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Das Intersubjektivitätsproblem als Bezugsproblem empirischer Analyse: Garfinkels Ethnomethodologie und die ethnomethodologische Konversationsanalyse

  • Wolfgang Ludwig Schneider

Zusammenfassung

Jede Handlungstheorie sieht sich mit dem Problem der Intersubjektivität konfrontiert und muß in der einen oder anderen Weise darauf antworten, wie dieses Problem gelöst oder zumindest durch die Alltagshandelnden praktisch bewältigt werden kann. Die Antworten darauf können freilich sehr verschieden ausfallen, wie ein vergleichender Rückblick auf Parsons und Schütz zeigt.

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Literatur

  1. references>1 Vgl. entsprechend die äußerst empfehlenswerte Darstellung von John Heritage (1984, 75ff.), an die ich mit dieser These anschließe.Google Scholar
  2. 2.
    Hier und bei allen folgenden Zitaten, die unmittelbar aus englischsprachigenOriginalausgaben entnommen sind, stammt die Übersetzung von mir; eventuelle Hervorhebungen in den Zitaten, sofern nicht anders gekennzeichnet, sind durchgängig aus den Originaltexten übernommen.Google Scholar
  3. 3.
    Die Betonung einer dieser beiden Dimensionen auf Kosten der anderen ist zwar nicht logisch notwendig. Man kann an der Geltung von Normen festhalten und sich dennoch fragen, welchen anderen Regeln ein als normwidrig registriertes Verhalten folgt. Eine solche Reaktion ist jedoch komplexer gebaut. Sie verlangt die Kombination gegenläufiger Leistungen, setzt zugleich die Bindung an Normen und die Fähigkeit voraus, sich kognitiv von ihnen zu distanzieren. Sie ist deshalb besonders anspruchsvoll und unter Bedingungen des akuten Zwanges, selbst durch eigenes Anschlußhandeln zu reagieren, eher unwahrscheinlich. Empirisch dürfte sie deshalb mit vergleichsweise geringerer Häufigkeit zu beobachten sein.Google Scholar
  4. 4.
    Die Möglichkeit der nachträglichen Korrektur bzw. Anullierung eines Spielergebnisses, wie sie vor allem im Bereich des professionellen Sports vorkommen kann, widerspricht dem nicht, werden solche nachträglichen Revisionen doch allgemein als seltene und problematische Ausnahmefälle wahrgenommen.Google Scholar
  5. 5.
    Eine deutsche Übersetzung eines Auszuges aus Garfinkel 1967, der auch die hier zitierten Experimente enthält, findet sich in der von Heinz Steinen herausgegebenen Textsammlung “Symbolische Interaktion”; vgl. Steinert 1973, 280–293.Google Scholar
  6. 6.
    Auch der (oft mit dem Gestus der Empörung verbundene) Ausruf “Du bist ja verrückt” hat in der Regel die pragmatische Funktion eines Vorwurfes, der sich darauf bezieht, daß alle vernünftigen Gründe gegen eine bestimmte Handlungsweise sprechen. Dementsprechend reagiert der so Angesprochene häufig mit Begründungen und Rechtfertigungen.Google Scholar
  7. 7.
    Siehe dazu Poliner 1976, der den Gebrauch unkorrigierbarer Prämissen als generelles Charakteristikum des alltagsweltlichen Denkens begreift.Google Scholar
  8. 8.
    Die Vorstellungen über den Inhalt des Gesprächs werden aber nicht nur aus bestimmten “dokumen- tarischen Evidenzen” abgeleitet, sondern es werden auch umgekehrt die “dokumentarischen Eviden- zen” im Lichte dessen interpretiert, was als zugrundeliegender Gesprächsinhalt bereits b.lcannt ist (Fortsetzung…)Google Scholar
  9. 8.
    (…Fortsetzung) bzw. antizipiert werden kann. Garfinkel spricht in diesem Zusammenhang auch (damit einen Begriff von Karl Mannheim übernehmend) von der “dokumentarischen Methode” der Interpretation, von der die Teilnehmer Gebrauch machen (vgl. 1967, 40 sowie 76ff.).Google Scholar
  10. 9.
    Zum Status dieses Protokolls ist folgendes festzuhalten: Garfinkel teilt nicht mit, ob die zitierten Aufzeichnungen des Gesprächs aus dem Gedächtnis oder durch Tonbandmitschnitt und Transkrip- tion angefertigt wurden. Auch dann, wenn der Gesprächsverlauf durch Tonaufzeichnung zuverlässig dokumentiert worden sein sollte, kann die Darstellung der verstandenen Bedeutungen, die den ein- zelnen Außerungen in der rechten Spalte des Protokolls zugeordnet sind, nur nachträglich verfaßt (Fortsetzung…)Google Scholar
  11. 9.
    (…Fortsetzung) worden sein. Was darin notiert ist, ist also keine unmittelbare Wiedergabe der gesprächsbegleitenden Bedeutungszuweisungen. Es ist vielmehr das Ergebnis der Rückerinnerung, Reflexion und retrospektiven Interpretation des Protokollautors und des dazu eventuell noch von ihm befragten Interaktionspartners, veranlaßt durch den Auftrag Garfinkels, möglichst genau und vollständig zu notieren, welche Bedeutung die Kommunikationsteilnehmer mit den einzelnen Äußerungen verknüpften. Selbst unter der Voraussetzung der maximal möglichen Sorgfalt bei der Lösung dieser Aufgabe kann zwischen korrekt erinnerten Bedeutungszuweisungen und rückblickenden Interpretationen, die Bedeutungen anhand des dokumentierten Wortlautes konstruieren und explizieren (nach dem Muster: “Die Äußerung X kann ich nur so gemeint bzw. verstanden haben, daß…”) nicht trennscharf unterschieden werden. Der Index der Nachträglichkeit ist der Mitteilung des im Gespräch erreichten Verstehens untilgbar eingeschrieben. Vgl ergänzend dazu die nachfolgende Anmerkung.Google Scholar
  12. 10.
    Auch mit dem Abschluß der Interaktionssequenz ist die Bedeutung der darin verwendeten Äußerungen nicht vollständig und endgültig fixiert. Jede neuerliche Reflexion auf den Verlauf der Interaktion kann neue Bedeutungselemente zu Tage fördern. Diese Erfahrung mußten auch Garfinkels Studenten machen. Garfinkel konnte sie immer davon überzeugen, daß die Bedeutungsexplikationen in der rechten Spalte des Interaktionsprotokolls ungenau bzw. unvollständig waren und dies auch noch nach mehreren Durchgängen der Überarbeitung, in denen der Umfang der Bedeutungsexplikationen immer mehr zunahm. Die Beschwerden, die sie darüber äußerten, schienen darauf hinauszulaufen, “daß das Schreiben selbst das Gespräch als eine sich verzweigende Textur relevanter Inhalte (fort)-entwickelte” (Garfinkel 1967, 26). - Entsprechendes zeigen auch die Erfahrungen mit der ausführlichen hermeneutischen Interpretation von Interaktionsprotokollen im Kontext der von Oevermann entwickelten Methodologie der “objektiven Hermeneutik” (Oevermann u.a. 1979). Unter dem Titel der “Wirkungsgeschichte” wird das analoge Phänomen der Erweiterung des Bedeutungsgehaltes von Texten in der historischen Abfolge ihrer Interpretationen in der philosphischen Hermeneutik Gadamers behandelt (vgl. dazu Gadamer 1965, 283ff. und 448).Google Scholar
  13. 11.
    Dieser Vorwurf zeichnet die Differenzen beider Positionen freilich schärfer, als sie - von Parsons her gesehen - erscheinen, lassen sich doch bei Parsons eine Reihe von Aussagen finden, welche die Notwerultgkeit ständiger wechselseitiger Abstimmung der Norminterpretationen in der Interaktion hervorheben (vgl. z.B. Parsons 1951, 269ff. und 303f.). Im Gesamtkontext der Parsonsschen Theorie haben diese Aussagen allerdings eine nachgeordnete und eher marginale Bedeutung. - Ich komme darauf weiter unten ausführlicher zurück.Google Scholar
  14. 12.
    Schütz (Schütz 1972, Bd.2, 269) spricht hier von der Idealisierung des “und so weiter”.Google Scholar
  15. 13.
    Wie zu erinnern, stammt der Begriff der “Relevanz” von Schütz. Dazu, sowie zum Konzept des “Relevanzkonflikts”, vgl. oben, Kap. 4.7.Google Scholar
  16. 14.
    So der “Wessi” Jochen Spengler (1993, S. 23), Korrespondent des RIAS in Schwerin, in seinem Bericht “Zuneigung, Ratlosigkeit, Zorn. Ein Wessi bei den Ossis”. - Kennzeichnend für den Duktus der Darstellung ist der ironisch-distanzierte, gleichwohl aber alternativlose Gebrauch von Ost-West-Klischees. Die folgende Analyse des Textauszuges entnehme ich aus Schneider 1997a.Google Scholar
  17. 15.
    Dieser Befund ergänzt die bisher vorgestellten Untersuchungen Garfinkels um einen wesentlichen Aspekt. Er unterstreicht die Bedeutung der “motivationalen Relevanzen” (Schütz) für die Prägung von Handlungsroutinen und -interpretationen.Google Scholar
  18. 17.
    Die uneingeschränkte Lösung des Ordnungsproblems setzt deshalb die Auflösung der Grenzen zwischen verschiedenen Interpretationsgemeinschaften voraus. Sie wäre nur innerhalb einer universalen Interpretationsgemeinschaft möglich, die solche Differenzen aufhebt. Dies war, wie hier zu erinnern, die Idee und der utopische Gehalt der Meadschen Theorie.Google Scholar
  19. 18.
    Das zweite Kapitel von Garfinkels “Studies in Ethnomethodology” (1967), dem die meisten der oben berichteten Experimente entnommen sind, trägt deshalb den Titel “Studies of the routine grounds of everyday activities”. Vgl. in diesem Zusammenhang auch die an Schütz, Gehlen und Mead anschließende Wissenssoziologie von Berger und Luckmann (1980, 56ff.), die in der Routinisierung und Habitualisierung von Handlungsmustern und Überzeugungen die Basis für die Bildung sozialer Institutionen sieht.Google Scholar
  20. 19.
    Der Begriff “Ideologie” bezieht sich bei Parsons “auf ein System von Überzeugungen, das von den Mitgliedern einer Gemeinschaft (collectivity) gemeinsam geteilt wird” (Parsons 1951, 349).Google Scholar
  21. 20.
    In den Begriffen der Parsonsschen Handlungstheorie formuliert, geht es hier um die Interdependenz zwischen dem kathektischen, dem kognitiven und dem evaluativen Modus der motivationalen Orientierung (vgl. oben Kap.2.8 sowie Tafel 2.6). Parsons bestreitet eine derartige Interdependenz grundsätzlich nicht. Wie im Text gleich näher ausgeführt, nimmt er jedoch an, daß die Spielräume zur katheaisinduzierten (—interessegeleiteten) Beeinflussung der Kognition im NormalfaU hinreichend eng sind, um zwischen ‘Verzerrungen’ der Kognition zur Legitimation normwidriger Handlungen einerseits und adäquaten Handlungserklärungen bzw. -rechtfertigungen andererseits klar unterscheiden zu können.Google Scholar
  22. 21.
    “Rationalisierung ist eine Begleiterscheinung und ein Instrument der Verdrängung, indem sie die Existenz eines Konfliktes auf der kognitiven Ebene verleugnet und ein konsistentes Bild in Übereinstimmung mit anerkannten normativen Standards der angemessenen motivationalen Orientierung zu zeichnen versucht. Es gibt viele mögliche ‘Kunstgriffe’, zu denen die Rationalisierung Zuflucht nimmt, um das Verhalten des Akteurs plausibel und akzeptabel erscheinen zu lassen…, aber ihnen ist allen ein Element der kognitiven Verzerrung dessen gemeinsam, was in den Begriffen der als dominant institutionalisierten kognitiven Kultur als angemessene und hinreichende Erklärung und Rechtfertigung des Handelns gilt” (Parsons 1951, 266f.).Google Scholar
  23. 22.
    Zum Konzept des sozialen Deutungsmusters vgl. Oevermann 1973. Statt von Deutungsmustern wird in der neueren soziologischen Theoriediskussion auch häufig von Interpretationscodes gesprochen. Vgl. dazu besonders Giesen 1991a.Google Scholar
  24. 23.
    Vgl. dazu auch Luhmann 1987, 71 mit der analogen These, daß institutionalisierte Erwartungen “nicht auf der faktischen Übereinstimmung abzählbarer Meinungsäußerungen, sondern auf deren erfolgreicher Überschätzung (beruhen). Ihr Fortbestand ist gewährleistet, solange fast alle unterstellen, daß fast alle zustimmen; ja möglicherweise sogar dann, wenn fast alle unterstellen, daß fast alle unterstellen, daß fast alle zustimmen.”Google Scholar
  25. 24.
    Der normativ relevante Tatbestand ist hier wohl in der sonst unvermeidlichen Ungleichbehandlung der verschiedenen Käufer und der relativen Übervorteilung derjenigen Käufer zu sehen, die nicht um den Preis zu feilschen versuchen. Von “Übervorteilung” kann dabei dann die Rede sein, wenn man von der bereits normativ aufgeladenen Vorstellung eines ‘fairen Preises’ ausgeht, zu dem ein ehrlicher Geschäftsmann seine Waren gegenüber allen Kunden gleichermaßen anzubieten habe. Garfinkel weist darauf hin, daß nach Parsons diese Regel (d.h. die Regel: ‘Derselbe Preis für alle Kunden’) als institutionalisierte Erwartung zu betrachten sei, so daß deren Internalisierung angenommen werden müsse und interpretiert dann den Versuchsverlauf als Widerlegung der Internalisierungsannahme. Dieses Argument betrifft jedoch nur die Frage, inwiefern von einer Internalisierung dieser spezifischen Regel ausgegangen werden kann oder nicht und ist deshalb für die Beantwortung der allgemeinen Frage, inwieweit die Sicherung sozialer Ordnung auf der Internalisierung von Regeln gründet, unzureichend.Google Scholar
  26. 25.
    “Überzeugungen, wie andere Elemente der Kultur, sind als Teil der Persönlichkeit des Akteurs, der sie hat, internalisiert. Daß ein gemeinsames System von Überzeugungen existiert, welches von Ego und Alter geteilt wird, ist in einer bestimmten Hinsicht ebenso wichtig wie die Angemessenheit dieser Überzeugungen gegenüber der Realität außerhalb des einzelnen Interaktionssystems”(Parsons 1951, 328). Kurz darauf (a.a.O.) spricht Parsons von der “integrativen Funktion gemeinsamer Systeme von Überzeugungen innerhalb von Interaktionssystemen”. An anderer Stelle notiert Parsons (1951, 350): “Werte existieren nicht unabhängig von Überzeugungen, die ihnen ihre kognitive Bedeutung geben.” - Für jedes empirische System von Überzeugungen, das von den Mitgliedern einer Gemeinschaft geteilt wird, verwendet Parsons den Begriff “Ideologie” (vgl. Parsons 1951, 354).Google Scholar
  27. 26.
    Weil die Anwendung von Regeln nach dieser Konzeption gleichsam mechanisch zu funktionieren, d.h. keine Interpretation und keine eigenstündige Beurteilung der Situation durch den Akteur zu verlangen scheint, spricht Garfinkel (1967, 68ff.) häufig auch von der Darstellung des Akteurs als “Urteilsdepp” Qudgemental dope).Google Scholar
  28. 27.
    Dies gilt freilich nur für den ‘frühen’ Garfinkel (der sowohl Schüler von Parsons wie auch von Schütz war). Vgl. dazu Alexander 1987, 258ff.Google Scholar
  29. 28.
    Die Unbestimmtheit von Erwartungen “bietet auch Lücken für diejenigen, deren Motivationsmuster zur Non-Konformität neigt, insofern die Unbestimmtheit der Erwartungen es unmöglich macht, eine scharfe Grenze zwischen Konformität und Abweichung zu ziehen, weil dies eine Frage der ‘Interpretation’ ist” (Parsons 1951, 270).Google Scholar
  30. 29.
    Vgl. dazu die folgende Feststellung, die vor allem auf linke politische Bewegungen gemünzt ist (Parsons 1951, 293): “Die meisten der ‘ideologischen Streitfragen’, welche die Differenz von Wert- systemen bestimmen, betreffen hoch abstrakte und allgemeine Formeln, die in hohem Maße offen sind für ‘Interpretation’. Darüber hinaus werden viele der abstrakten Formeln, wie die Wunsch- (Fortsetzung…)Google Scholar
  31. 29.
    (…Fortsetzung) barkeit von ‘sozialer Gerechtigkeit’, von ‘Demokratie’ oder von ‘Frieden’, allgemein geteilt. Wer kann sagen, ob eine Interpretation legitimer ist als die andere? Bewegungen und deren Ideologien, welche die Allgemeinheiten und Mehrdeutigkeiten des dominierenden Wertesystems ausbeuten, sind daher besonders schwer anhand von Mitteln zu kontrollieren, die den Verlust ihres Legitimitätsanspruchs zur Folge haben.“Google Scholar
  32. 30.
    Behält man dies im Gedächtnis, dann kann man durchaus feststellen: Die Parsonssche Position siedelt näher an dem Pol der Regeldetermination, die Garfinkelsche Position hingegen näher am Pol beliebig möglicher Interpretation. Man muß sich freilich hüten, die beiden Positionen mit diesen Extremwerten zu identifizieren. Genau dies aber geschieht, sei es aus Gründen der Polemik oder aus dem didaktisch motivierten Bedürfnis nach klaren Unterschieden, nur allzu leicht.Google Scholar
  33. 31.
    Die hohe Bedeutung, welche die Konversationsanalyse natürlichen Daten zuweist, teilt sie mit anderen rekonstruktiven Analyseverfahren, wie z.B. der objektiven Hermeneutik (vgl. u.a. Oevermann 1979 und 1986). Zur Diskussion der Bedeutung von Aufzeichnungen als Daten der interpretativen Soziologie vgl. Bergmann 1985.Google Scholar
  34. 32.
    Um einen naheliegenden und immer wieder erhobenen Einwand nicht zu unterschlagen: Auch technische Aufzeichnungsverfahren duplizieren nicht das ursprüngliche Geschehen. Auch sie sind selektiv, haben also den Status eines Protokolls, das nicht alle Merkmale des Originalgeschehens enthalten kann. Aber, so die Replik darauf aus konversationsanalytischer Perspektive: Die Selektivität technischer Aufzeichnungen ist weit geringer, als die jedes anderen Verfahrens, und sie gründet nicht auf einer impliziten Vorinterpretation der Daten.Google Scholar
  35. 33.
    Einen guten Überblick über die thematische Breite der Konversationsanalyse geben die Sammelbände von Atkinson und Heritage (1984), Button und Lee (1987) sowie Drew und Heritage (1992). Als einführende Darstellung der methodologischen Prämissen und der Forschungsstrategie der Konversationsanalyse vgl. Bergmann 1981 und 2000b; zu den Verbindungslinien zwischen Ethnomethodologie und Konversationsanalyse vgl. Bergmann 1988 und 2000a.Google Scholar
  36. 37.
    “Inferentially rich” heißt: “durch Schlußfolgerung ergiebig (gehaltvoll, reichhaltig)”.210ff.Google Scholar
  37. 39.
    Daß die Verhältnisse tatsächlich so kompliziert liegen, macht die folgende Überlegung leicht plausibel: Kennt B bestimmte Merkmale des Kontextes, von denen er auch weiß, daß sie A bekannt sind, von denen er aber zugleich glaubt, daß A nicht weiß, daß diese Merkmale B bekannt sind, dann muß B annehmen, daß A ihm gegenüber keine Äußerung gebrauchen wird, die dieses Wissen voraussetzt, weil A davon ausgehen muß, daß B diese Äußerung nicht verstehen wird. (Dieses Argument gilt freilich nur unter der Prämisse rationaler Akteure, deren Bewußtsein frei von aktuellen Beeinträchtigungen ist und unter der Voraussetzung, daß der Adressat der Äußerung die zugrunde-liegende Mitteilungsabsicht tatsächlich erkennen soll.)Google Scholar
  38. 40.
    Das folgende, leicht gekürzte und von mir aus dem Englischen übersetzte Beispiel ist entnommen aus Schegloff 1988, 57. Die im Original enthaltenen Eigentümlichkeiten der Aussprache, Lautverkürzungen u.ä. lassen sich nicht ins Deutsche übertragen. Insofern haben wir es, streng genommen, bereits mit Daten zu tun, die auf unzulässige Weise ‘bereinigt’ sind. Für unsere Zwecke, ist dies freilich unproblematisch, geht es doch hier nicht um die Erforschung unbekannter Phänomene, die dadurch zerstört werden könnten, sondern nur um die empirische Illustration bereits gewonnener Ergebnisse. Aus diesem Grunde ist es ebenfalls vertretbar, in begrenztem Maße erfundene Beispiele zu Demonstrationszwecken zu verwenden, sofern sie diejenigen Strukturmerkmale aufweisen, die die Konversationsanalyse an natürlichen Daten aufdecken konnte.Google Scholar
  39. 41.
    “Wer.” - der Punkt, der am Ende dieser knappen Reaktion steht, ist das Transkriptionszeichen für eine abfallende Intonationskontur. Obwohl ‘wer’ ein Fragewort ist, ist der damit formulierte Einwortsatz mangels Frageintonation nicht als Frage, sondern als Aufforderung an die Mutter zu deuten, die angekündigte Mitteilung folgen zu lassen. Diese Deutung stimmt mit der Interpretation dieser Äußerung durch die Mutter überein, die in ihrer Reaktion darauf (“Ich weiß es nicht”) sichtbar wird. Sie wird darüber hinaus durch die Folgeäußerung von Russ an vierter Sequenzposition bestätigt.Google Scholar
  40. 42.
    Einleitungsbedingungen bzw. -regeln im Sinne Searles (vgl. 1971, 88ff, hier: 102; siehe dazu auch unten, Kap.8.1).Google Scholar
  41. 43.
    Oder in den Worten des Konversationsanalytikers John Heritage (1984, 258): “Jede ‘dritte’ Handlung, die einen ‘normalen’ Entwicklungsgang oder Verlauf einer Sequenz erfüllt, bestätigt stillschweigend das in der Sequenz bis dahin sichtbar gemachte Verstehen.”Google Scholar
  42. 44.
    Ich bediene mich hier einer erfundenen Variation des vorangehenden Beispiels.Google Scholar
  43. 45.
    Vgl. zum folgenden auch Schneider 1998, 180ff. sowie Schneider 2001.Google Scholar
  44. 46.
    “…der Inhalt eines Redebeitrags wird als bezogen auf den Inhalt eines vorangegangenen Redebeitrages gehört, sofern nicht besondere Techniken angewendet werden, um einen anderen Gesprächsgegenstand zu lokalisieren, auf den er sich bezieht” (Sacks, Schegloff, Jefferson 1974, 728, hier zitiert nach Heritage 1984, 261). Die Funktion, die der engen Koppelung benachbarter Äußerungen in der Konversationsanalyse zugeschrieben wird, besteht in der Sicherung der Möglichkeit zweckgerichteten Handelns unter den Bedingungen doppelter Kontingenz; siehe Heritage 1984, 263f.Google Scholar
  45. 47.
    Ansatzpunkte für eine solche Abstraktion des triadischen Sequenzformats finden sich bereits in der Kommunikation unter einer Mehrzahl von Anwesenden. So etwa, wenn jemand auf eine Mitteilung reagiert und ein anderer als der Autor der ersten Äußerung daran mit einer Äußerung anschließt, die erkennen läßt, daß er die Mitteilung an erstet Sequenzposition auf dieselbe Weise oder abweichend versteht, wie in der Reaktion des zweiten Sprechers angezeigt. Anstelle des ersten Sprechers produziert hier ein dritter Sprecher ein konfirmierendes (—bestätigendes) bzw. diskonfirmierendes Mitteilungsereignis.Google Scholar
  46. 48.
    So der kurz zuvor neu ernannte Regierungssprecher Hauser, wenige Wochen nach der Wahl von 1998 in Sachsen-Anhalt, hier zitiert nach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. Juni 1998, S.1. Der Bericht trug die Überschrift “Empörung über Hausers Äußerung zum Aufbau Ost” und berichtete über das Echo, das diese Äußerung bei Vertretern anderer Parteien ausgelöst hatte. Auf derselben Seite stand ein (gleich noch zu zitierender) Kommentar zu der öffentlichen Auseinandersetzung um diese Äußerung.Google Scholar
  47. 49.
    So berichtet in der Frankfurter Allgemeinen vom B. Juni 1998, S.2, unter der Überschrift “Regierungssprecher Hauser verteidigt seine Äußerungen zum Aufbau Ost”, mit dem Untertitel “’Sorge ansprechen’/ Dank für Schäubles Ratschläge”.Google Scholar
  48. 50.
    Kompliziert wird die Zurechnungssituation dadurch, daß es sich hier nicht um die Äußerung einer Privatperson, sondern des autorisierten Regierungssprechers handelt, (der darüber hinaus noch Abgeordneter im Bundestag und Sprecher der baden-württembergischen Landesgruppe sowie Vorsitzender der Landesgruppensprecher in der Unionsfraktion war), die deshalb als Verlautbarung der Regierungskoalition gelten kann, solange sich keine der Koalitionsparteien offiziell von dieser Außerung distanziert. Dieser Umstand ist von zentraler Bedeutung für die Stellungnahmen aller Beteiligten. Es wäre eine eigene Forschungsaufgabe nachzuzeichnen, auf welche Weise sich die jeweiligen Rollen und Ämter der einzelnen Akteure innerhalb der Debatte um die Außerung des Regierungssprechers niederschlagen. Diesem Gesichtspunkt kann hier freilich nicht weiter nachgegangen werden.Google Scholar
  49. 51.
    Wie oben schon festgestellt, kann eine derartige Übereinstimmung immer nur sehr selektiv erzeugt werden. Sie kann auf bestimmte Gesichtpunkte des Werkes bezogen sein oder auch dessen allgemeine Charakterisierung und Bewertung betreffen. Sie kann sich aber nie auf jede Einzelaussage erstrecken und bleibt deshalb in ihrer Reichweite und Tiefenschärfe eng begrenzt.Google Scholar
  50. 57.
    Zur ausführlicheren Interpretation dieses Beispiels vgl. Schneider 1997b, 175–181.Google Scholar
  51. 58.
    Vgl. zum folgenden Heritage 1984, 280ff. sowie Heritage 1985, 96ff.Google Scholar
  52. 59.
    Im Rahmen einer Vernehmung gilt darüber hinaus, daß es aus strategischen Gründen sinnvoll ist, wenn der Vernehmende Äußerungen zurückhält, mit denen er seinen Kenntnisstand gegenüber dem Vernommenen offenbaren würde. Bei polizeilichen bzw. gerichtlichen Vernehmungen handelt es sich um institutionalisierte Kontexte offenen strategischen Handelns, in denen sich der Vernommene nicht einfach entziehen kann und in denen die Vorenthaltung von Rücltmeldesignalen von Seiten des offiziellen Fragestellers nach einer erhaltenen Antwort durch den Charakter der eingenommenen Rolle sozial legitimiert ist. - Einschränkend muß angemerkt werden, daß es sich bei den konversationsanalytischen Untersuchungen von Vernehmungsfragen vor Gericht um Material aus Strafprozessen im angelsächsischen Rechtsbereich handelt, deren Procedere von den Verfahrensregeln des deutschen Strafprozesses abweicht. Inwieweit diese Analysen auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind, müssen wir deshalb offen lassen.Google Scholar
  53. 60.
    Damit ist natürlich nicht behauptet, daß es keine Ordnungsformate mit mehr als drei Zügen gäbe. Ebenso sind zweizügige Formate möglich (wie z.B. die gerade im Text erwähnte Frage-AntwortSequenz innhalb eines Verhörs), bei denen das Fehlen des dritten Zuges jedoch selbst zu einer relevanten Information für die Teilnehmer wird: Die dreizügige Sequenz definiert in diesem Falle eine Normalitätserwartung, vor deren Hintergrund die zweizügige Sequenz als ‘verkürzt’ und insofern als Abweichung erlebt werden kann. Diese Abweichung wird dann zum wesentlichen Anhaltspunkt für die Interpretation einer Sequenz.Google Scholar
  54. 61.
    Damit ist selbstverständlich nicht behauptet, dafi allgemeine Regeln völlig bedeutungslos für die Lösung des Ordnungsproblems sind.Google Scholar
  55. 62.
    Spieltheoretiker würden die Befolgung dieser Regeln nach dem Modell eines Koordinationsspieles“ analysieren (vgl. unten, Kap.7.2), bei dem durch konformes Verhalten der eigene Nutzen eines Akteurs zugleich mit dem Nutzen des bzw. der anderen Teilnehmer maximiert wird und diese Koinzidenz der Interessen ausreicht, um für die Einhaltung der Regeln zu sorgen.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Ludwig Schneider

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