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Mythos Löns pp 216-251 | Cite as

„Das zweite Gesicht“: Liebe, Wahn und Kunst

  • Thomas Dupke

Zusammenfassung

Zwischen dem „Wehrwolf“ und dem Kriegstagebuch fällt die Entstehung eines Werkes, das die Löns-Rezeption entscheidend mitgeprägt hat und ohne das die Löns-Begeisterung der 20er Jahre nicht denkbar gewesen wäre, heute aber weitgehend vergessen ist: „Das zweite Gesicht“. Kein anderes Buch Löns‘ erregte eine so kontroverse Diskussion und zog soviel Sekundärliteratur nach sich wie dieses, obwohl Löns hier seine Erfolgsthemen Bauerntum, Jagd und Tierwelt vernachläβigte.1 Der in der Stadt wohnende Künstler Helmold Hagenrieder steht im Mittelpunkt der Handlung wie auch in einer Dreiecksbeziehung. Flankiert von seiner Frau Grete und deren Cousine Swaantje Swantenius liebt und leidet sich der Künstler durch sein Romanleben, das der Rezensent Carl Busse so zusammenfaβt:

“Er malt mit dem toten Herzen Bilder, schieβt Hirsche und behält einen Hang fürs Küchenpersonal und für unkultivierte Dorfmädchen, die sich ihm, Gott weiβ warum, fortgesetzt anbieten und an deren Herzen er dem ‘Volke‘ nahe ist. Schlieβlich wird er Geheimrat, wird sogar geadelt, muβ sich noch weiter ärgern, daβ ihm eine Erbschaft von einer halben Million zufällt, und stirbt an einer doppelseitigen Lungenentzündung: Sanft rube seine Asche!

Jedes weitere Wort wäre hier überflüssig...“2

Diesen Ratschlag schienen die Käufer von Löns-Büchern zunächst auch zu befolgen. Löns konnte nicht an den Erfolg des „Wehrwolfs“ anknüpfen: Zwischen dem Erscheinungsdatum im November 1911 und August 1914 verkauften sich lediglich 4.000 Exemplare.3 Eine Wende trat jedoch nach Löns‘ Tod und dem Ersten Weltkrieg ein. Das „Zweite Gesicht“ wurde schlagartig ein „Modebuch“4, dessen Verkaufszahlen 1921 sogar die des Bestsellers „Der Wehrwolf“ übertrafen.

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Literatur

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Authors and Affiliations

  • Thomas Dupke

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