der Selbstthematisierung in der Individual-und Gruppentherapie vgl. besonders Hahn/Willems 1993 sowie Willems 1994 und 1999. Zur näheren Beleuchtung der Konjunktur von familienanalogen Communio-Konzepten aus der Perspektive der Systemtheorie vgl. Fuchs 1992, 207ff.Google Scholar
  78. 90.
    Vgl. dazu Giesen 1993, 59, der das hier behandelte Problem unter dem Stichwort “kollektive Identität” diskutiert, mit der folgenden These: “Wird Sozialität gänzlich auf abstrakte Interaktionsmedien wie Geld und Macht umgestellt, so verdampft das Problem der kollektiven Identität im schnellen Prozeß von Markt und Politik oder sucht sich alte und scheinbar überholte Lösungen. Primordiale Merkmale wie Geschlecht und Herkunft können dann mit neuer Aufmerksamkeit rechnen, und Lebenswelten erscheinen als kostbar und bewahrenswert.” Zur kompensatorischen Funktion ethnischer und nationaler Konstruktionen kollektiver Identität aus systemtheoretischer Perspektive siehe auch Nassehi 1990.Google Scholar
  79. 91.
    Wie oben (Fußn.71) bereits erwähnt, verwenden nicht alle Funktionssysteme symbolisch generalisierte Medien als Operationsgrundlage, sondern nur diejenigen, deren Bezugsproblem in der Ermöglichung der Annahme von Kommunikationen unter Bedingungen besteht, unter denen sonst Ablehnung die wahrscheinlichere Reaktion wäre.Google Scholar
  80. 93.
    Konfliktkommunikationen weichen hiervon ab. In einer kontrovers geführten Diskussion kann der Proponent häufig erwarten, daß der Opponent seine Behauptungen und Begründungen nicht akzeptieren wird. Wie wir bei der Vorstellung der Konversationsanalyse gesehen haben, zeigt sich dies auch in einer entsprechend modifizierten Präferenzorganisation. Werden derartige Debatten vor Publikum ausgetragen, dann kann sich die Annahmeerwartung auf die Zuhörer richten.Google Scholar
  81. 94.
    Luhmann lokalisiert die Funktion der Variation hier auf der Ebene elementarer kommunikativer Ereignisse und nicht etwa auf der Ebene spezialisierter Rollen, wie etwa der Rolle des Intellektuellen mit der Begründung: “Evolutionäre Variation ist ein viel zu allgemeines, breites, massenhaftes Phänomen, als daß sie Spezialrollen überlassen bleiben könnte” (Luhmann 1997, 458). Daß Intellektuelle besondere Bedeutung im Rahmen bestimmter Innovationsprozesse erhalten können, wird damit nicht bestritten. - Als exemplarische Analyse zur innovativen Rolle der Intellektuellen, die deren Bedeutung für die Entwicklung des semantischen Syndroms der “Nation” in Deutschland rekonstruiert, siehe die Studie von Giesen 1993.Google Scholar
  82. 95.
    Z.B. durch Verbot des offenen Widersprechens beim Palaver, differenziert nach Alterskategorien, d.h. mit besonderem Gewicht darauf, daß die Jüngeren den Älteren (die vor den Jüngeren zu Wort kommen) nicht widersprechen dürfen. Die Möglichkeit des Widersprechens wird dadurch freilich nicht definitiv eliminiert. Vielmehr werden Barrieren erzeugt, welche die Entscheidung für diese Möglichkeit entmutigen und ihre Auswahl dadurch unwahrscheinlicher machen bzw. Strategien der Tarnung stimulieren, indem sachlich divergierende Äußerungen rhetorisch als Zustimmung maskiert werden.Google Scholar
  83. 96.
    Die darwinistische Evolutionstheorie lokalisiert Variation auf der Ebene des einzelnen Organismus oder allgemeiner formuliert, des Systems und weist der Umwelt die Rolle der Selektionsinstanz zu. Unter den Prämissen der Theorie autopoietischer Systeme ist die Möglichkeit der direkten Intervention der Umwelt in den Binnenkontext des Systems ausgeschlossen. Die Selektion gesellschaftlicher Erwartungsstrukturen kann deshalb nicht von außen, sondern muß durch die Gesellschaft selbst vollzogen werden. Die Umwelt limitiert nur die Freiheitsgrade in deren Grenzen sich Erwartungsstrukturen bewegen müssen, um reproduktionsfähig zu sein, ohne jedoch eine Auswahl aus der unbestimmbar großen Menge möglicher Erwartungen zu treffen, die innerhalb dieser Freiheitsgrade liegen. (Um ein Beispiel für die Begrenzung reproduktionsfähiger Erwartungsstrukturen durch die Umwelt zu geben: Eine Gesellschaft, in der die Erwartung, daß alle Menschen ohne Hilfsmittel - von Hausdächern und Berggipfeln startend - fliegen können, hartnäckig als alltägliche Handlungsgrundlage benutzt wird, würde bald die psychischen und physischen Systeme ruinieren, mit denen Kommunikation strukturell gekoppelt sein muß, um operationsfähig zu sein.)Google Scholar
  84. 98.
    So z.B. könnte die Verteilungsregel, nach der bestimmte Personen eines Stammes (etwa die Ältesten oder der Häuptling) einen größeren Anteil der gemeinsamen Jagdbeute erhalten, bei verringertem Wildbestand und dadurch reduzierten Jagderträgen mit der Erwartung kollidieren, daß alle genug bekommen, um nicht (ver)hungern zu müssen.Google Scholar
  85. 99.
    Möglich ist es natürlich, Rollendifferenzierung zur Auflösung struktureller Widersprüche zu verwenden. Doch das würde nur heißen, Konsistenzprobleme auf der Ebene von Strukturänderungen und nicht von Systemdifferenzierung zu bearbeiten und sie damit wiederum durch geeignete Selektionen zu lösen.Google Scholar
  86. 102.
    Was passieren konnte, wenn hier bestehende Zusammenhänge ignoriert wurden, zeigen Fälle wie die von Giordano Bruno oder, mit glimpflicherem Ausgang, von Galileo Galilei.Google Scholar
  87. 103.
    An Debatten, wie sie z.B. die Gentechnik ausgelöst hat, wird freilich deutlich, wo die Grenzen dieser sozial zugestandenen Indifferenz erreicht sein könnten.Google Scholar
  88. 106.
    Dasselbe gilt natürlich für Unrechtsbehauptungen, die das Bestehen bestimmter Rechtsansprüche bestreiten. Bedingt durch die binäre Geschlossenheit des Codes impliziert jede Rechtsbehauptung zugleich, daß eine gegenteilige Behauptung nur zu Unrecht erhoben werden kann und läßt sich insofern ebensogut als Unrechtsbehauptung formulieren. Gleiches gilt auch für Wahrheits-bzw. Unwahrheitsbehauptungen.Google Scholar
  89. 107.
    Zur Kennzeichnung von Transaktionen als den “Letztelementen des Wirtschaftssystems” vgl. Luhmann 1997, 755f., insbesondere Fußn. 307.Google Scholar
  90. 108.
    Dabei ist die Anknüpfung an Systemprogramme eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß Operationen im System anschlußfähig sind und mit Annahme rechnen können. Am Beispiel: Wer vor Gericht klagen will, ohne deutlich zu machen, welche seiner gesetzlich garantierten Rechte er beeinträchtigt sieht, wird nicht einmal die Eröffnung eines Verfahrens erreichen. Wer Wahrheitsansprüche für empirische Aussagen erhebt, ohne auf methodisch gesicherte Belege verweisen zu können, dessen Manuskripte werden von wissenschaftlichen Zeitschriften nicht publiziert werden. Die Programme sind freilich variabel und unterliegen der ständigen Transformation durch die laufend anfallenden Operationen des Systems. Das Recht wird etwa durch die rechtswissenschaftliche Diskussion und die Praxis richterlicher Auslegung interpretiert, konkretisiert und (im Zivilrecht) per Analogieschluß auf vergleichbar erscheinende Sachverhalte ausgedehnt, für die keine explizite gesetzliche Regelung existiert; die methodischen Standards der Wissenschaft unterliegen der Veränderung durch neue Forschungsergebnisse usw.Google Scholar
  91. 109.
    Beispiele dafür sind, daß eine starke Staatsnachfrage in bestimmten Sektoren der Wirtschaft zur Erhöhung der Preise beitragen kann oder umgekehrt, umfangreiche Verkäufe staatlichen Eigentums (z.B. an Immobilien) auf den betroffenen Märkten einen Preisverfall auslösen (und damit auch die dafür veranschlagten Erlöse beeinträchtigen) könnenGoogle Scholar
  92. 110.
    Ereignisse, die in mehreren Systemen zugleich vollzogen werden, bleiben aber an die rekursiven Netzwerke der verschiedenen Systeme gebunden, werden durch sie identifiziert und haben deshalb eine ganz verschiedene Vorgeschichte und eine ganz verschiedene Zukunft, je nachdem, welches System die Operation als Einheit vollzieht.CHRW(133) Nur die Rekursivität des Operationszusammenhanges der Einzelsysteme identifiziert die Operation als Systemelement“ (Lohmann 1997, 753f.).Google Scholar
  93. 113.
    Und um hier auf pedantische Weise begrifflich genau zu sein: Von der Einrichtung des Steuerwesens (—statischer Aspekt der Integration) und dem Steueraufkommen (—Leistung; dynamisch-aggregativer Aspekt der Integration) müssen die einzelnen Steuerzahlungen als Operationen unterschieden werden, die das ökonomische und politische System mit jedem Zahlungsereignis erneut operativ miteinander koppeln (—dynamisch-operativer Aspekt der Integration).Google Scholar
  94. 114.
    Mehr Geld’ ist der kategorische Optativ dieser Gesellschaft, gerade weil alle Erhakungs-und Steigerungsansprüche damit in Gang gehalten werden können; und ‘weniger Geld’ ist zugleich das einzige Regulativ, das auf der Ebene symbolischer Kommunikation die Grenzen des ErreichbarenCHRW(133) repräsentiert“ (Luhmann 1983, 39, hier zitiert nach Schimank 1996, 193).Google Scholar
  95. 118.
    Vgl. dazu Luhmann 1990, 356f., verbunden mit dem Hinweis, die Autopoiesis anderer Funktionssysteme lasse diesen “oft nicht die Freiheit, Leistungen anzunehmen oder abzulehnenCHRW(133) So kann die Wirtschaft von ihrer Eigenlogik her kaum vermeiden, Forschungsleistungen in Produktion umzusetzen, wenn sich dies wirtschaftlich machen läßt; die Konkurrenz zwingt dazu. Ebensowenig wird die Medizin wissenschaftlich angebotene Möglichkeiten abweisen können, wenn ihre Gesamteffekte sich vertreten lassen.CHRW(133) Nicht zuletzt ist die Religion gut beraten, wenn sie die Implikationen des Weltbildes der Wissenschaft nicht einfach als gottloses Hirngespinst nach dem Sündenfall abtut, sondern ihre eigenen Texte so re-interpretiert, daß sie mit Wissenschaft leben kann.” - Lohmanns Beispiele machen deutlich, wie weit er den Leistungsbegriff faßt. Zwischen Leistungen für und Auswirkungen der Wissenschaft auf andere Funktionssysteme kann hier kaum noch (und muß vielleicht auch nicht) unterschieden werden. Luhmann sieht dies, meint aber, daß es “zu kurz gegriffen (wäre; W.L.S.), solche Verflechtungen und ihre Folgen schlicht als Auswirkungen der modernen Wissenschaft zu erklären” und fügt dem die folgende Begründung hinzu: “Sie sind ebensosehr Auswirkungen der Autopoiesis derjenigen Funktionssysteme, die sich durch eigene Spezifikation gezwungen sehen, wissenschaftliche Erkenntnisse aufzunehmen und mit strukturellen Konsequenzen (über die sie nur selbst disponieren können) in das eigene System einzubauen” (Luhmann 1990, 357).Google Scholar
  96. 119.
    Die Frage nach der Wahrheit oder Unwahrheit von Theorien und empirischen Behauptungen steht jeweils im Kontext alternativer Möglichkeiten. In dem Maße, in dem Forschungen zu einem Thema bereits vorliegen, verlangt die Entscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit, daß diese Beobachtungen berücksichtigt werden. Publikationen weisen sich deshalb wesentlich dadurch als Element in der Autopoiesis des Wissenschaftssystems aus, daß sie eigene Beobachtungen nicht nur als Ergebnis des direkten Blicks auf die Welt, sondern ebenso (vor allem durch den Anmerkungsapparat) als Resultat der laufenden Mitbeobachtung anderer wissenschaftlicher Beobachtungen präsentieren, d.h. als Ergebnisse darstellen, die den aktuellen Stand der Forschung im jeweiligen Bereich berücksichtigen.Google Scholar
  97. 120.
    Darüber hinaus verlangt jede Anwendung eines Gesetzes auf einen Fall die Interpretation dieses Gesetzes, die durch juristische Argumentation sowie unter Berücksichtigung der Rechtsprechung (Beobachtung der Rechtslage) der Obergerichte gegenüber anderen Möglichkeiten der Auslegung/-Beobachtung des Gesetzes als vorzugswürdig begründet werden muß (vgl. Luhmann 1993, 338ff.).Google Scholar
  98. 121.
    Von “Selbstbeschreibungen” spricht Luhmann, wenn Operationen der Selbstbeobachtung Textform annehmen und damit für jederzeitige Wiederverwendung greifbar sind. Ansonsten verwendet er beide Begriffe oft synonym. Im folgenden werde ich beide Begriffe, sofern nicht ausdrücklich anders vermerkt, ebenfalls bedeutungsgleich gebrauchen.Google Scholar
  99. 122.
    Und selbst dann, wenn eine Selbstbeschreibung des Systemes möglich wäre, die die Komplexität des Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt vollständig erfassen würde (aber wie sollte die aussehen?), würde sich das Problem damit nur in die Zeitdimension verlagern: Weil auch die Selbstbeschreibung des Systems eine Operation im System ist, wird das System durch die Anfertigung der Selbstbeschreibung (und durch die Orientierung anderer Operationen an dieser Beschreibung!) auf eine Weise verändert, die in dieser Selbstbeschreibung nicht mitbeobachtet, sondern erst durch spätere Beobachtungs-und Beschreibungsversuche erfaßt werden kann, für die wiederum dasselbe gilt. (Wenn z.B., wie im Gefolge der “Studentenrevolte” von 1968 zu beobachten, die bisherige Praxis der Erziehung im Erziehungssystem selbst als “autoritär” beschrieben wird, dann hat die Orientierung erzieherischer Kommunikation an einer solchen Beschreibung Folgen für Erziehung, die im Rahmen dieser Beschreibung nicht absehbar sind.)Google Scholar
  100. 124.
    Überschritten würden diese Grenzen z.B., wenn der Raum - im Verhältnis zur Kapazität der Heizung - sehr groß, die Wände schlecht isoliert sowie einige Fenster ständig geöffnet wären und die Außentemperatur auf extreme Frostwerte fallen würde. Unter diesen Voraussetzungen könnte trotz Dauerbetriebs des Brenners der eingestellte Temperatur-Sollwert nicht erreicht werden. Das System könnte daran nur seine eigene Wirkungslosigkeit beobachten. Aber selbst dazu müßte es mit einer weiteren Meßeinrichtung ausgestattet werden, die nicht nur die Temperatur, sondern auch die Ein-und Ausschaltvorgänge sowie den Zeitabstand zwischen ihnen registriert, die auf diese Weise dokumentiert, wie lange das System arbeitet, um bzw. ohne den Temperatur-Sollwert zu erreichen und die bei Überschreitung einer bestimmten Betriebsdauer eine Fehlermeldung erzeugt.Google Scholar
  101. 128.
    Um derartigen Fehldeutungen vorzubeugen, hier die vollständige Passage, aus der das zuletzt an geführte Kurzzitat entnommen ist (Luhmann 1997, 843): “Um Funktionssysteme mit externer Kommunikationsfähigkeit auszustatten (die als Kommunikation natürlich immer Vollzug der Autopoiesis von Gesellschaft ist), müssen in den Funktionssystemen Organisationen gebildet werden - sei es mit angemaßten Sprecherrollen, so wie die Arbeitgeber-und Arbeitnehmerverbände angeblich für ‘die Wirtschaft’ sprechen; sei es mit den Großzentren komplex verschachtelter Organisationseinheiten, den Regierungen, den internationalen Korporationen, der Militärführung.” - Um Überschätzungen der dadurch erreichbaren Abstimmungen und verbindlichen Festlegungen entgegenzutreten, betont Luhmann (a.a.O.) freilich ebenso die Unmöglichkeit, “die Funktionssysteme selbst zu organisieren”, d.h. alle Operationen eines Funktionssystems in einer Organisation zu vereinen, wie auch die daraus zwingend resultierende Folgerung, “daß Organisationen, wenn überhaupt, nur sich selbst, aber nicht ‘die Politik’, ‘die Wirtschaft’, ‘die Wissenschaft’ usw. durch Kommunikation festlegen können” (a.a.O., Fußn.440).Google Scholar
  102. 129.
    Zur Rolle von Verhandlungssystemen für eine Theorie der politischen Steuerung vgl. besonders Willke 1995, 109ff. Zur Kritik von Willkes Vorstellung von politischer Steuerung, der vorgehalten wird, mit dem Konzept operativ geschlossener Systeme nicht kompatibel zu sein, vgl. Fuchs 1999.Google Scholar
  103. 134.
    Um z.B. die Mitteilung “Ein Päckchen Zigaretten, bitte” zu verstehen, genügt es, wenn der so angesprochene Verkäufer in einem Geschäft sie als Kundgabe einer Kaufabsicht und als Aufforderung deutet, dem Sprecher die gewünschte Ware zu verkaufen, d.h. mit einem dazu passenden Anschluß-verhalten zu reagieren. Welche “Motive” der Mitteilende mit dieser Äußerung darüber hinaus verbindet, bleibt für die Kommunikation verborgen und ist für ihren Verlauf ohne Bedeutung.Google Scholar
  104. 135.
    Die Schützsche These, daß der volle subjektive Sinn eines Handelns für einen fremden Beobachter unzugänglich sei, daran ist hier zu erinnern, ist innerhalb der Handlungstheorie kontrovers. Weber und Parsons nehmen eine solche, prinzipiell unübersteigbare Grenze des Fremdverstehens nicht an und bestreiten, daß der Akteur einen privilegierten Zugang zu seinen Motiven habe. Sie gehen im Gegenteil davon aus, daß es auch “verdrängte” Motive gibt, die dem Handelnden selbst verborgen sind und die ein Fremdbeobachter (etwa ein Psychoanalytiker) u.U. eher erkennen könne, als der Handelnde selbst. Die Lokalisierung der Einschränkungen, denen sich das Bemühen um Motivverstehen ausgesetzt sieht, reicht demnach von der Betonung (1) potentiell eingeschränkter Selbsttransparenz des Akteurs und demgegenüber u.U. weiter reichender Fremdtransparenz (Weber, Parsons), über die These der (2) grundsätzlichen Fremdintransparenz bei weitgehender Selbsttransparenz des Akteurs (Schütz), bis hin zur These (3) der grundsätzlichen Selbst-und Fremdintransparenz psychischer Systeme (Luhmann).Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Wolfgang Ludwig Schneider

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