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Rationalität, Sozialität und Kreativität organisationalen Handelns

  • Willi Küpper
  • Anke Felsch
Chapter
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Part of the Organisation und Gesellschaft book series (OUG)

Zusammenfassung

Das Erklärungs- und Deutungspotential handlungstheoretischer Ansätze hängt wesentlich davon ab, welche der vielfältigen Aspekte menschlichen Handelns theoretisch verortet werden und welche Anordnung die jeweils herausgegriffenen Aspekte innerhalb des theoretischen Bezugsrahmens erfahren. Durch Selektion und Ausarbeitung einzelner Aspekte kommt man zu mehr oder weniger reinen Handlungstypen, die sich durch konsistente Handlungsprämissen unterscheiden, die dem Handeln jeweils vorausgesetzt werden und eine mehr oder weniger genaue Deutung oder Vorhersage von Handlungsprozessen und -ergebnissen erlauben, wenn die Prävalenz der Prämissen in einem empirischen Handlungsfeld verifiziert wird. Bekannt sind vor allem dichotome Typologien, z.B. die Unterscheidung zwischen Routinehandeln und innovativem oder Problemlösungshandeln, zwischen intrinsisch und extrinsisch motiviertem Handeln etc. Das prominenteste Beispiel für die Bildung solcher dichotomen Handlungstypen wurde am Ende des vorhergehenden Kapitels erwähnt: die Differenzierung von rational und normativ orientiertem Handeln, wobei für das erstere der homo oeconomicus der ökonomischen Theorie und für das letztere traditionell der homo socciologicus der soziologischen Theorie Pate steht. Eine die Theoriegeschichte durchziehende Auseinandersetzung um die Angemessenheit dieser Handlungstypen hat in jüngerer Zeit durch das Selbstverständnis der Neuen Politischen Ökonomie (einschl. der sog. Institutionenökonomik, vgl. dazu Kap. 5) Auftrieb erhalten.

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Referenzen

  1. 1.
    Für einen umfassenden kritischen Überblick über handlungstheoretische Grundlagen der Erklärung politischer und sozialer Prozesse vgl. Kunz (1996).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. zu einem systematischen Überblick, in dem auch die Grenzen dieses ökonomischen Ansatzes reflektiert und kritische Positionen diskutiert werden, Kirchgässner (1991); der bekannteste Vertreter dieser Richtung ist Gary S. Becker von der Universität Chicago (vgl. Becker 1993); vgl. daneben Frey (1990).Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. zum Machtbegriiff S. 18ff.; zu Typen sozialer Beziehungen und besonders zu Herrschafts- oder Autoritätsbeziehungen S. 54ff.; zur Genese sozialer Normen S. 90; zu fundamentalen Schwachpunkten von Herrschaftsbeziehungen S. 156ff.; zur Analyse von Strukturproblemen und Strukturreformen moderner Körperschaften S. 176ff.Google Scholar
  4. 4.
    “Reiner Altruismus liegt dann vor, wenn dem Individuum das Wohlergehen eines oder mehrerer anderer Individuen am Herzen liegt; Unterstützungszahlungen an andere werden einzig zu dem Zweck geleistet, deren Situation zu verbessern. Bei ‘unreinem’ Altruismus dagegen zieht der Spender auch noch aus der Handlung des Spendens selbst Nutzen, unabhängig vom Wohlergehen des Empfängers” (Kirchgässner 1991, 60).Google Scholar
  5. 5.
    Kirchgässner zitiert in diesem Zusammenhang Peter M. Blau: “Ein scheinbarer ‘Altruismus’ durchzieht das gesellschaftliche Leben: die Leute sind bedacht, sich gegenseitig zu nützen, und die Wohltaten, die sie erhalten haben, zu erwidern. Aber unter dieser scheinbaren Selbstlosigkeit kann ein ‘Egoismus’ entdeckt werden: die Neigung anderen zu helfen ist häufig durch die Erwartung motiviert, dass solches Verhalten gesellschaftliche Belohnungen bringen wird. Jenseits dieser eigennützigen Interessen, aus gesellschaftlichen Verbindungen Nutzen zu ziehen, gibt es jedoch ein weiteres ‘altruistisches’ Element oder zumindest eines, welches die gesellschaftlichen Beziehungen vor einfachem Egoismus bzw. psychologischem Hedonismus bewahrt. Eine grundlegende Belohnung, welche die Leute bei ihren Verbindungen anstreben, ist soziale Anerkennung; und selbstsüchtiges Verhalten gegenüber anderen macht es unmöglich, diese wichtige Belohnung zu erhalten” (Blau 1964, 17; zitiert bei Kirchgässner 1991, Anm. 112, 59f.).Google Scholar
  6. 6.
    So bleibt etwa auch Führungskräften mit einem betont mitarbeiterorientierten Führungsstil u.U. die Anerkennung der Untergebenen versagt, wenn dieses Verhalten dem durch soziale Normen geprägten Person-Schema “Führer” der Mitarbeiter widerspricht (vgl. zur sog. Schema-Theorie und zu Attributionstheorien der Führung Neuberger 1994, 66ff., 201 ff., sowie Schettgen 1991).Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. zu diesen offenen Problemen der Spieltheorie und zu möglichen Ansätzen ihrer Lösung mit Hilfe der Konstrukte “begrenzte Rationalität” und “Retrospektion” die Ausführungen des Spieltheoretikers David M. Kreps (1990a, 91 ff.); einen kurzen und treffenden, auf Organisationsprobleme bei dauerhafter Kooperation bezogenen Überblick findet man bei Schauenberg (1991); zur Kooperation in Arbeitsgruppen ausführlich Hackert (1999).Google Scholar
  8. 8.
    Im Übrigen liegt die von Dawes und Thaler behauptete Re rozitätsnorm, die an einen Vertrauensvorschuss gekoppelt ist (“Vertraue zunächst dem anderen bzw. beginne mit kooperativem Verhalten, aber vergelte Gleiches mit Gleichem!”), im mehr oder weniger unbestimmten Grenzbereich zwischen der Ethik des Alten und des Neuen Testaments.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. verschiedene Beiträge mit zahlreichen Hinweisen in dem von James N. Baron und Karen C. Cook herausgegebenen Sonderband der Zeitschrift Administrative Science Quarterly mit dem Thema Process and Outcome: Perspectives on the Distribution of Rewards in Organizations, Juni 1992.Google Scholar
  10. 10.
    “Der Anteil von Arbeitnehmererfindern in Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten, die über eine hohe Qualifikation verfügen, aber nur eine geringe betriebliche Position einnehmen, ist sehr hoch. Die hiermit verbundene Gefahr der Überqualifikation sowie damit einhergehende Motivationsverluste implizieren erheblichen Handlungsbedarf, um diese Beförderungsengpässe abzubauen. Möglichkeiten wie beispielsweise der Aufbau von Parallelhierarchien werden in der Unternehmenspraxis offensichtlich nur unzureichend genutzt, oder derartige Maßnahmen sind zur Problementschärfung nicht ausreichend” (ebd., 120; vgl. auch unsere sich auf Coleman beziehenden Ausführungen zu den Wirkungen auf die Innovationsrate, die von Besitzrechten an Innovationen sowie von Kontrollrechten über den Innovationsprozess ausgehen, S. 181 ff.).Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. zur Kritik an solchen Konsistenzannahmen mit Bezug auf die Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger die Ausführungen von Hanft (1991, 26ff.).Google Scholar
  12. 12.
    Z.B.: Ein Organisationsmitglied wird in dem Ausmaß, in dem er in die Organisation integriert ist, das wahrnehmen, was er liebt. In dem Ausmaß, in dem er von der Organisation entfremdet ist, wird er das wahrnehmen, was er nicht mag.Google Scholar
  13. 13.
    Z.B.: Ein Organisationsmitglied wird (lernen) denjenigen (zu) vertrauen, die Ereignisse herbeiführen, die er liebt und Ereignisse abwenden, die er nicht mag.Google Scholar
  14. 14.
    Derartige Konsistenzannahmen liegen auch der Attributionstheorie als einer besonderen kognitiven Sozialpsychologie zugrunde (vgl. Meyer/Schmalt 1978; zu Attributionstheorien der Führung Neuberger 1994, 201 ff.; Schettgen 1991). Mit ähnlichen Annahmen über kognitive Konsistenz arbeitet auch Kubon-Gilke (1997), die unter Rückgriff auf die Sozialpsychologie von Asch (1987) ihre Kritik am ökonomischen Verhaltensmodell der neuen Institutionenökonomik fundieren will.Google Scholar
  15. 15.
    “By making this distinction, we will be able to link our ideas to ordinary discourse about fact and value; but it should be clear as we proceed that we do not postulate a fundamentally different process for coming to believe that something exists or is true from a process for coming to believe that something is desirable” (March/-Olsen 1988, 351).Google Scholar
  16. 16.
    “Situations of ambiguity are common. The patterns of exposure to events and the channels for diffusing observations and interpretations often obscure the events. In situations where interpretations and explanations are called forth some time after the events, the organizational ‘memory’ (e.g., files, budgets, statistics, etc.) and the retrieval-system will affect the degree to which different participants can use past events, promises, goals, assumptions, behavior, etc. in different ways. Pluralism, decentralization, mobility and volatility in attention all tend to produce perceptual and attitudinal ambiguity in interpreting events” (March/Olsen 1988, 352).Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. Münch (1988, 587f.); Münch versucht an dieser Stelle — im Gegensatz zu Habermas u.a. — nachzuweisen, dass bereits Emile Durkheim die affektualen Grundlagen auch moderner Sozialordnungen in dem Sinne herausgearbeitet habe, “dass institutionalisierte soziale Erscheinungen nicht auf individuelle Interessenkonstellationen oder äußere (Macht-)Strukturen zurückzuführen sind, sondern auf das Ausmaß ihrer Fundierung in einer gemeinsam geteilten, affektuell fundierten und diskursiv generalisierten Lebenswelt”; vgl. im Einzelnen Münch (ebd., 572ff.).Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. Joas (1992, 34ff.); zur vehementen Verteidigung und Weiterentwicklung dieser Theorie Münch (1988); zur Klärung der Frage, ob es Münch gelingt, im Bezugsrahmen dieser Theorie die Entwicklung persönlicher Autonomie begreifbar zu machen, ist vor allem sein Beitrag Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung (vgl. ebd., 364ff.) heranzuziehen.Google Scholar
  19. 19.
    Münch (1988, 561 ff.) ordnet die Weberschen Handlungstypen wie folgt den Komponenten des AGIL-Schemas zu: “A. Zweckrationale Orientierung leitet das Handeln in das Feld der Adaptivität und macht es situativ veränderbar. Strukturelle Bedingungen dafür sind Lernen, Intelligenzentfaltung, Tauschprozesse und Geldverwendung. Ziele, Mittel, Normen und Bezugsrahmen werden alle ohne Unterschied kalkulierend auf Mittel zur Erreichung eines Optimums reduziert (Optimierungsprinzip). Die extreme Verselbständigung der Zweckrationalität, ohne Gegensteuerung durch die anderen Handlungskomponenten, führt zur Anpassungsethik in Bezug auf die Situation des Handelns... L. Wertrationale Orientierung leitet das Handeln in das Feld der Identität und verleiht ihm Kontinuität. Die strukturellen Voraussetzungen dafür sind die Herausbildung von Wertbezugsrahmen und Definitionen der Situation sowie diskursiven Verfahren mit Argumentengebrauch. Ziele, Mittel, Normen und speziellere Bezugsrahmen werden hier in jedem Handeln unter einen generellen Wertbezugsrahmen subsumiert (Konsistenzprinzip). Eine extreme Verselbständigung dieser Handlungsorientierung ist die Gesinnungsethik... G. Affektuelle Orientierung leitet das Handeln in das Feld der Gerichtetheit und legt es auf Ziele fest, dies aber in Abhängigkeit von Gefühlslagen. Speziellere Ziele, Mittel, Normen und Bezugsrahmen erhalten hier allein den Status von Mitteln zur Realisierung fixierter Ziele (Realisierungsprinzip). Die Verselbständigung dieser Handlungsorientierung ergibt eine subjektivistische Gefühlsethik, entweder durch persönliche Dispositionen auf allgemeiner Handlungsebene oder durch charismatische Gefühlsmobilisierung auf sozialer Ebene. Hier findet eine spontane gefühlsmäßige Hingabe an Ziele statt, die nicht mehr mit anderen Zielen, Normen und Bezugsrahmen abgewogen werden. Um sozial verbindlich durchgesetzt zu werden, ist ein solches Handeln insbesondere auf die Mobilisierung von Macht angewiesen. Es ist insofern sowohl an Gefühls- als auch an Machtlagen orientiert... I. Traditionale Orientierung leitet das Handeln in das Feld der Strukturiertheit und vermittelt ihm Regelmäßigkeit. Ziele, Mittel, Bezugsrahmen und speziellere Regeln werden durchgehend durch feststehende Normen vorgeschrieben (Konformitätsprinzip). Vergemeinschaftung und Commitments zu Gemeinschaften und zu ihren geteilten Normen sind hier die strukturellen Voraussetzungen. Eine Verselbständigung dieser Handlungsorientierung ist der reine Traditionafismus.” Google Scholar
  20. 20.
    “Höherentwicklung ist.. als Zunahme der gegenseitigen Durchdringung aller Kornponenten des Handelns und damit auch aller Komponenten von Herrschaft zu verstehen.” (Münch 1988, 564)Google Scholar
  21. 21.
    “Verantwortungsethik ist.. als derjenige Verhaltensstil zu begreifen, der sich urn so mehr herausbildet, je mehr sich zweckrationale, wertrationale, affektuelle und traditionale Orientierungen gemäß ihrer analytischen Ordnung im Handlungsraum gegenseitig durchdringen.” (Münch 1988, 564)Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. hierzu die bereits weiterführenden Überlegungen Münchs zur Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung (ebd., 364ff.), auf die oben schon hingewiesen wurde.Google Scholar
  23. 23.
    Die Autoren verweisen u.a. auf Ervartungen und soziale Vergleiche, wobei auch verschiedene Öffnungen und Verkettungen des Rahmens mit vergangenem Handeln möglich sind.Google Scholar
  24. 24.
    “Zum Beispiel könnte in einer Kaufsituation eine Person ein schlauer Konsument sein wollen. ‘Ein-schlauer-Konsument-Sein’ ist dann das situationale Ziel beim Kaufen. Für sie bedeutet ‘schlauer Konsument’ jemand, der ein Gut für den niedrigsten Preis zu finden weiß (Zielkriterium). Preis ordnet also die Alternativen, wenn das Gut feststeht. Man beachte, dass es hier nicht darum geht, so wenig wie möglich für ein Gut zu bezahlen. Die Kosten für das Auto, die Mühe und die Zeit, die in den Suchprozess des Wühlens in Konsumentenmagazinen und des Wegs von einem Laden zum anderen investiert werden, zählen nicht zu den Zielkriterien und tragen daher auch nicht dazu bei, die Wahlsituation zu definieren. Das heißt aber nicht, dass sie die Wahlsituation nicht in anderen Phasen beeinflussen” (Lindenberg 1990, 268).Google Scholar
  25. 25.
    “Diskrimination ist.. die gewichtete Differenz zwischen dem Nutzen einer Alternative und dem Durchschnittsnutzen aller Alternativen. Wenn z.B. in einer dichotomen Wahlsituation eine Alternative subjektiv viel besser ist als die andere, dann wird diese Alternative mit einer Wahrscheinlichkeit nahe bei 1 gewählt, wenn hingegen eine Alternative subjektiv nur ein wenig besser ist als die andere, dann liegt die Wahrscheinlichkeit nahe bei 0,5” (Lindenberg 1990, 268f.).Google Scholar
  26. 26.
    “Während diese Aspekte die Situation nicht definieren, beeinflussen sie doch die Dominanz des Hauptziels. Zum Beispiel gehört die Bewunderung meiner Freunde nicht zu den Aspekten, die die Kaufsituation ‘Schlauer-Konsument-Sein’ definieren. Wenn mich aber meine Freunde dafür bewundern, dass ich ein schlauer Konsument bin, dann wird die Dominanz dieses Ziels größer, das heißt, ich werde in den Kaufsituationen noch sensitiver hinsichtlich kleiner Preisunterschiede. Umgekehrt kann eine große Erhöhung des Benzinpreises (der selbst auch nicht zur Definition der Situation beiträgt) die Suchkosten erheblich erhöhen, wodurch die Dominanz des ‘Schlauer-Konsument-Seins’ in Kaufsituationen wieder abnimmt. Auf diese Weise können situationale Aspekte, die nicht zum Rahmen gehören, doch die Wahl über ihren Effekt auf die Dominanz des Ziels beeinflussen” (Lindenberg 1990, 269).Google Scholar
  27. 27.
    “Nehmen wir ein Beispiel. Es ist bekannt, dass Freundschaften plötzlich ‘umkippen’ wie alter Wein. Wie ist das möglich? Die Interaktion zwischen den Freunden könnte durch den Rahmen ‘Ein-guter Freund-Sein’ gesteuert sein, zu dessen Zielkriterien auch das ‘Einem-Freund-in-der-Not-Helfen’ gehört. Steigende Kosten des Helfers werden sich negativ auf die Dominanz des ‘Ein-guter-Freund-Sein’ auswirken, und die Wahrscheinlichkeit des Helfens, noch größer als 0,5, wird kleiner. Wenn der Freund nun wiederholt um Hilfe fragt, werden die zusätzlichen Kosten die Dominanz des Freundschaftsrahmens noch kleiner machen. Wenn die Wahrscheinlichkeit in die Gegend von 0,5 kommt, hilft der Freundschaftsrahmen nicht mehr, um zu einer Wahl zwischen den Alternativen zu kommen, und der prominenteste Hintergrundaspekt, in diesem Fall ‘Geldkosten’, wird zur Basis des neuen Rahmens, mit dem naheliegenden Ziel ‘Minimierung weiterer Kosten, die mit dieser Person verbunden sind”’ (Lindenberg 1990, 270f.).Google Scholar
  28. 28.
    “Von einer Kultur kann man sagen, dass sie charakteristische soziale Produktionsfunktionen für verschiedene soziale Positionen in verschiedenen sozialen Situationen hat” (ebd., 272). “SozialeNormen sind situational vorgeschriebene Handlungsziele und sie funktionieren mit Hilfe des Rahmens...” (Lindenberg 1990, 273). Lindenberg merkt an: “Ich spreche von ‘sozialer Produktionsfunktion’, um damit anzugeben, dass ihre Ausgabe (soziale Wertschätzung oder physisches Wohlbefinden) soziale Produkte sind und dass sie selbst sozial bestimmt ist” (ebd., Anm. 25, 284).Google Scholar
  29. 29.
    “Das Gewicht, das jedem Element in der Gleichung zukommt, wird vor allem durch eine soziale Produktionsfunktion bestimmt. Zum Beispiel ist ‘Ein-schlauer-Konsument-Sein’ in manchen Kreisen ein Mittel zur Produktion sozialer Wertschätzung und wird deshalb in diesen Kreisen ein starker Kandidat für das situationale Ziel in Kaufsituationen sein. Natürlich hängt das Gewicht auch noch von anderen Dingen ab, wie z.B. der Menge des sozialen Guts, die das Individuum schon hat. In dieser Perspektive ist Sozialisierung kein Fremdkörper, sondern ein wichtiges Verbindungsstück zwischen Kultur und rationaler Wahl. Viele soziale Produktionsfunktionen werden bewusst beigebracht. Etikette ist nur ein Beispiel. Jeder Rahmen enthält außerdem Kriterien für die Beurteilung der Zielerreichung (in unserem Beispiel gehörte zum Ziel’Ein-schlauer-Konsument-Sein’ das Kriterium ‘niedrigs ter Kaufpreis’, und auch diese Kriterien können gelernt worden sein” (Lindenberg 1990, 272f.).Google Scholar
  30. 30.
    Hierzu könnte auch die einem rationalen Investitionskalkülwidersprechende Tendenz gehören, in Organisationen an Investitions- oder Innovationsprojekten umso mehr festzuhalten, je mehr bereits in solche Projekte investiert wurde. Wir haben ein solches Verhalten mit den Wirkungen einer asymmetrischen Verteilungpersönlicher Verluste und Gewinne in organisationalen Machthierarchien erklärt (vgl. S. 122ff.). Die situationale Dominanz der Verlustvermeidung bei Mitgliedern unterer hierarchischer Ebenen (Widerstand gegen Neuerungen) wäre in diesem Fall den Besonderheiten einer organisationalen Machtdynamik geschuldet.Google Scholar
  31. 31.
    Dies hat Lindenberg am Beispiel der Veränderung von Sozialisationsstrategien aufgezeigt (vgl. Lindenberg 1990, 275f.).Google Scholar
  32. 32.
    In den Worten von Hans Joas: “Eine Handlungstheorie kann sich der selbstreflexiven Frage nicht entziehen, ob es ihr gelingt, sich selbst in ihren eigenen Kategorien zu denken, d.h. der Entwurf einer Handlungstheorie muss selbst als Handlung und das ihr vorschwebende Erklärungsideal muss selbst auf die in ihr vorgelegten Vorstellungen über das menschliche Handeln beziehbar sein” (Joas 1992, 51).Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. Joas (1988 u. 1991); Hanft (1991, 139ff.). Um die Konstitution rationalen Handelns innerhalb der Alltagswelt (d.h um Voraussetzungen dafür, dass dieses Handeln verstehbar, kommunikabel und intersubjektiv fassbar ist), geht es auch in den jüngeren Entwicklungen der sog. Ethnomethodologie (vgl. Lehmann 1988, 157ff.). Die Frage nach den Dimensionen des Selbst, nach der Konstitution von Selbstbewusstsein und Reflexivität sowie nach den Bedingungen von Kommunikation ist außerdem eine bis heute aktuelle Frage nach den anthropologisch-philosophischen Grundlagen der von Charles Peirce mitbegründeten Semiotik (vgl. die von Bertram Kienzle und Helmut Pape, 1991, herausgegebenen Referate und Koreferate des 1. Symposiums der Sektion Philosophie der Deutschen Gesellschaft für Semiotik in Freiburg, 1988).Google Scholar
  34. 34.
    Hiermit ist gemeint, dass die Arbeiten der Klassiker der Soziologie (vornehmlich von Max Weber und Emile Durkheim) in Richtung auf eine voluntaristische Handlungstheorie konvergieren.Google Scholar
  35. 35.
    Ansätze eines Kreativitätsmodells sieht Joas bei Max Weber vor allem in dessen herrschaftssoziologisch verankerter Charisma-Theorie. Diese allerdings ist für ein modernes Demokratieverständnis unangemessen und findet außerdem in Webers eigener Handlungstheorie keine Berücksichtigung (vgl. Joas 1992, 75f.).Google Scholar
  36. 36.
    Die zentrale Rolle von Kreativitätsfragen im Werk von Emile Durkheim besteht in dessen fortgesetztem Versuch, “die Frage nach der Entstehung einer neuen Moral zu beantworten. Damit ist nicht in erster Linie die konkrete Frage nach den Inhalten einer solchen neuen Moral gemeint, sondern die abstraktere Frage, wie eine Theorie des Handelns und der Gesellschaft auszusehen habe, deren konzeptuelle Grundlagen die Entstehung neuer Moral systematisch zu denken erlauben” (Joas 1992, 77).Google Scholar
  37. 37.
    “Luhmanns funktionale Analyse des Zweck/Mittel-Schemas im Handeln (ist) nicht wie Deweys Kritik dieses Schemas an einem positiven Begriff eines Handelns orientiert.., das über dieses Schema erhaben ist. Deweys Kritik der teleologischen Deutung des Handelns ist bezogen auf die Möglichkeit von genuine instrumentality, für dieses Ideal findet sich in Luhmanns Theorie kein Pendant” (Joas 1992, 225f.).Google Scholar
  38. 38.
    Dagegen ist die Auffassung, dass die Setzung von Zwecken dem Handeln vorauszugehen habe, mit der Annahme der Unabhängigkeit des menschlichen Erkennens vom Handeln verbunden: “Die teleologische Deutung der Intentionalität des Handelns ist notwendig mit einer Abtrennung des Erkennens vom Handeln verknüpft. Innerhalb der Handlungstheorien der verschiedenen Disziplinen gibt es mehrere Varianten einer solchen teleologischen Deutung. Unabhängig davon aber, ob eindeutig definierte vorgefasste Intentionen, klar identifizierbare Motive oder eindeutig auf Situationen beziehbare verinnerlichte Werte als handlungsauslösend betrachtet werden, lässt sich von all diesen Varianten behaupten, dass sie innerhalb der Handlungstheorie die cartesianischen Trennungen zwischen Ich und Welt, Geist und Körper wiederholen, von der die Pragmatisten und andere Verfechter einer Zentralstellung der Handlungskategorie annahmen, dass sie eben durch den Ansatz beim Handeln ausgeschaltet seien” (Joas 1992, 231f.).Google Scholar
  39. 39.
    Joas (1992, 239) zitiert mit einem anschaulichen Beispiel Dreyfus (1989, 229): “Wenn sich ein Mann verliebt, dann verliebt er sich in eine bestimmte Frau. Aber es war nicht diese bestimmte Frau, nach der er ein Bedürfnis hatte, bevor er sich verliebte. Nachdem er nun aber verliebt ist, nachdem er also herausgefunden hat, dass diese bestimmte Beziehung ihn beglückt, wird sein Bedürfnis zum spezifischen Bedürfnis nach dieser besonderen Frau, und der Mann hat eine kreative Entdeckung über sich selbst gemacht. Er wird zu einer Person, die dieser bestimmten Beziehung bedarf, und muss sich selbst für jemanden halten, dem diese Beziehung schon die ganze Zeit über gefehlt hat. Angesichts dieser kreativen Entdeckung enthüllt die Welt eine neue Ordnung der Bedeutungen, die weder einfach entdeckt noch willkürlich gewählt wird.”Google Scholar
  40. 40.
    Joas (1992, 245) spricht in diesem Zusammenhang von einer Art “theoretischer Prüderie” (vgl. auch Turner 1984). Måseide (1986) kommt in einer Analyse von pragmatischen Aspekten in den philosophischen Entwürfen von Wittgenstein und Habermas zu ähnlich kritischen Einschätzungen: In der Spätphilosophie Wittgensteins wird zwar das Leib-Subjekt thematisiert, nicht aber die sinnkonstituierende Funktion der leiblichen Intentionalität im Verhältnis des Ich zur Welt, was einer linguistischen Reduktion der Selbständigkeit der Welt gleichkommt. “Und mit dem Wegfall der objektiven, d.h. sprachunabhängigen Existenz der Welt entfällt auch die intentionale Relation von Subjekt und Welt, deren ‘höherer Modus’ die Sprache ist” (ebd., 158). In Bezug auf die Universalpragmatik Habermas’ stellt Måseide fest: “Habermas thematisiert nicht das Leib-Subjekt. Seiner Ansicht nach hat das LeibSubjekt keine konstitutive Funktion für Erfahrung, Sprache und Interaktion. Die Konsequenz ist eine entleiblichte Pragmatik” (ebd., 161). Eine Theorie des kommunikativen Handelns, die die Leiblichkeit des Menschen nicht als notwendige Voraussetzung von Sozialität und Interaktion anerkennt, ist unzureichend (vgl. ebd., 163). Merleau-Ponty folgend, der in seiner Phänomenologie auch den vorsprachlichen Ursprung der Sprache untersucht, betont Måseide die leiblich- intentionale Verankerung von Sprache. Diese gründet darin, dass ein implizites Wissen vom eigenen Leib in der expliziten Aufmerksamkeit auf äußere Gegenstände stets präsent bleibt; für ein nicht-inkarniertes Bewusstsein existierte unsere Sprache nicht (vgl. ebd., 154; für einen Versuch, die kommunikationsrelevanten Aspekte der Giddenschen Strukturmomente Herrschaft, Legitimation und Deutungsmusterdurch das Strukturmoment körperliche Prägung zu ergänzen, vgl. Halme 1998, 341 ff.).Google Scholar
  41. 40.
    Joas (1992, 245) spricht in diesem Zusammenhang von einer Art “theoretischer Prüderie” (vgl. auch Turner 1984). Måseide (1986) kommt in einer Analyse von pragmatischen Aspekten in den philosophischen Entwürfen von Wittgenstein und Habermas zu ähnlich kritischen Einschätzungen: In der Spätphilosophie Wittgensteins wird zwar das Leib-Subjekt thematisiert, nicht aber die sinnkonstituierende Funktion der leiblichen Intentionalität im Verhältnis des Ich zur Welt, was einer linguistischen Reduktion der Selbständigkeit der Welt gleichkommt. “Und mit dem Wegfall der objektiven, d.h. sprachunabhängigen Existenz der Welt entfällt auch die intentionale Relation von Subjekt und Welt, deren ‘höherer Modus’ die Sprache ist” (ebd., 158). In Bezug auf die Universalpragmatik Habermas’ stellt Måseide fest: “Habermas thematisiert nicht das Leib-Subjekt. Seiner Ansicht nach hat das LeibSubjekt keine konstitutive Funktion für Erfahrung, Sprache und Interaktion. Die Konsequenz ist eine entleiblichte Pragmatik” (ebd., 161). Eine Theorie des kommunikativen Handelns, die die Leiblichkeit des Menschen nicht als notwendige Voraussetzung von Sozialität und Interaktion anerkennt, ist unzureichend (vgl. ebd., 163). Merleau-Ponty folgend, der in seiner Phänomenologie auch den vorsprachlichen Ursprung der Sprache untersucht, betont Måseide die leiblich- intentionale Verankerung von Sprache. Diese gründet darin, dass ein implizites Wissen vom eigenen Leib in der expliziten Aufmerksamkeit auf äußere Gegenstände stets präsent bleibt; für ein nicht-inkarniertes Bewusstsein existierte unsere Sprache nicht (vgl. ebd., 154; für einen Versuch, die kommunikationsrelevanten Aspekte der Giddenschen Strukturmomente Herrschaft, Legitimation und Deutungsmusterdurch das Strukturmoment körperliche Prägung zu ergänzen, vgl. Halme 1998, 341 ff.).Google Scholar
  42. 41.
    Den Wechsel zwischen einer Körperkontrolle auf der Bühne des Lebens (front stage) und der periodischen Lockerung dieser Kontrolle hinter den Kulissen (back stage) hat Ewing Goffrnan (1959) ausführlich analysiert.Google Scholar
  43. 42.
    Vgl. hierzu die Auseinandersetzung von Honneth und Joas (1980) mit der Anthropologie Arnold Gehlens (1971).Google Scholar
  44. 43.
    “Vor allem am Beispiel des ‘Phantomglieds’ einerseits und an der Unfähigkeit mancher Kranker, ‘abstrakte’ Bewegungen wie die des Zeigens zu vollführen, obwohl ihnen die dafür nötige Motorik (etwa das Heben eines Armes und Strecken eines Fingers) durchaus zur Verfügung steht, demonstriert Merleau-Ponty die Überlegenheit seines antidualistischen Ansatzes. Ein Phantomarm sei nicht Folge einer physiologischen Kausalität, dergestalt, dass einfach die betreffenden Reizbahnen weiterexistierten, selbst nachdem der Arm entfernt worden ist. Ein Phantomarm sei aber auch nicht einfach als psychisches Phänomen aufzufassen, in dem Sinne, dass das Fehlen des Armes vom Bewusstsein des Amputierten nicht zur Kenntnis genommen worden sei. Es handle sich vielmehr um ein aktives Ignorieren, um ein NichtWissen, dem ein latentes Wissen zugrundeliegt... Es geht also nicht um einen Dualismus von Geist und Körper, sondern um zwei Weisen der Körperlichkeit... Merleau-Ponty spricht von der Unterscheidung eines ‘habituellen’ und eines ‘aktuellen’ Leibes... Seine Deutung der Unfähigkeit zu ‘abstrakten’ Bewegungen entwickelt sich ganz parallel zur Diskussion des Phantomgliedes. Die Unfähigkeit zu zeigen ist weder auf eine physiologische Schädigung der Sehnerven noch auf einen rein psychischen Verlust der Symbolisie rungs fähigkeit zurückzuführen, sondern auf einen leibseelischen Verlust der Dis tanzierungsfähigkeitgegenüberkonkreten Situationen.” (Joas 1992, 263f.)Google Scholar
  45. 43.
    “Vor allem am Beispiel des ‘Phantomglieds’ einerseits und an der Unfähigkeit mancher Kranker, ‘abstrakte’ Bewegungen wie die des Zeigens zu vollführen, obwohl ihnen die dafür nötige Motorik (etwa das Heben eines Armes und Strecken eines Fingers) durchaus zur Verfügung steht, demonstriert Merleau-Ponty die Überlegenheit seines antidualistischen Ansatzes. Ein Phantomarm sei nicht Folge einer physiologischen Kausalität, dergestalt, dass einfach die betreffenden Reizbahnen weiterexistierten, selbst nachdem der Arm entfernt worden ist. Ein Phantomarm sei aber auch nicht einfach als psychisches Phänomen aufzufassen, in dem Sinne, dass das Fehlen des Armes vom Bewusstsein des Amputierten nicht zur Kenntnis genommen worden sei. Es handle sich vielmehr um ein aktives Ignorieren, um ein NichtWissen, dem ein latentes Wissen zugrundeliegt... Es geht also nicht um einen Dualismus von Geist und Körper, sondern um zwei Weisen der Körperlichkeit... Merleau-Ponty spricht von der Unterscheidung eines ‘habituellen’ und eines ‘aktuellen’ Leibes... Seine Deutung der Unfähigkeit zu ‘abstrakten’ Bewegungen entwickelt sich ganz parallel zur Diskussion des Phantomgliedes. Die Unfähigkeit zu zeigen ist weder auf eine physiologische Schädigung der Sehnerven noch auf einen rein psychischen Verlust der Symbolisie rungs fähigkeit zurückzuführen, sondern auf einen leibseelischen Verlust der Dis tanzierungsfähigkeitgegenüberkonkreten Situationen.” (Joas 1992, 263f.)Google Scholar
  46. 44.
    “Hervorzuheben ist seine (Meads, d. Verf.) entscheidende Idee, die darin besteht, dass die Konstitution des permanenten Objekts schon elementare Strukturen der Rollenübernahme voraussetzt, nämlich die Identifikation mit einer Person, und dass nur dies die Koordination von Hand und Auge und die Übertragung einer aktiv wirkenden Substanz in die Objekte ermöglicht... Wir unterstellen im praktischen Umgang den Objekten ein Inneres,... einen von diesen selbst stammenden, von uns unabhängigen Widerstand... Mead begründet diese Unterstellung in der primären Reflexivität unserer Bewegungen... Mead betont.., dass der Organismus schon in die Struktur sozialer Interaktion eingebunden ist, wenngleich er noch kein Bewusstsein von den Grenzen zwischen sich und der sozialen oder physischen Welt hat. Er hat bereits begonnen, auf die Gebärden von Interaktionspartnern zu reagieren und sich selbst gestisch oder durch Expressionen, die gestisch verstanden werden, zu artikulieren. Es existiert eine Form der Kommunikation durch Gebärden, welche eine solche Grenzziehungnichtvoraussetzt: die symbiotische Einheit, die Identifikation. Dies ist Meads Modell für Rollenübernahme gegenüber Objekten, wie er sagt, für die Gleichsetzung der eigenen Anstrengung mit Bewegungen von Objekten. Er verknüpft dann die Konstitution des permanenten Objekts, die in der kommunikativen Einbettung des Kindes in diesem frühen, vorsprachlichen Alter begründet wird, mit der Konstitution des Körpers als eigenem Leib. Die Körpereinheit erreichen wir selbst erst auf dem in sich sozialen Weg der Selbst-Identifikation” (Joas 1992, 267f.).Google Scholar
  47. 45.
    “Das so entstehende ‘self’ ist dann eine Instanz zur einheitlichen Selbstbewertung und Handlungsorientierung. Es ist damit weder vom Anfang der kindlichen Entwicklung an gegeben noch jemals — wie ein Reifungsprodukt — sicherer Besitz des Individuums. Es geht Mead vielmehr um die Rekonstruktion einer Fähigkeit, konsistentes Verhalten im Konflikt unterschiedlicher Erwartungen und uneinheitlicher Triebimpulse zustandezubringen” Goas 1992, 275).Google Scholar
  48. 46.
    “Durkheims dialektischer Gedanke besteht darin, in solcher Erfahrung die Geburt der religiösen Idee zu sehen. Da die unerhörten Erfahrungen des Selbstverlusts und einer alles Alltägliche zum Verschwinden bringenden Kraft von den Betroffenen nicht mit kühlem Verstand als Effekt ihrer Vereinigung gedeutet werden können, schreiben sie sie präexistenten Mächten zu, mit denen sie am Ort und zur Zeit ihrer Versammlung in Berührung kamen. Die affektive Gewissheit höherer Mächte, die in der Erfahrung des Selbstverlusts liegt, schlägt deshalb um in eine vorreflexive Bindung an Attribute der religiösen Erfahrung... Die Erfahrung der Selbstüberschreitung (ist) aber nicht ein primitives oder irrationales Randphänomen der Sozialität, sondern die konstitutive Voraussetzung für jede affektgeladene soziale Bindung an andere Individuen, an Kollektive oder Werte” (Joas 1992, 283f.).Google Scholar
  49. 47.
    Vgl. auch die Hinweise von Joas (1992, 284f.) auf die Arbeiten von Victor Turner (1989a, 1989b), der solche Kollektiverfahrungen in der modernen Gesellschaft untersucht und als Argument gegen die Möglichkeit einer rein strukturellen Konzeption des Sozialen verwendet.Google Scholar
  50. 48.
    “In einer solchen allgemeinen Handlungstheorie liegt... kein wertender Akzent auf konkreten Fällen der Kreativität. Kreativität als solche ist in dieser Perspektive nicht per se etwas Gutes (oder Schlechtes); es gibt viele gute Gründe für ein Lob der Routine, und manche Vision permanenter ästhetischer oder politischer Kreativität ist eine Vision des Schreckens und der Überforderung des Menschen. Ob eine bestimmte kreative Handlung gut oder schlecht ist, kann nur in einem Diskurs gerechtfertigt werden. Aber die Suche nach einer normativen Instanz zur Rechtfertigung von Geltungsansprüchen ist nicht identisch mit der Suche nach einem Modell zur empirischen Beschreibung der Entstehung neuer Geltungsansprüche” (Joas 1992, 287f.).Google Scholar
  51. 49.
    Vgl. hierzu auch Hanft (1991); zur machttheoretischen Verzahnung der Giddensschen Strukturdimensionen des Handelns durch die Ausarbeitung von Modalitäten der Machtausübung in (Wirtschafts-)Organisationen siehe Ortmann/Windeler/Becker/Schulz (1990, 13ff.).Google Scholar
  52. 50.
    Zum Versuch einer Lösung derartiger Probleme mit Hilfe des Konstrukts eines Identitätshaushalts vgl. Felsch (1999, 167ff.).Google Scholar
  53. 51.
    In identitätstheoretischer Perspektive müsste auch hier gefragt werden, unter welchen Bedingungen Arbeitnehmer durch Identifikation mit dem Arbeitgeber auf eigene organisationsbezogene Identitätsbehauptungen verzichten. Bezüglich der Möglichkeit einer Identifikation mit charismatischen Führern knüpft Coleman (1991, 94ff.) selbst an Vorstellungen an, die gerade eine unterentwickelte oder gefährdete Ich-Identität für eine solche Identifikation voraussetzen (vgl. ausführlich Hanft 1991, 99f.).Google Scholar
  54. 52.
    “Natural identification is the strongest of these means (of integrating individual and organizational goals; d. Verf.), as it requires no organizational effort to achieve the desired integration. Selection is next strongest, since once the identification is discovered, it, too, requires no further effort. Evoked identification stands in the middle, requiring socialization and indoctrination. Calculated identification is clearly the weakest of the forms of loyalty, and differs from the others in that the identification is not really internalized by the individual” (Mintzberg 1983, 160).Google Scholar
  55. 53.
    “Our explanation for this proceeds on the assumption that the individual acts purely on his own — that he enters the organization with no special outside identifications, no particular external influencers to whom he is committed, and no special goal system to champion, save that of serving of himself. We also assume him to be the rubber man, bending to any force that will serve his own needs. For a number of reasons, it is to this person’s advantage to work with the system instead of against it, to cooperate with it and act in accordance with its ideology. For one thing, cooperation is much easier than rebellion. Rebellion takes effort, arouses anger, and leads to conflict, from which everyone can come out worse. In contrast, it often pays to cooperate” (Mintzberg 1983, 159).Google Scholar
  56. 54.
    “Mary Parker Follet (1942) suggests that disagreements can be settled in three basic ways — by domination, where one party imposes its will on the others; by compromise, where each party gives up a little to reach agreement; and by integration, where the parties invent a solution that better accommodates all of them. She obviously favors the last approach, arguing in effect that few real-world games are zerosum” (Mintzberg 1983, 159).Google Scholar
  57. 55.
    “Calculated identification need not, however, be as Machiavellian as all that. Every person interested in his own welfare has all kinds of obvious reasons to cooperate with the organization that employs him. He may simply get pleasure from his work and so wish to support the system that provides him with it; he may get psychological rewards from belonging to a social group; he may take pride in the success and reputation of the organization and the fact that his work contributes to those ends. Thus, for any employee, the organization can be a convenient place to satisfy his needs for belonging, status, and self-actualization” (Mintzberg 1983, 160).Google Scholar
  58. 55.
    “Calculated identification need not, however, be as Machiavellian as all that. Every person interested in his own welfare has all kinds of obvious reasons to cooperate with the organization that employs him. He may simply get pleasure from his work and so wish to support the system that provides him with it; he may get psychological rewards from belonging to a social group; he may take pride in the success and reputation of the organization and the fact that his work contributes to those ends. Thus, for any employee, the organization can be a convenient place to satisfy his needs for belonging, status, and self-actualization” (Mintzberg 1983, 160).Google Scholar
  59. 56.
    Wie auf der Basis eines identitätstheoretischen Konstrukts das ökonomische Verhaltensmodell eingeordnet werden kann, erörtern wir im letzten Kapitel.Google Scholar
  60. 57.
    “In other words, when the System of Ideology is strong, the Systems ofAuthority, Expertise, and Politics tend to be weak. And second, a strong ideology has a strong levelling effect on power in the Internal Coalition. Since everyone shares the same set of beliefs, everyone can be trusted equally to make decisions. At the limit there are no higher and lower status members, only those who accept the ideology (and stay) versus those who do not (and so leave). Under a strong ideology, power in the Internal Coalition tends to become rather evenly distributed’ (Mintzberg 1983, 162).Google Scholar
  61. 58.
    “In short, it is the logic-in-use which frames members’ perceptions” (Mumby 1988, 20).Google Scholar
  62. 59.
    “Deep structures of power are the limits that define and solidify a society or an organization. They are the power-related reality of an organization. Without them there can only be groups of individuals, not social collectives whose members act in stable, predictable, and synchronized ways” (Conrad 1983, 187).Google Scholar
  63. 60.
    In Abgrenzung zum machtfreien Diskurs à la Habermas stellt Mumby fest: “Ideology and power are not critiqued by articulating the conditions of ideology-free discourse and then engaging in discursive testing, but rather by demonstrating how ideology and power limit possibilities for thought and action” (Mumby 1988, 51).Google Scholar
  64. 61.
    Eine Analyse, wie sie Mumby darlegt, ist natürlich auch — vielleicht angestoßen und unterstützt durch Sozialwissenschaftler — als Selbstreflexionsprozess bei jedem Organisationsmitglied denkbar. In diesem Falle käme die kreative Dimension des Handelns zum Tragen, d.h. die Möglichkeit einer veränderten Konstitution von Macht und Bedeutung (“Wahrheit”) im Handlungsrahmen von Akteuren und damit eine über diesen Erkenntnisprozess eingeleitete Veränderung des Handelns selbst.Google Scholar
  65. 62.
    Entscheidungstheorien unter Unsicherheit, bei denen die Schwierigkeiten der Prognose zukünftiger Handlungsergebnisse betont werden, und Entscheidungstheorien bei Konflikt und Ambiguität, die sich mit Schwierigkeiten der Einschätzung zukünftiger Präferenzen befassen, vgl. March (1988, 269).Google Scholar
  66. 63.
    “The theories insist of morality of action in terms of tastes; but they recognize neither discriminations among alternative tastes, nor the possibility that a person reasonably might view his own preferences and actions based on them as morally distressing” (March 1988, 277).Google Scholar
  67. 64.
    “We do things now to modify our future tastes. Thus, we know that if we engage in some particularly tasty, but immoral, activity, we are likely to come to like it more. We know that if we develop competence in a particular skill, we shall often come to favor it. So we choose to pursue the competence, or not, engage in an activity, or not, depending on whether we wish to increase or decrease our taste for the competence or activity” (March 1988, 278).Google Scholar
  68. 65.
    “We deliberately specify our objectives in vague terms to develop an understanding of what we might like to become. We elaborate our tastes as interpretations of our behavior” (March 1988, 278).Google Scholar
  69. 66.
    “In effect, we consider the choice of preferences as part of an infinite game with ourselves in which we attempt to deal with our propensities for acting badly by anticipating them and outsmarting ourselves. We use deadlines and make commitments” (March 1988, 278).Google Scholar
  70. 67.
    “Individuals who are less competent at consequential rationalization try to avoid it with others who are more competent, particularly others who may have a stake in persuading them to act in a particular way. We resist an explicit formulation of consistent desires to avoid manipulation of our choices by persons cleverer than we at that special form of argument called consistent rationality” (March 1988, 279).Google Scholar
  71. 68.
    “Thus, although I think the challenges that ambiguity makes to our models of choice are rather fundamental, my engineering instincts are to sacrifice purity to secure tractability. I suspect we should ask the engineers of choice not initially to reconstruct a philosophy of tastes but to reexamine, within a familiar framework, some presumptions of our craft, and to try to make the use of ambiguity somewhat less of a mystery, somewhat more of a technology” (March 1988, 285).Google Scholar
  72. 69.
    Vgl. in diesem Zusammenhang den Versuch von Joas (1992, 372ff.), in Anlehnung an Abraham Maslow (1986) mit dem Begriff einer integrierten Kreativität einen Maßstab zu finden, der einer sozialpsychologischen Zeitdiagnose und damit evtl. auch einer kritischen Analyse unserer ubiquitären organisationalen Handlungssysteme zugrunde gelegt werden könnte.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2000

Authors and Affiliations

  • Willi Küpper
  • Anke Felsch

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